Wie unser Hausmeister einmal mit einem Damen-Strumpf die frostige Kirche erwärmte…

Am einfachsten kann man eine versammelte Gemeinde aus dem Gottesdienst vertreiben, indem man im Winter die Kirche nicht heizt.

Kommt man von der verschneiten Strasse, von dem tiefgekühlten Vorplatz in die Kirche, wirkt sie zwar auf den ersten Eindruck erträglich gewärmt, doch nach einer Viertelstunde spürt man es in den Fingern, an der Nasenspitze und an den Bäckchen (sowohl an den beiden im rot-erfrischt-gesunden Gesicht als auch an den beiden anderen, auf denen man sitzt und die in der Kirche niemals jemand zu sehen bekommt), dass es doch empfindlich kalt ist; eigentlich sogar eine richtige Zumutung, wenn da nur vierzehn Grad in der Kirche sind…

Dem Organisten und den Streichern des kleinen Violinen-und-Geigen-Orchesters frieren schon während dem Glockengeläut die Hände ein, sie greifen im Musizieren öfter als unbedingt nötig daneben, was schon dem Vorspiel zur Liturgie eine gewisse jazz-funk-bluesige Qualität gibt; und auch die Zwischenspiele und die Streicher-Sonaten, die den Gottesdienst auflockern sollen, klingen heute wackliger und stärker „zufallsbestimmt“ als bei der Generalprobe am vergangenen Montag. Da war es aber auch noch gut geheizt in der Kirche.

Der Hausmeister macht ein besorgt-unschuldig aussehendes Gesicht, aber auch seine Bäckchen sind herzhaft gerötet und sehen aus wie die Werbung für den Multi-Vitaminsaft, den die meisten von uns als Kind von ihren Omas eingetrichtert bekommen haben. Ja, er hat die Heizung rechtzeitig eingeschaltet, diese ebenso uralte wie undurchschaubare Maschine im Keller der Kirche hat auch pflichtschuldigst losgerumpelt; scheinbar ist mit der Heizung alles in Ordnung – und doch ist es so kalt in der Kirche, dass die Gemeindeglieder zittern und mit den Zähnen klappern – trotz des dicken Mantels, des Schales und trotz der Handschuhe… Und das ist ihm ein bisschen peinlich…

Vor dem Altar wird mit zittriger Stimme aus einer Bibel vor gelesen, die spürbar in den Händen der Vortragenden vibriert: „So spricht der HErr: Wie der Schnee fällt auf den Höhen des Libanon, wie das Eis liegt auf den Bergen des Karmel…“ – – – und die Gemeinde ergänzt in Gedanken: „…so wird es auch sein in der heiligen Halle der Kirchengemeinde in Schöneberg: man wird frieren in der Kirche und Eiszapfen an der Nase tragen vor dem Altar des HErrn; bis man geht über den Vorplatz des Gemeindehauses hin zum wärmenden Kirchencafé, wo Kaffee verheißen ist und Tee und – ungelogen! – sogar Kuchen!“

Während der Predigt zieht der Hausmeister sein Jackett aus und verschwindet durch eine Seitentür, hinter der – wie der Pfarrer weiss – die Treppe in den Keller sich befindet… Auch die Gemeindeglieder wenden ihre Aufmerksamkeit kurzfristig weg von des Pfarrers weisen Worten und fragen sich, wo der Hausmeister da wohl hingeht. Manche hoffen schon das Beste.

Während des kurzen Moments der Stille nach der Predigt hört man es aus der Tiefe klirren und ächzen, der Hausmeister löst schwere Schrauben und dreht an gewichtigen Muttern, dann fällt ein Blech mit vernehmlichen Getöse auf den Boden; ein nicht ganz so leiser Fluch tönt durch die aufmerksam die Stille meditierenden Reihen.

