Der Tick des Universums: Quantenmechanik vor dem Kopiererraum

“Einen Moment noch; ich bin gleich da…” sagte mir ein Kollege, während er mit einem Stapel Papier in dem Raum verschwand, in dem der Kopierer steht. Ich kenne unseren Kopierer, weiß, daß er 12 Jahre alt (und entsprechend langsam) ist, und gemessen an der Größe des Papierstapels schätze ich, daß der Kollege erst in einer halben Stunde wieder auftauchen wird… Zeit genug also, um sich ein paar Gedanken über die Zeit und ihre Unwägbarkeiten zu machen.

“Ich bin gleich wieder da…” heißt auf Englisch: “I’ll be back in a jiffy.”

“A Jiffy” ist in englischen Umgangssprache ein kurzer Zeitabschnitt, den wir im Deutschen vielleicht einen Moment oder einen “Augenblick” nennen würden. Vielleicht – so Wikipaedia – stammt das Wort aus einer dem Englischen verwandten “Gaunersprache” und bedeutete etwas wie “Blitzschlag” oder “Funkenstrahl”.

In der Elektronik ist ein Jiffy die Zeit zwischen zwei Perioden eines Wechselstroms, als in der Regel 1/50 Sekunde. In der Informatik ist ein Jiffy die Zeit, die der System-Timer-Interrupt eines Computers für einen “Tick” braucht, also die kürzeste auf einem Rechner sinnvoll nutzbare Zeit. (auf modernen Rechnern eine hunderstel bis eine tausendstel Sekunde.) In beiden Fällen hängt die Zeit von der verwendeten Hardware ab und ist nicht eindeutig fest zu legen.

Am interessantesten finde ich den Gebrauch des Wortes in der Physik: Dort bezeichnet das Wort die Zeit, die ein Lichtstrahl braucht, um die kürzeste sinnvolle Entfernung, nämlich die Planck-Länge, zurückzulegen. Da schon die Planck-Länge unvorstellbar klein ist und Licht unglaublich schnell, hätte ein Jiffy die unvorstellbar kurze Länge von 5,4 x 10^-44 Sekunden. Könnte man Sterne Haps für Haps mit einem Eierlöffel essen und würde in jedem Jiffy einen Mundvoll nehmen, hätte man die komplette Galaxie in einer Sekunde gegessen. (Für solch unvorstellbare Zahlen braucht man immer unglaublich bekloppte Vergleiche, die letztlich dann auch nicht zum Verstehen helfen…)

Interessant finde ich, dass dieser Gedanke zwei Dinge voraussetzt: Dass es etwas wie eine kleinste Entfernung und etwas wie eine kürzest mögliche Zeit gibt. Gewissermaßen “Atome” von Raum und Zeit; das Raster und den “Tick” des Universums.

Es ist die Quantenphysik, die solche – der menschlichen Intuition zunächst entgegenstehende – Tatsachen nahe legt. Die Strecke zwischen zwei Punkten scheint eigentlich unendlich teilbar zu sein. So etwas wie eine kürzeste Entfernung kann es danach nicht geben. In der Mitte zwischen Rom und Berlin finde ich München. In der Mitte zwischen Tegel und Alt-Mariendorf liegt der Alexanderplatz. Auch die Entfernung z.B. zwischen zwei Atomen kann ich berechnen, und ich kann sie halbieren, dann habe ich eine kleinere Entfernung. Es scheint keine Grenze für diesen Vorgang zu geben.

