Das Wort Gottes – automatisch…

Es ist schon faszinierend, wieviel Arbeit in unserem High-tech-Zeitalter von Maschinen übernommen werden kann. Waschmaschinen und Geschirrspüler erleichtern unsere Hausarbeit, Anrufbeantworter und Videorecorder vertreten uns, wenn wir nicht zu Hause sind. In den modernen Fabriken werden ganze Produktionszusammenhänge von vollautomatischen Robotern ausgeführt. Menschen haben dann nur noch die Aufgabe, die computergesteuerten Riesen mit Rohstoffen zu versorgen. Bestimmte Produkte wie z.B. Taschenrechner werden von keiner Menschenhand berührt, alles wird automatisch zusammengebaut, getestet, verpackt und zum Versand vorbereitet. Wenn man einmal einen solchen Roboter bei der Arbeit gesehen hat, beschleicht einen das beinahe unheimliche Gefühl, daß da etwas Lebendiges am Werk ist, etwas Intelligentes, das weiß, was es tut und wozu…

Zur Zeit Jesu war an solche Technik natürlich nicht einmal im Traum zu denken. Es gab aber die Faszination der Natur und das Erstaunen, das die Menschen empfinden, wenn sich etwas „von allein“ entwickelt, wenn etwas wächst, ohne daß sich ein Mensch darum kümmert…

Das Senfkorn, das so winzig klein ist und doch – in ganz kurzer Zeit! – zu einem großen Baum werden kann; die Saat, die ganz von allein wächst und Frucht bringt dreißig, sechzig und hundertfältig; die Kraft des Lebendigen, die sich durchsetzt im Kampf gegen Trockenheit und Dornen, das waren Bilder, die die Menschen damals ebenso faszinieren konnten wie uns die Technik heute. Jesus hat solche Bilder in seinen Gleichnissen aufgenommen, um seinen Jüngern und allen Menschen die Wirklichkeit Gottes nahe zu bringen: So lesen wir im Evangelium des Markus, wie Jesus dieses Gleichnis erzählt:

Das Reich Gottes ist so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst, ohne daß er’s weiß. Denn die Erde bringt von selbst Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Ein Gleichnis ist es, was Jesus seinen Jüngern und denen, die ihm zuhören, erzählt. Mit Gleichnissen muß man vorsichtig umgehen, besonders beim Predigen. Denn die Versuchung ist immer da, eine Allegorie daraus zu machen, jedes Element der Erzählung auszudeuten. Jahrhunderte lang ist in der Kirchengeschichte so gepredigt worden: Der Same ist das Wort Gottes, der ausgesät wird unter den Menschen, und er geht auf, er wächst, indem die Kirche entsteht, und es will Frucht bringen in jedem von uns, der zur Kirche gehört. Und das ist ja auch richtig. Trotzdem denke ich, daß man etwas Wichtiges übersieht, wenn man Gleichnisse nur allegorisch auslegt.

Wenn es aber um ein Gleichnis geht und nicht um eine Allegorie, dann muß man zuerst gucken: Was wird hier womit verglichen? Was ist das Bild, und welche Sache beschreibt es? Und zweitens: Worauf kommt es bei diesem Vergleich an? Was ist das Gemeinsame an der Bild- und an der Sachhälfte?

Sehen wir also mal genauer hin: Was wird verglichen? Mit dem Reich Gottes, so beginnt das Gleichnis, ist es wie mit einem Mann, der seinen Samen sät… Worum geht es aber, wenn vom Reich Gottes die Rede ist?

Zuerst fällt uns das Paradies ein: das ist unsere Sehnsucht: zurück in den Garten Gottes, leben wie Adam und Eva in einem immerwährenden Urlaub… Kann das das Reich Gottes sein? Dann fallen uns die Verheißungen in der Offenbarung ein: das himmlische Jerusalem, die goldene Stadt, mit zwölf gigantischen Perlen an den Stadttoren… Auch nur ein Bild für etwas, das eigentlich nicht gesagt werden kann.

Das Reich Gottes ist das Ziel der Verheißung Gottes, es ist unsere Hoffnung. „Blinde werden sehend, Lahme gehen, den Gefangenen wird die Freiheit gepredigt und den Zerschlagenen die Erlösung, denn Gott ist gnädig.“ Das sind die Zeichen des Reiches Gottes.

Mir fällt auf, daß in der Bibel vom Reich Gottes viel eher gesagt wird, was es nicht ist, als daß man erfährt, was es denn eigentlich ist.

