Rosenstolz am Valentinstag

Viele Feiertage haben einen ganz besonderen, allgemein verständlichen, nachvollziehbaren Sinn: Ostermontag zum Beispiel ist ein wirklich sinnvoller Feiertag, weil man da sich nach den ganzen Feierlichkeiten in der Karwoche endlich mal wieder richtig ausschlafen kann, oder Aschermittwoch, weil dann der ganze Karnevals-Wahnsinn endlich vorbei ist, Vatertag, weil man da mit den Kumpels mal ein Bier trinken gehen kann, und Martinstag, weil da die Kinder „Laterne“ singen können und weil es an diesem Tag zum ersten Mal zum Jahresende hin wieder Glühwein gibt.
Andere Feiertage sind schön, auch wenn ihr Sinn sich niemandem mehr wirklich erschließt: am „Tag der Arbeit“ arbeitet zwar kaum jemand, aber man kann diesen Tag nutzen, um in den ersten wirklich wärmenden Sonnenstrahlen nach einem missglückten Frühlingsanfang mit der Familie einen Ausflug ins Grüne zu machen, und am „Buß-und-Bettag“ fahren auch nicht mehr Leute Bus als sonst, vielleicht bleiben ja ein paar mehr im Bett…
Seit einigen Jahren gibt es aber immer mehr Feiertage, die eigentlich gar keine Tradition in Europa haben und die nur gefeiert werden, weil sie in den amerikanischen Vorabendserien vorkommen und weil es immer mehr Leute gibt, die meinen, wenn ein grundanständiger Mensch wie Homer Simpson oder ein hochintelligentes Genie wie Sheldon Cooper sie feiert, dann kann es ja nicht völlig falsch sein, vielleicht ist es ja sogar cool; in diese Reihe gehört zum Beispiel „Thanksgiving“ oder „Halloween“…
Ich frage mich, warum man eigentlich diese Tage feiern sollte, mit denen uns so gar nichts verbindet… Immerhin – irgendwie muss man ja auch diese ganzen übrig gebliebenen Truthähne aus den Kühltruhen und die ganzen ollen Plastik-Totenköpfe aus dem Lagerregal bekommen, und da bietet sich so ein amerikanischer Feiertag geradezu an; hinterher sieht es dann viel ordentlicher aus im Gefrierschrank und im Keller ist wieder Platz für neue Kürbisse und Totenköpfe, hat ja auch was.
Jedoch der schrecklichste der Schrecken, völlig unnütz und eine wahre Landplage ist der Valentinstag…

Valentinstag ist so ein „verordneter“ Feiertag, an dem aus irgendeinem Grunde alle Männer mit einem Blumenstrauß und einer selbst gebastelten „Herzchen“-Karte beweisen müssen, dass sie ihre Frau noch lieben, und wenn sie das vergessen, muss die Frau sich ein eine blöde Ziege verwandeln, die lautstark herum heult: „Nie denkst Du an mich und immer vergisst Du alles und ich zieh zurück zu meiner Mutter…“ – und das alles nur, weil in beinahe allen amerikanischen Vorabendserien dieses Rollenmodell vorgespielt wird.

Als „Fest der Liebe“ auf den Webseiten der Blumenhändler bezeichnet (war das nicht eigentlich doch Weihnachten – das „Fest der Liebe“?) ist es meiner Erfahrung nach eher der Tag, an dem Liebschaften zerbrechen und Ehen erschüttert werden… (Meine Rechtschreibkorrektur möchte statt „Valentinstag“ „Vasallenstaat“ schreiben – sagt das nicht schon alles aus?)

Ich meine ja, ein Mann, der seiner Frau sonst das ganze Jahr über nie einen Blumen-strauß schenkt, der kann das auch am Valentinstag einfach sein lassen… Mein Navi aber meinte letztes Jahr: „Nie denkst Du an mich und immer vergisst Du alles und ich zieh zurück zu meiner Mutter…“ und heulte lautstark herum wie irgendeine der verzweifelten Hausfrauen aus der amerikanischen Fernsehserie „Verzweifelte Hausfrauen“…

Man ist ja lernfähig, und darum habe ich mir dieses Jahr vorgenommen, rechtzeitig(!) einen passenden Strauß Grünzeug aufzutreiben. Außerdem hat sie mir am Tag vor Valentinstag einen Zettel auf den Küchentisch gelegt, auf dem mit dem dicken Edding geschrieben steht „BLUMEN!!!“