In der Physik geht es aber nicht nur um theoretische Berechenbarkeit; ich will Entfernungen, Zeiten, Energien usw. tatsächlich messen. Und hier macht mir die Heisenberg’sche Unschärferelation – also die Quantenmechanik – einen Strich durch die Rechnung. Unterhalb einer gewissen Größenordnung ist es nicht mehr sinnvoll, Abstände zu messen, weil der Ort eines Teilchens nicht mehr eindeutig bestimmt werden kann, und damit wird auch der Begriff “Abstand” undeutlich und sinnlos. Über die Größenordnung, an der Abstände prinzipiell unmessbar werden, streiten sich die Gelehrten: Manche sagen, das geschieht im Bereich der Planck-Länge, andere sagen, es geschieht schon bei sehr viel größeren Abständen, etwa im Bereich der Radien von Quarks. (Vielleicht kann jemand von den mitlesenden Physikern etwas dazu in die Kommentare schreiben…)

Die Vorstellung einer kürzesten Zeit ist eng mit der Vorstellung von einer kürzesten Strecke verbunden: Die Zeit, die ein Lichtstrahl braucht, um die kürzeste Strecke zu überwinden, ist auch die kürzest mögliche Zeit. Schneller kann nirgendwo im Weltall etwas geschehen. Das “Jiffy” ist der Tick des Universums, das Elementarteilchen der Zeit.

So wie der Begriff des Abstandes bei kleineren Größen undeutlich wird, wird bei kürzeren Zeiten der Begriff des “Vorher” und “Nachher” unscharf. Die Zeit selbst stößt hier an ihre Grenze.

Der Kollege ist fertig, der Kopierer ist jetzt für mich frei… Bis gleich, Leute.

I’ll be back in a jiffy…

Der Heilige der Mülltrennung

Es begann ganz harmlos, mit einer Art Kinderspiel. Im Schwabenland, der Heimat der Kehrwoche, begann man, alte Zeitungen, Magazine, Telefonbücher und anderes Schmierpapier in kleinen, sorgfältig verschnürten Bündeln vor die Haustür zu legen. In der Kirchengemeinde, in der ich damals im Konfirmandenunterricht aushalf, traf sich jeden Samstag ein Dutzend leicht zu begeisternder Jugendlicher, die dann in Vierergruppen mit je einem Leiterwagen durch die Straßen zogen und dieses Altpapier einsammelten. Das brachten sie dann zum Bahnhof in der Stadt, wo es gewogen und dann in einen Eisenbahnwagen umgeladen wurde. Die Jugendgruppe bekam dafür – ich weiß nicht mehr genau – 20 Pfennig pro Kilogramm für die Gruppenkasse – und das gute Gefühl, etwas gutes “für die Umwelt” gemacht zu haben.

Denn – so erklärte uns ein wuschelhaariger, vollbärtiger Sozialarbeiter, der im Sommer wie im Winter in “Jesuslatschen” von Birkenstock herumlief – Papier wird aus Bäumen gemacht, klar, und jede Tonne Altpapier, die wir für die Wiederverwertung zum Bahnhof bringen, rettet einem Baum das Leben…

Einige Jahre später schrieb ich meine Vorlesungsprotokolle an der Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf auf schmutzig-grauem Recycling-Papier, das sozusagen die Wiedergeburt des von fleißigen Konfirmandinnen in ganz Deutschland gesammelten Altpapiers war. Es fühlte sich ein bisschen schmierig und lappig an, und die graue Farbe war irgendwie deprimierend, aber es rettete angeblich jedes mal einem Baum das Leben, wenn man statt des teuren weißen Karopapiers – gelocht und perforiert, mit Rand – dieses Ökoprodukt aus dem Eine-Welt-Laden der Kirchengemeinde benutzte… Schon bald bekam man in den Vorlesungen von latzhosentragenden, strickenden Kommilitonen schräge Blicke zugeworfen, wenn da noch blütenweiß-chlorgebleicht das völlig unkorrekte Woolworth-Uni-Papier aus dem Ringbuch in der Umhängetasche neben dem Lesepult blitzte.

Man passte sich an und stellte neben den Mülleimer der Studentenbude einen Pappkarton, in dem man alte Zeitungen und das ganze Schmierpapier sammelte – inzwischen gab es auch draußen auf dem Hof bei den Mülltonnen einen besondern Behälter für das Altpapier. Die Konfirmanden waren wieder arbeitslos und mussten sich mit Schneebällen bewerfen, die 20 Pfennig pro Kilogramm kassierte eine professionelle Transportfirma, die das Papier zu den Sammelstellen brachte.

