Auf dem Weg nach Damaskus…

Predigt (für zwei Stimmen) über Apostelgeschichte Kapitel 9 Verse 1-20

…und es wird geschehen: Wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst damit.” Scha’ul legt die Schriftrolle auf den Tisch und nimmt seine Brille ab. Dann presst er seine Handballen auf seine Augen und seufzt. Die Kopfschmerzen, sie sind wieder da. Aber er schüttelt sie erregt ab. Das ist ja Wahnsinn, was er da lesen muss! Waren denn die Juden noch nicht genug gestraft? Gottes eigenes Volk, sein Augapfel, sein Erstgeborener, sein ganzer Stolz – war er nicht längst wie ein verwüsteter Weinberg geworden? Nur noch ein heiliger Rest wie zur Zeit des Propheten Elia?

Wer hält sich denn überhaupt noch an Gottes Gebote, wer folgt noch seinem heiligen Gesetz? Nicht genug, dass die Römer das Land beherrschen, überall Götzenbilder aufstellen, Land und Leute und besonders die Jugend verführen mit neumodischem Tand und gottlosem Schund, – nein, jetzt gibt es auch noch die Anhänger und Nachfolger dieses Jesus, dieses Wanderpredigers, der völlig zu Recht gekreuzigt wurde, weil er sich für den Messias ausgab, den Gesalbten Gottes. Welch eine Lästerung!

Der Verfall des Glaubens und der Moral beginnt schon in den eigenen Reihen, da müssen gar nicht erst die Römer kommen. Hingerichtet haben sie ihn, nach dem Rat des Weisen, alten Hohenpriesters Kaiphas: Es ist besser, dass dieser Eine stirbt, als dass das ganze Volk verdirbt und umkommt. So haben sie ihn an die Römer ausgeliefert und er wurde gekreuzigt.

Aber der Ärger ist damit nicht vorbei, denn seine “Jünger”, eine Bande von dahergelaufenen Typen aus der Provinz, Fischer, Handwerker aus irgendwelchen Dörfern und andere Dummköpfe, sogar ein Zöllner, sie laufen frei herum und erzählen allen, er sei gar nicht mehr tot, er sei auferstanden, er lebe, und er könnte auch ihnen ewiges Leben und Freiheit von Sünde verschaffen, wenn sie auch seine Jünger würden…

Aberglaube! Verführung! Stand es nicht im Gesetz Moses: Es gibt niemanden, der vor Gott ohne Schuld ist, niemanden, der frei von Sünde ist? Nur durch peinlich genaue Einhaltung der Gesetze Gottes kann der Fromme gerettet werden: “Es ist dir gesagt, was gut ist und was der Ewige von Dir verlangt: Demut, Gehorsam, Zucht, Pflichtbewusstsein…”

Sie machen die Leute irre, diese Jesus-Anhänger, machen sie blind für Gottes Wort. Man muss ihnen Einhalt gebieten! Hatte nicht Kaiphas gesagt: Besser einer stirbt, als das das ganze Volk verdirbt? Ja! Besser noch zehn, die gesteinigt werden, besser noch hundert im Gefängnis, als das diese Irrlehre weiter verbreitet wird. Wenn niemand etwas gegen diese Jesus-Leute unternimmt, dann muss er selbst es tun, Scha’ul, der Zeltmacher aus Tarsis… Sie sollen bluten, diese Verwirrten, für das, was sie ihrem eigenen Brüdern und Schwestern antun, wenn sie Gottes Volk verführen… Er, Scha’ul, wird nicht stumm und tatenlos zusehen…

Ist religiöser Extremismus, Glaubens-Fanatismus überhaupt ein Thema für uns? Es würde doch niemand unter uns einen anderen Menschen bedrohen, weil er nicht den gleichen Glauben hat wie wir, und schon gar nicht würden wir aus diesem Grund einen Menschen foltern oder töten…

Heiliger Krieg” – das ist doch das Stichwort der anderen, der Fundamentalisten, der Ewig-Gestrigen. Die Zeiten der Kreuzzüge sind lange vorbei, niemand zündet mehr Scheiterhaufen an, warum also von solch dunklen Themen reden?

