Erster Advent – die Verkündigung

Die Landschaft draußen vor dem Fenster ist in mildes Abendlicht getaucht. Wie staubige Riesenbauklötze stehen die niedrigen Häuser an der Dorfstraße, und dahinter sind auf den Feldern hin gewürfelt die Hütten der Hirten zu sehen. Kinder spielen auf den Straßen. Die Nachbarin hängt Wäsche an die Leine vor ihrem Haus. In einer Vase neben dem Fenster steht ein Strauß weißer Lilien. Im Zimmer steht ein Holztisch, zwei Stühle, an der Wand noch ein Regal mit Tellern und Bechern aus gebranntem Ton. Auf einem der Stühle sitzt eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, und sieht zum Fenster hinaus… und träumt.

Sie ist noch sehr jung; ihr ganzes Leben liegt noch vor ihr. Und sie hat so viele Pläne. Vor einigen Tagen hat sie sich verlobt. Ein guter Mann, freundlich ist er und zärtlich zu ihr. Und er weiß, was er will. Er hat die Tischlerei seines Vaters übernommen, hat sich selbst mit guter solider Arbeit einen angesehenen Namen gemacht im Ort. Nun scheint seine Zukunft gesichert, und so hat er es gewagt, um ihre Hand anzuhalten.
Mit Freude hat sie Ja gesagt…

Nun sitzt sie hier und träumt von ihrer Zukunft. Sechs oder sieben Kinder möchte sie haben, sie sieht sich als Mutter einer fröhlichen und lebhaften Familie. Sie wünscht sich kluge, starke und tüchtige Söhne; fleißige, schöne und stolze Töchter… Sie träumt davon, wie ihre Kinder mit ihr Ostern feiern werden, in zwanzig Jahren vielleicht, wie sie ein gebratenes Lamm teilen werden am festlich geschmückten Tisch, sie hört schon die Reden, die ihr ältester Sohn halten wird: “Meine Frau kocht wie eine Göttin, aber doch nicht ganz so gut wie Du, Mutter…” Dann wird ihr eine stolze Röte ins Gesicht schießen, und sie wird sich schnell ihrem ersten Enkel zuwenden, der in seiner Wiege schläft und leise schnarcht, damit die anderen nicht sehen können, wie glücklich sie dieses Lob macht…

Lilie-klein

Ein Windstoß fegt durch das Fenster, weht den starken Duft der Lilien zu ihr hinein. Plötzlich scheint sich das Licht verändert zu haben, in das warme Sonnenlicht dieses Abends mischt sich plötzlich ein klarer, weißer Glanz, der den Rissen in der Wand eine beinahe unnatürliche Schärfe verleiht. Die junge Frau fühlt sich plötzlich beobachtet, als ob da noch jemand im Zimmer wäre…

Sei gegrüßt, Maria.

Mit einem Ruck dreht sie sich um, aber da ist nichts. Das Licht sticht in ihre Augen. Ob ein Sturm aufzieht? Am Himmel steht eine sehr helle, weiße Wolke, und es ist unerträglich heiß, obwohl der Wind weht…
Eine Taube fliegt vor dem Fenster vorbei, sie hört das Rascheln ihrer Flügel, weiße Federn im Wind… Noch nie, denkt sie, haben die Lilien so stark geduftet… Mit ihrer Schürze tupft sie sich den Schweiß von der Stirn…

GOtt hat dich berührt..

Auf einmal erfasst sie eine nie gekannte Unruhe, fast eine Angst… Was, wenn alles ganz anders kommt? Wenn ihre Träume zerbrechen wie ein Krug, der auf das harte Pflaster der Dorfstraße fällt? Wenn ihre Wünsche und ihre Sehnsucht vertrocknen wie der Bach, der an diesem Ort vorbei in die Wüste fließt, solange es in den Bergen taut? Was, wenn die Pläne des HÖchsten für sie andere sind? “Der Mensch erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt” – so hat es der Rabbi bei ihrer Verlobung gesagt…

Fürchte dich nicht. ER meint es gut mit dir.

Sie fühlt sich wie ein Sandkorn im Sturm… Alles ist auf einmal offen. So viele Jahrzehnte liegen vor ihr, aber was geschehen wird, kann sie nicht einmal ahnen. Sie kann träumen, planen, arbeiten, kämpfen für ihr Glück… aber ihr Leben ist in der Hand eines Größeren… hoffentlich!…
Und ob er es gut mit ihr meint? Meint es der Sturm gut mit dem Sandkorn, das er vor sich her treibt, es in die Ferne verwirbelt? Meint es die Sonne gut mit der Lilie, der sie Licht und Leben schenkt, solange sie sie nicht verbrennt?