Dann kommt der Hausmeister mit einem ölverschmierten Gesicht in die Kirche zurück und wendet sich fragend an eine junge Dame, die neben der Kirchentür sitzt und darauf wartet, dass sie nach der Predigt die Kollekte einsammeln kann, denn dies ist ihr Ehrenamt, zu dem sie sich vor einigen Monaten gemeldet hat. Sie geht aus der Kirche auf die Toilette, und der Pfarrer, der jetzt am Lesepult die Gemeinde auffordert, in das Glaubensbekenntnis einzustimmen, fragt sich, was das wohl werden soll…

Nach einer kurzen Pause erscheint die Dame wieder vor der Toilettentür und drückt dem wartenden Hausmeister ihre Nylonstrümpfe in die Hand. Der verschwindet freudestrahlend mit dem zarten Gewebe in den Keller, während dem Pfarrer das Wort im Munde steckenbleibt. Er verschluckt sich an seiner eigenen Verwunderung und muss lauthals husten, was der Organist geschickt überspielt, indem er mit dem Präludium zu dem nun folgenden Hymnus einsetzt: „Ist es auch kahalt am frühühen Morgen, weckt doch die Sonne mit ihirem Strahl…“

Kurze Zeit später hört man, wie im Keller der Motor der Heizpumpe startet, die mit dem vertrautenden quietschenden Geräusch das tut, was sie sonst immer getan hat, nämlich irgendwelches Zeug in den Heizkreislauf der Kirche pumpen. Wenige Minuten danach breitet sich auf dem Gesicht derer, die rechts an der Wand der Kirche sitzen, ein wohliges Grinsen aus, denn dort sind die Einlassöffnungen, durch die die heiße heizende Luft in den kalten Kirchenraum strömt – und anscheinend kommt dort jetzt etwas wie Wärme an… Nur ein strenger Blick des Pfarrers hält die dort versammelten Gemeindeglieder davon ab, in einen spontanen Applaus für den Hausmeister auszubrechen, der sich zufrieden neben die junge Dame setzt, die schon das Kollektenkörbchen in ihrer Hand hat…

Später werde ich den Hausmeister fragen, wozu um Himmels willen er die Strumpfhose dieser Frau gebraucht hat? Und er wird sagen, dass die Heizung nicht lief, weil der Treibriemen an der Kompressorpumpe gerissen war. Und er, der schon vor Jahrzehnten immmer mit einem VW-Käfer unterwegs gewesen war, hatte sich erinnert, dass man bei dessen Motor im Falle eines Falles einen gerissenen Keilriemen für eine kurze Zeit mit einem Nylonstrumpf ersetzen konnte – was meistens reichte, mit dem Wagen wenigstens noch in die nächste Werkstatt zu fahren. Und da unsere Heizung samt Kompressor und Motor in etwa aus demselben Baujahr stammt wie seine alterschwache Asphaltbeule, dachte er sich, was da geht, geht ja wohl auch hier – und so hat er mit ingenieurstechnischem Geschick die Stimmung der Gemeindeglieder beim Kirchenkaffee gerettet…

Vor dem Krippenspiel…

Weihnachten war für mich sehr schön und größtenteils entspannend… Der am meisten anstrengende Teil ist natürlich immer die große Kindervesper am Heiligen Abend um 15 Uhr, die mit dem Krippenspiel. Auch mit zwanzig Jahren Berufserfahrung habe ich immer noch schreckliches Lampenfieber vor diesem Gottesdienst, weil einfach so viele Leute, so viele Kinder beteiligt sind, dass alles Mögliche schief gehen kann, und gerade, wenn die Kirche so voll ist und so viele Leute da sind, die nur ein einziges Mal im Jahr in der Kirche sind, dann möchte man als Pfarrer natürlich mal zeigen, wie toll es bei uns ist und dass es sich durchaus lohnt, öfter mal zu kommen… (…und zum Beispiel die zweite große Performance am Ostertag auch mit zu nehmen.)

Um eins, schon zwei Stunden bevor es los gehen soll, haben wir uns alle in der Kirche zu einer letzten Generalprobe versammelt… Claudia ist da, die in unserer Gemeinde die Arbeit mit Kindern stemmt“, Marcel, unser Kirchenmusiker mit seinem Kinderchor, und ich in meinem schwarzen Talar. Und die zwanzig Kinder sind da, die beim Krippenspiel mitmachen: die kleinen Mädchen, die die Engel spielen werden; die kleinen Jungen, die entweder die Hirten sind oder – wenn sie noch zu klein sind, um eine Sprechrolle zu übernehmen, auch ein Schaf; die drei Wirte, die sich mit grimmigen Gesichtern auf ihre Rolle einstimmen; die Könige, die bei uns drei Königinnen sind, und natürlich Maria und Josef, die beiden Ältesten, die alle Anzeichen der beginnenden Pubertät zeigen, zum Beispiel dieses, dass sie so ein Krippenspiel ja eigentlich total albern und peinlich finden, aber weil sie vor drei Monaten gesagt haben, dass sie mitspielen, müssen sie jetzt da durch…

Es ist da eine Atmosphäre wie vor einer Opernpremiere: In allen Ecken der Kirche werden die Kinder von ihren Eltern in ihre Kostümchen verpackt, hier flirren Engelsflügel und Heiligenscheine, dort werden Hirtenstäbe geschwungen wie Laserschwerter, dort zickt einer der Könige herum, weil ihr die Krone immer wieder von dem blonden Kraushaarschopf herunterfällt. Nach einer halben Stunde sind aber alle bereit, und die Generalprobe, ein allerletzter Gesamtdurchlauf durch den ganzen Gottesdienst, kann beginnen.

