Rosenstolz am Valentinstag

Viele Feiertage haben einen ganz besonderen, allgemein verständlichen, nachvollziehbaren Sinn: Ostermontag zum Beispiel ist ein wirklich sinnvoller Feiertag, weil man da sich nach den ganzen Feierlichkeiten in der Karwoche endlich mal wieder richtig ausschlafen kann, oder Aschermittwoch, weil dann der ganze Karnevals-Wahnsinn endlich vorbei ist, Vatertag, weil man da mit den Kumpels mal ein Bier trinken gehen kann, und Martinstag, weil da die Kinder „Laterne“ singen können und weil es an diesem Tag zum ersten Mal zum Jahresende hin wieder Glühwein gibt.
Andere Feiertage sind schön, auch wenn ihr Sinn sich niemandem mehr wirklich erschließt: am „Tag der Arbeit“ arbeitet zwar kaum jemand, aber man kann diesen Tag nutzen, um in den ersten wirklich wärmenden Sonnenstrahlen nach einem missglückten Frühlingsanfang mit der Familie einen Ausflug ins Grüne zu machen, und am „Buß-und-Bettag“ fahren auch nicht mehr Leute Bus als sonst, vielleicht bleiben ja ein paar mehr im Bett…
Seit einigen Jahren gibt es aber immer mehr Feiertage, die eigentlich gar keine Tradition in Europa haben und die nur gefeiert werden, weil sie in den amerikanischen Vorabendserien vorkommen und weil es immer mehr Leute gibt, die meinen, wenn ein grundanständiger Mensch wie Homer Simpson oder ein hochintelligentes Genie wie Sheldon Cooper sie feiert, dann kann es ja nicht völlig falsch sein, vielleicht ist es ja sogar cool; in diese Reihe gehört zum Beispiel „Thanksgiving“ oder „Halloween“…
Ich frage mich, warum man eigentlich diese Tage feiern sollte, mit denen uns so gar nichts verbindet… Immerhin – irgendwie muss man ja auch diese ganzen übrig gebliebenen Truthähne aus den Kühltruhen und die ganzen ollen Plastik-Totenköpfe aus dem Lagerregal bekommen, und da bietet sich so ein amerikanischer Feiertag geradezu an; hinterher sieht es dann viel ordentlicher aus im Gefrierschrank und im Keller ist wieder Platz für neue Kürbisse und Totenköpfe, hat ja auch was.
Jedoch der schrecklichste der Schrecken, völlig unnütz und eine wahre Landplage ist der Valentinstag…

Valentinstag ist so ein „verordneter“ Feiertag, an dem aus irgendeinem Grunde alle Männer mit einem Blumenstrauß und einer selbst gebastelten „Herzchen“-Karte beweisen müssen, dass sie ihre Frau noch lieben, und wenn sie das vergessen, muss die Frau sich ein eine blöde Ziege verwandeln, die lautstark herum heult: „Nie denkst Du an mich und immer vergisst Du alles und ich zieh zurück zu meiner Mutter…“ – und das alles nur, weil in beinahe allen amerikanischen Vorabendserien dieses Rollenmodell vorgespielt wird.

Als „Fest der Liebe“ auf den Webseiten der Blumenhändler bezeichnet (war das nicht eigentlich doch Weihnachten – das „Fest der Liebe“?) ist es meiner Erfahrung nach eher der Tag, an dem Liebschaften zerbrechen und Ehen erschüttert werden… (Meine Rechtschreibkorrektur möchte statt „Valentinstag“ „Vasallenstaat“ schreiben – sagt das nicht schon alles aus?)

Ich meine ja, ein Mann, der seiner Frau sonst das ganze Jahr über nie einen Blumen-strauß schenkt, der kann das auch am Valentinstag einfach sein lassen… Mein Navi aber meinte letztes Jahr: „Nie denkst Du an mich und immer vergisst Du alles und ich zieh zurück zu meiner Mutter…“ und heulte lautstark herum wie irgendeine der verzweifelten Hausfrauen aus der amerikanischen Fernsehserie „Verzweifelte Hausfrauen“…

