In anderen Zeiten…

​Gestern hatte ich wieder mal einen guten Grund, mir eine Stunde Zeit zu nehmen, um in den alten Kirchenbüchern zu blättern. In den Kirchenbüchern werden Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Todesfälle aufgezeichnet; früher – also so vor dreihundert Jahren – wurden auch einschneidende Ereignisse aus der Geschichte des Dorfes bzw. der Stadt in den Kirchenbüchern vermerkt. Hungersnöte, große Brände, Pest und Cholera und Raub und Mord durch feindliche Soldatenheere sind da penibel vermerkt. Gute Nachrichten findet man seltener; man spürt es aber der großen und deutlichen Handschrift ab, wie stolz ein Pfarrer war, der zum Beispiel die Taufe oder die Hochzeit eines eigenen Kindes in ein Kirchenbuch eintragen konnte.

Für mich ist das immer ein besonderes Erlebnis, Zeit zu haben für diese alten Bücher und mit meinen eigenen Händen die Seiten berühren zu dürfen, die vor über dreihundert Jahren beschrieben wurden – mit einem Federkiel und Tinte aus einem Tintenfass, von einem Pfarrer, der weder Telefon noch elektrisches Licht kannte und dessen Gemeindeglieder im Winter jeden Sonntag ein Holzscheit mit zur Kirche brachten, mit dem dann am nächsten Sonntag die Kirche geheizt werden konnte…

Diese Schrift zu lesen, die fein geschwungenen, oft kaum noch zu entziffernden Buchstaben zu berühren, das ist wie ein Handschlag über die Jahrhunderte hinweg. Und ich frage mich, wer wohl in dreihundert Jahren die Namen und Daten liest, die ich in die Kirchenbücher schreibe, ganz schnöde mit einem (dokumentenechten) Kugelschreiber mit meiner krakeligen, durch das Tippen auf Tastaturen verdorbenen Gelehrtenschrift…

Heutzutage werden keine Informationen mehr in die Kirchenbücher geschrieben, die über das Nötigste hinaus gehen – ob der Bräutigam des gerade getrauten Paars Fernmeldetechniker oder Bauer, Schauspieler oder Astronaut war, wird man aus meinen Einträgen nicht lesen können. Ob ein Verstorbener an Krebs oder einer Herzrhythmusstörung gestorben ist – niemand wird es im nächsten Jahrhundert noch wissen können. Und vielleicht wäre es ja noch in dreihundert Jahren interessant, dass hier im Ort Selchow schon seit vielen Jahren immer wieder die Deutsche Luft-und-Raumfahrt-Ausstellung stattfindet; aber im Kirchenbuch steht nichts davon.

Vielleicht sollte ich ja anfangen, kleine Zettel mit Grüßen an Leserinnen und Leser aus dem 24. Jahrhundert zwischen die Seiten meiner Kirchenbücher zu legen und ein bisschen davon zu erzählen, wie wir heute leben und was uns heutzutage wichtig ist. Aber – was wird wohl jemanden in dreihundert Jahren interessieren? Was denkt Ihr darüber?