Du wirst schwanger werden,
einen Sohn wirst du gebären.

Jesus soll er heißen.
Groß wird er sein,
und “Sohn des HÖchsten” wird man ihn nennen.

Unglaublich. Ich kenne noch nicht einmal einen Mann. Josef hat mich nie berührt, war mir nie SO nahe. Mein Vater, meine Brüder haben sehr auf mich geachtet. Ich bin Jungfrau. Wie sollte ich nun schwanger werden?
Und überhaupt: Ich! – Die Mutter des HErrn! Das kann nicht sein!

GOtt wird es tun. ER!
Sein Geist hat dich berührt.
Dein Kind – Man wird ihn “Sohn des HÖchsten” nennen.
Darum.
Bei IHM ist nichts unmöglich.

Ja, sagt Maria. Ich weiß. Bei IHM ist alles möglich. Was ER will, wird geschehen. Er tötet und macht lebendig, wie er will. Doch heute ist ein Teil von mir gestorben… Meine Träume, meine Wünsche, meine Pläne muss ich begraben. Aber er hat mir ein ganz anderes, neues Leben geschenkt…

Mir soll geschehen, was Du gesagt hast. Ich bin bereit. Ich werde es auf mich nehmen, werde es tragen, mein Kind. Sein Kind. Unseren Sohn…

Das Licht ändert sich wieder. Eine Taube flattert vorbei. Die Sonne geht unter. Der Wind weht jetzt kühl vom Westen her, wo das Meer liegt. Und die Lilien duften nicht mehr.
Maria ist wieder allein. Aber das Mädchen, das sie war, ist nun eine erwachsene Frau… Ganz plötzlich. Sie ist berührt von Gott.

Und unter ihrem Herzen wächst er heran. Jesus. Der Retter. Er ist da.

Ein bisschen wie Sankt Martin sein… Bericht vom Martinsfest 2015 in Großziethen

Die Laternen leuchteten, rot, grün, gelb oder blau; und mit Rabimmel und Rabammel zogen Kinder und Eltern dem Martinsmann mit seinem Pferd hinterher. Es wurde viel geredet, fröhlich gelacht, mit Senf oder Glühwein gekleckert und von Sonne, Mond und Sternen gesungen – schön war es beim Martinsumzug an der Kirchengemeinde in Großziethen.

Unser Fest begann nach dem Sonnenuntergang mit einem Anspiel im großen Saal des Gemeindehauses. Uta Obenaus, die den Kinderchor der Gemeinde leitet, spielte auf der Gitarre, und alle sangen: „Ein bisschen so wie Martin, möcht ich manchmal sein und ich will auch mit dir teilen, wenn du rufst, schnell zu dir eilen. Nur ein bisschen, klitzeklein, möcht ich wie Sankt Martin sein…“

Die Teamerinnen aus der Gruppe um Silvia Merker-Mechelke erzählten und spielten die Geschichte des Heiligen Martin von Tours, der im vierten Jahrhundert nach Christus in Frankreich als Soldat, als Hauptmann der römischen Armee diente. Oft half er den Armen und Hungrigen, aber berühmt wurde er dadurch, dass er seinen Soldatenumhang mit einem Bettler am Stadttor von Amiens teilte.

Später wurde er – inzwischen lebte er bescheiden als Mönch, beliebt und geachtet – von den Bewohnern der Stadt Tours zum Bischof gewählt. Er wollte aber lieber ein einfacher Mönch bleiben und versteckte sich in einem Gänsestall. Doch als die Leute nach ihm suchten, verrieten ihn die Gänse durch ihr aufgeregtes Geschnatter. So blieb sein Name bis heute mit dem traditionellen Gänsebraten verbunden, der im November an so manchem Tisch serviert wird.

Bei unserem Fest gab es statt Gänsebraten kleine Brötchen, die die Kinder miteinander teilten. Die Teamerinnen erzählten von den Gedanken, die sie sich in ihrer Gruppe über die Taten des Heiligen Martin gemacht haben: dass er ein Licht in die Welt gebracht hat, das wärmt und wohl tut, das leitet und tröstet – so wie Christus das Licht ist. Dass er mutig genug war, sich über die Grenzen hinweg zu setzen, die die Armen und die Wohlhabenderen damals wie heute voneinander trennen.

