Das langsamste Zahnrad der Welt

Uhren haben für mich etwas ungemein Faszinierendes. Schon immer gehabt. Schon als kleiner Junge mit vier Jahren habe ich mal einen Wecker zerlegt, weil ich wissen wollte, was da eigentlich drin tickt und klingelt, und woher die Uhr eigentlich weiß, wie spät es ist.

Viele Uhrwerke sind geradezu unglaublich schön. Schön sind die fein gearbeiteten Räder und Bleche, Schwungmassen und Federn, schön ist der Glanz von Messing und Chrom und anderen edlen Metallen, aber auch das blaue Schimmern von gehärtetem Stahl, schön ist das feine Weiß eines geschmackvoll gezeichneten Ziffernblattes, schön sind die schwungvollen, kühnen Linien der Zeiger, die langsam darüber streichen.

Die wahre Schönheit einer Uhr aber kann man nicht sehen; die Schönheit nämlich, die aus der Faszination entspringt, daß es einer klug konstruierten Maschine aus metallenen Rädern, Spangen, Federn und Schrauben gelingt, etwas so Unfassbares, wie die Zeit es ist, einzufangen und auf dem Ziffernblatt anzuzeigen.

Das Herz jeder Uhr ist ein Taktgeber, der in einem möglichst gleichmäßigen Rhythmus das Vergehen der Zeit messbar macht. Das kann ein Pendel sein oder eine Unruh (also eine Art Drehpendelrad mit einer Rückstellfeder), aber auch ein schwingender Quartzkristall oder strahlende Atome. Ein solcher Taktgeber wandelt zwei verschiedene Formen von Energie ineinander um: Ein Pendel beispielsweise wandelt die Bewegungsenergie in Lageenergie um und diese wieder zurück in die Erste. Ein elektrischer Schwingkreis wandelt die Energie eines elektrischen Feldes in die eines magnetischen Feldes um – und zurück. Wegen der Trägheit der Masse, bzw. wegen der endlichen Lichtgeschwindigkeit brauchen diese Vorgänge eine recht genau bestimmbare Zeit und können deshalb als Maßeinheit und Taktgeber für eine Uhr genutzt werden.

In der Geschichte des Uhrenbaus ist große Energie darauf verwendet worden, diese Taktgeber möglichst genau und zuverlässig zu machen. Das war keine kleine Aufgabe, denn ein Pendel muss gleichmäßig schwingen, unabhängig von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, auf einem Schiff im Sturm ebenso in einer Sternwarte auf einem hohen Berg; die kleine Unruh einer Armbanduhr soll unbeirrt ticken, auch wenn die sie tragende Person tanzt, kocht, schreibt, schläft oder taucht. Trotz all dieser Schwierigkeiten ist es gelungen, Uhren zu konstruieren, die weniger als eine Sekunde am Tag von der wirklichen Zeit abweichen.

Der von dem Taktgeber erzeugte Impuls muss dann „heruntergerechnet“ werden in Zeigerstände auf einem Zifferblatt oder ein den Stand einer digitalen Anzeigeelektronik. Bei Pendeluhren geschieht das durch Zahnräder, Quartz- und Atomuhren verwenden digitale Frequenzteiler. „Eigentlich“ ist das vergleichsweise einfach, es wird eine Art Getriebe eingebaut: Wenn der Pendelmechanismus ein erstes Zahnrad so steuert, dass es sich in 30 Sekunden einmal dreht, erreicht man mit einer 1:10 und einer 1:12-Übersetzung ein Rad, das sich einmal pro Stunde dreht und an dem man den Minutenzeiger befestigen kann, und danach mit einer 1:3 und einer 1:4-Übersetzung ein Rad, das sich in zwölf Stunden einmal dreht und an dem der Stundenzeiger befestigt wird. Auch die Monatstage und die Wochentage, sogar die Mondphasen kann ein relativ einfacher
Mechanismus darstellen.

Interessant wird es, wenn die Uhr eine Komplikation erhält, die weitere Kalenderfunktionen darstellen kann, die also beispielsweise am Monatsende automatisch auf den ersten Tag des Folgemonats wechselt. Ein solcher Mechanismus muss „wissen“, welche Monate dreißig Tage und welche einundreissig Tage haben, welche Jahre ein Schaltjahr sind und welche nicht.

