Bücher für den Urlaub

Aaronovitch, Ben: Der Galgen von Tyburn

Dies ist schon der sechste Band aus der Reihe um den jungen Polizisten Peter Grant, der in einer ganz besonderen Abteilung der Londoner Polizei Ganoven jagt und Verbrechen aufklärt – er ist der Schüler des letzten Zauberers der Stadt. Zusammen mit seinem Lehrer und Mentor Thomas Nightingale stellt er sich Trollen und Kobolden, Feen und Magiern und auch leibhaftigen Göttinnen in den Weg, um die Ordnung in der Stadt aufrecht zu erhalten. Nicht gerade hilfreich dabei ist es, dass ausgerechnet die Mutter seiner Freundin in die Ermittlungen eingreift – aus nicht ganz uneigennützigen Motiven.

Denn in einem der vornehmsten Gebäude Londons wird die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Sie ist an einer Überdosis gestorben, und die Tochter der Flußgöttin Lady Ty hat die Drogen besorgt. Es ist höchste Zeit, dass sie bei Peter Grant einen Gefallen einfordert…

Ben Aaronovitch hat seine Bücher humorvoll, spannend und mit einer großen Prise Ironie geschrieben. Wer als Teenie „Harry Potter“ gelesen hat, wird als Erwachsener diese Bücher lieben.

Egan, Jennifer: Der größere Teil der Welt

„Bennie Salazar, ein Musikproduzent mit Visionen, hat Höhen und Tiefen erlebt. Auch seine Assistentin Sasha hat Probleme, von denen er allerdings nichts ahnt. Als Scotty, der Leadgitarrist von Bennies einstiger Punkband, überraschend wieder auftaucht, holt die Vergangenheit beide ein.“

Dieser Roman gefällt durch seine Vielschichtigkeit. Über mehrere Jahrzehnte hinweg schildert Jennifer Egan die Höhe- und die Tiefpunkte im Leben ihrer Protagonisten. Ganz nebenbei erhält man Einblicke in das Lebensgefühl einer Generation von Musikern in der wirbelnden Stadt New York – und in das Leben ihrer Kinder und Enkel, das sich so sehr von dem ihrer Vorfahren unterscheidet.

„Ich wollte ein Buch schreiben, das einen beim Lesen spüren lässt, wie die Zeit verfliegt…“ schrieb die Autorin, die für dieses Buch 2011 den Pulitzer-Preis erhielt.

Allende, Isabel: Fortunas Töchter

»Fortunas Tochter« erzählt die bewegte Geschichte der Eliza Sommers, einer lebenshungrigen jungen Frau, die zwischen zwei Kulturen lebt und einen abenteuerlichen Weg geht. Als chilenisches Findelkind in der Obhut einer englischen Familie aufgewachsen, bricht sie, kaum 17jährig, aus ihrer wohlbehüteten Welt aus.

Wenn Isabel Allende einen Roman schreibt, wird es automatisch ein Klassiker: ein bunter, stinkender, würziger, aufreibender, klangvoller Eindruck aus dem Leben, der lange in der eigenen Seele nachwirken wird. Eliza folgt dem Ruf der Liebe, sucht ihren Verlobten in den Wirren des Goldgräberfiebers in Kalifornien und trifft auf Treue und Vertrauen, auf Gewalt und Verrat, auf Verzweiflung und Humor und findet letztlich das Selbstbewusstsein, das sie erst zu einer wahren Bürgerin der neuen Welt macht.

Dieses Buch ist von einer emanzipierten Frau geschrieben, die weiß, dass Selbstbestimmung nichts Theoretisches sein kann, sondern im wirklichen Leben erkämpft wird.

Bolz-Weber, Nadia: Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen

Eine ungewöhnliche Pastorin schreibt von den Irrungen und Umwegen ihres Lebens. In Denver / Colorado gründete sie eine lutherische Kirchengemeinde und nannte sie das Haus für alle Sünder und Heiligen. Um dieses Haus herum versammelten sich Menschen, die auf der Suche nach einer geistlichen Heimat waren: Obdachlose, Alkoholiker, Homosexuelle und andere Menschen, die in der Kirche normalerweise mit verdrehten Augen angesehen werden. Genau solche Menschen, schreibt sie, sind es, mit denen Jesus sich umgeben hat. Er hat nicht die Gesunden und Selbstbewussten gesucht, sondern die Geknickten und Zerstörten, die, die wissen, was Tod und Auferstehung bedeutet, weil sie es selbst erlebt haben.

Kirche ist für Nadia Bolz-Weber nicht ein Ort, an dem sich alle wohlfühlen und gemütlich zusammen feiern, sondern ein Platz, an dem jede und jeder erfahren kann, was es heißt, dass Gott es ernst meint mit der Liebe.