Dass es auch uns aufgegeben ist, nicht nur auf die Bildschirme unserer Handys zu schauen, sondern die anderen Menschen in unserer Umgebung wahrzunehmen und ihnen ein Lächeln zu schenken – und manchmal auch mit ihnen zu teilen. Denn was wir ihnen Gutes tun, das haben wir auch für Christus getan.

Nach dem Laternenumzug gab es im Gemeindehaus für alle hungrigen Münder Schmalzbrote und die beliebten Schokokussbrötchen, es gab Kaffee oder Glühwein für die Großen und Tee und Orangenlimonade für die Kleinen – liebevoll vorbereitet von vielen fleißigen Helferinnen und Helfern, die alle Hände voll zu tun hatten. Herzlichen Dank an alle, die mitgemacht haben – ohne Euch könnte ein solches Fest gar nicht stattfinden! In diesem Jahr waren zum ersten Mal auch Mitarbeiterinnen des Kinderbauernhofs beteiligt, die schon Tage vorher mit den Kindern Laternen gebastelt haben und an diesem Abend im Gemeindehaus Würstchen mit Senf oder Ketchup verkauften. „Es hat uns gut gefallen, und im nächsten Jahr sind wir auf jeden Fall wieder dabei!“ sagten sie.

Und am Schluss entfachten die Frauen und Männer der Freiwilligen Feuerwehr von Großziethen ein beeindruckend riesiges Martinsfeuer auf der Feuerstelle auf der Wiese hinter dem Gemeindehaus. Meterhoch schlugen die Flammen und sandten Schwärme glitzernder Funken in den Nachthimmel. Da rissen die Wolken auf und ein paar Sterne blinkerten zu uns hinunter.
Vielleicht macht die Erinnerung an den Heiligen Martin uns bereit, wie er zu teilen, die anderen wenigstens zu sehen und zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird, und so die Welt ein bisschen besser zu machen, wie es im Lied heißt: „Nur ein bisschen, klitzeklein, möcht ich wie Sankt Martin sein…“

Rot und weich und warm – noch eine Andacht zum Martinsfest

Martin war ein Soldat des Kaisers.
Er hatte ein Pferd
und eine Rüstung aus Eisen.
Er hatte ein Schwert
und einen schweren Schild.
Und er hatte einen Mantel aus Wolle,
rot und weich und warm.

Martin war ein Soldat des Kaisers
und er ritt von da nach dort
durch Schnee und Wind,
durch Eis und Frost,
durch Winter und Kälte.
Aber er fror nicht,
denn er hatte ja seinen Mantel an,
aus Wolle, rot und weich und warm.

Martin war ein Soldat des Kaisers,
und er sah einen armen Mann
da sitzen im Schnee,
in der Kälte,
in Eis und Frost.
Der zitterte und fror,
denn er hatte nur Lumpen an,
alte, dreckige Tücher,
keinen Mantel, schon gar nicht aus Wolle,
nicht rot, nicht weich, nicht warm.

Was tat Martin, der Soldat des Kaisers?
Was hättest Du getan?
Wärest Du weiter geritten,
auf deinem Pferd, in deiner Rüstung,
und mit dem Mantel, dem Warmen?

Was hättest Du getan?
Hättest Du ihm geholfen,
dem Mann dort im Schnee,
der zittert und friert in seinen Lumpen?

Hättest Du ihm geholfen?
Und wie?

Martin war ein Soldat des Kaisers,
aber er war auch ein Diener Christi.
Er stieg ab von seinem Pferd,
und er nahm das lange, scharfe Schwert
und zerschnitt von oben bis unten
den Mantel aus Wolle,
rot und weich und warm.
Eine Hälfte gab er dem armen Mann,
in die andere Hälfte wickelte er sich selbst,
so war ihm geholfen, dem Armen.

Martin war ein Soldat des Kaisers,
aber er war auch ein Diener Christi.
Der kam zu ihm in der Nacht im Traum
und er hatte Martins Mantel an,
rot und weich und warm.
Und er sagte: Was Du an einem Armen getan hast,
das hast Du immer auch mir getan.

