Kostbarkeiten aus meinen Kirchen – das Altarbild der Dorfkirche Groß Kienitz

Den Altar der Dorfkirche in Groß Kienitz ziert eine der schönsten Darstellungen das letzten Abendmahls, die ich kenne. Der Künstler stellt in vollendeter Manier die zwölf Jünger dar, die sich um Jesus versammelt haben, um das Passahfest mit ihm zu feiern. Im Zentrum des Bildes steht Christus, der nach dem traditionellen Mahl Brot und Wein nimmt und beides mit einfachen und doch machtvollen Worten weiter gibt und dem Mahl damit eine völlig neue Bedeutung verleiht. Seit Christus sagte: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut; esst und trinkt das in Erinnerung an mich.“ – seitdem sind uns Brot und Wein der Erweis seiner Gegenwart in unserer Mitte und erfahrbares Zeichen dafür, dass wir Christinnen und Christen in aller Welt zu einem Leib, zu Seiner Kirche verbunden sind.

Das Altarbild in Groß Kienitz gefällt mir besonders auch deshalb, weil der Künstler keinen Unterschied macht zwischen Judas Iskarioth, dem Jünger, der Jesus verriet, und den anderen, denen dieses Schicksal erspart blieb. Kein besonders grimmiges Gesicht, kein auffälliger Geldbeutel am Gürtel, nichts zeigt den Betrachtern, welcher von den Zwölfen der Jünger ist, der in der Nacht im Garten Gethsemani seinen Meister küsste und so seinen Verfolgern zeigte, wer er ist…

„Herr, bin ich’s?“ fragten am Abend des letzten Mahles alle seine Jünger, einer nach dem anderen, so als ob jeder von ihnen sich dieses Verbrechen zutrauen würde, so als ob niemand von ihnen sich seiner Treue und Glaubensstärke wirklich sicher wäre.

Jesus war von Menschen umgeben, die ihre Schwachheit kannten, die um ihre Fehlbarkeit wussten.

Für mich geht ein großer Trost von dem Gedanken aus, dass er sich nicht vollkommene und „unfehlbare“ Nachfolger gesucht hat, sondern Menschen, die verzagen und versagen, die ängstlich sind und in ihrer Angst zu Verrätern werden, Menschen wie mich. Einer der Jünger dreht sich um zu mir, fragend einerseits und auch einladend: Wenn Du Dir auch die Frage stellst „Bin ich es, Herr?“ – dann gehörst Du zu uns, dann tritt ein in unseren Kreis und nimm Teil am Mahl, das die Vergebung der Sünde bedeutet…

Dieser Trost macht für mich dieses Altarbild in Groß Kienitz unendlich wertvoll…

Bisher habe ich nicht in Erfahrung bringen können, wer wann und wo dieses Bild gemalt hat – aber ich bleibe dran…

Was mir fehlte, war eine Berufung…

Ich bin von Bischof Martin Kruse zum Pfarrer ordiniert worden. Davor habe sechs Jahre Theologie studiert, zuerst drei Jahre in Berlin an der Kirchlichen Hochschule, dann drei Semester in Tübingen, und dann noch einmal drei Semester hier in Berlin zur Vorbereitung auf das Examen. Danach war ich Vikar in der Kirchengemeinde Lichtenrade und am Lindenthal-Gymnasium in Steglitz.

Als ich mit meinem Studium begonnen habe, war ich mir nicht sicher, ob es für mich richtig ist, Pfarrer zu werden. Meine Interessen lagen damals eher im Bereich der Naturwissenschaften, ich hatte beim Abitur Mathematik und Physik als Leistungskurs gewählt und hatte immer davon geträumt, einmal Physiker zu werden.

Es waren meine Eltern, die mich dann auf die Idee brachten, mit dem Theologiestudium zu beginnen. Zwar fand ich das Studium anregend und interessant, aber ich war mir auch nach dem sechsten Semester noch unsicher, ob ich wirklich eine Gemeinde leiten und in ihr Predigen sollte.

