Religionsgenetik

Die meisten Religionen, auch das Christentum, tun ja so, als ob ihre Glaubenslehren und ihre Theologie geradewegs „vom Himmel gefallen“ wären. Der Koran, die Bibel, die Thora, so glauben die jeweiligen Gläubigen, sie sind das Wort Gottes, das er auf irgendeine Weise offenbart hat, manchmal durch „Inspiration“, indem er dem jeweiligen Religionsstifter die Worte sozusagen eingeflüstert hat, oder ganz direkt, indem er ein Buch oder eine beschriftete Steintafel vom Himmel fallen ließ… Selbst in der gemäßigteren Form der Inspirationslehre „Naja, die Menschen haben ihre Erfahrungen mit Gott und dem Glauben gemacht und dann darüber geschrieben, und nun spricht Gott durch deren Texte zu uns“, selbst in der gemäßigten Form also rechnet Glaube mit einer direkten Offenbarung Gottes…

Ich bin jemand, der sich auch für Vergleiche zwischen den Religionen und ihre Entwicklungsgeschichte interessiert, und wenn man da auch nur ein kleines Bisschen und mit zusammengekniffenen Augen hinsieht, dann merkt man, dass z. B. Mohammed viel aus der Bibel übernommen hat, dass manches in der Bibel direkt aus ägyptischen oder persischen und babylonischen Quellen abgeschrieben wurde, und wahrscheinlich geht auch der Glaube und die Religion des alten pharaonischen Ägyptens auf noch ältere Wurzeln zurück, aber darüber weiß ich nicht so viel…

Vielleicht ist es mit dem Glauben – religionsgeschichtlich gesehen – ähnlich wie mit den Genen der Menschen und anderer Lebewesen. In dem Genom eines Menschen steckt ja eigentlich die ganze Entwicklungsgeschichte des Lebens auf der Erde drin: Die Informationen, die da codiert sind, enthalten den Bauplan von Händen und Beinen und Augen und so weiter, sie enthalten aber auch den Bauplan für einen Schwanz oder für Schwimmhäute oder für Kiemen. Die für den Menschen unnötigen Teile des Bauplans sind auf dem Genom in irgendeiner Weise unterdrückt, sie sind „abgeschaltet“, aber sie sind noch da. Falls in der Zukunft der Evolution es für den Menschen vorteilhaft sein sollte, wieder Kiemen oder Schwimmhäute zwischen den Fingern zu haben, können die alten Bereiche des Genoms relativ leicht wieder „eingeschaltet“ werden, und Auslese und Mutation werden schnell dafür sorgen, dass wir wie Delfine oder Wale uns gut im Wasser zurechtfinden… (Ok, ich weiß, das ist jetzt sehr vereinfacht dargestellt, aber es ist klar, denke ich worum es mir geht…)

Im Glauben ist es ganz ähnlich: In der Überlieferung und in der Tradition des Glaubens werden Geschichten und Gedanken weiter gegeben, die alle zu einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Lebensumständen für Menschen sehr wichtig gewesen sind, Gedanken, die zum Überleben geholfen haben. Später werden manche von diesen Geschichten weniger wichtig, aber sie werden weiter erzählt, auch wenn sie kaum noch jemand ernsthaft glaubt. Doch wenn Lebensumstände sich ändern, dann kann so ein altes „abgeschaltetes Gen“ plötzlich wieder zum Leben erwachen und seine tröstende, ermutigende, aufrüttelnde Kraft neu entfalten.

Ein Beispiel: Die Vorstellung, dass Gott das Volk Israel aus dem „Sklavenhaus“ in Ägypten gerettet hat, dass Moses sie durch die Wüste in das „gelobte Land“ brachte, also der „Kern“ des alt-jüdischen Glaubens hat in der Zeit, in der das Volk der Juden von außen bedroht und innerlich zerrissen war,  entscheidend zur Identität und zum Zusammenhalt der Glaubensgemeinschaft betragen können. Selbst als die Juden in alle Welt zerstreut waren, hat dieser Glaube „Wir sind das Volk Gottes“ geholfen, ein gemeinsames Zusammengehörigkeitsgefühl zu bewahren…

Mit dem „alten Testament“ hat die Kirche diese Überlieferung in ihre Bibel übernommen, hat sie aber gewissermassen „abgeschaltet“ oder sogar umgedeutet, indem sie behauptete, die Kirche sei nun das „wahre“ Volk Gottes – ein Irrglaube, der leider mit schuld daran war, dass seit dem Mittelalter bis in das vergangene Jahrhundert hinein Juden verfolgt und ausgeschlossen wurden…

In den Vereinigten Staaten von Amerika wurde dieses „Genom“ aber plötzlich wieder ganz wichtig, als die unterdrückten und versklavten Menschen, die aus Afrika nach Amerika verschleppt worden waren, in ihrer Not sich mit der Geschichte der Juden in Ägypten identifizieren konnten, als die Schwarzen sich selbst in ihren Lieder und in in ihren Geschichten als Menschen Gottes begreifen konnten, die von ihm in naher Zukunft ebenso befreit und erlöst werden wie damals die Juden…

Ich halte es darum für sehr wichtig, dass die Bibel und die anderen Bücher des Glaubens nicht vergessen werden, denn in ihnen stehen wirksam oder „abgeschaltet“ die Gedanken und Geschichten, die vielleicht in ferner Zukunft, wenn auch das Christentum und die Kirche nur noch eine blasse Erinnerung sind wie heute die Religionen Ägyptens, den Menschen Kraft und Inspiration geben und zum Überleben helfen und geistlichen und geistigen Reichtum ermöglichen… Von Nichts wird aber Nichts kommen…