Eine Gebrauchsanweisung zum Martinsfest – für Erwachsene

Wenn man mit Kindern St. Martin feiert, sollte man sich, meine ich, ein paar Gedanken gemacht haben. Es ist sicher gut und richtig, Kindern beizubringen, dass Teilen etwas Gutes ist. Nach meiner Erfahrung haben die meisten Kinder gar kein Problem damit; hier im Kindergarten der Kirchengemeinde teilen die Kinder gern und fast selbstverständlich alles miteinander, Spielzeug, Essen, Kleidung, Kopfläuse, Grippeviren…

Genau so nötig scheint es mir aber zu sein, den Kindern beizubringen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass der andere alles mit mir teilt, dass es einen Unterschied gibt zwischen Dein und Mein und das es völlig in Ordnung ist, wenn ein anderes Kind auch einmal sagt: Nein, das hier gehört mir, und ich möchte das nicht teilen.

In der Weihnachtszeit werden viele Menschen in Deutschland empfänglicher für den Gedanken der Nächstenliebe als in anderen Jahreszeiten. Man liest die Geschichten vom „Mädchen mit den Schwefelhölzern“, die Weihnachtsparabel von den drei Geistern von Charles Dickens und andere rührselige Geschichten vom Glück der Armen in den Weihnachtstagen, lässt sich davon anrühren und zieht auch den einen oder anderen Schein für Brot für die Welt oder Misereor aus der Tasche. Das ist gut so; ohne die Weihnachtsspenden könnten all diese großen Hilfswerke gar nicht arbeiten. Zu anderen Jahreszeiten ist dann die Geldbörse wieder sehr viel fester verschlossen, und ich glaube, auch das ist gut so.

St. Martin wird zu einer Art “Übervorbild”, also zu einem unerreichbaren Ziel, wenn mit seiner Geschichte der Anspruch verbunden wird, Du musst (immer und überall) die Not des anderen über deine eigenen Bedürfnisse stellen. Nein, ich glaube nicht mehr, dass dies das Idealbild christlicher Nächstenliebe ist. (Das sollte sich auch manch kirchlicher Mitarbeiter mit ausgeprägtem Helfersyndrom ab und zu einmal sagen lassen…)

Und auch die “Bettler” waren zur Zeit von Sankt Martin andere Menschen als die Bettler von heute.

Bei mir klingeln beinahe jeden Tag Menschen an der Tür des Pfarrhauses und betteln. Es ist kaum vorstellbar, welch große Not mir da entgegenschlägt, und das, obwohl ich mitten in einer Großstadt wohne, in der es bestimmt genug zu essen und auch immer einen Schlafplatz für jeden gibt. Wir haben an der Kirchengemeinde eine Ausgabestelle der Aktion “Laib und Seele”, die Bedürftige und ihre Familien mit Lebensmitteln und vielem Nötigen versorgt, außerdem Hilfe und Rechtsberatung in vielen Lebenslagen kostenlos zur Verfügung stellt. Und wir sind nicht die einzige kirchliche oder städtische Organisation in Schöneberg, die Menschen so unterstützt.

Es ist aber auch kaum vorstellbar, mit welcher Frechheit hier manchmal Leute anklopfen und hohe Beträge fordern, mit fadenscheinigen, offensichtlich frei erfundenen Geschichten, die auf die Tränendrüse drücken oder versuchen, mich bei meinem christlichen Gewissen zu packen – und ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich wirklich den Mut hatte, solchen Leuten dann auch die Tür vor der Nase zu zu schlagen und mich nicht ausnutzen zu lassen. Es gibt Bettler, die wahre Profis in ihrem Fach sind (Sie leben nämlich davon!) und rücksichtslos die Schwachen ausnutzen. Solchen würde ich nicht mehr den kleinsten Zipfel meines Mantels geben.

Die Seeleute auf den alten Segelschiffen haben früher immer gesagt: “Eine Hand für das Schiff und eine Hand für Dich selbst!”, wenn sie in die Rahen enterten… (Toll, wie gut ich die Seemannssprache kenne, nicht?) Niemandem auf dem Schiff ist es zu nutz, wenn so ein Matrose aus der Takelage stürzt, weil er sich an diese Regel nicht hält. Und es ist keinem Bedürftigen geholfen, wenn ein kirchlicher Mitarbeiter sich bis zum Burn out verausgabt, weil er nicht in der Lage war, rechtzeitig Grenzen zu ziehen. Jesus sagt: “Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!” – es ist eine Medaille mit zwei Seiten, die da glänzen müssen, damit der Wert erhalten bleibt…

Ich wünsche Euch allen einen schönen Martinstag, möge Eure Laterne hell strahlen, und der Mond golden strahlen auf Euren Weg!