Pfingsten unvollkommen…

Es war einmal, vor langer Zeit, am Anfang der Welt, da lebten die Menschen noch alle zusammen an einem Ort. Sie waren ein kluges und stolzes Geschlecht, tüchtig und stark, wissensdurstig und neugierig, und was sie sich in den Sinn gesetzt, gelang ihnen leicht, denn sie hatten alle die gleiche Sprache und Zunge und verstanden sich ohne Irrtum und Streit.

Aber sie überhoben sich in ihrem Stolz ohne Weisheit und sagten zueinander: „Auf! Lasst uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Denn wir wollen Gott sehen, ihn erkennen und verstehen. Ja, den Göttern gleich wollen wir sein, wir wollen ihre Werke zu unseren machen und tun, was sie getan. So können wir uns für alle Zeiten Ruhm erwerben und Ansehen und Ehre.“

So fingen sie an zu bauen, und ihr Turm wuchs schnell empor. Gott im Himmel aber sah sich an, was die Menschen da bauten und spottete darüber. Wie vergeblich war ihr Bestreben, wie vergänglich alles, was sie sich vornahmen! Und Gott machte sich auf, und mit einem Fingerzeig verwirrte er die Sprache der Menschen, so dass sie bald in Zank und Zorn gerieten und einander nicht mehr verstanden; so nahm er ihnen ihre Einheit und ihre Kraft.

Bald verstreuten sie sich in alle Himmelsrichtungen, siedelten hier und dort, bauten und wohnten, wo es ihnen gefiel, und es entstanden die Völker der Welt. Aber sie wurden nie wieder eins, und der Friede zwischen ihnen war brüchig und schwach. Und die Sprache, die sie einst verband, wurde ihnen zum Fallstrick, sie wurde die Quelle aller Missverständnisse und der Ursprung des Streits…

Paulus legte das „gute Buch“ aus der Hand und seufzte tief. Wie vertraut war ihm das, was er hier beschrieben fand; wie aktuell waren diese alten und ehrwürdigen Worte. Er dachte an den nicht endenden Streit in der Gemeinde in Korinth; er dachte an die immer wieder aufbrechenden Konflikte zwischen den „Christen“, wie man die kleine Gemeinde der Anhänger Jesu in diesen Tagen zu nennen begann, und den Juden, dem Volk Gottes; er dachte daran, wie oft er sich unverstanden fühlte… Kein Wunder, oft genug konnte er sich ja selbst kaum verstehen, verzweifelte beinah an der Erkenntnis, wie beschränkt er war und wie fern von den Idealbildern, die er vor seinen inneren Augen sah…

Ja, die Gemeindeglieder in Korinth machten ihm das Leben schwer. Stolz und klug waren die Menschen dort, weltgewandt und schwer zu überraschen: Sie wussten so viel und hatten Kontakte in alle Welt, denn sie trieben Handel mit allen Ländern bis an den Rand der Erde. Oft genug war er, Paulus, mit ihnen auf den Schiffen gefahren…

Aber sie waren nicht weise, genau wie damals die Menschen, die den Turm bauten in Babylon; wie sie wollten sich auch die Korinther zu gern „einen Namen machen“ und vergaßen in ihrer Selbstsicherheit das, worauf es wirklich ankam: sie hielten ihre eigenen Maßstäbe, „Modeerscheinungen“ der Spiritualität, auffällige, ja blendende Erweise der „Kraft“, für wichtiger als die Weisungen Gottes und sein Gebot der geschwisterlichen Liebe.

Oft genug war auch hier in der Gemeinde schon die Sprache die Quelle der Missverständnisse; sie sprachen vom Geist Gottes und meinten doch nur ein „göttliches Prinzip“ im Menschen; sie sprachen vom „Fleisch“ und meinten eher eine Art irdisches Gefängnis, dass es zu überwinden gilt. Sie sprachen von Freiheit und sahen nicht die Mauern und Gitter, in die sie sich selbst einsperrten – aber die Predigt des Paulus, seine Wort von der Freiheit, die das Kreuz Jesu Christi eröffnet, wollten sie nicht hören… Manchmal musste er mit den Christen in Korinth reden, als ob sie noch Kinder wären…

So viele Fragen verunsicherten die Gemeinde: Ist es erlaubt, Fleisch zu essen – auch wenn es aus einem Opfergottesdienst für einen heidnischen Gott stammt, wie eigentlich alles Fleisch, das es auf dem Markt in der griechischen Hafenstadt zu kaufen gab? Widerspricht Homosexualität ganz allgemein dem Willen Gottes, oder geht es in den bekannten Bibelstellen eigentlich um die“Knabenliebe“, wie zum Beispiel die alten griechischen Philosophen sie praktiziert hatten? Muss man der irdischen Obrigkeit gehorchen, auch wenn ihre Anordnungen der christlichen Gemeinde schaden könnten? Was kommt eigentlich nach dem Tod; und kann man wirklich sicher sein, dass auch die geliebten Menschen, die man ohne christlichen Segen bestattet hat – weil man es eben noch nicht besser wusste – im Frieden Gottes ruhen können?…