Man erkennt ja einen so subtilen Wink mit dem Zaunpfahl, wenn man einen sieht, man ist ja nicht blöd. Also hab ich mich auf den Weg gemacht, um einen hübschen Strauß zu kaufen.Das aber war gar nicht so einfach… Ohne Navi verlaufe ich mich nämlich leicht. Glaubt sie. Darum hat sie mir einen zweiten Zettel, den ich in meiner Manteltasche gefunden habe, geschrieben: „Wenn Du Blumen kaufst, geh nicht zu diesem billigen Grünzeugstand im S-Bahnhof; die Pflanzen, die sie da verkaufen, sind immer schon nach drei Tagen welk. Kauf auch nicht die gelben Tulpen in Plastikfolie aus dem Supermarkt, die finde ich hässlich. Geh zum dem Blumenfritzen in der B*****-Straße, die Blumen von dem sind schön und halten zwei Wochen lang – wenn Du nicht wieder vergisst, rechtzeitig das Wasser in der Vase zu wechseln…“

Also laufe ich quer über den verschneiten Friedhof und noch ein paar Ecken weiter zu dem Blumenhändler in der B*****-Straße. Der hat einen schönen, gemütlichen Laden, mit schweren, alten Holzmöbeln stilvoll eingerichtet. Auf der großen Anrichte im hinteren Teil des Geschäfts steht eine faszinierende messingfarbene Registrierkasse aus den Zwanziger Jahren, und man sieht an dem ganzen Ambiente in dem Laden, dass der Besitzer Geschmack hat und Blumen liebt. Wirklich liebt.

Ich erzähle ihm, wie faszinierend ich diese Registrierkasse finde, wir reden eine Zeit lang über Steam-Punk und die Schönheit eigentlich schon veralteter Technik, irgendwann bietet er mir das „Du“ an und ich bekomme einen Kaffee und wir diskutieren darüber, ob es denn wenigstens theoretisch möglich wäre, einen Computer zu bauen, der mit Ventilen und und Rohren und jeder Menge Dampf funktioniert…

Dann verabschiede ich mich und stehe draußen auf der Straße… Da war doch noch was?
Ach ja, Einkaufen… Ich laufe weiter die verschneite Straße entlang in den Supermarkt der „wunderschönen Warenwelt“, spaziere durch die Gänge und lade den Einkaufswagen voll mit Nudeln, Milch, Orangen, Paprika, Hackfleisch und anderen Dingen, aus denen ich abends ein leckeres Essen zaubern will. „An den Kassen ist heute ein starker Andrang“, denke ich noch, „und so viele Männer heute…“ Sie alle packen gelbe Tulpen in Plastikfolie auf das Band an der Kasse, und da fällt mir wieder ein, dass ich mit dem netten Registrierkassen-Fuzzi aus dem Laden in der B*****-Straße ja nicht nur über Messing-Laptops und Lesehilfen aus Kupfer und Bergkristall diskutieren wollte…

Eine Viertelstunde später stehe ich wieder in seinem Laden, und er grinst.

„Noch einen Kaffee gibt’s aber nicht!“ –

„Nee, ich will noch Blumen kaufen…“ sage ich.

Für Deine Frau?“ fragt er.

Nee, für in den Salat…“ will ich antworten, beherrsche mich aber. „Natürlich…“

Ui, ui, ui, ui…“ macht der Blumen- und Registrierkassen-Fuzzi und schüttelt bedenklich den Kopf: „Das ist nicht einfach; immerhin ist morgen Valentinstag, da kommt’s drauf an…“

„Ja, ich weiß, der ‚Schrecklichste der Schrecken‘ und so weiter… Was meinst Du, warum ich eigentlich hier bin…“ –

„Weißt Du denn schon, was Du willst?“ fragt er. –

Nee, Rosen oder so, das passt doch immer…“

Der Steampunk-Experte schaut mich mitleidig an…

Es gibt mehr als vierhundert verschiedene Sorten Rosen, und ungefähr zwanzig davon hab ich hier im Laden. Da musst Du schon ein bisschen konkreter sein…“ –

„Äh, ja…“ sage ich, „Rote??“

Zehn Minuten später bin ich auf dem Weg nach Hause. Der Blumentyp ist echt ein Experte. Für solche Härtefälle wie mich hat er eine Checkliste gemacht, die soll ich zu Hause ausfüllen und dann wieder kommen.