St. Martin und die Kerzen in der Nacht

Es ist November, und es ist kalt draußen und dunkel. Alle Leute, die Zeit haben und zu Hause bleiben können, sitzen in ihrer Wohnung an einem schönen, warmen Feuer und trinken heißen Tee, um sich aufzuwärmen. Und wer draußen unterwegs sein muß, zieht sich schön warm an, damit er nicht friert: Einen dicken warmen Mantel, einen Schal, Stiefel und Handschuhe, eine Mütze oder einen Hut und Ohrenschützer…

So reitet auch St. Martin warm angezogen mit einem weiten roten Mantel, und das lange, scharfe Schwert hängt an seiner Seite, denn er ist ein römischer Soldat, und wie er so reitet, sieht er sich die Leute an, die dick eingemummelt durch den Schnee nach Hause laufen. Nur einer sitzt da mitten im Schnee…

Wer sitzt da? – Ein Bettler, ein armer Mann.

Was hat er an? – Nur ein paar Lumpen?! Mehr kann er sich nicht leisten, denn er ist arm. Er kann sich keinen Mantel kaufen, denn er ist arm, er kann nicht in einem warmen Zimmer sitzen und Tee trinken, denn er ist arm, er kann nur da im Schnee sitzen und frieren, und vielleicht stirbt er bald, weil es so kalt ist.

St. Martin reitet – warm angezogen – mit seinem Pferd vorbei und sieht den Bettler da stehen. Und wie er friert – brrrrr! Und wie er zittert! Und ganz blau ist er im Gesicht.

Martin hat Mitleid mit dem armen Bettler. Er will ihm gerne helfen. Aber was kann er tun? Was kann Martin machen?

Ja, er zieht sein Schwert und nimmt seinen schönen roten Mantel und schneidet ihn – ratsch! – mitten durch. So! Nun hat er zwei halbe Mäntel. Er gibt dem armen Bettler eine Hälfte, und die andere Hälfte nimmt er für sich.

Der arme Bettler wickelt sich in sein geschenktes Mantelstück und friert schon viel weniger. Er ist glücklich, denn sterben muss er diese Nacht noch nicht.

Martin aber reitet weiter, und er sieht ziemlich seltsam aus, da auf seinem Pferd mit seinem halben Mantel. Die Leute, die ihn sehen, lachen ihn aus – Martin mit dem halben Mantel! Siehst du komisch aus! Was willst du machen, wenn du noch einem Bettler begegnest? Willst du deinen Mantel noch mal teilen, bis du dich mit einem kleinen Fetzen zudecken musst?

Martin ist ziemlich traurig, als er endlich zu Hause ankommt. Anstatt selber dem Bettler zu helfen, haben die Leute Martin ausgelacht. Weil er jetzt nur noch einen halben Mantel hat. Und weil er so sonderbar aussieht mit einem halben Mantel…

Aber in der Nacht, als alles schläft und auch Martin im Bett liegt, hat er einen Traum. Es ist ganz dunkel. Martin kann die Hand nicht vor Augen sehen, so dunkel ist es. Aber er kann fühlen, dass er eine Kerze in der Hand hat, so wie ihr auch, aber die nützt ihm nichts, sie brennt nämlich nicht. Martin fürchtet sich ein bisschen, denn er kann nichts sehen. Da sieht er plötzlich Jesus, er hat einen halben roten Mantel an, die Hälfte von Martins Mantel, die er dem Bettler gegeben hatte! Und Jesus hält eine brennende, leuchtende Kerze in der Hand.

Jesus sagt: Sei nicht mehr traurig. Es ist gut, dass du deinen Mantel geteilt hast. Was du an diesem armen Mann getan hast, das hast du an mir getan. Was du ihm geschenkt hasst, hast du mir geschenkt.

Martin darf seine Kerze an der Kerze von Jesus anzünden. Sie teilen das Licht. Da wird es ein bisschen heller, und Martin kann sehen, dass da im Dunkeln viele Leute stehen, jeder mit einer Kerze. Jesus sagt zu Martin: Teil Du das Licht aus, trage das Licht in die Welt.