Später habe ich gehört, dass die Betreiber von Müllverbrennungsanlagen in diesen Jahren große Mengen Recyclingpapier kauften, um es wieder unter den Müll zu mischen, weil der nun beinahe papierlose Haushaltsmüll in den Abfallkrematorien nicht mehr richtig brannte…

Zu dem Container für den Papiermüll kamen später drei andere Behälter auf den Müllplatz hinterm Haus: Für braune Bierflaschen, grüne Weinflaschen und durchsichtige Wasser- und Saft-Flaschen… Wenn der Behälter für Bierflaschen voll war, werfen aber alle das braune Glas zu dem fein sortierten Edelglas in den Kulturfarben “Wein” und “Wasser” einfach dazu… Vermuttlich muss es am Recyclinghof sowieso neu sortiert werden.

Meine Oma hat ihre Flaschen immer sorgfältig ausgespült und mit dem guten Palmolive gewaschen, damit es auf dem Müllplatz nicht so sehr nach Bier und gärendem Apfelsaft stinkt, und hat dadurch sicher jeden etwa möglichen Umweltschutzaspekt wieder zunichte gemacht…

Ich erinnere mich an die Aufkleber, die jetzt in jedem Hotelzimmer in der Dusche hängen (müssen): Lieber Gast, dear Guest, chér Client! Stellen sie sich vor, wieviel Handtücher jeden Tag in den Hotels der Welt unnötigerweise gewaschen werden…” – “Wenn sie die Flasche noch einmal verwenden wollen, waschen sie sie gefälligst selber und stellen sie wieder in ihren Schrank! Wenn sie sie nicht noch einmal verwenden, werfen sie sie *ungewaschen* in diesen Container – weil sie sonst Millionen Liter Wasser sinnlos in den Ausguss laufen lassen…”

Heutzutage ist die Mülltrennung beinahe allumfassend geworden, eine Art Religionsersatz für Gut-Menschen: Die Anhänger von “Sankt Auseinander-und-Klabüster” hätten am liebsten getrennte Behälter für “gutes” Altpapier, “olles” Altpapier, Pappe, braunes, grünes, “weißes” Glas, Plastikbehälter aus PVC, Plastikbehälter aus Polystyrol, andere Plastikbehälter, Kupfer, Messing, Eisen, Zinn, Silber, Gold, Batterien, Akkus, Knopfzellen, Elektroschrott, alte Schuhe, alte Brillen, alte Fingernägel, Nudeln, Erbsen und Gemüse, Bananenschalen, Knochen, Zähne, Öl und Fett, Blut, Schweiß und Tränen…

Wenn da jemand fanatisch ist, kann er sein Wohnzimmer mit dreißig verschiedenen Eimern für dreißig verschiedene Müllsorten vollstellen und sein Bett in der Speisekammer aufstellen… Eins reicht dann ja auch.

Denn ich bin sicher, dass wegen dieser Obsession auch so manche Ehe geschieden worden ist. Das gibt dem Wort “Mülltrennung” dann einen ganz neuen Sinn…

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis… – Buchrezension

Vor Kurzem habe ich das Buch „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ von Amos Oz gelesen; ein sehr gutes Buch, dass ich Euch ans Herz legen würde, wüsste ich nicht, dass Ihr gar keine Zeit habt, so dicke Bücher zu lesen.

Amos Oz beschreibt seine Kindheit und Jugend im Jerusalem der vierziger und fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, erzählt von Ausflügen zu den Verwandten nach Tel Aviv und in den Gaza-Streifen, von der Nachbarschaft mit Christen und Muslimen in einem altmodischen, bescheidenen Stadtviertel, in dem Auswanderer aus Polen und aus der Ukraine untergekommen sind, von den Gedanken, die man sich so als Kind macht, wenn Krieg ist, wenn Bekannte und Nachbarn um Familienangehörige klagen, die im KZ oder im Bürgerkrieg umgekommen sind, wenn die Mutter depressiv wird und sich zuletzt selbst tötet… „Wenn du keine Tränen mehr übrig hast, dann weine nicht – Lache!“