Auf der Checkliste steht:

Checkliste für Härtefälle
Bitte geben sie an
° Größe und Farbe der Vase, in der die Blumen stehen sollen
° Größe und Farbe des Tischtuchs, auf dem die Vase stehen soll
° Farbe der Gardinen in dem Raum, in dem die Blumen stehen sollen
° Farbe und Muster der Tapeten in diesem Raum
° Art und Farbe der Lampe, mit der dieser Raum beleuchtet wird

…und so ging es weiter, ungefähr drei Din-A-4-Seiten lang. Dieser Kerl ist ein Genie. Oder schwul. Oder ein schwules Genie, gibt’s ja auch, schwule Genies.

Zwei Stunden später habe ich die Checkliste ausgefüllt und mit ihrer Hilfe und der Hilfe des netten, schwulen Blumen- und Registrierkassen-Fuzzis einen passenden Strauß roter Rosen gefunden und auch nur das Achtfache dafür bezahlt, was er im Kiosk im S-Bahnhof gekostet hätte. Naja, der Ehe-Frieden und der Haus-Segen muss einem schon etwas wert sein. Sagt der schwule Blumen-Fuzzi. Der kennt sich nämlich mit sowas aus. Außerdem ist es gut für’s Geschäft…

Zuhause stelle ich die Rosen in die Vase – mit Wasser und diesem seltsamen Blumenfrischhalte-Pulver, das man in allen Blumenläden kostenlos dazu bekommt, wenn man Rosen kauft – und stelle die Vase mit den Rosen auf das Tischtuch und schalte die Lampe neben der Vase ein und ziehe die Gardine zu; und sie sehen wunderschön aus, die Rosen; und ich schicke einen freundlichen Gedanken an den netten Blumen-Experten, der mich so kompetent beriet…

Dann koche ich und brate und backe das, was ich in der „wunderschönen Warenwelt“ eingekauft habe und höre dabei laut Musik von „Rosenstolz“…

Und dann klingelt es an der Tür und mein Navi kommt wieder nach Hause…
Sie begrüßt die Katze und mich, und ich sehe, wie sich die Katze genüßlich die Lippen leckt… Ist das da nicht ein Rosenblatt in ihrem Katzenmäulchen? Und was hat da vorhin im Esszimmer eigentlich so komisch geklirrt?

Die Versuchung des Judas Iskarioth

„Und es war Nacht.“

Johannes erzählt das Evangelium, die gute Botschaft von Jesus Christus, nicht einfach so. Er strukturiert sie wie ein kunstvolles Gemälde, er komponiert seine Geschichten wie eine Oper. Jedes Detail, das auf der Bühne erscheint, hat seine Bedeutung, seinen tieferen Sinn.

Jesus sitzt mit seinen Jüngern beim Abendmahl zusammen. Für ihn sind diese Stunden am Ende des Tages immer sehr wichtig gewesen. Sie waren für Jesus eine Zeit, ruhig zu werden, entspannt mit den vertrauten Jüngern zusammen zu sein. Vielleicht haben sie gemeinsam Pläne gemacht, vielleicht über eines der Erlebnisse an diesem Tag diskutiert, vielleicht auch einmal nur gelacht und gescherzt. Oder sie haben sich gegenseitig von ihren Sorgen erzählt, von Fragen und Zweifeln. Von ihrer Angst…

Sie waren Freunde, die sich zum Essen zusammen setzten. Streit und Meinungsverschiedenheiten gab es selten, meistens blieb es bei den üblichen Neckereien, die die Stimmung eher auflockern als verhärten: sie wollten ja im Grunde alle dasselbe, sie waren eine vertraute Gemeinschaft junger Männer, die wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten.

Aber an diesem Abend war es anders. Jesus war schon den ganzen Tag eher still und nachdenklich gewesen, nun saß er da an dem einfachen Tisch und schien den Tränen nah. Was war nur los? Die Jünger sahen sich besorgt an.