Wir stehen am Eingang der Kirche, bereit für die feierliche Einzugs-Prozession. Die Musik erklingt, pathetisch, festlich, und wir schreiten in einer eher unordentlichen Zweierreihe auf den Altar zu. Die Engel winken ihren Eltern zu, die Wirte schauen grimmig, die Schafe werden von den Hirten getragen, damit sie sich nicht verlaufen. Ganz zuletzt kommen Maria und Josef angeschlendert – Halt, ruft Claudia, ihr könnt da nicht laufen, als ob ihr beim Einkaufsbummel im Schloss“ seid, dies ist eine Prozession, ein Fest, ihr müsst schreiten, nicht schlurfen… Alles zurück auf Anfang, nochmal geht’s los: Musik, pathetisch; Schreiten, unordentlich, auch Maria kriegt’s auf die Reihe, und Josef, na ja, wir müssen ja weitermachen.

Der Liturgische Gruß vor dem Altar: Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes… – Amen!“ und die Verneigung danach klappt ganz gut, jetzt alle auf ihre Plätze… Marcel spielt ein Weihnachtslied, das der Pfarrer im Namen der noch nicht vorhandenen Gemeinde laut singt, währenddessen wuseln Engel, Hirten, Könige und das Heilige Paar durch die Kirche. Das Krippenspiel beginnt mit dem Auftritt des Kaisers und seiner Soldaten. Drei kleine Jungen mit Lanze und Schild stehen neben dem schüchtern drein blickenden Kaiser und brüllen in die Kirche: Der Kaiser von Rom befiehlt euch heut: Geht dahin, wo ihr geboren seid!“ und schauen so martialisch verbissen in die Gemeinde, wie Strumtruppler auf Endor über eine Horde von Ewoks gucken würden…

Da machten sich auf auch Josef aus Nazareth zusammen mit Maria…“ tönt es vom Lesepult her. Maria und Josef schlendern durch die Kirche, sie hat sich ein großes Kissen in ihr Kostüm gesteckt und sieht tatsächlich ziemlich schwanger aus, ein beunruhigender Anblick bei einer süßen Vierzehnjährigen… Sie kommen bei der ersten Herberge an, klopfen, verhaspeln sich in ihrem Text, der Wirt guckt hilflos um sich, weil sein Stichwort nicht kommt… Beim fünften Versuch klappt es dann so, dass auch Claudia und der Pfarrer zufrieden sind… Schließlich sind die Beiden glücklich bei der Krippe gelandet, die Engel stehen um sie herum und singen: Sehet, dies Kindlein, Euch zum Heil geboren…“ und meine Aufregung legt sich etwas, weil es so aussieht, als ob doch alles gut gehen wird. Niemand fehlt, niemandem ist bisher vor Aufregung schlecht geworden, und alle können wenigstens einigermaßen ihren Text. Es wird alles gut.
Zuletzt kommen die Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhen, die Krone des Blondschopfs hat sich so in ihren Haaren verheddert, dass sie nicht runter fällt, und am Schluss stehen dann alle um die Krippe herum, ein wunderschönes Schlussbild, das die Väter alle gleich mit ihrer Handykamera fotografieren und den Müttern die Tränen in die Augen treibt…

Dann ist es halb Drei, die Kinder gehen in den Nebenraum der Kirche, wo es Kekse und Kakao und letzte Ermahnungen von den Eltern gibt, Claudia und ich versichern uns gegenseitig, dass das doch gar nicht schlecht war und dass ganz bestimmt alles gut gehen wird und dass es doch gar keinen Grund für Lampenfieber gibt – da schreit Maria aus dem Fenster der Herberge, in die sie sich geschlichen hat: JOOOSEF!!! Ich verlasse Dich! Hier ist ein König aus dem Morgenland, der hat einen ganzen Sack voll Gold. Du weißt doch: Diamonds are a girl’s best friend!

