Radio hören und andere Funk-Erlebnisse

Es stand in der Küche, und es hatte ein großes, grünes Auge. Wenn Oma es einschaltete, brummte es eine Minute lang nur leise vor sich hin, aber dann öffnete sich eine Tür zur Welt, und Töne, Worte und Musik drangen aus dem Stofftuch, das über dem Loch an der Vorderseite des braunen Kastens gespannt war. In meiner Kinderzeit war das Radio für mich ein großes Geheimnis, und ich erinnere mich, daß ich eine Zeit lang tatsächlich glaubte, daß irgendwie kleine Leute darin lebten, die für uns immer neue Musik und Nachrichten und Sportberichte machten.

Wir hatten zwar auch schon einen Fernseher, als eine der ersten Familien in der Nachbarschaft, aber ich fand das Radio viel faszinierender, und das lag an dem magischen Auge, wie meine Oma es nannte, an diesem geheimnisvollen grünen Licht, das größer und kleiner wurde, wenn ich einen anderen Sender suchte. Naben dam Auge war eine große, bleuchtete Skala, hinter der ein großer roter Zeiger hin und her glitt. Auf der Skala standen seltsame und fremd klingende Namen. Manche kannte ich aus dem Atlas: Bremen, Hamburg, Berlin, München – andere hatte ich noch nie gehört: Hilversum, Amsterdam, Rias, BBC, Norddeich-Radio.

Einmal öffnete Opa für mich die Rückseite des Kastens, nicht ohne mir zu sagen, daß ich das nie allein tun dürfte. Da sah ich, daß keine kleinen Leute darin musizierten, sondern viele seltsame Glühbirnen, „Röhren“, leuchteten, viele Drähte liefen hin und her, und es sah sehr kompliziert aus.

Einige Jahre später bekam ich ein eigenes Radio geschenkt. Es war sehr viel kleiner, passte in meine Hand und ich konnte es mit ins Bett nehmen. Zwei Batterien sorgten dafür, daß ich immer Musik hören konnte, wann ich Lust dazu hatte, und alle zwei Wochen musste ich von meinem ersten Taschengeld neue kaufen.

Irgendwann fiel mir das Radio runter und sprang auseinander. Es war kaputt, und ich konnte sehen, daß keine Röhren mehr drin waren und auch keine Drähte, sondern eine grüne Platte, auf die kleine schwarze Kästchen, runde Röhrchen mit bunten Streifen und kleine Drahtspulen gelötet waren. Es sah viel einfacher aus, war aber immer noch sehr geheimnisvoll. Wie kam nur die Musik in all die Radios rein?

Noch ein Jahr später bekam ich zu Weihnachten den Elektronik-Experimentierkasten EE 2000 von Phillips. Ein feineres, interessanteres Spielzeug habe ich nie mehr bekommen; so was wird leider heute überhaupt nicht mehr gebaut. Auf einer Platine mit vielen Federn darauf konnte man sehr trickreich Drähte, Widerstände, Kondensatoren und Transistoren aufbauen, ohne Löten oder Schrauben, nur die Feder runterdrücken, Draht in eine kleine Öse stecken, loslassen. Das hielt sicher fest, und es gab fast nie Wackelkontakte wie bei den Elektronikkästen von Kosmos leider oft. Wenn alles fertig aufgebaut war, klickte man noch ein Schaltpult vorne an die Platine, und dann blinkte eine Lampe, ein Lautsprecher summte und brummte, je nach der Schaltung, die ich aufgebaut hatte. War wirklich lehrreich, das Ganze.

Und der Höhepunkt war, am Ende des Anleitungsbuches, das dabei war, gab es auch Aufbauanleitungen für verschiedene Radioempfänger und es wurde erklärt, wie sie funktionierten. Ich konnte diese Radios nicht nur bauen, sondern begriff auch endlich, wie die Stimmen und die Musik in den Lautsprecher kam. Für mich war das mit zwölf wie eine Offenbarung.

Es tut mir leid für alle Kinder und Jugendlichen, die heute solche Faszination nicht mehr spüren können, trotz all der Wunder, die man heute mit Computern erleben kann…

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