So viel wird deutlich: Das Reich Gottes ist etwas total anderes; etwas, was ganz außerhalb unserer menschlichen Erfahrung liegt. Was darum in der Bibel über das Paradies, über das Königreich Gottes u.s.f. gesagt ist, ist alles nur eine schwache Annäherung an das Eigentliche, nur ein Versuch, etwas darüber zu sagen, und fast immer wird auch das Gegenteil gesagt. Vom Reich Gottes kann niemand sagen: „Hier ist es oder dort…“, denn es ist immer erst im Kommen, in dieser Weltzeit nie erfüllt. Und doch: In dem, was Jesus ist und in dem, was er tut, ist das Reich Gottes schon unter den Menschen gegenwärtig: „Siehe, es ist mitten unter euch!“ Auch wenn wir nicht sagen könnten, wo, so wissen wir doch, daß – wie Samenkörner – schon Anfänge der Gottesherrschaft „mitten unter uns“ geschehen.

„Ein Mensch wirft Samen auf das Land und schläft und steht auf Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst, ohne daß er’s weiß. Denn die Erde bringt Frucht von allein…“ Automatae, von selbst, steht hier im Griechischen; und dieses Wort kommt im ganzen Neuen Testament nur hier vor, ein einziges Mal. Das ist aber der springende Punkt in diesem Gleichnis: Von selbst, ohne daß man’s weiß, wächst hier der Same und bringt Frucht. Auf dieses Wort: „von selbst“ kommt es in diesem Gleichnis an, denn das haben Samenkorn und Gottesreich gemeinsam.

Was also Jesus mit diesem Gleichnis sagen will, ist das: Das Reich Gottes ist nicht eure Sache. Es kommt von allein, ohne eure Arbeit, so sicher wie aus einem Samenkorn der Halm und die Ähre und die Frucht wächst. Nichts könnt ihr dazu tun. Das Reich Gottes kommt von allein. Nichts könnt ihr beschleunigen. Es kommt zu seiner Zeit, aber es kommt sicher. Es ist allein Gottes Sache.

Was wir brauchen, ist Geduld. Warten können ist nicht unsere Stärke. Es ist vor allem schwer, weil wir so viel vom Reich Gottes brauchen können. Ungeduldig sehen wir auf die Schrecken und Katastrophen unserer Zeit, blicken auf das Leiden unserer Mitmenschen. Zu gern würden wir das alles aufgehoben sehen in der Herrschaft Gottes; wir warten darauf, daß er Frieden schafft und Gerechtigkeit wiederherstellt. Wir würden auch mithelfen, mit bauen am Reich Gottes… Wir wollen helfen, heilen, die Welt verändern, sie so gestalten, wie sie unserer Ansicht nach sein sollte.

Das Reich Gottes ist aber, so sagt es Jesus in diesem Gleichnis; das Reich Gottes ist letzten Endes keine zu vollbringende Leistung; nichts, was wir uns erarbeiten und erkämpfen können; sondern eher ein Prozeß, der fast wie von selbst abläuft.

Sind wir darum zu Zuschauern degradiert? Wird uns das Reich Gottes übergestülpt wie ein unverdienter Lorbeerkranz? Dies ist die Angst von Menschen in unserer Leistungsgesellschaft, die sich gerade die wichtigen und zentralen Dinge selbst erarbeiten und verdienen wollen. Wir haben Angst vor dem Überraschenden und Unverdienten. Die Menschen einer Agrargesellschaft hatten dagegen noch einen Blick für das Geschenkhafte in allem, was sie sich erarbeiten.

Wenn wir diesen Blick aus den Augen verlieren, werden wir verzweifeln, trotz aller Arbeit, die Gut und Richtig ist. Denn das Reich Gottes durch unsere Arbeit auf der Erde zu bauen, ist mehr, als in unserer Macht steht. Wenn wir unseren Blick nicht von den letzten Dingen lösen und das tun, was direkt vor unseren Augen ist, werden wir nie etwas tun. Gutes tun und darin die Liebe Gottes weiterzugeben an unsere Mitmenschen, das ist unsere Aufgabe. Die Dinge, die nicht in unserer Macht stehen, sollen wir Gott überlassen. Dies ist letztlich die Erfahrung, die wir mit dem Reich Gottes machen werden: Trotz allen Einsatzes, trotz aller Mühe wird es uns überraschen, trotz aller Anstrengung werden wir dann das Gefühl haben, es ist uns einfach in den Schoß gefallen.