Astronomische Uhren zeigen Mondphasen, Auf- und Untergangszeiten von Sonne und Mond, Planetenbewegungen und Sonnen- und Mondfinsternisse an, viele können auch Kirchliche Feiertage und Fastenzeiten anzeigen. All diese Funktionen müssen mit Zahnrädern und Zahnstangen, Schneckengetrieben und anderen mechanischen Systemen repräsentiert werden. Eine große astronomische Uhr ist eine erstaunliche Meisterleistung des menschlichen Denkens, ist wie ein kompliziertes Rechenwerk, ein mechanischer Computer.

Das wirkliche Sonnenjahr ist ungefähr einen viertel Tag länger als 365 Tage. Die Schaltjahresregelung ist darum eingeführt worden, damit das Jahr sich nicht gegenüber dem Lauf der Erde um die Sonne, d. h. gegen die Jahreszeiten verschiebt und wir irgendwann Ostern im Winter feiern und im Dezember Sommerurlaub machen. Aber das Sonnenjahr ist nicht genau einen Vierteltag länger, sondern ein bisschen weniger, und auch dieser Unterschied würde sich im Lauf der Jahrhunderte addieren. Darum gibt es die Jahrhundertregel.

So ist zum Beispiel jedes Jahr, dessen Jahreszahl sich ohne Rest durch Vier teilen lässt, ein Schaltjahr. 2004 und 2008 waren solche Schaltjahre, in denen der Februar 29 Tage hat. Lässt sich die Jahreszahl aber durch Vier und außerdem durch Hundert teilen, ist das Jahr nach der Jahrhundertregel doch kein Schaltjahr. Das fand zuletzt im Jahr 1900 statt, auch 1800 war kein Schaltjahr. Um das Jahr möglichst genau dem Lauf der Erde um die Sonne anzupassen, rechnet man aber zusätzlich jedes vierhundertste Jahr doch wieder als Schaltjahr: Das Jahr 2000 war ein Schaltjahr, trotz der Jahrhundertregel.

Um diese Regelungen mechanisch zu repräsentieren, haben manche Astronomische Uhren mit einem ewigen Kalender ein Zahnrad, das sich erst nach vierhundert Jahren einmal um sich selber dreht. Gegenüber dem Minutenrad ist das eine Übersetzung von ca: 1:3 500 000… Ich glaube, das sind die langsamsten Zahnräder der Welt.

 

Mondrian – Kompositionen im Quadrat

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Gestern war ich in der Kunstausstellung „Linie“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin-Mitte. Dort werden im ersten Stock Bilder des jungen Piet Mondrian ausgestellt. Er ist wohl vor allem durch die mit quadratischen und rechteckigen Flächen bemalten Leinwände, durch seine minimalistisch konstruierten Kompositionen bekannt.

Die Ausstellung zeigt sehr schön, wie Mondrian diesen einzigartigen Stil entwickelt und erarbeitet hat: Als junger Mann malte er Landschafts- und Architekturbilder und ließ sich im Laufe der Zeit immer mehr faszinieren durch die horizontalen und vertikalen Linien in der heimatlichen Natur und in der künstlicheren Welt der Städte Paris und New York, in denen er lebte. Mühlen, Kirchtürme, Schornsteine, Deiche und Kornfelder, Bäume und leuchtende Wolkenschichten waren die Elemente, aus denen er seine frühen Bilder konstruierte.

Der Rhytmus der parallelen Linien und die Kontraste zwischen horizontalen und vertikalen Flächen haben Piet Mondrian sein Leben lang fasziniert und waren ihm ein Mittel, geistige Harmonie und Konzentration auf das Wesentliche zu erreichen. Später hat er seine Gemälde und Zeichnungen konsequent immer mehr vereinfacht und stilisiert, bis er bei den bekannten Kompositionen im Quadrat angelangte.

Ich kann die faszinierende Ausstellung sehr empfehlen.

Aufruhr im Paradies – aus einer Predigt zu Genesis 3

Ich mag die altmodischen Krimis, in denen gleich am Anfang eine Leiche gefunden wird und es dann zwei Stunden lang um die Frage geht: Wer war’s?

