Slum-Tourismus

Gestern habe ich es im Radio gehört: In Indien boomt der Slum-Tourismus. Hunderte, wenn nicht Tausende von Amerikanern und Europäern fahren nach Delhi und Kalkutta, um sich das Leben in den Slums anzusehen, in den riesigen Vorstädten, wo die Ärmsten der Armen in Papphütten oder unter Wellblechdächern leben und sich mit ihren Familien irgendwie durch das Leben schlagen müssen.

Mit Reisebussen fahren sie hinein, um einen Vormittag lang den Gestank und die Enge auszuhalten, die manche von ihnen in Platzangstattacken treibt, und einen Eindruck von den Bedingungen zu erhalten, unter denen Männer, Frauen und Kinder dort leben. Sie schauen Müllsortierern bei der Arbeit zu, besichtigen die winzigen Stuben, die deren Heim sind, fürchten sich vor den aufdringlichen Versuchen der jugendlichen Bewohner, Kugelschreiber, Kaugummis oder Geld zu erbetteln und flüchten zuletzt in ihren Reisebus zurück, der sie in ihr Hotel zurückbringt, wo es sauber ist, wo Wasserhähne glänzen und das Wasser erfrischend kalt ist, wo das Mittagessen auf weißem Porzellan serviert wird und wo ein Wachmann vor der Tür steht, der die Armen draußen hält.

Bei manchen Bibeltexten befällt mich ein ähnliches Gefühl. Es ist beinahe, als ob sie nicht für mich geschrieben seien, als ob ich sie nur von einem Reisebus aus besichtige, unbeteiligt, fremd und am Ende froh, noch einmal davongekommen zu sein. Durch sie spricht Gott, aber nicht zu mir, denn er tröstet die Armen, die Schwachen, die Kranken, die, die unten sind. Ich aber gehöre, wenn es um indische Slums geht, eher zu denen, die mit der Touristengruppe durch die Gassen ziehen und heimlich Fotos schießen, als zu denen, die in dreckigen Hütten sitzen und Glas und Blech aus Bergen von Müll heraus sortieren.

3 Gedanken zu “Slum-Tourismus

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