Maria durch ein‘ Dornwald ging…

Der Vierte Advent ist seit mehr als vierhundert Jahren ein besonderer Gedenktag für Maria, die Mutter Jesu. Das Evangelium des Sonntags berichtet davon, wie Maria als schwangere Frau ihre Tante Elisabeth besucht, die ebenfalls schwanger ist mit dem Kind, das später als Johannes, der Täufer bekannt werden wird und dessen Schicksal – jedenfalls der Legende nach – eng mit dem ihres eigenen Kindes verwoben sein wird.

Elisabeth begrüßt Maria mit den Worten, die in den Rosenkranz-Gebeten unserer römisch-katholischen Schwestern und Brüder eine so große Rolle spielen: Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gepriesen unter den Frauen, und gepriesen ist auch die Frucht deines Leibes, Jesus.

Trotzdem haben die meisten evangelischen Christinnen und Christen, die ich kenne, ein Problem mit der Verehrung der Maria – ein Problem, das zum großen Teil auf Missverständnissen beruht: Missverständnissen auf der Seite der katholischen Christen selbst, in deren Glaubenspraxis sich das, was von der Kirche ursprünglich gelehrt wurde, mit der unreflektierten Volksfrömmigkeit vermischt hat, und Missverständnissen auf der Seite der evangelischen Christen, die oft genug einfach zu wenig wissen von der Rolle, die Maria in der Theologie und der Glaubenslehre der Kirche spielt.

Maria ist die Mutter Gottes, sagen die katholischen Christen, und den evangelischen läuft dabei ein Schauder über den Rücken. Um dieses Glaubensbekenntnis zu verstehen, müssen wir zurückblicken in das fünfte Jahrhundert nach Christus. In der Kirche stritt man damals darüber, wie es denn eigentlich zu verstehen ist, dass Jesus Christus ein Mensch war, und zwar ganz und gar, mit Haut und Knochen, Herz und Nieren, Blut, Schweiß und Tränen, genau wie wir – und doch gleichzeitig Gott war, und zwar genau so ganz und gar, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott von wahrem Gott, gezeugt, aber nicht geschaffen…

Wenn Jesus von Ewigkeit her wahrer Mensch und wahrer Gott ist und von Maria geboren wurde, dann macht das Maria zur „Gottesgebärerin“, zur „Theotokos“. In einem ganz gewissen Sinn macht es sie zur „Mutter Gottes.“ In Maria wird das Wort Fleisch, Sie ist der „Ort“, an dem Gott zur Welt kommt, in ihr wird er geboren. Es ging damals gar nicht zuerst um Maria, sondern es ging um den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der recht verstanden und erklärt werden sollte.

Darum, denke ich, ist Maria wichtig auch für evangelische Frömmigkeit – nicht um sie als Himmelskönigin zu verehren oder gar anzubeten, sondern daran zu erinnern, dass in ihr Gott zur Welt gekommen ist. Und – obwohl dieses Wunder, dass Gott in Maria Mensch geworden ist, niemals übertroffen oder auch nur wiederholt werden kann – ich glaube daran, dass Gott in jedem Menschen, der an ihn glaubt, neu zur Welt kommt und in ihm lebt.

Adventszeit macht uns in Glanz und Stille, in Gesängen und Gebeten, im Feiern und Fasten darauf aufmerksam, dass Gott in jeder und jedem von uns zur Welt kommen will und Mensch werden will in unserer Lebensgeschichte. In dem Lied „Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Engel in Chören…“, das in der Weihnachtszeit oft gesungen wird, heißt es in der siebten Strophe in der für die damalige Zeit üblichen Inbrunst:

Süßer Immanuel,
werd auch in mir nun geboren,
komm doch, mein Heiland,
denn ohne dich bin ich verloren.
Wohne in mir,
mache ganz eins mich mit dir,
der du mich liebend erkoren.

„Werd auch in mir nun geboren…“ – das ist es, worum es mir an Weihnachten eigentlich geht.

Was das aber in der Praxis des alltäglichen Lebens bedeutet, wird jede und jeder für sich selbst herausfinden müssen.

Die Weisen aus dem Morgenland – Kaspar

Müde legte Kaspar die Harfe aus der Hand, doch seine Melodie klang noch im Gewölbe über der großen Halle der alten Schule nach. Es war schon spät, zu spät für Harfenspiel und Gesang, Zeit für Kaspar, ins Bett zu gehen. Morgen würde er diesen Ort verlassen, der seit dem Tag seiner Geburt seine Heimat war. Er würde fort gehen und wahrscheinlich nie zurück kehren.