Er erzählt von seiner ersten unschuldigen Liebe zu einer jüdischen Lehrerin und von der einen großen Liebe, die er in einem bäuerlichen Kibbuz kennen lernt; er erzählt von arabischen Scharfschützen auf den Dächern, die wahllos israelische Schulkinder erschießen, erzählt aber auch von israelischen Bomben auf Stadtviertel, in denen ebenso unschuldige arabische Menschen leben. Er erzählt von den philosophischen Debattierzirkeln im Haus seiner Eltern und von langen Wochen im Bunker unter diesem Haus; er erzält von den Feigenbäumen im Garten seiner Großeltern und von den Dattelpalmen im Hof eines palästinensischen Adeligen, den sein Vater besucht hat, um um einen Arbeitsplatz zu betteln…

Er erzählt von der Einsamkeit eines verträumten kleinen Jungen, der nicht stark und strahlend ist, der dafür aber mit Worten bezaubern kann wie einst Sheherazade am Hof des grausamen Großwesirs, erzählt von seinen Abenteuern mit den patriotischen Poesie-Büchern aus der Bibliothek seines Großvaters und den alten schwarz-weissen Cowboyfilmen, die damals in den Kinos zu sehen waren, in denen immer die mutigsten Cowboys am Ende das hübsche Mädchen bekamen.

Was er über die Grausamkeiten auf beiden Seiten schreibt, lässt einem den Atem stocken – er erzählt es beinahe leicht und mit der unerstaunten Selbstverständlichkeit, mit der ein Kind solche Gräuel erlebt – und doch ahnt man das Trauma, dass er damals erlitten haben muss, als die Hälfte der Schüler aus seiner Schule und fast alle Lehrer im Bürgerkrieg ermordert wurden. Solche Erlebnisse vergisst man nie im Leben, und von daher verstehe ich jetzt ein bisschen besser, warum die Suche nach Frieden zwischen Israelis und Palästinensern eine so schwere, geradezu hoffnungslose Anstrengung ist – bis heute…

Dabei ist das Buch mit einer wunderbar leichten, frohen, gut lesbaren Sprache erzählt, die Euch immer wieder aufs Neue faszinieren wird. In mir hat diese Autobiografie das Gefühl geweckt, mit einem erfahrenen, geradezu weisen Menschen an einem Tisch zu sitzen und seine Geschichte erzählt zu bekommen, die zugleich eine ungemein persönliche und zugleich eine eminent politische, eine zutiefst jüdische und doch absolut kosmopolitische Lebensgeschichte ist.

Zeitung lesen…

…kann man doch auch im Internet. Da gibt es fast alles, was es in der gedruckten Zeitung auch gibt. Jedenfalls das Sodoku. Und das Kreuzworträtsel. Und die Schach-Spalte. Klatsch und Entertainment. Und Politik und Wirtschaft. Wissenschaftliches. Und Gerüchte. Und wenn mal etwas wirklich spannend ist, kann man nach ein paar Klicks bei Google gleich ein halbes Buch darüber lesen – oder ein ganzes irgendwo bestellen, das bringt dann am übernächsten Tag der Briefträger nach Haus.

Meine Frau sagt immer: Du kannst doch nicht alles glauben, was im Internet steht. Qualitätsjournalismus gibt es da jedenfalls nicht. Wahrscheinlich schreiben da nur so Leute wie Du, die lieber bloggen würden, aber nicht das Glück haben, für andere Arbeit bezahlt zu werden. Also bloggen sie für Geld. Das saugen sie sich alles aus den Fingern…

Aha?!! Und die Zeitungsschreiber tun das nicht? Bei dem Termindruck, unter dem die stehen? Entschuldigung; aber dafür habe ich zu lange den Gemeindebrief meiner Kirchengemeinde geschrieben… Man sagt ja nicht umsonst: „Der lügt wie gedruckt…“ Ich glaube lieber einem gut recherchierten Blogeintrag als einem Zeitungsartikel, der nur bei dpa abgeschrieben worden ist (merkt man daran, dass er wörtlich gleich auch in anderen Zeitungen steht) oder schnell mal umformuliert wurde, damit mans nicht sofort merkt…