Da liegt die Baronin Patrizia von Porz mit blutigem Kopf in der Bibliothek, und der findige Kommissar mit seinem klugen Assistenten versammelt alle Verdächtigen in dem großen Salon der Villa; dann werden Spuren gesichert, Zeugen verhört, Indizien gesammelt, bis am Ende klar ist: Es war Fräulein Ming mit der Rohrzange im Wintergarten, die die Baronin um die Ecke gebracht hat…

Die Antwort auf die Frage „Wer hat es getan?“ ist aber nicht unbedingt auch die Antwort auf die Frage: „Wer ist schuld?“ In moderneren Krimis werden manchmal die Täter anfangs auf frischer Tat ertappt, – die Engländer sagen das noch drastischer, sie sagen „he got caught red-handed“, also etwa „Man hat ihn mit blutigen Händen erwischt…“ Es ist von Anfang an klar, wer es war, aber dann muss der Kommissar herausfinden, warum dieser Mord geschehen ist, ob es Hintermänner gibt, was das eigentliche Motiv dieser Tat war und so weiter. Und nicht selten nimmt in diesen Krimis die Handlung eine überraschende Wendung, und man fühlt, dass der Mörder zwar natürlich seine Tat zu verantworten hat, dass die eigentliche Schuld aber bei fiesen Drogenbaronen und gemeinen Mafia-Paten liegt, die verborgen im Hintergrund die Fäden ziehen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.

Und wie sehr befriedigt es unseren Gerechtigkeitssinn, wenn dann auch die wahren Schuldigen am Ende angeklagt und verurteilt werden und ihre Die erste Geschichte der Menschen in der Bibel ist ein solcher Krimi: Da fehlt ein Apfel am Baum, und die ersten beiden Menschen verstecken sich vor Gott, weil sie sich nun plötzlich nackt fühlen. Wer war’s? Wer hat die Frucht vom Baum genommen, obwohl es doch so streng verboten war? Gut, wer es war, ist eigentlich klar, es gibt ja nur Adam und Eva… Aber wer ist schuld?

Gott fragt zuerst Adam, aber der sucht nach Ausreden: Die Frau, die du mir gegeben hast, sie gab mir von der Frucht… Gott schaut Eva an: Die Schlange hat mich überredet… Die Schlange wird nun gar nicht mehr gefragt, sie wird gleich auf der Stelle verurteilt und bestraft: Von nun an muss sie auf dem Bauch kriechen und Erde fressen… Auch Adam und Eva bekommen ihre Strafe. Der Friede zwischen Gott und den Menschen ist zerstört und das Paradies verloren.

Warum ist die Frage „Wer ist schuld?“ für uns eigentlich immer so wichtig? Wieso ist unser Gerechtigkeitssinn so stark, obwohl wir ihm doch selbst kaum je genügen können? Wem nutzt die Suche nach dem, der „schuldig“ an dem allen ist?

Wir empfinden: Wer einen Schaden verursacht hat, wer etwas zerstört hat, der ist in der Pflicht, den Schaden wieder gut zu machen, Ersatz zu leisten, einen Ausgleich zu schaffen… Damit der Frieden wieder hergestellt wird. Und selbst in Situationen, in denen nichts mehr „repariert“ werden kann, muss durch die Bestrafung des Schuldigen wenigstens eine Art moralischer Ausgleich wieder erreicht werden. Und damit das ermöglicht wird, ist die Frage „Wer ist schuld?“ so wichtig – denn der Schuldige ist für diesen Ausgleich zuerst verantwortlich, er muss mit der Arbeit beginnen, die nötig ist, damit wieder Friede sein kann.

In Südafrika gab es nach dem Ende der Apartheid, nach dem Ende der Rassentrennung eine Kommission für Wahrheit und Versöhnung, die sich zur Aufgabe gesetzt hatte, Opfer und Täter in einen “Dialog” zu bringen und somit eine Grundlage für die Versöhnung der zerstrittenen Bevölkerungsgruppen zu schaffen. Vorrangig hierbei war die Anhörung beziehungsweise die Wahrnehmung des Erlebens des jeweils anderen. Dabei wurde keine politisch oder rassisch motivierte „Vorauswahl“ getroffen, wessen Verbrechen vorrangig von der Kommission behandelt werden sollten. Zum Thema wurde daher ebenso die Gewalt von Weißen (primär von Polizei und Militär) gegenüber Schwarzen, die Gewalt von Schwarzen.

