Vor dem Krippenspiel…

Weihnachten war für mich sehr schön und größtenteils entspannend… Der am meisten anstrengende Teil ist natürlich immer die große Kindervesper am Heiligen Abend um 15 Uhr, die mit dem Krippenspiel. Auch mit zwanzig Jahren Berufserfahrung habe ich immer noch schreckliches Lampenfieber vor diesem Gottesdienst, weil einfach so viele Leute, so viele Kinder beteiligt sind, dass alles Mögliche schief gehen kann, und gerade, wenn die Kirche so voll ist und so viele Leute da sind, die nur ein einziges Mal im Jahr in der Kirche sind, dann möchte man als Pfarrer natürlich mal zeigen, wie toll es bei uns ist und dass es sich durchaus lohnt, öfter mal zu kommen… (…und zum Beispiel die zweite große Performance am Ostertag auch mit zu nehmen.)

Um eins, schon zwei Stunden bevor es los gehen soll, haben wir uns alle in der Kirche zu einer letzten Generalprobe versammelt… Claudia ist da, die in unserer Gemeinde die Arbeit mit Kindern stemmt“, Marcel, unser Kirchenmusiker mit seinem Kinderchor, und ich in meinem schwarzen Talar. Und die zwanzig Kinder sind da, die beim Krippenspiel mitmachen: die kleinen Mädchen, die die Engel spielen werden; die kleinen Jungen, die entweder die Hirten sind oder – wenn sie noch zu klein sind, um eine Sprechrolle zu übernehmen, auch ein Schaf; die drei Wirte, die sich mit grimmigen Gesichtern auf ihre Rolle einstimmen; die Könige, die bei uns drei Königinnen sind, und natürlich Maria und Josef, die beiden Ältesten, die alle Anzeichen der beginnenden Pubertät zeigen, zum Beispiel dieses, dass sie so ein Krippenspiel ja eigentlich total albern und peinlich finden, aber weil sie vor drei Monaten gesagt haben, dass sie mitspielen, müssen sie jetzt da durch…

Es ist da eine Atmosphäre wie vor einer Opernpremiere: In allen Ecken der Kirche werden die Kinder von ihren Eltern in ihre Kostümchen verpackt, hier flirren Engelsflügel und Heiligenscheine, dort werden Hirtenstäbe geschwungen wie Laserschwerter, dort zickt einer der Könige herum, weil ihr die Krone immer wieder von dem blonden Kraushaarschopf herunterfällt. Nach einer halben Stunde sind aber alle bereit, und die Generalprobe, ein allerletzter Gesamtdurchlauf durch den ganzen Gottesdienst, kann beginnen.

Wir stehen am Eingang der Kirche, bereit für die feierliche Einzugs-Prozession. Die Musik erklingt, pathetisch, festlich, und wir schreiten in einer eher unordentlichen Zweierreihe auf den Altar zu. Die Engel winken ihren Eltern zu, die Wirte schauen grimmig, die Schafe werden von den Hirten getragen, damit sie sich nicht verlaufen. Ganz zuletzt kommen Maria und Josef angeschlendert – Halt, ruft Claudia, ihr könnt da nicht laufen, als ob ihr beim Einkaufsbummel im Schloss“ seid, dies ist eine Prozession, ein Fest, ihr müsst schreiten, nicht schlurfen… Alles zurück auf Anfang, nochmal geht’s los: Musik, pathetisch; Schreiten, unordentlich, auch Maria kriegt’s auf die Reihe, und Josef, na ja, wir müssen ja weitermachen.

Der Liturgische Gruß vor dem Altar: Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes… – Amen!“ und die Verneigung danach klappt ganz gut, jetzt alle auf ihre Plätze… Marcel spielt ein Weihnachtslied, das der Pfarrer im Namen der noch nicht vorhandenen Gemeinde laut singt, währenddessen wuseln Engel, Hirten, Könige und das Heilige Paar durch die Kirche. Das Krippenspiel beginnt mit dem Auftritt des Kaisers und seiner Soldaten. Drei kleine Jungen mit Lanze und Schild stehen neben dem schüchtern drein blickenden Kaiser und brüllen in die Kirche: Der Kaiser von Rom befiehlt euch heut: Geht dahin, wo ihr geboren seid!“ und schauen so martialisch verbissen in die Gemeinde, wie Strumtruppler auf Endor über eine Horde von Ewoks gucken würden…

Da machten sich auf auch Josef aus Nazareth zusammen mit Maria…“ tönt es vom Lesepult her. Maria und Josef schlendern durch die Kirche, sie hat sich ein großes Kissen in ihr Kostüm gesteckt und sieht tatsächlich ziemlich schwanger aus, ein beunruhigender Anblick bei einer süßen Vierzehnjährigen… Sie kommen bei der ersten Herberge an, klopfen, verhaspeln sich in ihrem Text, der Wirt guckt hilflos um sich, weil sein Stichwort nicht kommt… Beim fünften Versuch klappt es dann so, dass auch Claudia und der Pfarrer zufrieden sind… Schließlich sind die Beiden glücklich bei der Krippe gelandet, die Engel stehen um sie herum und singen: Sehet, dies Kindlein, Euch zum Heil geboren…“ und meine Aufregung legt sich etwas, weil es so aussieht, als ob doch alles gut gehen wird. Niemand fehlt, niemandem ist bisher vor Aufregung schlecht geworden, und alle können wenigstens einigermaßen ihren Text. Es wird alles gut.
Zuletzt kommen die Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhen, die Krone des Blondschopfs hat sich so in ihren Haaren verheddert, dass sie nicht runter fällt, und am Schluss stehen dann alle um die Krippe herum, ein wunderschönes Schlussbild, das die Väter alle gleich mit ihrer Handykamera fotografieren und den Müttern die Tränen in die Augen treibt…

Dann ist es halb Drei, die Kinder gehen in den Nebenraum der Kirche, wo es Kekse und Kakao und letzte Ermahnungen von den Eltern gibt, Claudia und ich versichern uns gegenseitig, dass das doch gar nicht schlecht war und dass ganz bestimmt alles gut gehen wird und dass es doch gar keinen Grund für Lampenfieber gibt – da schreit Maria aus dem Fenster der Herberge, in die sie sich geschlichen hat: JOOOSEF!!! Ich verlasse Dich! Hier ist ein König aus dem Morgenland, der hat einen ganzen Sack voll Gold. Du weißt doch: Diamonds are a girl’s best friend!

2 Gedanken zu “Vor dem Krippenspiel…

  1. 😂wir sind in die Heimat und auch zum Krippenspiel….Pater Sebastian ist alt geworden und die letzte Nonne geht zurück in die Schweiz

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s