Das – finde ich – ist das tolle am Internet: Dass man insgesamt kritischer gegenüber den Medien wird. Weil man im Lauf der Jahre merkt, dass die „Zeit“ online auch nicht schlechter ist als die „Zeit“ auf Papier. (Nur dass man die nicht unter den Drucker legen kann, wenn man die Farbe nachfüllen muss…) Weil man merkt, dass Wikipädia auch nicht schlechter ist als der alte zwanzigbändige Bertelsmann im Regal, den man zum Examen geschenkt bekommen hat. Und weil man merkt, dass man auf Youtube Filme finden kann, die interessanter und kreativer sind als vieles, was während der Mittagspause im Fernsehen läuft…

Radio hören und andere Funk-Erlebnisse

Es stand in der Küche, und es hatte ein großes, grünes Auge. Wenn Oma es einschaltete, brummte es eine Minute lang nur leise vor sich hin, aber dann öffnete sich eine Tür zur Welt, und Töne, Worte und Musik drangen aus dem Stofftuch, das über dem Loch an der Vorderseite des braunen Kastens gespannt war. In meiner Kinderzeit war das Radio für mich ein großes Geheimnis, und ich erinnere mich, daß ich eine Zeit lang tatsächlich glaubte, daß irgendwie kleine Leute darin lebten, die für uns immer neue Musik und Nachrichten und Sportberichte machten.

Wir hatten zwar auch schon einen Fernseher, als eine der ersten Familien in der Nachbarschaft, aber ich fand das Radio viel faszinierender, und das lag an dem magischen Auge, wie meine Oma es nannte, an diesem geheimnisvollen grünen Licht, das größer und kleiner wurde, wenn ich einen anderen Sender suchte. Naben dam Auge war eine große, bleuchtete Skala, hinter der ein großer roter Zeiger hin und her glitt. Auf der Skala standen seltsame und fremd klingende Namen. Manche kannte ich aus dem Atlas: Bremen, Hamburg, Berlin, München – andere hatte ich noch nie gehört: Hilversum, Amsterdam, Rias, BBC, Norddeich-Radio.

Einmal öffnete Opa für mich die Rückseite des Kastens, nicht ohne mir zu sagen, daß ich das nie allein tun dürfte. Da sah ich, daß keine kleinen Leute darin musizierten, sondern viele seltsame Glühbirnen, „Röhren“, leuchteten, viele Drähte liefen hin und her, und es sah sehr kompliziert aus.

Einige Jahre später bekam ich ein eigenes Radio geschenkt. Es war sehr viel kleiner, passte in meine Hand und ich konnte es mit ins Bett nehmen. Zwei Batterien sorgten dafür, daß ich immer Musik hören konnte, wann ich Lust dazu hatte, und alle zwei Wochen musste ich von meinem ersten Taschengeld neue kaufen.

Irgendwann fiel mir das Radio runter und sprang auseinander. Es war kaputt, und ich konnte sehen, daß keine Röhren mehr drin waren und auch keine Drähte, sondern eine grüne Platte, auf die kleine schwarze Kästchen, runde Röhrchen mit bunten Streifen und kleine Drahtspulen gelötet waren. Es sah viel einfacher aus, war aber immer noch sehr geheimnisvoll. Wie kam nur die Musik in all die Radios rein?