„Einer von Euch…“ sagte Jesus, und das Sprechen schien ihm schwer zu fallen, „einer von Euch wird mich verraten.“

„Er wird mich verraten an die Tempelwächter, die immer wieder durch die Stadt gehen, um Unruhestifter und auffällige Personen zu verhaften; verraten an den Sanhedrin, die religiöse Obrigkeit des Tempelbezirks, denen ich schon länger ein Dorn im Auge bin. Verraten an den Mob, die unberechenbare Meute auf den Nebenstraßen und Hinterhöfen, die nur zu gern bereit sind, „Kreuzigt ihn!“ zu schreien, wenn sie ein wehrloses Opfer vor die Schergen des Königs Herodes und des Pilatus ziehen können…“

Jesus verraten? Wer könnte dazu fähig sein? Fast drei Jahre waren die Jünger gemeinsam durch Judäa und Galiläa gezogen, hatten gemeinsam gepredigt, Wunder gesehen, die Dankbarkeit und auch den Hass und die Verachtung der Leute gespürt. Jesus war ihnen Lehrer, Freund und Bruder geworden. Ohne ihn würde ihr Leben keinen Sinn mehr haben – und sie wären bereit, für ihn zu sterben. Und nun sagt er: „Einer von euch wird mich verraten…“

Es spricht für die Jünger, dass sie sich nicht gegenseitig mit forschenden, taxierenden Blicken ansehen – Könntest Du es sein? Oder Du? Oder er? … – sondern sie fragen sich still, einer nach dem anderen: „Bin ich es, Herr?“

Keiner sagt ein Wort. Aber Petrus winkt dem Johannes zu, dem „Lieblingsjünger“, wie es in diesem Evangelium immer wieder heißt; Petrus winkt dem Johannes zu, der direkt neben Jesus saß und sich freundschaftlich an ihm gelehnt hatte: „Hey, frag Du ihn… Wer ist‘s?“

Jesus sagt es nicht, aber er nimmt ein Stück Brot, taucht es in die Soße des Bratens, den sie gerade geteilt haben, und gibt es dem Judas Iskarioth.

Der Evangelist erzählt, mit Wissen darüber, was später noch geschehen wird: „Da fuhr der Satan in Judas.“ Und Jesus – als ob er es gewusst hat – sagte zu ihm: „Was immer Du tust – tu es bald!“

Die anderen Jünger haben kaum mitbekommen, was da geschehen ist; sie dachten, Jesus hätte dem Judas einen Auftrag gegeben, noch schnell vor Ladenschluss etwas einzukaufen, immerhin hatte er die gemeinsame Geldbörse des Jüngerkreises in seiner Obhut – aber Judas verlässt die Versammlung auffällig schnell und verschwindet in die einsetzende Dunkelheit.

„Und es war Nacht…“

Warum Judas? Warum Iskarioth? Sein Name ist sprichwörtlich geworden. Er steht für den feigen Verräter, für den, der hinter dem Rücken anderer seine Fäden zieht, für den vertrauten Freund, der plötzlich in einem dieser Momente, in dem man am meisten verwundbar ist, sein wahres Gesicht zeigt und einem das Messer in die Brust bohrt.

Durch die Epochen der bildenden Kunst, durch die Literaturgeschichte und durch die Werke der Filmschaffenden von der Stummfilmära bis in die Zeit der epischen dreidimensionalen Computeranimationen von heute zieht sich das Bild seiner Hakennase… Dieses Zerrbild des Judas ist leider zu einem der Anknüpfpunkte für antisemitische Verführer geworden, die so ein Vorurteil gegen das Judentums durch die Jahrhunderte getragen haben, um ihre eigenen finsteren Zwecke damit zu verfolgen…

In der Zeit, in der das Johannesevangelium geschrieben wurde, hatte sich die junge Kirche aus dem Judentum herausgelöst. Die Christen begannen, sich in Hauskreisen und Katakomben zu versammeln, weil sie sich nicht mehr sicher fühlten in den Synagogen, weil sie sich dort auch nicht mehr geduldet fühlen konnten. Die Trennung zwischen Kirche und Judentum ging nicht ohne Schmerzen und Verletzungen von sich. Dass gerade im Johannesevangelium so viele Textpassagen enthalten sind, die später antisemitisch gedeutet werden konnten, mag darin seinen Grund haben – aber auch für den Evangelisten Johannes ist klar, dass selbstverständlich alle Jünger und auch Jesus Christus, der Herr und Erlöser selbst – Juden waren. Aus dem Volk Israel kommt der Heiland und Erlöser, der die Welt rettet und den Tod besiegt…

Jesus reicht Judas das Brot. Er hätte es vielleicht auch dem Petrus geben können. Dem Nathanael. Dem Philippus. Sogar dem Johannes. Wusste er vorher, dass es Judas sein würde, der ihn verrät? Im vergangenen Jahrhundert wurde diskutiert, ob man Judas nicht eigentlich heilig sprechen müsste – denn ohne ihn hätte die Kreuzigung nicht stattgefunden, ohne ihn wäre das Heilsgeschehen nicht möglich gewesen. Irgend jemand musste Jesus verraten. Judas hat es getroffen.