Ich war damals und bin noch heute sehr beeindruckt von dieser Art, Geschichte zu bearbeiten, denn es scheint mir ein sehr christlicher, von Jesus selbst inspirierter Umgang mit der Schuld: Gefragt wird da nicht mehr: Wer ist schuld, wer muss bestraft werden, sondern „Was muss getan werden, damit wir wieder miteinander leben können?“ Es wurde nicht verurteilt, sondern es wurde genau hingesehen, es wurde Schuld bekannt gemacht und verziehen, und dann wurde ein neuer Anfang gewagt.

Das ist es, was ich glaube, was Gott tut: Er besteht nicht darauf, dass wir alle den Himmel nicht verdient haben. Er besteht nicht darauf, dass wir sein Gebot gebrochen haben. Anstatt die Schuld immer weiter von einem auf den anderen zu schieben, hat er sie auf sich genommen…

So richtig eklig…

So richtig eklig und unerträglich werde ich, wenn ich Hosen kaufen muss.

Ich hasse es, mich in Kaufhaus-Umkleidekabinen umzuziehen, ich hasse es, in vier verschiedenen Kaufhäusern Hosen anzuprobieren, die zu eng sind oder zu lang, die schlecht sitzen oder einfach billig aussehen, die zu teuer sind oder irgendwie nicht mein „Stil“… Ich würde am liebsten in einen Laden gehen, „Hose“ sagen, eine anprobieren, die exakt passt, mir und meiner Liebsten gefällt und dann fünfzig Euro bezahlen und wieder raus und fertig. Eine Viertelstunde, dann sollte alles erledigt sein, und man könnte in die wirklich interessanten Läden gehen und sich Musikinstrumente angucken, oder Uhren oder Fotoapparate…

Ich werde in Kaufhäusern richtig pieksig und grummelig, genervt und gereizt; gerate in den Zustand, in dem ich am weitesten von meiner inneren Mitte entfernt bin und sowohl Ying als auch Yang voll in den roten Bereich ausschlagen… Ich kann mich selber nicht leiden, wenn ich so bin, aber trotz aller mentalen inneren Vorbereitung bin ich nach zehn Minuten C&A wieder so weit…

Meine Frau dagegen liebt es, Anziehsachen anzugucken. Sie will nicht mal unbedingt was kaufen, sondern nur anprobieren, sich vorstellen, wie toll es wäre, in  diesem „Outfit“ auf eine Party zu gehen oder darin zu arbeiten oder im Urlaub darin eine Strandpromenade entlang zu schlendern… Wenn sie eine Hose kaufen will, kaufte sie ausserdem noch zwei Kleider, die passenden Schuhe, eine Bluse und einen Schal und noch ein Paar Ohringe dazu. Ich kann währenddessen aber nicht einfach bei Media-Markt verschwinden, sondern ich muss sagen: Ja, dass da sieht gut aus, nimm das doch; oder: dass passt eigentlich nicht wirklich zu dir; oder: Wahnsinn, das musst du unbedingt kaufen; und es ist eigentlich ziemlich egal, was ich sage, weil sie meinem modischen Urteilsvermögen sowieso nicht traut und überzeugt ist, dass ich gerade so viel Geschmack für passende Outfits habe wie ein Berggorilla für Suprematismus…

Meistens kauft sie dann gar nichts, liegt eine Woche lang nachts wach, weil sie meint, diese Schuhe oder diesen Rock hätte sie ja DOCH eigentlich unbedingt gebraucht; und dann gehen wir am nächsten Wochenende wieder ins Einkaufszentrum, um festzustellen, dass das Teil jetzt leider schon ausverkauft ist. Dann wird ein bisschen geschmollt, und dann heißt es, naja, macht ja nichts, es gibt ja noch so viel anderes tolles Zeug hier, und dann geht das ganze Spiel von vorne los. (Und das ist jetzt nur wenig übertrieben…)

Warum ich das schreibe? Na, weil es heute mal wieder so weit war. Drei Stunden Karstadt, C&A, Wertheim und Schlossstraßencenter liegen hinter mir. Vier Hosen habe ich gekauft, und ich habe jetzt gerade eine Stunde für mich, in der ich mich wieder abreagieren muss.

Könnte es nicht einfach ein Gesetz dafür geben, dass Frauen nur mit ihren Freundinnen zusammen einkaufen gehen dürfen und Männer nur mit einem schwulen Modeberater, der schon ohne Anprobe sehen kann, was einem passt?