Noch ein Jahr später bekam ich zu Weihnachten den Elektronik-Experimentierkasten EE 2000 von Phillips. Ein feineres, interessanteres Spielzeug habe ich nie mehr bekommen; so was wird leider heute überhaupt nicht mehr gebaut. Auf einer Platine mit vielen Federn darauf konnte man sehr trickreich Drähte, Widerstände, Kondensatoren und Transistoren aufbauen, ohne Löten oder Schrauben, nur die Feder runterdrücken, Draht in eine kleine Öse stecken, loslassen. Das hielt sicher fest, und es gab fast nie Wackelkontakte wie bei den Elektronikkästen von Kosmos leider oft. Wenn alles fertig aufgebaut war, klickte man noch ein Schaltpult vorne an die Platine, und dann blinkte eine Lampe, ein Lautsprecher summte und brummte, je nach der Schaltung, die ich aufgebaut hatte. War wirklich lehrreich, das Ganze.

Und der Höhepunkt war, am Ende des Anleitungsbuches, das dabei war, gab es auch Aufbauanleitungen für verschiedene Radioempfänger und es wurde erklärt, wie sie funktionierten. Ich konnte diese Radios nicht nur bauen, sondern begriff auch endlich, wie die Stimmen und die Musik in den Lautsprecher kam. Für mich war das mit zwölf wie eine Offenbarung.

Es tut mir leid für alle Kinder und Jugendlichen, die heute solche Faszination nicht mehr spüren können, trotz all der Wunder, die man heute mit Computern erleben kann…

Zum Israelsonntag 2015 – Zwischen Juden und Christen…

Es kommt selten vor, dass im Pfarrkonvent von Schöneberg gestritten wird. Noch seltener kommt es vor, dass über theologische Fragen gestritten wird. Und eigentlich nie wird über die Andacht oder über eine Predigt gestritten, die jemand am Beginn einer Sitzung gehalten hat. So eine Andacht ist etwas ziemlich Persönliches; da öffnet jemand für die anderen sein Herz und seine Seele – darüber zu streiten ist ein „no go“, beinahe eine Art Tabu. Das tut man nicht. Diesmal ist es aber passiert. Unüberhörbar, störend, schockierend. Während wir gemeinsam singen, protestiert einer: „Halt, das dürft ihr nicht, so dürft ihr nicht singen; ihr vergreift euch an etwas, das nicht euch gehört!“

Was war passiert? Ein junger Kollege hatte das Lied ausgewählt: „Zünde an dein Feuer, Herr im Herzen mir, hell mög es brennen, lieber Heiland Dir. Was ich bin und habe, soll dein Eigen sein, in deine Hände schließe fest mich ein.“ Und dieser fromme, geistlich-bewegte Text wird zu einer eindringlichen Melodie gesungen, die „zufälligerweise“ auch die israelische Nationalhymne „Hatikwah“ ist; offiziell zwar erst seit 2004, inoffiziell aber schon seit der Gründung des Staates im Jahr 1948.

Ich kann mich erinnern, dass ich dieses Lied schon in meiner Konfirmandenzeit gesungen habe und dass mir bei diesen Zeilen immer ein „heiliger“ Schauer über den Rücken gelaufen ist, weil ich wusste, dass dieses Lied so eine enge Verbindung mit Israel hat, dem Land, über dessen Boden Jesus gegangen ist, und mit dem Volk, zu dem Gott gesagt hat: „Ich will euch segnen und ihr sollt ein Segen sein für alle Völker bis an die Enden der Welt.“

Auch ich hätte für eine Andacht dieses Lied wählen können…

Aber nun, im Pfarrkonvent: Protest, Aufbegehren, Widerstand: Einer sagt: Dieses Lied kann ich nicht mitsingen, diese geschichtlich beladene Melodie und dieser christliche Text – das passt nicht zusammen! Wir nehmen dem Volk Israel diese Melodie weg, berauben das jüdische Volk, indem wir einen christlichen Text auf eine Melodie singen, die diesen Menschen so viel bedeutet hat… Bei den anderen Pfarrern: Betretenes Schweigen – so haben wir es nicht gemeint, niemand hat es so empfunden… Aber hat der zur Zurückhaltung mahnende Kollege nicht recht? Oder ist er nur etwas überempfindlich?

Nichts ist unkompliziert und einfach zwischen Juden und Christen.