Und vor allem: Wie steht es um das Verhältnis zwischen den „Christen“ und den anderen Religionen, wie verhält sich Christus zu dem Gott Jahwe, der im Tempel von Jerusalem verehrt wird, zu dem Zeus und dem Hermes der Griechen, zu Jupiter und Merkurius, die die Römer verehrten, oder zu Odin und Wotan, die bei den Heiden am Ende der Welt in hohem Ansehen standen? So viele Fragen, so viel Ratlosigkeit… Kein Wunder, dass sich die Gemeindeglieder immer wieder verführen ließen, irgendwelchen Populisten nachzulaufen, rhetorisch geschickten „Superaposteln“, die ihnen einfache Antworten auf solch komplizierte Fragen versprachen…

Dazu kamen dann noch die üblichen Streitigkeiten in der Gemeinde, die es immer gibt, wenn eine größere Menge Menschen zusammenkommt – Streit um Macht und Einfluss, Vereinsmeierei, Klüngelei und Eitelkeit… Ja, das kennt man ja…

Wo aber bleibt in all dem die Liebe, die Christus geboten hat und an der man nach seinen Worten die Gemeinde erkennen soll? War die geschwisterliche Liebe nicht das größte Geschenk, die höchste Gabe überhaupt, die Gott seiner Kirche geschenkt hatte?

Paulus griff nach einem anderen Blatt, das ihm ein gewisser Lukas geschickt hat. Lukas war ein griechischer Arzt, der sich vor kurzem erst zu Christus bekehrt hatte und der nun durch die Lande reiste und überall die Geschichten und Erzählungen über Jesus sammelte, die von Mund zu Mund erzählt werden. In diesem kurzen Brief berichtete er vom Anfang der Christengemeinschaft in Jerusalem:

„Die Jünger waren alle zusammen in einem Haus; wie gewohnt waren sie in der Oberen Stube, um zu beten. Da erfüllte plötzlich ein Dröhnen das ganze Haus, ein Wind stürmte durch die Fenster, und der Geist Gottes erfüllte die Jünger. Wie ein helles Licht, wie eine Flamme der Begeisterung leuchtete es aus ihren Augen, und was sie zuvor nicht gewagt, das taten sie jetzt: sie gingen hinaus auf den Markt und redeten laut von den großen Taten Gottes, die er durch Christus getan hatte. Die Leute wunderten sich sehr über das, was die Jünger sagten; es war ihnen, als ob Gott selbst zu ihnen gesprochen hätte, und sie verstanden, was da gesagt war: Allein an diesem Tag bekannten sich 3000 Männer und Frauen zu dem Glauben der Christen.“

Der Geist Gottes erfüllte die Jünger… Diese Worte blieben im Gedächtnis des Paulus haften. Ja, es war seine Kraft, die Kraft des göttlichen Atems, die die Menschen verändert hatte. Auch das gab es ja in der Kirche; nicht nur Vereinsmeierei und verletzte Eitelkeiten. Es gab auch Menschen, die wirklich wie verwandelt waren, berührt von Gott, deren Leben neu geworden war durch ihren Glauben. Sie waren mutiger geworden, lebendiger, kraftvoller, einfach voller Energie, als ob ein Segen über sie gekommen wäre. Hatten davon nicht schon die alten Propheten gesprochen, dass Gott dies tun würde auf der Höhe der Zeit?

Beinahe hätte Paulus es selbst vergessen. Ja, die geistlichen Dinge müssen geistlich beurteilt werden, sonst werden sie nicht verstanden, scheinen sinnlos und töricht. Wirkliche Erkenntnis kommt nur dem Verstand, der für die Erkenntnis Gottes offen ist. Der nicht nur mit den menschlichen Möglichkeiten rechnet, sondern die Hoffnung hat, dass Gott Trauer in Freude verwandelt, die Einsamkeit der Mutlosen in die festliche Gemeinschaft der Menschen an Gottes Tisch, dass er aus einem Trauergesang einen Freudentanz machen kann – und dass er es nicht nur kann, sondern das er es will und dass er es tut, weil Gott doch nichts unmöglich ist und er ein Gott des Lebens ist… Beinahe hätte er es vergessen…

„Gut, dass es Menschen wie Lukas gibt, die mich von Zeit zu Zeit daran erinnern.“ dachte Paulus und legte das Blatt auf seinen Schreibtisch. Er trat ans Fenster und öffnete es weit. Vom Hafen her hörte er Musik, der Duft von Gewürzen und Gebratenem drang zu ihm herein. Es war Zeit, mit den anderen zu feiern. Pfingsten…