„Und es war Nacht…“

„Da fuhr der Satan in ihn…“ War Judas der Böse? Oder wurde er erst zum Bösen als Jesus ihm das Brot reichte? War er gewissermaßen vorherbestimmt zu diesem Verrat? Hatte Judas nicht auch einen freien Willen, hatte er nicht selbst die Möglichkeit, sich zu entscheiden für oder gegen den Verrat an seinem Lehrer?

Ich denke nicht gern über den Teufel nach. Ich kenne Christenmenschen, ich habe von theologischen Lehrern gelesen, die sich beinahe mehr Gedanken über Satan gemacht haben als über Jesus. Ich glaube an Gott, und ich habe keine Angst vor dem Teufel. Ich mag eigentlich gar nicht reden von ihm. Für mich steht er für eine Theologie, für eine Predigt, die den Menschen Angst machen will, für mich steht er für eine Art schwarzer Pädagogik, mit der die Kirche über Jahrhunderte Menschen in einer Art Abhängigkeit gehalten hat.

Aber nun steht es hier in der Bibel. „…da fuhr der Satan in ihn…“, und ich kann und will da nicht ausweichen. Das Reden über den Satan versucht Antwort zu geben auf die Frage: Woher kommt das Böse in der Welt? Wozu ist es da? Hat Gott selbst es verursacht? Wie kann er dann klug und weise und allmächtig sein? Hat es der Mensch verschuldet? Ist dann nicht letztlich auch Gott selbst schuld, weil er den Menschen so unvollkommen geschaffen hat? Und wie kann es überwunden werden?

Die Idee, dass es einen Satan geben könnte, stammt ursprünglich aus Persien und ist in der Zeit des Babylonischen Exils in die jüdische Theologie eingedrungen. Die Perser glaubten an einen guten Gott, der die Welt geschaffen hat und sie im Dasein erhält, und einen bösen Gegen-Gott, der die gute Schöpfung zurück ins Chaos stürzen will. In der hebräischen Lehre von Gott, in der es nur ihn, den Einen, geben kann, wurde dieser Gegen-Gott zu einem gefallenen Engel, zu einem Ankläger und Verleumder der Menschen im göttlichen Gericht. So wird er von den Verfassern des Neuen Testaments gesehen – als eine feindliche Macht, die sich zwischen Gott und die Menschen stellt und sie zu verwirren sucht, sie verführt und von dem richtigen Weg abbringen will, damit sie auf keinen Fall die Erlösung durch Gott finden können…

Ist es aber nicht zu einfach, zu wenig durchdacht und geradezu gefährlich, zu sagen: Das ist der Teufel, der Satan, der Menschen dazu treibt, sich unmenschlich zu verhalten, gegen ihre eigene Natur zu handeln, ja – sich gegen Gott selbst zu wenden?

Eine solche Ansicht hat gleich zwei schlimme Folgen:

Erstens tut sie so, als ob es für die schrecklichen Ereignisse in unserer Geschichte eine überirdische, letztlich unfassbare und auch unbeeinflussbare Ursache gebe. Wenn es der Teufel selbst ist, der hinter Krieg und Mord steht, dann können Menschen nichts dagegen tun, außer vielleicht zu beten. Eine solche Ansicht entmündigt und entmachtet den Menschen. Es nimmt Tätern und Opfern die Verantwortung, die sie in dem Geschehen haben. Und das halte ich nicht für richtig.

Wir Menschen können und müssen etwas tun gegen Kriege und Mord. Gerade als Christen sind wir aufgefordert, für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten. Das heißt auch: dafür zu beten. Es heißt aber genau so: die Ärmel hoch krempeln, die Stifte anspitzen, die Computer hochfahren und den Mund aufmachen für das Recht der Armen, der Flüchtlinge, der Rechtlosen und der Vergessenen der Geschichte.

