#march for science – über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion

Heute gehen weltweit fast eine halbe Millionen Menschen auf die Straße – für die Wissenschaft. Sie wollen ein Zeichen setzen für ihre Überzeugung, dass Forschung und wissenschaftliches Studium frei sein müssen – dass sie den Gegenstand ihrer Untersuchungen frei wählen darf, ihre Ergebnisse unzensiert veröffentlichen kann und dass sie die Möglichkeit hat, ohne Beeinflussung durch Wirtschaft oder Politik arbeiten zu können.

Der unmittelbare Anlass für diese Protestmärsche und Sympathiekundgebungen ist das Bestreben des amerikanischen Präsidenten, Forschungsergebnisse zu unterdrücken, die darauf hinweisen, dass es zu einer Veränderung des Weltklimas durch die Aktivitäten von Menschen gekommen ist – durch den Verbrauch von fossilen Brennstoffen, durch das Abholzen der Regenwälder und durch die Freisetzung von Kohlendioxyd und anderen Treibhausgasen. Unliebsamen Instituten und Universitäten werden die Mittel gekürzt; die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in den fachlichen und den populären Medien wird erschwert durch Propaganda und falsche Darstellung der Realität.

Darüber hinaus ist auch in vielen anderen Ländern eine zunehmende Bevormundung und Unterdrückung der wissenschaftlichen Forschung festzustellen, oft auch politisch-ideologisch oder religiös begründet.

Es ist für mich deutlich, dass es in diesem Streit nicht nur um finanzielle Interessen geht, sondern ganz grundsätzlich um Fragen der Macht. Wer die Macht hat, die Wirklichkeit zu deuten und die Welt zu erklären, hat Einfluss auf das Fühlen und Denken der Menschen und kann auch ihr Handeln beeinflussen.

In vergangenen Jahrhunderten war es oft die Kirche, die im Konflikt mit der wissenschaftlichen Forschung stand und die die alleinige Deutungshoheit über die Realität in allen ihren Erscheinungsformen für sich beanspruchte. Nicht nur Galileo und Darwin gerieten ins Visier des kirchlichen Bannspruchs; noch bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein, als man längst Atome spaltete und den genetischen Code zu entschlüsseln suchte, wurden bestimmte Bereiche der Forschung in päpstlichen Verlautbarungen als gottlos und ketzerisch verboten. Als „Modernisten“ bezeichnete man Soziologen und Philosophen, aber auch Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler und Naturforscher, die sich gegen das Primat der katholischen Kirche und ihren Anspruch, die Wirklichkeit zu deuten, engagierten. Von den katholischen Priestern wurde noch im Jahre 1910 erwartet, dass sie in einem „Antimodernisteneid“ dieser liberalen geistigen Strömung absagten.

Aber auch von der Seite der Wissenschaft aus ist es zu vergleichbaren Grenzüberschreitungen gekommen: Aus der Möglichkeit, viele Phänomene und Erscheinungen erklären zu können, ohne dafür auf ein Eingreifen Gottes hinweisen zu müssen, wurde geschlossen, dass Gott nicht existent sei, dass es gar keinen Gott geben könne. In manchen Ausprägungen hat Wissenschaft selbst die Züge einer Religion angenommen, wo sie nicht mehr nur wahrnimmt und beschreibt, was ist, und daraus Schlüsse auf Zusammenhänge zieht und so eine diesen zugrundelegende Theorie bildet, sondern darüber hinaus sinnstiftend und moralisch verpflichtend wirksam werden will.

Welches Verhältnis sollten Religion und Wissenschaft, Glaube und erkenntnisgeleitete Weltanschauung sinnvollerweise haben?

Ich denke nicht, dass der Glaube nur für die Dinge zuständig ist, die die Wissenschaft (noch) nicht erklären kann. Auf diese Weise würden Wissenschaft und Religion in einer Art Konkurrenz zueinander stehen und der Glaube müsste sich mit jedem neuen Fortschritt der Wissenschaft weiter zurück ziehen; der Vernunft ein verlorenes Territorium überlassen.

Es ist sicher viel sinnvoller, auf eine Zusammenarbeit beider Bereiche menschlichen Denkens und Forschens hin zu streben: Wissenschaft erforscht und beschreibt die Tatsachen der materiellen und fassbaren Wirklichkeit – während Religion und Glauben den Menschen spirituelle und moralische Maßstäbe an die Hand geben, mit denen sie ihr Handeln und Hoffen auf der Grundlage dieser Forschungsergebnisse prüfen und bewerten kann.

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