Siebzehn Jahre war Kaspar hier in Metapont Schüler und Gast in der Philosophieschule gewesen. Phytagoras selbst, der Meister, war schon durch diese Hallen gegangen – eine Tatsache, die Kaspar immer wieder mit Ehrfurcht erfüllte, wenn er auf die alten Steine trat. Obwohl der Meister nun schon vor einem halben Jahrtausend gestorben war, trafen sich die Anhänger seiner Lehre noch immer hier und forschten nach den verborgenen Harmonien in der Natur und in der Kunst, in der Mathematik und in der Musik, in der Beschreibung des Himmels und der Sterne, in der Architektur sowie in der Beschreibung des menschlichen Körpers.

In den Harmonien und Rhythmen der Dinge verborgen waren die Zahlen. Die Maße, die Zahlen und ihre Verhältnisse zueinander bestimmten Natur und Kunst, Harmonie und Schönheit. Besonders deutlich war das in der Musik: Der Ton, den eine Saite erzeugte, harmoniert perfekt mit dem, den die Hälfte der Saite erzeugt. Erklingen sie gemeinsam, kann das Ohr sie nicht unterscheiden… Ebenso war es mit dem Ton des dritten Teils der Saite und mit dem Vierten. Interessante Akkorde entstehen, wenn Saiten erklingen, deren Längen in einem einfachen Verhältnis zueinander standen, etwa die Terz, die Quarte, die Quinte. Wenn die Längen der Saiten in einem komplizierteren Verhältnis zueinander standen, erzeugten die Saiten Missklänge, Disharmonien, die dem Zuhörenden in den Ohren schmerzten…

Ebenso waren die Maße und Zahlen der Planeten, der wandernden Sterne am Himmel, perfekt aufeinander abgestimmt: Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn bewegen sich vor den Sternzeichen des Tierkreises, und gemeinsam bilden sie die Noten einer Melodie, eines göttlichen Sphärenklanges, der – für uns unhörbar – den Himmel und die Erde erfüllt und das Universum am Leben erhält.

Mit großem Staunen hatte Kaspar als Kind den Erklärungen seiner Lehrer gelauscht, hatte selbst mit Leier und Monochord zu experimentieren begonnen, Geometrie und Arithmetik studiert und zuletzt mit der Astronomie, der Erforschung der Gesetze des Himmels begonnen. In dieser Zeit hatte er erfahren, dass er ein Findelkind war, dass er eines Morgens vor der Tür der Philosophieschule gelegen hatte, zugedeckt mit einem dünnen Tuch in einem Körbchen aus geflochtener Weide.

Die Philosophen haben ihn aufgenommen, haben eine Amme für ihn gesucht, und als er körperlich dazu in der Lage war, wurde er ein Bewohner ihres Hauses. Wer in Wahrheit seine Eltern waren, hat niemals jemand erfahren. Kaspar hatte dunkle Augen und schwarze Haare, und seine Gesichtszüge, die noch markanter wurden, jetzt, als er an der Schwelle zum Mannesalter stand, legten nahe, dass seine Eltern aus Persien kamen, vielleicht durchreisende Händler waren oder sogar Gesandte des persischen Königs auf dem Heimweg aus Rom…

Es machte Kaspar nichts aus, dass er fast nur von Männern umgeben war und nur selten eine Frau zu Gesicht bekam; es machte ihm nichts aus, dass er viel arbeiten musste und niemals allein für sich war – aber er wurde all die Jahre das Gefühl nicht los, dass er nicht wirklich hier hin gehörte. Es gab außer ihm keine anderen Kinder in seiner näheren Umgebung. Schon immer hatte eine Art Einsamkeit ihn geplagt, mitten unter den Menschen, die um ihn waren, fühlte er sich verloren und fremd. Doch seit er die Geschichte seiner geheimnisvollen Ankunft in der Philosophenschule erfahren hatte, wurde dieses Gefühl mächtiger und schmerzhafter in ihm.

