Die Versuchung des Judas Iskarioth

„Und es war Nacht.“

Johannes erzählt das Evangelium, die gute Botschaft von Jesus Christus, nicht einfach so. Er strukturiert sie wie ein kunstvolles Gemälde, er komponiert seine Geschichten wie eine Oper. Jedes Detail, das auf der Bühne erscheint, hat seine Bedeutung, seinen tieferen Sinn.

Jesus sitzt mit seinen Jüngern beim Abendmahl zusammen. Für ihn sind diese Stunden am Ende des Tages immer sehr wichtig gewesen. Sie waren für Jesus eine Zeit, ruhig zu werden, entspannt mit den vertrauten Jüngern zusammen zu sein. Vielleicht haben sie gemeinsam Pläne gemacht, vielleicht über eines der Erlebnisse an diesem Tag diskutiert, vielleicht auch einmal nur gelacht und gescherzt. Oder sie haben sich gegenseitig von ihren Sorgen erzählt, von Fragen und Zweifeln. Von ihrer Angst…

Sie waren Freunde, die sich zum Essen zusammen setzten. Streit und Meinungsverschiedenheiten gab es selten, meistens blieb es bei den üblichen Neckereien, die die Stimmung eher auflockern als verhärten: sie wollten ja im Grunde alle dasselbe, sie waren eine vertraute Gemeinschaft junger Männer, die wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten.

Aber an diesem Abend war es anders. Jesus war schon den ganzen Tag eher still und nachdenklich gewesen, nun saß er da an dem einfachen Tisch und schien den Tränen nah. Was war nur los? Die Jünger sahen sich besorgt an.

„Einer von Euch…“ sagte Jesus, und das Sprechen schien ihm schwer zu fallen, „einer von Euch wird mich verraten.“

„Er wird mich verraten an die Tempelwächter, die immer wieder durch die Stadt gehen, um Unruhestifter und auffällige Personen zu verhaften; verraten an den Sanhedrin, die religiöse Obrigkeit des Tempelbezirks, denen ich schon länger ein Dorn im Auge bin. Verraten an den Mob, die unberechenbare Meute auf den Nebenstraßen und Hinterhöfen, die nur zu gern bereit sind, „Kreuzigt ihn!“ zu schreien, wenn sie ein wehrloses Opfer vor die Schergen des Königs Herodes und des Pilatus ziehen können…“

Jesus verraten? Wer könnte dazu fähig sein? Fast drei Jahre waren die Jünger gemeinsam durch Judäa und Galiläa gezogen, hatten gemeinsam gepredigt, Wunder gesehen, die Dankbarkeit und auch den Hass und die Verachtung der Leute gespürt. Jesus war ihnen Lehrer, Freund und Bruder geworden. Ohne ihn würde ihr Leben keinen Sinn mehr haben – und sie wären bereit, für ihn zu sterben. Und nun sagt er: „Einer von euch wird mich verraten…“

Es spricht für die Jünger, dass sie sich nicht gegenseitig mit forschenden, taxierenden Blicken ansehen – Könntest Du es sein? Oder Du? Oder er? … – sondern sie fragen sich still, einer nach dem anderen: „Bin ich es, Herr?“

Keiner sagt ein Wort. Aber Petrus winkt dem Johannes zu, dem „Lieblingsjünger“, wie es in diesem Evangelium immer wieder heißt; Petrus winkt dem Johannes zu, der direkt neben Jesus saß und sich freundschaftlich an ihm gelehnt hatte: „Hey, frag Du ihn… Wer ist‘s?“

Jesus sagt es nicht, aber er nimmt ein Stück Brot, taucht es in die Soße des Bratens, den sie gerade geteilt haben, und gibt es dem Judas Iskarioth.