Und doch! Auch wir entwickeln leicht Vorurteile gegen Andersgläubige, die uns dazu bringen, uns ihnen gegenüber anders zu verhalten, vorsichtiger, misstrauischer… Haben wir schon von Natur aus ein – eigentlich normales – Gefühl von Wachsamkeit gegenüber Fremden, so nimmt das doch noch ein gutes Stück zu, verstärkt sich fast unwillkürlich, wenn wir wissen, der andere ist Buddhist, Jude oder gar Muslim. Da wird mitten in Europa diskutiert, ob man nicht muslimischen Frauen verbieten sollte, Kopftücher oder Schleier zu tragen, gestritten wird über die Höhe von Minaretten oder den Standort und die Größe von neu zu bauenden Moscheen. Sollte es an unseren Schulen auch islamischen Religionsunterricht geben können? Bei solchen Fragen kann man oft spüren, wie ein geradezu irrationaler, nicht durchdachter Vorbehalt in der Diskussion sichtbar wird: die Anderen gehören nicht zu uns, sie müssen sich anpassen, sonst sind sie eine Gefahr und eine Bedrohung…

Solch ein Gedanke ist natürlich noch nicht Fanatismus oder religiöser Extremismus. Aber es ist eine erste Tür dorthin, gewissermaßen eine Einstiegsdroge. Und es gibt in unseren Gemeinden kaum einen Ort, an dem über solche Fragen gesprochen wird, und wenn solche Fragen plötzlich aktuell werden, wenn zum Beispiel rechtsradikale Jugendliche in einem kirchlichen Jugendzentrum versuchen, Macht und Einfluss zu gewinnen, wenn menschenfeindliche Parolen an Kirchentüren geschmiert werden, wenn eine kleine Gruppe aktiver ehrenamtlicher Mitarbeiter mit ihrer fundamentalistischen Einstellung die geistliche Richtung einer Gemeinde beeinflussen wollen, sind Pfarrer, Gemeindekirchenräte und andere leitende Strukturen in der Kirche oft total überfordert. Man glaubt es kaum, wie schnell dann eine gesunde Vorsicht in Misstrauen, Angst, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt umschlagen kann…

Ein paar Monate später haben die Jünger Jesu in Jerusalem den Namen Scha’ul fürchten gelernt. Die Gefängnisse in der Hauptstadt sind jetzt voll von ihnen. Zu Dutzenden haben sie dem Namen Jesu abgeschworen, sind auf den Pfad des rechten Glaubens zurück gekehrt. Leider aber haben sich viele als unbelehrbar erwiesen, sie sind starrsinnig bei ihrer Verirrung geblieben, geradezu freudig sind sie ins Gefängnis gegangen, und nicht einmal Folter schien sie ab zu schrecken… Egal: Jetzt sind es nur noch wenige, die sich zu ihren Versammlungen trafen, und auch die wird er bald festnehmen.

Aber jetzt: Damaskus. Einige von diesen Irrlehrern waren aus Jerusalem dorthin geflüchtet, haben dort eine Versammlung gegründet und Juden wie Heiden mit dieser giftigen Irrlehre infiziert. Sie sind Jünger dieses Jesus geworden, und sie nennen sich jetzt sogar “Christen”, tragen den Kern ihrer verfluchten Blasphemie mit Stolz vor sich her: aber niemals im Leben war dieser dahergelaufene Bettelprediger der verheißene Gesalbte des Herrn…

Briefe, Empfehlungen vom Hohenpriester und dem Tempelrat hat er sich erbeten und bekommen, Zeichen des Wohlwollens von der Leitung der Synagoge, damit er in Damaskus Unterstützung findet, um auch dort die Jesus-Leute zu Paaren zu treiben, Jagd würde er machen auf diese Pest. Ha! Auch in Damaskus gab es Gefängnisse, genug dunkle Löcher, und er, Scha’ul, würde keine Ruhe geben, bis diese “Christen” darin schmoren…

Auch von der anderen Seite der Medallie muss geredet werden: Bis heute werden in vielen Ländern Christen verfolgt, was selbst unter uns kaum beachtet wird. Amnesty International, die katholische Menschenrechts-organisation “Kirche in Not”, und die überkonfessionelle “Christian Solidarity” geben jedes Jahr neue Listen heraus, auf denen die Länder stehen, in denen Menschen Benachteiligungen erleben, um Eigentum, Freiheit und Leben fürchten müssen, wenn sie sich als Christen bekennen: Nordkorea, Iran, Saudi Arabien, Somalia stehen auf dieser Liste ganz oben, es sind vor allem schnell wachsende Kirchen in Afrika, Asien und Südamerika, die wegen ihrer Konkurrenz mit der herrschenden Staatsideologie bedroht werden. Aber auch vertraute und beliebte “Urlaubsländer” wie die Malediven, Ägypten und die Türkei sind auf diesen Listen zu finden.