Man ist ja lernfähig, und darum habe ich mir dieses Jahr vorgenommen, rechtzeitig(!) einen passenden Strauß Grünzeug aufzutreiben. Außerdem hat sie mir am Tag vor Valentinstag einen Zettel auf den Küchentisch gelegt, auf dem mit dem dicken Edding geschrieben steht „BLUMEN!!!“

Man erkennt ja einen so subtilen Wink mit dem Zaunpfahl, wenn man einen sieht, man ist ja nicht blöd. Also hab ich mich auf den Weg gemacht, um einen hübschen Strauß zu kaufen.Das aber war gar nicht so einfach… Ohne Navi verlaufe ich mich nämlich leicht. Glaubt sie. Darum hat sie mir einen zweiten Zettel, den ich in meiner Manteltasche gefunden habe, geschrieben: „Wenn Du Blumen kaufst, geh nicht zu diesem billigen Grünzeugstand im S-Bahnhof; die Pflanzen, die sie da verkaufen, sind immer schon nach drei Tagen welk. Kauf auch nicht die gelben Tulpen in Plastikfolie aus dem Supermarkt, die finde ich hässlich. Geh zum dem Blumenfritzen in der B*****-Straße, die Blumen von dem sind schön und halten zwei Wochen lang – wenn Du nicht wieder vergisst, rechtzeitig das Wasser in der Vase zu wechseln…“

Also laufe ich quer über den verschneiten Friedhof und noch ein paar Ecken weiter zu dem Blumenhändler in der B*****-Straße. Der hat einen schönen, gemütlichen Laden, mit schweren, alten Holzmöbeln stilvoll eingerichtet. Auf der großen Anrichte im hinteren Teil des Geschäfts steht eine faszinierende messingfarbene Registrierkasse aus den Zwanziger Jahren, und man sieht an dem ganzen Ambiente in dem Laden, dass der Besitzer Geschmack hat und Blumen liebt. Wirklich liebt.

Ich erzähle ihm, wie faszinierend ich diese Registrierkasse finde, wir reden eine Zeit lang über Steam-Punk und die Schönheit eigentlich schon veralteter Technik, irgendwann bietet er mir das „Du“ an und ich bekomme einen Kaffee und wir diskutieren darüber, ob es denn wenigstens theoretisch möglich wäre, einen Computer zu bauen, der mit Ventilen und und Rohren und jeder Menge Dampf funktioniert…

Dann verabschiede ich mich und stehe draußen auf der Straße… Da war doch noch was?
Ach ja, Einkaufen… Ich laufe weiter die verschneite Straße entlang in den Supermarkt der „wunderschönen Warenwelt“, spaziere durch die Gänge und lade den Einkaufswagen voll mit Nudeln, Milch, Orangen, Paprika, Hackfleisch und anderen Dingen, aus denen ich abends ein leckeres Essen zaubern will. „An den Kassen ist heute ein starker Andrang“, denke ich noch, „und so viele Männer heute…“ Sie alle packen gelbe Tulpen in Plastikfolie auf das Band an der Kasse, und da fällt mir wieder ein, dass ich mit dem netten Registrierkassen-Fuzzi aus dem Laden in der B*****-Straße ja nicht nur über Messing-Laptops und Lesehilfen aus Kupfer und Bergkristall diskutieren wollte…

Eine Viertelstunde später stehe ich wieder in seinem Laden, und er grinst.

„Noch einen Kaffee gibt’s aber nicht!“ –

„Nee, ich will noch Blumen kaufen…“ sage ich.

Für Deine Frau?“ fragt er.

Nee, für in den Salat…“ will ich antworten, beherrsche mich aber. „Natürlich…“

Ui, ui, ui, ui…“ macht der Blumen- und Registrierkassen-Fuzzi und schüttelt bedenklich den Kopf: „Das ist nicht einfach; immerhin ist morgen Valentinstag, da kommt’s drauf an…“

„Ja, ich weiß, der ‚Schrecklichste der Schrecken‘ und so weiter… Was meinst Du, warum ich eigentlich hier bin…“ –

„Weißt Du denn schon, was Du willst?“ fragt er. –

Nee, Rosen oder so, das passt doch immer…“

Der Steampunk-Experte schaut mich mitleidig an…

Es gibt mehr als vierhundert verschiedene Sorten Rosen, und ungefähr zwanzig davon hab ich hier im Laden. Da musst Du schon ein bisschen konkreter sein…“ –

„Äh, ja…“ sage ich, „Rote??“

Zehn Minuten später bin ich auf dem Weg nach Hause. Der Blumentyp ist echt ein Experte. Für solche Härtefälle wie mich hat er eine Checkliste gemacht, die soll ich zu Hause ausfüllen und dann wieder kommen.