Der Evangelist erzählt, mit Wissen darüber, was später noch geschehen wird: „Da fuhr der Satan in Judas.“ Und Jesus – als ob er es gewusst hat – sagte zu ihm: „Was immer Du tust – tu es bald!“

Die anderen Jünger haben kaum mitbekommen, was da geschehen ist; sie dachten, Jesus hätte dem Judas einen Auftrag gegeben, noch schnell vor Ladenschluss etwas einzukaufen, immerhin hatte er die gemeinsame Geldbörse des Jüngerkreises in seiner Obhut – aber Judas verlässt die Versammlung auffällig schnell und verschwindet in die einsetzende Dunkelheit.

„Und es war Nacht…“

Warum Judas? Warum Iskarioth? Sein Name ist sprichwörtlich geworden. Er steht für den feigen Verräter, für den, der hinter dem Rücken anderer seine Fäden zieht, für den vertrauten Freund, der plötzlich in einem dieser Momente, in dem man am meisten verwundbar ist, sein wahres Gesicht zeigt und einem das Messer in die Brust bohrt.

Durch die Epochen der bildenden Kunst, durch die Literaturgeschichte und durch die Werke der Filmschaffenden von der Stummfilmära bis in die Zeit der epischen dreidimensionalen Computeranimationen von heute zieht sich das Bild seiner Hakennase… Dieses Zerrbild des Judas ist leider zu einem der Anknüpfpunkte für antisemitische Verführer geworden, die so ein Vorurteil gegen das Judentums durch die Jahrhunderte getragen haben, um ihre eigenen finsteren Zwecke damit zu verfolgen…

In der Zeit, in der das Johannesevangelium geschrieben wurde, hatte sich die junge Kirche aus dem Judentum herausgelöst. Die Christen begannen, sich in Hauskreisen und Katakomben zu versammeln, weil sie sich nicht mehr sicher fühlten in den Synagogen, weil sie sich dort auch nicht mehr geduldet fühlen konnten. Die Trennung zwischen Kirche und Judentum ging nicht ohne Schmerzen und Verletzungen von sich. Dass gerade im Johannesevangelium so viele Textpassagen enthalten sind, die später antisemitisch gedeutet werden konnten, mag darin seinen Grund haben – aber auch für den Evangelisten Johannes ist klar, dass selbstverständlich alle Jünger und auch Jesus Christus, der Herr und Erlöser selbst – Juden waren. Aus dem Volk Israel kommt der Heiland und Erlöser, der die Welt rettet und den Tod besiegt…

Jesus reicht Judas das Brot. Er hätte es vielleicht auch dem Petrus geben können. Dem Nathanael. Dem Philippus. Sogar dem Johannes. Wusste er vorher, dass es Judas sein würde, der ihn verrät? Im vergangenen Jahrhundert wurde diskutiert, ob man Judas nicht eigentlich heilig sprechen müsste – denn ohne ihn hätte die Kreuzigung nicht stattgefunden, ohne ihn wäre das Heilsgeschehen nicht möglich gewesen. Irgend jemand musste Jesus verraten. Judas hat es getroffen.

„Und es war Nacht…“

„Da fuhr der Satan in ihn…“ War Judas der Böse? Oder wurde er erst zum Bösen als Jesus ihm das Brot reichte? War er gewissermaßen vorherbestimmt zu diesem Verrat? Hatte Judas nicht auch einen freien Willen, hatte er nicht selbst die Möglichkeit, sich zu entscheiden für oder gegen den Verrat an seinem Lehrer?

Ich denke nicht gern über den Teufel nach. Ich kenne Christenmenschen, ich habe von theologischen Lehrern gelesen, die sich beinahe mehr Gedanken über Satan gemacht haben als über Jesus. Ich glaube an Gott, und ich habe keine Angst vor dem Teufel. Ich mag eigentlich gar nicht reden von ihm. Für mich steht er für eine Theologie, für eine Predigt, die den Menschen Angst machen will, für mich steht er für eine Art schwarzer Pädagogik, mit der die Kirche über Jahrhunderte Menschen in einer Art Abhängigkeit gehalten hat.

