Der Mann, der sich erinnerte…

Es begann damit, dass Herr H. zum Geburtstag eine Uhr geschenkt bekam. Es war keine von den modernen Uhren, die von einer Batterie angetrieben werden und die Zeit in nüchternen Zahlen anzeigten. Es war eine altmodische Uhr, die Herr H. noch von Hand aufziehen musste, auf deren Zifferblatt die Zeiger langsam wanderten und die laut vernehmlich tickte, vor allem in der Nacht, wenn sie neben Herrn H.s Kopf auf dem Nachtschränkchen ruhte. Sie ging nicht sehr genau, und Herr H. gewöhnte sich daran, seine neue Uhr jeden morgen nach der Funkuhr in seiner Küche zu stellen, die – so stand es jedenfalls in der Gebrauchsanleitung – nur eine Sekunde in hunderttausend Jahren falsch ging und sich von allein auf die Sommerzeit umstellte. Dafür besaß die neue Uhr ein Stundensignal, das zur vollen Stunde mit einem feinen Glockenton Herrn H. erinnerte an… Ja, woran eigentlich? Woran sollte das Stundensignal erinnern?

Zunächst dachte Herr H., dass ihn das Stundensignal an gar nichts erinnern sollte, es war eben eine Stunde vergangen, und das teilte seine Uhr ihm mit. Das war alles. Dachte Herr H.

Aber dann begann er, sich bei jedem Stundensignal seiner Uhr an etwas zu erinnern. Zuerst waren es ganz banale, alltägliche Dinge. Um neun Uhr beispielsweise erinnerte Herr H. sich daran, dass er am Morgen vergessen hatte, sich die Zähne zu putzen. Um zehn Uhr erinnerte sich Herr H. daran, dass die Batterie in seinem Kofferradio fast leer war und er eine neue kaufen musste, denn der Apparat krächzte schon sehr, besonders, wenn er mit der Stimme des Nachrichtensprechers klingen sollte. Um elf Uhr erinnerte sich Herr H. daran, dass die Katze auf ihr Futter wartete und bestimmt schon großen Hunger hatte.

Aber nach einiger Zeit, ein paar Tage später, begann Herr H. sich an Dinge zu erinnern, die ihm wichtiger waren und eine tiefere Bedeutung hatten, die ihm – um es so zu sagen – mehr ans Herz gingen. Als die kleine Uhr in seiner Tasche zwölf Uhr schlug, erinnerte sich Herr H., dass er vor vielen, vielen Jahren eine Freundin gehabt hatte, die Felicitas hieß, und die dann mit einem anderen Mann nach Südfrankreich gezogen war. Um dreizehn Uhr erinnerte sich Herr H. daran, dass er noch früher, als er ein kleiner Junge gewesen war, fast täglich auf dem Weg zur Schule ängstlich vor den Viertklässlern geflohen war, die zum Spaß Jagd auf ihn machten. Um vierzehn Uhr erinnerte sich Herr H. daran, wie traurig er gewesen war, als seine Eltern sich scheiden ließen und die Mutter mit seiner neugeborenen Schwester für lange Zeit aus seinem Leben fortging.

Noch ein paar Tage vergingen, und Herr H. erinnerte sich an immer wichtigere, immer bewegendere Dinge: Als die Glocke seiner Uhr erklang und die Zeiger auf fünfzehn Uhr standen, erinnerte sich Herr H. daran, dass sein Vater schon alt war und vielleicht bald sterben würde, dass es Zeit wäre, ihn wieder einmal zu besuchen oder wenigstens zu telefonieren. Um sechzehn Uhr erinnerte sich Herr H. daran, dass auch sein eigenes Leben begrenzt war, theoretisch wenigstens, und dass ihm noch niemals jemand vernünftig hatte erklären können, warum in aller Welt man an ein Leben nach dem Tode glauben sollte. Um siebzehn Uhr erinnerte sich Herr H., dass es längst Zeit war, die Dinge in die Hand zu nehmen und etwas zu ändern. Das Stundensignal seiner Uhr hatte ihn erkennen lassen, dass die Zeit vergeht und niemals wiederkommt. Wenn es eine Stunde gab, in der Herr H. seinem Leben eine neue Wendung geben konnte, so verstand er nun, dann war es in dieser Stunde, jetzt.

2 Gedanken zu “Der Mann, der sich erinnerte…

  1. Viel zu oft haushalten wir schlecht mit unserer Zeit, sind meist schon in der nächsten Zukunft in unseren Gedanken oder hängen der Vergangenheit nach. Verpassen das JETZT, sind unkonzentriert, unachtsam. Ich arbeite daran 😉

    Meine innere Uhr steht irgendwo bei gefühlten 17, 18 Uhr und die Nacht ist schon fühlbar. Um mich herum erlebe ich zunehmend Krankheit, Begrenztheit und auch Tod. All das lässt mich allmählich gelassener werden, im Umgang mit (meiner) Zeit.

    Lieben Gruß Dir aus dem Tal der Wupper,
    Reiner

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  2. Hmmm… ich finde die Geschichte schön, aber ich denke doch, nur weil wir da ein kleines Gerät haben, das einem das Vergehen der Zeit anzeigt, ändert das doch nichts an dem, was wir sind und was wir tun. Mir fällt dabei nur dieser Spruch ein: Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.
    Ich würde nicht mein erstes Apfelbäumchen pflanzen, nur weil ich erfahre, dass morgen die Welt untergeht. Sondern es wäre nur eines von vielen, die ich im Laufe meines Lebens gepflanzt habe, und die Tatsache, dass morgen die Welt untergeht, soll mich einfach nicht von meinen Gewohnheiten abhalten – das hoffe ich wenigstens…

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