Wie kompliziert das Verhältnis zwischen Juden und Christen ist, zeigt deutlich die Geschichte des Israelsonntags… Einerseits bestätigen wir an diesem Tag unsere enge Verbundenheit mit dem jüdischen Volk, mit der jüdischen Tradition, dem jüdischen Glauben. Wir erinnern uns daran, daß unsere Hoffnung ihre Wurzeln in der Glaubens-tradition der Juden hat. Wir bezeugen, daß Gott die Verheißungen, die er seinem Volk Israel gegeben hat, in Jesus Christus erfüllt hat für alle Menschen, die an ihn glauben. Und wir danken Gott für seine Gnade, daß er uns mit hineingenommen hat in seinen Bund, der uns und allen glaubenden Menschen das ewige Leben schenkt.

Ursprünglich war der Israelsonntag aber der „Gedenktag an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem“, und nicht immer war das Gedenken an diesem Tag frei von einer Art christlichem Hochmut gegenüber den Juden; die Zerstörung des Tempels wurde teilweise als „verdiente Strafe“ Gottes gesehen, als ein „Göttliches Gericht“, das die Juden traf, weil sie nicht an Jesus glauben; teilweise hat sich die Kirche auch als Nachfolgerin Israels gesehen, als das „wahre“ Volk Gottes, so als ob seine Verheißung an Israel nun auf die Kirche übergegangen sei und an ihr erfüllt werden soll…

Viel echter Antisemitismus und auch manche unverzeihlich naive Gedankenlosigkeit ist an diesem Tag von den Kanzeln verkündet worden… Erst seit den Greueln der Nazizeit wird in Deutschland der Israelsonntag als Tag der Verbundenheit mit Israel gefeiert – aber auch da gab und gibt es Schwierigkeiten, denn das Verhältnis zwischen den beiden Religionen des Bundes mit Gott ist immer noch angespannt und teilweise mit neurotischen Strukturen belastet – so wie es zwischen zwei Geschwistern ist, die einander Unrecht getan haben und die sich nun sehr vorsichtig begegnen, um dem anderen keinen Grund zur Klage zu geben…

Nichts ist unkompliziert und einfach zwischen Juden und Christen.

Ein paar Beispiele aus meiner Praxis als Pfarrer in Berlin:

Seit beinahe einem Jahrzehnt feiern wir am Gründonnerstag die Einsetzung des Abendmahls, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat am Tag, bevor er verhaftet wurde. Wir tun es in der Art der jüdischen Sederfeier, das heißt, wir erinnern uns an die besonderen Verheißungen, die Gott dem Volk Israel durch Moses gegeben hat, wir sehen uns in diese Tradition von Gott hineingestellt, wir haben Anteil an der Geschichte Gottes, der den Lebensweg der glaubenden Menschen begleitet, wir beten mit den Psalmen und den Lobpreisungen, die jeder jüdische Hausvater bei der Sederfeier sagt in einem unserer Abendmahlsgottesdienste.

Aber es gibt einige Menschen in unserer Gemeinde, die warnen und sagen, wir drängen uns hier in eine Tradition – oder anders gesagt: in ein Verhältnis zu Gott – hinein, die eben nicht unsere Tradition und nicht unser Verhältnis zu Gott ist, denn wir sind NICHT das auserwählte Volk, sondern die, die aus allen Völkern, aus den Heiden gerufen sind – und das ist ein Unterschied und muss auch ein Unterschied bleiben… Aber was genau bedeutet dieser Unterschied, wie kann er Juden und Christen in ihrem Glauben bestärken und die Gemeinschaft festigen?

Vor einigen Jahren ist eine in Theologenkreisen viel beachtete Bibelübersetzung erschienen, die versuchte, in ihren Worten und Begriffen Rücksicht zu nehmen auf eine „gerechte“ Sprache, besonders, wenn es Minderheiten und Benachteiligte geht, aber auch um Frauen; und in ihren Formulierungen dem in manchen Teilen des „Zweiten Testamentes“ latent vorhandenen Antisemitismus die Spitze zu nehmen. Diese Bibelübersetzung wurde vor allem kritisiert, weil sie eine Art Geschichtsfälschung ist, in dem sie eben eine unbestreitbare historische Tatsache ignoriert – nämlich, dass es solche Tendenzen beispielsweise im Johannesevangelium gibt – und dann so tut, als wäre sie nie da gewesen.