Es war, als ob seine Sehnsucht einen Nachhall zwischen den Sternen gefunden hätte, denn die Forschungen Kaspars zeigten nun unerwartete und überraschende Ergebnisse: Die Harmonien der Planetenläufe zeigten mit einem starken, gewaltigen, den ganzen Himmel umfassenden Akkord ein besonderes Ereignis im Osten an, in einem Land am östlichen Ende des Mittelmeers… Selbst der Angelpunkt des Kosmos schien in Bewegung geraten zu sein, denn die Punkte, in denen der Weg der Sonne im Jahreskreis den Äquator des Himmels überschritt, sie bewegten sich, und am Jahresanfang stand die Sonne nun nicht mehr im Zeichen des Steinbocks, sondern im Zeichen der Fische… und dieses Sternzeichen stand seit alter Zeit als Symbol für das jüdische Land.

Darum musste Kaspar gehen und seine Stadt verlassen, die ihm nie wirklich Heimat war. Vielleicht würde er sie in der Fremde finden, auf dem Weg nach Jerusalem?

Die Weisen aus dem Morgenland – Melchior

Mürrisch schritt Melchior die Stufen hinauf. Er erreichte die obere Etage der Kasbah, des alten Gasthofes am Rande der Stadt. Er hatte dieses Haus ausgesucht, weil es so traditionell aussah, richtig schön altmodisch: Die Wände waren aus Lehm und Stroh gefertigt und mit strahlend weißer Farbe bemalt, in den Ecken konnte man noch die Fingerabdrücke der Männer sehen, die vor acht oder neun Jahrzehnten diese Mauern errichtet hatten. Im Innenhof roch es nach Kamelen und Gewürzen, nach dem Stroh, mit dem der Boden bedeckt war, und nach den Bla Halefa-Datteln, mit denen man hier immer noch wie schon vor tausend Jahren die Kamele fütterte.

Vom Dach der Kasbah aus konnte Melchior die niedrigen Dächer der umliegenden Hütten überblicken. Auf vielen Dächern waren kleine Lehmöfen aufgebaut worden, in denen die Leute die Hirse für ihr Couscous kochten, der Duft von vielen kleinen Feuern erfüllte hier oben die Luft, während die Abenddämmerung langsam der Dunkelheit wich. Hier draußen vor der Stadt wohnten die Armen, die einfachen Leute, und bei ihnen hausten auch die Fremden, die Reisenden, die ebenso wenig hier heimisch waren wie sie. „Wir sind nicht in der Welt zu Haus, wir sind geboren aus dem Feuer der Sterne, und dort hin kehren wir am Ende zurück.“ Diesen Satz hatte sein Lehrer ihm wieder und wieder gesagt, bis er ihn im Schlaf sagen konnte. Im Laufe der Jahrzehnte war dieser Satz sein Glaubensbekenntnis geworden, aus diesen Worten konnte er Kraft ziehen, Trost finden, wenn er wieder das Gefühl hatte, dass der Wirbel der Welt um ihn herum seine Sinne verwirrte und ihm seine Seele raubte. Manchmal weckte ihn in der Nacht die Sehnsucht nach dieser wahren Heimat, und dann trat er hinaus in das Dunkel und tröstete sich dort, indem er die einsame Stille genoß…

Inzwischen war es Nacht geworden, und Melchior konnte die Sterne über sich sehen. Seit langen Ewigkeiten standen sie da, niemals hatte sich etwas geändert an den Bildern und Mustern, die sie mit ihrem Sternenfeuer an den Himmel malten. Schon die Väter seiner Großväter hatten sie so gesehen, den uralten Ahnen hatten sie auf ihren Wegen geleuchtet und die Richtung gewiesen. Für Melchior waren die Sterne ein Zeichen geworden, welches ihm immer wieder versicherte, dass die Zeit den wirklich wichtigen Dingen nichts anhaben konnte, dass diese ewig und unveränderlich waren und blieben.

Doch dann – vor einigen Wochen – war dieser Neue Stern erschienen. Melchior misstraute allem Neuen, allem, was sich noch nicht bewährt hatte, das seine Qualität noch nicht unter Beweis stellen konnte. Wenig Verlass war auf das Neue, das sein Vertrauen noch nicht verdient hatte.

