Kostbarkeiten aus meinen Kirchen – die DEREUX-Orgel

Ich habe in dieser Woche ein bisschen Zeit gehabt, in den Kirchengebäuden meines kleinen Sprengels herumzusuchen und zu kramen, und ich habe dabei entdeckt, dass es in der Kirche der Kirchengemeinde Wassmannsdorf eine DEREUX-Orgel gibt. Dies ist eine elektronische Orgel mit analog gesampleten Klängen; ein sehr ungewöhnliches und technisch außerordentlich interessantes Instrument aus dem Jahr 1973.

Die Töne werden in diesem Instrument nicht durch elektronisch erzeugte Sinus- oder Rechteckkurven produziert, wie es bei der Hammond-Orgel beispielsweise der Fall war, noch waren sie digitalisiert gespeichert, wie es bei den späteren digitalen Instrumenten die Regel ist.

Der französische Erfinder dieses ganz eigentümlichen Prinzips hat die Wellenformen, die von echten Orgelpfeifen erzeugt werden, vom Bildschirm eines Oszillographen abgezeichnet und mit einem Silber-Druckverfahren auf Bakelitscheiben gedruckt.

Für jeden Ton der Tonleiter gibt es einen eigenen Tongenerator, in dem die Klänge in verschiedenen Klangfarben und Tonhöhen aufgezeichnet sind. Jeweils zwei feststehende Bakelitscheiben tragen diese Information, und zwischen ihnen drehen sich die Abtastscheiben, die berührungsfrei durch ein elektrostatisches Verfahren diese Wellenforman auslesen, die dann mit Röhren- oder Transistorverstärkern weiterbearbeitet werden.

Leider ist die Orgel zur Zeit nicht zu benutzen, obwohl der Motor läuft und auch der Verstärker offensichtlich in Ordnung ist. Es könnte aber sein, dass der Hochspannungsgenerator defekt ist; und daran traue ich mich mit meinem Laienverstand nicht – immerhin arbeitet die Orgel intern mit Spannungen um 1000 Volt!

Faszinierend an diesem Prinzip ist, dass die Dereux-Orgel mit einer Art analogem Sampling arbeitet. Vor dem Einsatz des elektrostatischen Verfahrens experimentierte Dereux auch mit Schallplatten und Tonbändern als Datenträger für die Klang-Informationen; konsequent zu Ende gedacht ist seine Idee aber erst in den Geräten, die in den siebziger Jahren gebaut und in Deutschland vor allem durch die Firma Steinway & Sons vertrieben wurden. Eine Dereux-Orgel kostete damals nur etwa ein zehntel des Preises, den eine entsprechende Pfeifenorgel kostete, und war gegenüber Umwelt-Einflüssen wesentlich weniger empfindlich. Sie war auch viel leichter zu transportieren und aufzustellen und brauchte wesentlich weniger Wartung.

In der Gebrauchsanweisung steht:

Nach eingehendem Studium der klanglichen Eigenschaften berühmter historischer Kirchenorgeln in Paris nahm der französische Erfinder Dr. J. A. Dereux den Ton jeder Pfeife, Register für Register, mit Spezialmikrophonen auf und hielt die Schwingungskurven mit einem zu diesem Zweck entwickelten besonders empfindlichen Oszillographen zeichnerisch fest.

Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen konnten die so aufgezeichneten Schwingungskurven im Druckverfahren mit einer Silbermetall-Legierung auf Bakelitscheiben konzentrisch übertragen werden. Aus diesem wesentlichen Teil des Tongenerators wird durch den Abstand der einzelnen Kurven vom Mittelpunkt die Oktave bestimmt, in welcher der Ton angehalten wird, während die Schwingungskurve selbst den Ton des wiederzugebenden Registers darstellt.

Jeder der zwölf Tongeneratoren, die jeweils einem Ton und dessen Oktaven entsprechen, besteht aus zwei feststehenden Bakelitscheiben. Zwischen diesen dreht sich die Abtastscheibe. Die einzelnen Generatoren bestimmen die Tonhöhe durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten ihrer Abtastscheiben.

Wird nun ein Register gezogen und eine Taste gedrückt, entsteht ein Kapazitätenwechsel zwischen den beiden feststehenden Scheiben und der rotierenden Abtastscheibe. (…)

Mit äußerster Präzision wird die durch Taste und Register bestimmte Schwingungskurve auf der Abtastscheibe abgelesen, und ein entsprechend modulierter Strom gelangt zum Verstärker, durch den er über die Lautsprecheranlage zum Ton umgewandelt wird.

Der Vorteil dieses Systems liegt darin, daß beim Tongenerator, Hauptbestandteil des Instrumentes, jeglicher Materialverschleiß entfällt, weil zwischen den beiden feststehenden Scheiben lediglich ein Kapazitätenwechsel des elektrischen Stromes stattfindet, aber keine Berührung. Das Instrument kann sich nicht verstimmen, weil die Schwingungskurven auf den beiden Scheiben des Tongenerators festliegen. Weder klimatische Veränderungen noch Heizungseinwirkungen haben Einflüsse auf die Tonqualität.