Aber – wenn ich teile, dann habe ich doch immer weniger? Nur einen halben Mantel, nur einen kleinen Fetzen, um mich zu zu decken? Bleibt denn von dem Licht nicht nur ein kleiner Funken übrig, der keinem Menschen mehr nutzt? Probiere es aus, sagt Jesus, du wirst schon sehen.

Martin gibt sein Licht weiter, so wie wir das jetzt auch machen, und es wird heller und heller. Keiner muss im Dunkeln bleiben, alle geben das Licht weiter, jeder teilt mit seinem Freund, mit seinem Nachbarn, mit seinen Kindern und Eltern, mit dem, der neben ihm steht.

Am Schluss ist es ganz hell, und Martin sieht jetzt, wie gut es ist, zu teilen. Auch wenn er erst mal weniger hat: am Ende haben alle mehr. Denn sie lernen, wie Gott die Menschen liebt – Er hat Alles mit uns geteilt.

Ändern oder bleiben…

Plus ça change, plus c’est la même chose.
Alphonse Karr

Manche Menschen ziehen in eine Wohnung ein, stellen Betten und Tische, Schränke und Regale an ihren Ort und ändern dann nie wieder etwas. Andere stellen die Möbel in ihrer Wohnung drei mal im Jahr um – trotzdem bleibt auch bei diesen Leuten in der Regel das Schlafzimmer ihr Schlafzimmer und das Wohnzimmer bleibt Wohnzimmer. Erst wenn irgendwann ein Kind oder eine kranke Schwiegermutter mit in der Wohnung untergebracht werden muss, ändert man auch mal die Nutzung der Zimmer. Und nur ganz selten verändert man dann auch den Grundriss der Wohnung, zieht eine neue Wand ein oder durchbricht eine andere, um zwei Zimmer oder auch gleich zwei Wohnungen zu verbinden.

Sehr alte Häuser haben oft so viele Umbauten hinter sich, dass sie wie organisch gewachsen erscheinen; sogar von außen kann man sehen, dass da und dort Fenster zugemauert wurden, Durchgänge neu aufgebrochen wurden, dass sogar ganze Gebäudeteile erst nachträglich angebaut worden sind. Darum atmen diese alten Mauern Geschichte; darum erzählen sie so beredt von dem Leben der Menschen, die sie bauten und bewohnten.

In den mathematischen Formeln und Naturgesetzen, mit denen die Physik die Wirklichkeit der Welt beschreibt, unterscheidet man zwischen Variablen und Konstanten. In Wirklichkeit ist das aber eine künstliche, willkürliche Unterscheidung. Die oft als konstant angesehene Erdanziehungskraft zum Beispiel nimmt mit der Entfernung vom Erdmittelpunkt ab, sie ist auch nicht an allen Orten auf der Erde exakt gleich. Wenn man also berechnen will, wie etwas aus großer Höhe herab fällt, zum Beispiel bei der Berechnung der Umlaufbahnen von Satelliten oder Raumstationen, muss man diese Veränderung der Erd-Anziehungskraft berücksichtigen. Sogar bei fundamentalen, universellen Größen wie der Gravitationskonstante nimmt man inzwischen an, dass sie sich in den Jahrmilliarden, die das Universum existiert, verändert haben könnte.

Es kommt also auf den Zusammenhang an, was man jeweils als veränderlich und was man als vorgegeben und unveränderlich betrachtet. Nicht nur in der Physik ist das so.

Manche Menschen haben scheinbar wenig Schwierigkeiten damit, Dinge in ihrem Leben zu ändern. Sie durchbrechen Mauern, fällen Bäume, leiten Bäche um. Sie wandern auf einen anderen Kontinent aus, heiraten drei oder vier mal, und ziehen danach für Jahre in ein Kloster. Solche Leute erfinden die Quantenmechanik und die Stringtheorie und entdecken das Higgs-Boson. Sie halten nichts für selbstverständlich, und alles Neue ist für sie schon allein deshalb gut, weil es neu ist.

Andere halten am Vertrauten fest, glauben an die Tradition, und reagieren misstrauisch auf alles, das nicht schon lang erprobt und für gut befunden wurde. Solche Menschen wohnen sechzig Jahre in demselben Dorf, in dem schon ihre Großeltern lebten. Sie fahren Oldtimer, pflegen Nationalparks und setzen sich für den Umweltschutz ein, sie renovieren Schlösser und Burgen nach den strengen Vorschriften der Denkmalschutzbehörden und betreiben ökologisch verantwortbare Landwirtschaft

Zu welchen gehörst Du?