Auch der Name Gottes wird in dieser Bibelübersetzung nicht genannt – weil die Juden den Namen Gottes aus Ehrfurcht nicht aussprechen – aber auch die bei den Juden übliche Umschreibung, die Luther mit der Herr übersetzt, wird vermieden, weil sich Frauen diskriminiert finden könnten. Oft wird der Name also einfach unübersetzt gelassen, und es wird empfohlen, auch im gottesdienstlichen Gebet zu sagen: „Elohim segne uns, Adonai lasse sein Angesicht über uns leuchten, HaSchem erhebe sein Angesicht über uns und sei uns gnädig…“

Auch hier wieder die Frage: Ist das eine notwendige Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse unserer Schwestern und Brüder im Glauben? Oder ist es ein überwacher Sinn für „political correctness“, der uns seine Bedenken aufzwingen will, bis sich uns beim Beten die Zunge verknotet?

Nichts ist unkompliziert und einfach zwischen Juden und Christen.

Weitere Probleme entstehen, weil sich, wenn es um Israel geht, so oft Glaubensaussagen mit politischen Statements vermischen und man irgendwie immer in Erklärungsnöte kommt: Darf man als Deutscher sagen, dass sich der Staat Israel falsch verhält, wenn er die Palästinenser in seinem Gebiet unterdrückt und bedroht und ihnen das Menschenrecht auf eine sichere Heimat verweigert? Natürlich verhalten sich auch Palästinenser falsch, die Raketen auf die Zivilbevölkerung der israelischen Grenzgebiete feuern… Manche Israelis halten es für eine Art umgedrehten, reversen Antisemitismus, wenn Leute denken, die Juden hätten doch unter den Nazis genug gelitten, sie, die wissen, wie das ist, sollten doch mit ihren eigenen Minderheiten nun anders umgehen können – „Wir dürfen als Staat Israel auch unsere eigenen Fehler machen…“ so fordern sie die kritische Weltöffentlichkeit zu Toleranz auf…

Und – eine letzte Frage: Ist es überhaupt richtig, die Bewohner des heutigen Staates Israel einfach so mit dem „erwählten Volk“ aus der Zeit des Mose, des David, des Jesaja oder auch zur Zeit von Jesus und Paulus gleich zu setzen? Ist das nicht ebenso unhistorisch, als ob man die Deutschen im einundzwanzigsten Jahrhundert mit denen gleichsetzt, die zu Luthers Zeiten die Reformation der Kirche erstritten haben? Wir sind ihre Erben und stehen in ihrer Tradition – aber Tradition ist lebendig und wandelt sich und gewinnt neue Inhalte: Wir sind nicht mehr die selben…

Sind nicht viele Probleme zwischen Juden und Christen überhaupt erst entstanden, weil das Wort von der „Erwählung vor allen Völkern“ falsch verstanden wurde, Eifersucht und Neid ausgelöst hat – wie schon bei den Kindern Adams Kain und Abel?

Nichts ist unkompliziert und einfach zwischen Juden und Christen.

Und ich habe zu vielen Dingen, die dieses Verhältnis betreffen, zwar eine begründete Meinung, aber keine letztgültigen Antworten. Wenn sie sich also über diese Predigt ärgern – so wie sich der besorgte Pfarrer damals über das unpassende Lied im Konvent geärgert hat – dann gehen sie nicht kopfschüttelnd aus der Kirche und lassen sich in eine andere Gemeinde umschreiben, sondern sprechen sie mich an und erzählen mir von ihrem Ärger – ich lerne gerne etwas dazu; und ich glaube, dass wir in der Gemeinde insgesamt ein Bewusstsein für diese Not erst noch entwickeln müssen – darum ist es gut, dass es den Israelsonntag in unserem Kirchenjahr noch gibt…