Aber nun steht es hier in der Bibel. „…da fuhr der Satan in ihn…“, und ich kann und will da nicht ausweichen. Das Reden über den Satan versucht Antwort zu geben auf die Frage: Woher kommt das Böse in der Welt? Wozu ist es da? Hat Gott selbst es verursacht? Wie kann er dann klug und weise und allmächtig sein? Hat es der Mensch verschuldet? Ist dann nicht letztlich auch Gott selbst schuld, weil er den Menschen so unvollkommen geschaffen hat? Und wie kann es überwunden werden?

Die Idee, dass es einen Satan geben könnte, stammt ursprünglich aus Persien und ist in der Zeit des Babylonischen Exils in die jüdische Theologie eingedrungen. Die Perser glaubten an einen guten Gott, der die Welt geschaffen hat und sie im Dasein erhält, und einen bösen Gegen-Gott, der die gute Schöpfung zurück ins Chaos stürzen will. In der hebräischen Lehre von Gott, in der es nur ihn, den Einen, geben kann, wurde dieser Gegen-Gott zu einem gefallenen Engel, zu einem Ankläger und Verleumder der Menschen im göttlichen Gericht. So wird er von den Verfassern des Neuen Testaments gesehen – als eine feindliche Macht, die sich zwischen Gott und die Menschen stellt und sie zu verwirren sucht, sie verführt und von dem richtigen Weg abbringen will, damit sie auf keinen Fall die Erlösung durch Gott finden können…

Ist es aber nicht zu einfach, zu wenig durchdacht und geradezu gefährlich, zu sagen: Das ist der Teufel, der Satan, der Menschen dazu treibt, sich unmenschlich zu verhalten, gegen ihre eigene Natur zu handeln, ja – sich gegen Gott selbst zu wenden?

Eine solche Ansicht hat gleich zwei schlimme Folgen:

Erstens tut sie so, als ob es für die schrecklichen Ereignisse in unserer Geschichte eine überirdische, letztlich unfassbare und auch unbeeinflussbare Ursache gebe. Wenn es der Teufel selbst ist, der hinter Krieg und Mord steht, dann können Menschen nichts dagegen tun, außer vielleicht zu beten. Eine solche Ansicht entmündigt und entmachtet den Menschen. Es nimmt Tätern und Opfern die Verantwortung, die sie in dem Geschehen haben. Und das halte ich nicht für richtig.

Wir Menschen können und müssen etwas tun gegen Kriege und Mord. Gerade als Christen sind wir aufgefordert, für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten. Das heißt auch: dafür zu beten. Es heißt aber genau so: die Ärmel hoch krempeln, die Stifte anspitzen, die Computer hochfahren und den Mund aufmachen für das Recht der Armen, der Flüchtlinge, der Rechtlosen und der Vergessenen der Geschichte.

Zweitens: Viel zu leicht sind wir in der Gefahr, andere Menschen zu „verteufeln“. Die Gräueltaten des IS – Teufelswerk? Das schreckliche Attentat vom 11. September 2001 – ein Werk des Satans? Kriege, Attentate, Morde, die Hexenverbrennungen, die Kreuzzüge – ist an allem der Teufel schuld? Haben nicht Islamisten und Kriegsverbrecher nicht jedes Recht verwirkt, mit Anstand und Fairness behandelt zu werden?

Wer so über politische Gegner denkt, wer so über Soldaten auf Schlachtfeldern denkt, wer so über Mörder und Diktatoren und Despoten denkt, der rechtfertigt damit alle Arten von Gewalt, Brutalität und Unmenschlichkeit auf der eigenen Seite. Wenn es gegen den Teufel geht, gegen das Prinzip des Bösen in Menschengestalt, gegen das Widergöttliche in Strukturen und Konzeptionen, haben wir dann nicht das Recht und sogar die Pflicht, dreinzuschlagen mit allem, was die Waffenkammer, das Torpedobunker und die Raketensilos nur hergeben?

„Ich bin gekommen, die Werke des Satans zu zerstören…“ Das Jesus kommt, um zu zerstören, ist für uns ein ungewohnter, unangenehmer Gedanke.

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