Die Weisen aus dem Morgenland – Balthasar

Manche Sterne suchten sich jeden Tag an einem anderen Platz am Himmel. Die meisten Sterne gehörten zwar zu den altbekannten Bildern, die die Astronomen am Himmel erkannt hatten, zu dem Löwen, dem Steinbock, den Fischen, zu Gilgamesch, dem großen Jäger, oder zu Astarte, der Jungfrau des Himmels. Diese Sterne erschienen jeden Abend wieder an der gleichen Stelle: Aldebaran, Deneb, Al-Tahir, Sirius, Beteigeuze, Zuben-el-dschenubi; auf sie konnte man sich verlassen, sie waren in ihrer stetigen Treue ein Zeichen der sicheren Gesetze des Himmels. Aber einige Himmelslichter gab es, die zwischen den Sternen ihre Bahnen zogen, die wanderten, ruhelos wie die Nomaden draußen in der Wüste, jeden Tag rückten sie ein Stück weiter auf ihrem Weg durch die Zeichen des Tierkreises. Manche wanderten schnell, Venus und Mars, waren schon am nächsten Tag einen Finger breit voran gekommen, andere wanderten langsam, man merkte es erst nach Wochen genauester Beobachtung, dass auch sie zu den wandernden Sternen gehörten, Jupiter und Saturn…

Und manchmal zogen sie ihre Schleifen, hielten an, wanderten ein paar Wochen sogar rückwärts auf ihrer Bahn, um dann auf einmal wieder schnell voran zu eilen, als wollten sie durch doppelte Geschwindigkeit ihren Fehler wieder gut machen…

Jeden Abend, wenn das Wetter es erlaubte, zeichnete Balthasar sorgfältig ihre Positionen auf, führte die alten Listen weiter, die schon Generationen von Astronomen und Sterndeutern vor ihm begonnen und gewissenhaft fortgeführt hatten, zuletzt sein Großvater und sein Vater, der schließlich ihm selbst, Balthasar, den Schlüssel zu dem hohen Turm der Sternwarte überreicht hatte. Mit der Position des königlichen Astrologen hatte er nun auch die Pflichten übernommen, die Positionen der Planeten zu beobachten und, wenn möglich, ihre Bahnen im Voraus zu berechnen, „damit kein Chaos entstehe am Himmel und Tod und Verderben über das große Reich Babylon bringe…“ Denn was im Himmel geschieht, hinterlässt seine Spuren auch auf der Erde. An den Sternen konnte man oft eine Hungersnot, ein Unwetter, einen Krieg schon im Voraus ablesen; man konnte auch sehen, wenn ein neuer König geboren wurde oder ein mächtiger Herrscher starb; man konnte es sehen, wenn man Weisheit hatte, die Zeichen zu deuten, konnte wie in einem Buch lesen, wenn eine Weltmacht zu großen Taten aufbracht oder ein Großreich seinem Ende entgegen ging…

Babylon, das große Reich, gab es nun schon lange nicht mehr, über das Land zwischen Euphrat und Tigris regierten nun die Römer, doch die alten Listen wurden trotzdem überall im Land fortgeführt und weiter geschrieben von Magiern, Gelehrten, Priestern und Weisen, von Menschen wie Balthasar…

Aber nun geschah etwas Seltsames, etwas Neues, was noch niemals vorher geschehen war: Balthasar hatte es zuerst nicht glauben wollen, hatte dreimal nachgerechnet: Die Spur der Venus, die Bahn des Mars und der Weg des Jupiter werden sich kreuzen, noch in diesem Jahr, und sie werden sich nicht nur einmal überschneiden. Weil in den nächsten Monaten alle drei Planeten fast gleichzeitig ihre Schleifenbewegung ausführen müssen, werden sie sich dreimal begegnen, dreimal in einem Jahr so nahe beieinander stehen, dass man sie beinahe für einen großen, hellen Stern im Westen halten könnte. Das gab es so noch nie zuvor, und es war ein Zeichen, dass viel zu deutlich war, als dass man es einfach unbeachtet lassen könnte. Hier wurde nicht einfach ein König geboren. Hier zeigten die Sterne, dass ein Stück vom Himmel selbst auf die Welt kommen wird, dass ein Gott geboren wird unter den Menschen. Aber – wo? Das zu sehen war unmöglich für Balthasar, er wusste es nicht, und selbst die Sterne schwiegen für ihn, den Weisen aus dem Morgenland…

Darum hat Balthasar seine Reisesachen gepackt und ist bereit, sich auf einen Weg zu machen. Er kann nicht länger in Babylon bleiben, er muss nach Westen reisen, um selbst herauszufinden, was die Sterne dort den Menschen sagen wollen, und welche Bedeutung dieses Zeichen hat. Ein weiter und gefährlicher Weg wartet auf ihn und seine kleine Karawane. Wenig nimmt er mit, nur das Nötigste zum Leben für sich und seine Freunde. Und dazu eine Kiste mit dem kostbaren Weihrauch, den er von seinem Großvater geerbt hatte, den will er am Ziel seiner Reise verschenken, wenn sich die Gelegenheit bietet, um damit Gott unter den Menschen zu begrüßen.

Ein Gedanke zu “Die Weisen aus dem Morgenland – Balthasar

  1. Und dann haben sich die drei verabredet und jeder sollte was mitbringen zum Jesuskind…..doch der eine hatte sich verhört und bekam tierische Schimpfe:“ Myrrhe,Alter…..nicht Möhre….oder kannst du uns sagen wie das Kind die kauen soll?“😂

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