Dieser Stern aber, das war ihm sofort klar geworden, als er ihn zum ersten Mal sah, dieser Stern war anders, nicht einfach nur etwas Neues am Himmel, so wie die Kometen, die von Zeit zu Zeit erschienen und wieder vergingen, nicht wie die Meteore, die wie himmlischer Flitter aufleuchteten und sofort wieder verschwanden. Dieser Neue Stern war in gewisser Weise älter und würdiger als alles andere, was da am Himmel leuchtete, denn dieser Stern war vor allen anderen, auch wenn er – Melchior – ihn jetzt erst entdeckt hatte; und das, was der Neue Stern zu verkünden hatte, würde immer noch da sein nach dem Ende der Zeit, wenn selbst die ewigen Sterne nur noch erloschener Staub und kalte Asche waren und eine verblassende Erinnerung in dem Gedächtnis der Ahnen. Er war das Sternenfeuer, aus dem alles kam, was eine Seele hatte; er war der Anfang und das Ende des Lebens, die Heimat aller Menschenkinder und aller Himmelsgeborenen…

Melchior hat beschlossen, diesem Stern zu folgen, zu sehen, wohin er wandert und was er ihm zeigen wird. Vor drei Wochen hat er sich auf den Weg gemacht, den Nil entlang, vorbei an den alten Pyramiden, in denen die Pharaonen begraben lagen, die man einmal Söhne des Himmels genannt hatte, bis nach Alexandria, der Stadt, die jetzt die Römer beherrschten, der Stadt, die so laut und verwirrend für den alten Weisen aus der Tiefe Afrikas ist, dass sie ihm immer wieder bis in die Seele verstört. Gold hat er mitgenommen, das rote Blut und die leuchtenden Tränen der Erde, das Älteste und Wertvollste, das er besaß. An seinem Ziel, wenn er dem ewigen Himmelslicht begegnen wird, wird er es IHM schenken…

Die Weisen aus dem Morgenland – Balthasar

Manche Sterne suchten sich jeden Tag an einem anderen Platz am Himmel. Die meisten Sterne gehörten zwar zu den altbekannten Bildern, die die Astronomen am Himmel erkannt hatten, zu dem Löwen, dem Steinbock, den Fischen, zu Gilgamesch, dem großen Jäger, oder zu Astarte, der Jungfrau des Himmels. Diese Sterne erschienen jeden Abend wieder an der gleichen Stelle: Aldebaran, Deneb, Al-Tahir, Sirius, Beteigeuze, Zuben-el-dschenubi; auf sie konnte man sich verlassen, sie waren in ihrer stetigen Treue ein Zeichen der sicheren Gesetze des Himmels. Aber einige Himmelslichter gab es, die zwischen den Sternen ihre Bahnen zogen, die wanderten, ruhelos wie die Nomaden draußen in der Wüste, jeden Tag rückten sie ein Stück weiter auf ihrem Weg durch die Zeichen des Tierkreises. Manche wanderten schnell, Venus und Mars, waren schon am nächsten Tag einen Finger breit voran gekommen, andere wanderten langsam, man merkte es erst nach Wochen genauester Beobachtung, dass auch sie zu den wandernden Sternen gehörten, Jupiter und Saturn…

Und manchmal zogen sie ihre Schleifen, hielten an, wanderten ein paar Wochen sogar rückwärts auf ihrer Bahn, um dann auf einmal wieder schnell voran zu eilen, als wollten sie durch doppelte Geschwindigkeit ihren Fehler wieder gut machen…

Jeden Abend, wenn das Wetter es erlaubte, zeichnete Balthasar sorgfältig ihre Positionen auf, führte die alten Listen weiter, die schon Generationen von Astronomen und Sterndeutern vor ihm begonnen und gewissenhaft fortgeführt hatten, zuletzt sein Großvater und sein Vater, der schließlich ihm selbst, Balthasar, den Schlüssel zu dem hohen Turm der Sternwarte überreicht hatte. Mit der Position des königlichen Astrologen hatte er nun auch die Pflichten übernommen, die Positionen der Planeten zu beobachten und, wenn möglich, ihre Bahnen im Voraus zu berechnen, „damit kein Chaos entstehe am Himmel und Tod und Verderben über das große Reich Babylon bringe…“ Denn was im Himmel geschieht, hinterlässt seine Spuren auch auf der Erde. An den Sternen konnte man oft eine Hungersnot, ein Unwetter, einen Krieg schon im Voraus ablesen; man konnte auch sehen, wenn ein neuer König geboren wurde oder ein mächtiger Herrscher starb; man konnte es sehen, wenn man Weisheit hatte, die Zeichen zu deuten, konnte wie in einem Buch lesen, wenn eine Weltmacht zu großen Taten aufbracht oder ein Großreich seinem Ende entgegen ging…