Der Heilige von Mallorca

Er war jung und schön und reich; er liebte es, zu provozieren und ging keinem Skandal aus dem Weg. Er hatte Freude an schönen Frauen und ausschweifenden Parties, und zu den beliebten “Clubs” auf Mallorca musste er nicht weit reisen, weil er schon dort auf der Insel geboren wurde: im Jahre 1235… Ramon Lull war Sänger, Dichter und Liebling der Damen am Hofe des spanischen Königs Jacob I. von Aragón. Der König war dem Vater des jungen Tunichtguts verpflichtet, weil der als Soldat bei der Eroberung Mallorcas aus den Händen der Sarazenen geholfen hatte; und Ramon wurde der Hauslehrer des Prinzen, der später als Jakob II. König von Mallorca wurde.

Als Ramon etwa dreißig Jahre alt war, machte er aber eine einschneidende Erfahrung: Er verliebte sich – obwohl er selbst inzwischen verheiratet war und Vater zweier Kinder – in die Reize einer schönen Frau, Senyora Ambrosia de Castello, die mit einem reichen Genueser Edelmann verheiratet war. Er bedrängte die Frau mit seinen Liebesschwüren, ritt einmal sogar mit dem Pferd in die Kathedrale von Palma, um die Ersehnte zu beeindrucken… In ihrer Verzweiflung wandte sie sich ihm zu, öffnete ihr Gewand und zeigte ihm ihre von Krebs zerfressene Brust: “Ich bin eine Ausgestoßene der Liebe, mein Geliebter ist der Tod!”

Dieses Erlebnis hat ihn anscheinend so schockiert, dass er sich von seiner Frau, seinen Kindern und seinem skandalösen Lebensstil verabschiedete und auf eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela ging… Von da an fühlte er sich zum religiösen Leben berufen.

Zurück auf Mallorca, begann er mit dem Studium der Theologie, lernte Latein, Arabisch und Hebräisch und entwickelte den Plan, mit überzeugenden Vernunftargumenten Juden und Muslime zum Christentum zu bekehren, um die blutigen Glaubenskriege im Mittelmeer zu beenden.

Mit logischen und mathematischen Methoden wollte Raimundus Lullus, wie er sich jetzt nannte, die Existenz Gottes und die Wahrheit der christlichen Glaubenssätze beweisen. Er glaubte, dass in jedem Teilbereich der Wissenschaft, auch in der Theologie, einige wenige einfache, grundlegende Prinzipien enthalten sind; und indem alle möglichen Kombinationen dieser Prinzipien erforscht werden, kann man alles Wissen, das der Menschheit überhaupt zugänglich ist, darstellen und beschreiben. So werden dem forschenden Denken alle Strukturen der Wahrheit erkennbar und man erlangt universelles Wissen, auch über die Gottheit.

Mit einer Art “Computer” aus Pappe entwickelte er ein System, das ihm helfen sollte, alle überhaupt nur möglichen Fragen zu stellen. Dann schrieb er ein Buch, die “Ars Magna”, die „Große Kunst“, in dem er begann, diese Fragen der Reihe nach zu beantworten… Er war selbst davon überzeugt, dass dieses Buch das wichtigste Buch der Welt (nach der Bibel vielleicht) und das Ende aller theologischen Streitigkeiten sein würde, da nun vollständig alle denkbaren Fragen von Menschen mit den Mitteln vernünftigen Denkens erkannt und beantwortet werden können.

Der “Computer” besteht im wesentlichen aus mehreren, verschieden großen Pappscheiben (manchmal nur drei, manchmal sogar sieben), die am Rand mit Symbolen bedeckt sind, die für die großen, grundlegenden Themen der Theologie und der Philosophie stehen. Auf der innersten Scheibe stehen die „absoluten Prinzipien“, die Eigenschaften Gottes: Größe, Güte, Ewigkeit, Weisheit, Ehre – und so fort. Auf dem nächstgrößeren Rad stehen die „relativen Prinzipien“, die Eigenschaften der irdischen Dinge: Begrenztheit, Gleichheit, Verschiedenheit und andere. Die dritte Scheibe enthält die Symbole für die verschiedenen Beziehungen, die die Dinge zueinander haben können, die vierte die unterschiedlichen Sachverhalte, nach denen gefragt weden kann… In ihrem gemeinsamen Mittelpunkt sind die Pappscheiben so zusammen gesteckt, dass man sie aufeinander drehen kann, und man kann nun durch einfaches Drehen der Scheiben Fragen erzeugen wie: Kann Gott die Welt aus dem Nichts heraus erschaffen? Kann ein Engel etwas bereuen? Wenn eine Schwangere stirbt, kann ihr ungeborenes Kind in den Himmel kommen? Wohin geht die Kälte, wenn ein Stein erwärmt wird? Was war vor dem Anfang der Ewigkeit?