Jeden Monat veröffentlicht Amnesty International beispielhaft Lebensläufe von Menschen, die bedrängt oder verhaftet wurden, monatelang im Gefängnis saßen, manchmal gefoltert wurden, weil sie sich zum Christentum bekannten, Bibeln druckten, Kirchen bauten oder Gottesdienste besuchten… Ihre Geschichten werden unter uns kaum wahrgenommen… Müsste uns das Schicksal unserer Schwestern und Brüder nicht sehr viel mehr interessieren? Aber wo wird in unserer Gemeinde, wo in unserem Kirchenkreis darüber informiert?

Mit schweren Gedanken sitzt Scha’ul auf seinem Reittier, da trifft es ihn plötzlich wie ein Blitz. Rasender Kopfschmerz! Krampf! Pochendes Blut in den Schläfen. Der Atem stockt, er ringt nach Luft. Licht, blendendes, sticht in seine Augen. Wie ein Sack fällt er vom Pferd, zuckt auf dem Boden, die Augen weit aufgerissen…

Dann wird er plötzlich still, man hilft ihm auf, aber er tastet hilflos um sich herum, er sieht nichts mehr. Der Anfall hat ihn blind gemacht. Der starke Mann muss sich jetzt führen lassen. Zusammengesunken, in sich gekehrt, sitzt er im Sattel, als sie ihn nach Damaskus hineinbringen. Er weiß nicht mehr, wo er ist. Er bewegt die Lippen, flüstert leise… vielleicht betet er ja…

Blind war er gewesen, er selbst Scha’ul, die ganze Zeit, in der er dachte, Etwas Gutes zu tun. “…und es wird geschehen: Wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst damit.” Er selbst hatte sich verrannt in diesen Irrtum und Wahnsinn und war selbst zu einem tödlichen Fallstrick geworden für Menschen, die Gott suchten und ihn in Jesus Christus, dem Messias, dem Gesalbten Gottes, gefunden hatten. Blind war er gewesen, und blind ist er nun wahrhaftig geworden, und nichts ist vor seinen Augen als der tiefschwarze Abgrund seiner Schuld…

Nach einigen Tagen findet Scha’ul Hilfe in dem Haus in der Geraden Straße, wo er für ein paar Tage bei einem Freund untergekommen ist. Hananias, ausgerechnet ein Christ, ist zu ihm gekommen. Widerwillig ist der den Weg durch Damaskus gegangen, weil er sich von Gott dazu gerufen fühlte; zaghaft wahrscheinlich und vielleicht sogar furchtsam hat er an die Tür geklopft, an die Tür des Hauses, hinter der der ärgste Feind auf Heilung und Rettung wartete… Aber er findet die richtigen Worte für Scha’ul, und Gott öffnet seinem Feind die Augen für einen neuen Sinn für sein Leben.

Scha’ul lässt sich taufen. “Paulus” soll er nun heißen, und unter diesem Namen wird er bekannt im ganzen römischen Reich. Vor Könige und vor Kaiser tritt er und predigt und bekennt Jesus, den Messias, der nicht nur für Juden, sondern für alle Menschen das Licht des Lebens ist, das alle Blindheit heilt und alle Dunkelheit erleuchtet.

Was wäre gewesen, hätte Hananias sich nicht auf diesen unangenehmen Weg gemacht hätte? Wenn er sein Bild, das er sich von Scha’ul von Tarsisch, dem Verfolger der Christenheit gemacht hätte, festgehalten hätte? Es war ein begründetes Urteil über einen Feind und Gegner, das ihn von diesen Schritten in die Gerade Straße abgehalten hätte. Und Gott hätte sicher einen anderen Weg gefunden, aber Paulus wäre darin nicht vorgekommen.

Erlauben wir uns gegenseitig einen neuen Anfang, ob wir nun in der Mitte der Gemeinde leben oder am Rand, geben wir uns Raum für neue Freiheit, auch und gerade, wenn wir meinen, wir wüssten längst den rechten Weg zu Gott…

Im Licht des Auferstandenen ist kein Platz für Extremismus und Glaubens-Fanatismus, in der Nähe Gottes müssen wir Vorurteile fallen lassen, die dem Anderen Veränderung nicht zutrauen, die darum dem anderen die Türen verschließen. Lasst uns aufeinander zu gehen, an verschlossene Türen klopfen, bis sie geöffnet werden, auch wenn wir nicht genau wissen, was uns dahinter erwartet. Im Namen Gottes lasst uns gute, hilfreiche, heilende Wort füreinander finden. Wenn wir wieder lernen, so mit Liebe den Mitmenschen anzusehen, werden unsere Augen auch die Liebe Gottes als wirksame Kraft in unserer Mitte erkennen.

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