Auf der Checkliste steht:

Checkliste für Härtefälle
Bitte geben sie an
° Größe und Farbe der Vase, in der die Blumen stehen sollen
° Größe und Farbe des Tischtuchs, auf dem die Vase stehen soll
° Farbe der Gardinen in dem Raum, in dem die Blumen stehen sollen
° Farbe und Muster der Tapeten in diesem Raum
° Art und Farbe der Lampe, mit der dieser Raum beleuchtet wird

…und so ging es weiter, ungefähr drei Din-A-4-Seiten lang. Dieser Kerl ist ein Genie. Oder schwul. Oder ein schwules Genie, gibt’s ja auch, schwule Genies.

Zwei Stunden später habe ich die Checkliste ausgefüllt und mit ihrer Hilfe und der Hilfe des netten, schwulen Blumen- und Registrierkassen-Fuzzis einen passenden Strauß roter Rosen gefunden und auch nur das Achtfache dafür bezahlt, was er im Kiosk im S-Bahnhof gekostet hätte. Naja, der Ehe-Frieden und der Haus-Segen muss einem schon etwas wert sein. Sagt der schwule Blumen-Fuzzi. Der kennt sich nämlich mit sowas aus. Außerdem ist es gut für’s Geschäft…

Zuhause stelle ich die Rosen in die Vase – mit Wasser und diesem seltsamen Blumenfrischhalte-Pulver, das man in allen Blumenläden kostenlos dazu bekommt, wenn man Rosen kauft – und stelle die Vase mit den Rosen auf das Tischtuch und schalte die Lampe neben der Vase ein und ziehe die Gardine zu; und sie sehen wunderschön aus, die Rosen; und ich schicke einen freundlichen Gedanken an den netten Blumen-Experten, der mich so kompetent beriet…

Dann koche ich und brate und backe das, was ich in der „wunderschönen Warenwelt“ eingekauft habe und höre dabei laut Musik von „Rosenstolz“…

Und dann klingelt es an der Tür und mein Navi kommt wieder nach Hause…
Sie begrüßt die Katze und mich, und ich sehe, wie sich die Katze genüßlich die Lippen leckt… Ist das da nicht ein Rosenblatt in ihrem Katzenmäulchen? Und was hat da vorhin im Esszimmer eigentlich so komisch geklirrt?

2 Gedanken zu “Rosenstolz am Valentinstag

  1. Hier gibt es keine Blumen.
    Dafür Achtsamkeit, so wie idealerweise jeden Tag.
    Mal mehr, mal weniger, dafür sind wir Menschen.

    Ansonsten kann jeder feiern, was er will.
    Solange man mich nicht nötigt, es gleichzutun 😉

    Lieben Gruß aus dem Tal der Wupper!

    Liken

  2. Ach, ich finde Blumen toll, und die Wahrheit ist, wenn man einen Partner hat, der einem nie welche schenkt, dann ist so ein Feiertag, bei dem man von der amerikanischen Kultur, der Werbeindustrie und dem netten Blumenhändler dazu genötigt wird, eine ziemlich schicke Sache. Der Gatte hat inzwischen auch mitbekommen, dass ich diese „wir schenken uns nichts“-Sprüche nur für Ausreden unkreativer Leute halte – ich schenke gerne und bekomme auch gerne was geschenkt, vorausgesetzt, derjenige hat sich Gedanken gemacht. Irgendwelche Gedanken. Kommt nicht so drauf an. Der einzige Gedanke, den man genauso gut lassen könnte ist: „OMG, es ist der 24. Dezember, 11:59 Uhr, wo bekomme ich noch schnell ein Geschenk her???“
    Übrigens hätte ich zwar gerne Blumen, aber NOCH lieber hätte ich eine alte Registrierkasse. So eine mit goldenen Schreibmaschinentasten und einer Kurbel an der Seite, haaaach… was… zu viel für Valentinstag? Stimmt. Aber ich habe nächste Woche Geburtstag… 😀

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s