In seinem Buch: „Der Baum der Wissenschaft“ stellt Lullus über 4000 Fragen dieser Art. Manchmal beantwortet er sie, oft aber überläßt er es auch dem Verstand seiner Leserinnen und Leser, darüber zu meditieren und aus eigener Kraft zu forschen.

Mit seiner “großen Kunst” und vielen anderen Büchern, die ähnliche Gedanken erläuterten, wurde Raimundus Lullus in ganz Europa berühmt. Er lehrte an der Universität in Paris, setzte sich für die Errichtung von Lehrstühlen für orientalische Sprachen an anderen europäischen Universitäten ein und förderte die Zusammenarbeit islamischer und christlicher Theologen.

1315 wurde Ramon Lull auf einer Reise nach Algerien von einer wütenden Menschenmenge gesteinigt und schwer verletzt nach Mallorca zurück gebracht, wo er ein Jahr später starb. Kurz nach seinem Tod setzte die katholische Inquisition verschiedene Schriften Lulls auf den Index der verbotenen Bücher. Ramon Lull wurde verdächtigt, die christliche Theologie ’mit notwendigen Gründen’ rational beweisen und dadurch den Glauben abschaffen zu wollen. Auf Mallorca wird er wegen seines Romans “Blanquerna” als Begründer der katalanischen Sprache verehrt, so wie Luther mit seiner Bibelübersetzung in Deutschland als Begründer der hochdeutschen Sprache angesehen wird. Raimundus Lullus wurde von Papst Pius IX. selig gesprochen…

Schwerter zu Pflugscharen?

Gott spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht.
Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen.
Jesaja 2,4 (Einheitsübersetzung)

Mehr als fünfunddreißig Jahre ist es her, dass in Zusammenhang mit einem Gottesdienst am Buß- und Bettag, zu dem der sächsische Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider einlud, ein Lesezeichen aus Stoff verteilt wurde, auf dem die Losung abgedruckt war, die später zum Wahlspruch der Friedensbewegung in der Deutschen Demokratischen Republik wurde: „Schwerter zu Pflugscharen.“

In der Zeit, in der nach dem zweiten Weltkrieg in den Jahren des „eisernen Vorhangs“ viele junge Männer den Dienst an der Waffe antreten mussten, war für viele Christen in Ost und West dies ein Symbol der Hoffnung: Kriegsgeräte und Waffen werden nicht mehr nötig sein, wenn es Frieden zwischen den Völkern gibt.

In den vergangenen fünfunddreißig Jahren ist eine neue Generation herangewachsen, die die DDR nicht mehr aus eigener Anschauung kennt, die sich aber angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage mehr als die West-Deutschen damals – zum Teil auch aus persönlicher Betroffenheit heraus – mit der Frage nach dem Verhältnis von Krieg und Frieden auseinandersetzen muss.

„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Dieses Leitwort hat der Ökumenische Rat der Kirchen unter dem Eindruck der Gräuel des Zweiten Weltkrieges schon 1948 bei seiner Gründung in Amsterdam verkündet. „Frieden schaffen ohne Waffen!“ war der Slogan, der in den achtziger Jahren auf Demonstrationen gerufen wurde, bei denen sich Bürger gegen die Aufstellung von atomaren Mittelstreckenraketen in Deutschland wehrten.

Nicht immer ist die Wirklichkeit so einfach zu beschreiben, wie überzeugte Pazifisten sie gerne sehen. Es gibt gute Gründe, die dazu führen, dass auch Christen heute als Soldat in Kriegsgebiete dieser Welt ziehen, um dort mit der Waffe für Gerechtigkeit und Menschenrechte einzutreten – und es gibt gute Gründe, warum andere Menschen aus christlich geprägtem Gewissen heraus gerade diesen Dienst verweigern.

Doch muss man die Wirklichkeit immer im Blick behalten und die Dinge beim Namen nennen: Krieg ist Sünde. Der Rat der EKD hat 2003 in einer Denkschrift veröffentlicht: Jeder Krieg ist ein so großes Übel, dass der Einsatz militärischer Gewalt von der Politik nur im äußersten Notfall erwogen werden darf und auch dann noch unentrinnbar mit Schuld verbunden bleibt. Jeder Krieg bringt Elend über viele Unschuldige und erreicht oft nicht einmal die Ziele, um deretwillen er geführt wird.

