Geschenkte Zeit – das Jahr 2016 ist eine Sekunde länger…

Vor zweihundert Jahren hat sich noch kein Mensch wirklich für eine Sekunde interessiert. Im Alltag genügte es, zu wissen, was die Stunde geschlagen hat; und nur in Ausnahmefällen wurde man genauer, also„ minutiös“. Zu diesem Zweck teilte man nach dem Vorbild (und dem Zahlensystem) der alten Babylonier die Stunde in sechzig Minuten ein.

 
Erst mit der fortschreitenden Technisierung der Arbeitswelt und dem wachsenden Einfluss der Naturwissenschaften auf das Privatleben wurde eine genauere Einteilung interessant und wichtig. Die Uhren begannen, schneller zu ticken, und auf die Zifferblätter montierte man den roten Sekundenzeiger, der die „zweite Einteilung der Stunde“ anzeigte, nämlich ihren 3600ten Teil.

 
Vorher benannte man solch kurze Zeiteinheiten mit wahrhaft poetischen Vergleichen, mit Worten, die sich für uns heute romantisch anfühlen, Worten wie „Augenblick“, „Atemzug“ oder „Herzschlag“. Tatsächlich dauert ein Herzschlag bei einem erwachsenen Menschen in Ruhe etwa eine Sekunde. In unserer Gegenwart, werden die Zeiten von Kurzstreckenläufern in Hundertstelsekunden gemessen und Computer berechnen in einer Tausendstelsekunde viele hundert Additionen; GPS-Systeme, die den Standort auf der Erde mit einer Genauigkeit von 3 Metern angeben können, müssen eine Uhr beinhalten, die auf eine hundertmilliontel Sekunde genau geht. Moderne Atomuhren können das ohne Probleme. Die Sekunde ist für uns eine Selbstverständlichkeit geworden. Jedenfalls – fast.

 
Denn eine Frage wurde mit wachsender Messgenauigkeit immer dringender: Wie lang genau ist denn nun eine Sekunde?

 
Bis in die fünfziger Jahre hinein reichte die Genauigkeit der Definition der Sekunde durch die Drehung der Erde aus. Die Erdrotation kann man schon lange sehr genau messen, etwa indem man ein Teleskop auf die Sonne ausrichtete und dann wartete, bis sie wieder im Fadenkreuz erschien. Hatte man so die genaue Länge eines Tages ermittelt, konnte man Uhren entsprechend eichen und die Länge der Sekunde dadurch bestimmen.

 
Man stellte aber fest, dass sich die Erde nicht gleichmäßig dreht. Es gibt regelmäßige Veränderungen in der Geschwindigkeit der Erdrotation zwischen Sommer und Winter; und es gibt unregelmäßige Abweichungen, die vielleicht durch Strömungen von Lava und Gestein im Erdinneren hervorgerufen werden. Außerdem wird die Erddrehung langsam durch die Reibung gebremst, die Ebbe und Flut in den Weltmeeren erzeugen. Der
Mond wirkt wie eine riesige Bremse, der die Erddrehung so lange verzögert, bis sie sich synchron mit seinem Umlauf drehen wird. Das allerdings wird noch Milliarden Jahre dauern…

 
Immerhin macht die Verzögerung doch einige Hundertstelsekunden im Jahr aus, so dass neben einer neuen – an der Strahlung des Cäsiumatoms orientierten – Definition der Dauer einer Sekunde die Einführung vonSchaltsekunden notwendig wurde. Um die Abweichung zwischen der gleichmäßig laufenden Atomuhrenzeit und der Sonnenzeit auszugleichen wurden seit 1972 insgesamt 23 Schaltsekunden in die Atomzeit eingeschaltet, nach der auch unsere Funk-Uhren gesteuert werden.

 
Am Ende dieses Jahres wird um ein Uhr mitteleuropäischer Zeit eine solche Schaltsekunde
eingefügt; auf die Uhrzeit 00:59:59 folgt die Schaltsekunde 00:59:60 und dann erst 01:00:00. Ich bin gespannt, ob jemand ein Foto von seiner Digitaluhr blogt, die 00:59:60 zeigt…