Babylon, das große Reich, gab es nun schon lange nicht mehr, über das Land zwischen Euphrat und Tigris regierten nun die Römer, doch die alten Listen wurden trotzdem überall im Land fortgeführt und weiter geschrieben von Magiern, Gelehrten, Priestern und Weisen, von Menschen wie Balthasar…

Aber nun geschah etwas Seltsames, etwas Neues, was noch niemals vorher geschehen war: Balthasar hatte es zuerst nicht glauben wollen, hatte dreimal nachgerechnet: Die Spur der Venus, die Bahn des Mars und der Weg des Jupiter werden sich kreuzen, noch in diesem Jahr, und sie werden sich nicht nur einmal überschneiden. Weil in den nächsten Monaten alle drei Planeten fast gleichzeitig ihre Schleifenbewegung ausführen müssen, werden sie sich dreimal begegnen, dreimal in einem Jahr so nahe beieinander stehen, dass man sie beinahe für einen großen, hellen Stern im Westen halten könnte. Das gab es so noch nie zuvor, und es war ein Zeichen, dass viel zu deutlich war, als dass man es einfach unbeachtet lassen könnte. Hier wurde nicht einfach ein König geboren. Hier zeigten die Sterne, dass ein Stück vom Himmel selbst auf die Welt kommen wird, dass ein Gott geboren wird unter den Menschen. Aber – wo? Das zu sehen war unmöglich für Balthasar, er wusste es nicht, und selbst die Sterne schwiegen für ihn, den Weisen aus dem Morgenland…

Darum hat Balthasar seine Reisesachen gepackt und ist bereit, sich auf einen Weg zu machen. Er kann nicht länger in Babylon bleiben, er muss nach Westen reisen, um selbst herauszufinden, was die Sterne dort den Menschen sagen wollen, und welche Bedeutung dieses Zeichen hat. Ein weiter und gefährlicher Weg wartet auf ihn und seine kleine Karawane. Wenig nimmt er mit, nur das Nötigste zum Leben für sich und seine Freunde. Und dazu eine Kiste mit dem kostbaren Weihrauch, den er von seinem Großvater geerbt hatte, den will er am Ziel seiner Reise verschenken, wenn sich die Gelegenheit bietet, um damit Gott unter den Menschen zu begrüßen.

Die Welt ist nicht bereit…

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Die Wohnung ist schon geschmückt, Lichterketten glitzern an den Fenstern, und im Zimmer duftet es nach Tannenzweigen. Kerzen warten auf das Streichholz, das sie entzündet, und in ihrer Dose liegen die selbstgebackenen Kekse bereit.

Schön sieht das aus, der Advent kann kommen.

Aber innerlich bin ich noch nicht bereit. So viele traurige Gedanken verdunkeln mir die Tage. Da explodiert eine Bombe in einer Moschee und reisst hundert Menschen in den Tod. Da sind Millionen Flüchtlinge unterwegs auf der Suche nach einer sicheren und warmen Unterkunft. Da wird eine junge Frau getötet, die den Mut hatte, sich der Gewalt entgegen zu stellen.

Da ist die Frau, die die Freude am Leben verliert, weil ihr Mann sie immer wieder beleidigt und mit Worten missbraucht. Manchmal hält er ihr sogar ein Messer unter die Nase.

Da ist eine andere, die seit Monaten im Krankenhaus liegt, während die Krankheit ihr das Gefühl aus den Händen und den Beinen frisst und ihre Zukunft, ihr Lächeln und ihr Selbstvertrauen zerstört. So viele, die ich liebe, sind krank, allein, oft hoffnungslos.

Die Welt ist nicht bereit für den Advent. Wahrscheinlich war sie es nie.

Und trotzdem kommt Gott. Trotzdem kommt das Licht in die Finsternis. Trotzdem ruft die Stimme zum Fest. Sie ruft in der Wüste.

Nicht zu weltabgewandter Gefühlsseeligkeit, sondern zu einem wachsamen Blick auf die Wirklichkeit ruft sie. Nicht zur Sinnlichkeit, sondern zur Besinnung.

In der Bibel wird erzählt, wie sie alle unterwegs sind: Maria und Josef, die Engel, die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland. Keiner sitzt da gemütlich am heimischen Herd.

Ich werde heute Kaffee und Kekse genießen, das Licht am Adventskranz anzünden und mit meiner Frau feiern. Aber das allein ist nicht Advent.

Morgen mache ich mich auf den Weg…

Ich wünsche allen, die hier mit lesen, einen gesegneten Advent…