Es gibt Situationen, in denen jede Entscheidung, die man trifft, einen Menschen und auch einen Staat mit Schuld belastet. Der einzige Trost, der uns dann bleibt, ist zu wissen, dass Gott uns, die wir in den sündhaften Strukturen und Sachzwängen dieser Welt behaftet sind, nicht die Tür vor der Nase zuschlagen wird. Sein Gericht ist gerecht, denn er wird alles recht machen.

Ein Stern erwacht in dieser Nacht…

Nun werden die Tage wieder länger. Der Winter hat gerade erst
angefangen, da ist mir das kalte nassgraue Wetter schon zuwider, und
dass es immer erst gegen zehn richtig hell und um vier schon wieder
dunkel wird, das schlägt mir wirklich aufs Gemüt. Ich habe Sehnsucht
nach dem Licht. Es wird mir leichter fallen, morgens aufzustehen, ich
werde nicht ganz so viel Kaffee brauchen, um endlich in Fahrt zu kommen,
und ich werde bessere Laune haben und mehr Freude bei der Arbeit. Wenn
es hell ist, geht es mir einfach besser.

Ich weiß, dass es an ein paar ganz einfachen astronomischen Tatsachen
liegt, dass im Winter die Tage so kurz sind. Die Achse, um die sich die
Erde dreht, steht nicht gerade auf der Ebene, in der die Erde ihre Bahn
um die Sonne zieht. Darum fallen die Sonnenstrahlen im Winter auf der
Nordhalbkugel der Erde schräger ein, sie haben weniger Kraft. Die Sonne
steigt nicht so hoch über den Horizont. Darum geht sie später auf und
früher unter. Man kann das genau berechnen, auf die Sekunde. Aber seit
der Wintersonnenwende ändert sich dieses Verhältnis wieder. Es wird noch
eine ganze Weile kalt draußen bleiben, aber die Tage werden wieder
länger, jeden Morgen geht die Sonne jetzt ein bisschen früher auf.

Licht ist lebensnotwendig. Diese Erfahrung ist so allgemein bekannt,
dass das Licht zu einem Urbild, zu einer Metapher für die Sehnsucht der
Menschen nach Sinn, Heilung und Erlösung geworden ist. Dass wir endlich
Ordnung in unser Leben bekommen, dass wir die alten Fehler nicht immer
wieder machen, dass etwas in uns – nein, dass wir ganz als Menschen neu
und besser werden – ist das nicht der Antrieb zu den ungezählten „guten
Vorsätzen“, die wir uns an Silvester vornehmen? Dass wir uns endlich
einen Ruck geben und aus unserer Trägheit aufwachen, dass wir mit einer
mutigen Anstrengung unsere Selbstsucht überwinden und etwas für andere
tun – wie oft haben wir uns das geschworen, und dann blieb doch alles in
den eingefahrenen Gleisen und in den gewohnten Grenzen! Dass es Licht
werde in und bei uns, das ist – in einem Wort – unsere Sehnsucht!

Die Sehnsucht nach dem Licht – vielleicht war es diese Sehnsucht, die
die Weisen, die Sterndeuter aus dem Morgenland dazu trieb, dem Stern zu
folgen. Wir wissen so wenig über sie: nicht ihre Namen, nicht ihre
Herkunft, wir wissen nicht genau, was sie eigentlich gesehen haben, und
wir wissen nicht einmal, wie viele sie waren: alle Antworten auf diese
Fragen hat spätere Tradition erfunden. Sie haben im Osten einen Stern
gesehen, der ihnen sagte, dass im Lande der Juden ein neuer König
geboren war. Nun waren sie gekommen, ihm zu verehren.

Astronomie, die Sternkunde, und Astrologie, die Sterndeuterei, waren
damals nicht unterschieden. Die Babylonier haben sowohl mit der im
heutigen Sinn wissenschaftlichen Forschung als auch mit Horoskopen und
der Auslegung der Tierkreiszeichen gearbeitet. Nach dem Gesetz des Mose
war den Juden das verboten, die Sterne nach der Zukunft und den Zeichen
der Zeit zu befragen war ein Eingriff in die Vollmacht Gottes, die
Sterne anzubeten war Abgötterei. Es war aber ein Stern in der Nacht, der
in ihnen die Sehnsucht nach dem Licht weckte, der sie aufbrechen lässt
und über alle Grenzen gehen.