Zweitens: Viel zu leicht sind wir in der Gefahr, andere Menschen zu „verteufeln“. Die Gräueltaten des IS – Teufelswerk? Das schreckliche Attentat vom 11. September 2001 – ein Werk des Satans? Kriege, Attentate, Morde, die Hexenverbrennungen, die Kreuzzüge – ist an allem der Teufel schuld? Haben nicht Islamisten und Kriegsverbrecher nicht jedes Recht verwirkt, mit Anstand und Fairness behandelt zu werden?

Wer so über politische Gegner denkt, wer so über Soldaten auf Schlachtfeldern denkt, wer so über Mörder und Diktatoren und Despoten denkt, der rechtfertigt damit alle Arten von Gewalt, Brutalität und Unmenschlichkeit auf der eigenen Seite. Wenn es gegen den Teufel geht, gegen das Prinzip des Bösen in Menschengestalt, gegen das Widergöttliche in Strukturen und Konzeptionen, haben wir dann nicht das Recht und sogar die Pflicht, dreinzuschlagen mit allem, was die Waffenkammer, das Torpedobunker und die Raketensilos nur hergeben?

„Ich bin gekommen, die Werke des Satans zu zerstören…“ Das Jesus kommt, um zu zerstören, ist für uns ein ungewohnter, unangenehmer Gedanke.

Was man Katholiken so alles zutrauen kann…

Gestern haben wir einen ökumenischen Bußgottesdienst zum Aschermittwoch gefeiert, so richtig traditionell, mit Aschenkreuz auf der Stirn und so… Und mir ist mal wieder der großartigste Verhörer eingefallen, der mir jemals passiert ist.

Als ich in der Grundschule war, habe ich einmal am katholischen Religionsunterricht teilgenommen, weil der evangelische Lehrer krank war. Die Lehrerin hat über den Aschermittwoch erzählt und dass katholische Christen sich an diesem Tag ein Kreuz aus Asche auf die Stirn zeichnen zum Zeichen ihrer Buße und als Bitte um Vergebung. Die Asche, so hat sie erzählt, kommt von verbrannten „weinenden Kätzchen“.

Über Jahre hab ich gegrübelt, wie die Katholiken die Katzen zum Weinen kriegen. Ob sie die vorher verhauen? Und wenn die Katzen dann so richtig weinen, wie kriegen sie die verbrannt? So ne Katze brennt doch nicht so leicht… Und wie krank ist das überhaupt, für einen Gottesdienst eine Katze zu verbrennen…

Es hat fast zehn Jahre gedauert, bis mir an einem hellen Abend klar wurde, dass ich mich nur verhört hatte:

Die Lehrerin hatte „Weidenkätzchen“ gesagt… Die Weiden, die bei der Palmsonntagsprozession verwendet werden, werden aufgehoben, meistens in einem gottesdienstlichen Raum an das Kreuz gesteckt, und am Aschermittwoch des nächsten Jahres werden sie dann verbrannt, um Asche für das Aschenkreuz zu haben…

Im Nachhinein wundere ich mich eher darüber, dass ich fast zehn Jahre lang den katholischen Schwestern und Brüdern solche Tierquälerei zugetraut habe… Zum Glück und Gott sei Dank bin ich heute auch ein bisschen weiter, wenn es um Ökumene geht…

Das richtige Wort

Heute habe ich im Autoradio gehört, wie ein Mann seine Lebensgefährtin zu ihrem Geburtstag grüßt und ein Lied für sie wünscht, und er nannte sie meine „Lebensverschönerin“…

Ist das nicht Klasse? Ich war so ganz „Ach, wie TOLL!“.

Nicht „Lebenspartner“ oder „Seelengefährte“; sondern „Lebensverschönerin“.

Erfahrungen mit Offenheit

Mein letzter Blogeintrag hat für einigen Wirbel gesorgt;
auch für einige Trollkommentare,
die ich hier nicht freigeschaltet habe.

Was mich dazu bringt, hier nicht mehr ganz so offen zu sein.

Ich muss mir wieder einmal klar machen, dass hier alle Welt mitlesen kann
und es vielleicht nicht so sehr klug ist, sein Herz zu öffnen.
Oder sich angreifbar zu machen.

Trotzdem treibt mich das Thema „Freundschaft und Liebe“ weiter um.

Privat.
Und auch Dienstlich.

Und jetzt mache ich mich an die Predigtvorbereitung.

http://kirchenjahr-evangelisch.de/article.php?day=576#viewport5