Eine Gebrauchsanweisung zum Martinsfest – für Erwachsene

Wenn man mit Kindern St. Martin feiert, sollte man sich, meine ich, ein paar Gedanken gemacht haben. Es ist sicher gut und richtig, Kindern beizubringen, dass Teilen etwas Gutes ist. Nach meiner Erfahrung haben die meisten Kinder gar kein Problem damit; hier im Kindergarten der Kirchengemeinde teilen die Kinder gern und fast selbstverständlich alles miteinander, Spielzeug, Essen, Kleidung, Kopfläuse, Grippeviren…

Genau so nötig scheint es mir aber zu sein, den Kindern beizubringen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass der andere alles mit mir teilt, dass es einen Unterschied gibt zwischen Dein und Mein und das es völlig in Ordnung ist, wenn ein anderes Kind auch einmal sagt: Nein, das hier gehört mir, und ich möchte das nicht teilen.

In der Weihnachtszeit werden viele Menschen in Deutschland empfänglicher für den Gedanken der Nächstenliebe als in anderen Jahreszeiten. Man liest die Geschichten vom „Mädchen mit den Schwefelhölzern“, die Weihnachtsparabel von den drei Geistern von Charles Dickens und andere rührselige Geschichten vom Glück der Armen in den Weihnachtstagen, lässt sich davon anrühren und zieht auch den einen oder anderen Schein für Brot für die Welt oder Misereor aus der Tasche. Das ist gut so; ohne die Weihnachtsspenden könnten all diese großen Hilfswerke gar nicht arbeiten. Zu anderen Jahreszeiten ist dann die Geldbörse wieder sehr viel fester verschlossen, und ich glaube, auch das ist gut so.

St. Martin wird zu einer Art “Übervorbild”, also zu einem unerreichbaren Ziel, wenn mit seiner Geschichte der Anspruch verbunden wird, Du musst (immer und überall) die Not des anderen über deine eigenen Bedürfnisse stellen. Nein, ich glaube nicht mehr, dass dies das Idealbild christlicher Nächstenliebe ist. (Das sollte sich auch manch kirchlicher Mitarbeiter mit ausgeprägtem Helfersyndrom ab und zu einmal sagen lassen…)

Und auch die “Bettler” waren zur Zeit von Sankt Martin andere Menschen als die Bettler von heute.

Bei mir klingeln beinahe jeden Tag Menschen an der Tür des Pfarrhauses und betteln. Es ist kaum vorstellbar, welch große Not mir da entgegenschlägt, und das, obwohl ich mitten in einer Großstadt wohne, in der es bestimmt genug zu essen und auch immer einen Schlafplatz für jeden gibt. Wir haben an der Kirchengemeinde eine Ausgabestelle der Aktion “Laib und Seele”, die Bedürftige und ihre Familien mit Lebensmitteln und vielem Nötigen versorgt, außerdem Hilfe und Rechtsberatung in vielen Lebenslagen kostenlos zur Verfügung stellt. Und wir sind nicht die einzige kirchliche oder städtische Organisation in Schöneberg, die Menschen so unterstützt.

Es ist aber auch kaum vorstellbar, mit welcher Frechheit hier manchmal Leute anklopfen und hohe Beträge fordern, mit fadenscheinigen, offensichtlich frei erfundenen Geschichten, die auf die Tränendrüse drücken oder versuchen, mich bei meinem christlichen Gewissen zu packen – und ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich wirklich den Mut hatte, solchen Leuten dann auch die Tür vor der Nase zu zu schlagen und mich nicht ausnutzen zu lassen. Es gibt Bettler, die wahre Profis in ihrem Fach sind (Sie leben nämlich davon!) und rücksichtslos die Schwachen ausnutzen. Solchen würde ich nicht mehr den kleinsten Zipfel meines Mantels geben.

Die Seeleute auf den alten Segelschiffen haben früher immer gesagt: “Eine Hand für das Schiff und eine Hand für Dich selbst!”, wenn sie in die Rahen enterten… (Toll, wie gut ich die Seemannssprache kenne, nicht?) Niemandem auf dem Schiff ist es zu nutz, wenn so ein Matrose aus der Takelage stürzt, weil er sich an diese Regel nicht hält. Und es ist keinem Bedürftigen geholfen, wenn ein kirchlicher Mitarbeiter sich bis zum Burn out verausgabt, weil er nicht in der Lage war, rechtzeitig Grenzen zu ziehen. Jesus sagt: “Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!” – es ist eine Medaille mit zwei Seiten, die da glänzen müssen, damit der Wert erhalten bleibt…

Ich wünsche Euch allen einen schönen Martinstag, möge Eure Laterne hell strahlen, und der Mond golden strahlen auf Euren Weg!

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