Was mir fehlte, war eine Berufung. Ich wartete habe darauf gewartet, dass Gott mir in irgendeiner Weise mitteilt, dass er diesen Weg für mich ausgesucht hat, dass er mich als Pfarrer in seiner Kirche haben will.

In der Bibel fand ich so viele Geschichten, wie Gott Menschen in seinen Dienst beruft; Geschichten darüber, wie er Moses im brennenden Dornbusch erscheint, wie er Samuel mit hörbarer Stimmer ruft, wie Jesus Petrus und die anderen Jünger beauftragt, wie Paulus vor Damaskus geblendet von seinem Reittier fällt. Propheten wie Jesaja haben sogar geschrieben, dass die den Ruf Gottes fast wie einen Zwang empfunden haben, sie sind krank geworden, als sie sich ihm entziehen wollten.

Alles das hatte ich bis dahin nicht erlebt. Ich wartete auf eine Begegnung, ein Erlebnis, wenigstens einen Traum oder etwas ähnliches, dass mich davon überzeugen könnte, dass ich einen göttlichen Auftrag habe, Pfarrer zu sein.

Um es kurz zu machen: Ich habe nie ein solches Erlebnis gehabt. Kein Licht vom Himmel, kein Engel ist mir erschienen, ich habe nicht erlebt, dass der Geist Gottes wie eine Feuerflamme auf mich herabgeschwebt kam.

Und doch glaube ich, dass ich berufen bin; ich bin überzeugt, dass Gott mich als Verkünder seines Wortes haben will. Bischof Kruse hat damals in dem Ordinationsgottesdienst gesagt, dass die Ordination dem Glauben des Pfarrers helfen kann. Wenn er an sich zweifelt, an seinem Auftrag, an seiner göttlichen Berufung, dann kann er sich jenen Moment vor Augen halten, als ihm vor der versammelten Gemeinde dieses Wort ans Herz gelegt wurde: Siehe, in Zukunft wirst du Menschen fangen…

Bei meiner Ordination habe ich versprochen, das Wort Gottes zu predigen, seine Barmherzigkeit und seine Gnade zu verkünden, so wie es in den Bekenntnisschriften der Kirche steht: Allein durch Christus, allein durch Glauben, allein durch die Gnade Gottes werden wir gerecht.

Macht mich meine Berufung zu einem „besonderen“ Menschen? Nein, nicht im Mindesten. Viele Gemeindeglieder erwarten zwar von ihrem Pfarrer oder von ihrer Pfarrerin Besonderes – besonders fromm, besonders geduldig, besonders gläubig sollte er sein; irgendwie „anders“, auch wenn dieses Anderssein kaum jemals konkret beschrieben wird. Ich kenne viele Pfarrerinnen und Pfarrer und kann ihnen versichern – da „menschelt“ es genau so wie überall. Wir sind kein bisschen „heiliger“ als andere Christenmenschen.

Der einzige Unterschied ist, dass ich frei gestellt bin, zu forschen, zu beten, zu lesen, Theologie zu treiben – und um Seelsorger, zum Lehrer des Wortes Gottes, zum Prediger gewählt wurde.

Aber ich bin es nicht allein: Jedes Gemeindeglied ist dazu berufen, den anderen Vorbild und Lehrer zu sein; sie sind dazu berufen und dazu berechtigt, darüber zu sprechen, was Sie im Glauben als richtig erkannt haben. „Prüft alles, und das Gute behaltet!“ So werden wir von den neutestamentlichen Zeitzeugen aufgefordert – gelten wird nicht das Wort eines Einzelnen, sondern das, was die Gemeinde gemeinsam bekennt.

…slightly smaller than Montana.

Das World-Fact-Book des amerikanischen CIA ist im Internet frei zugänglich. Über jedes Land der Welt findet man dort interessante Fakten und wichtige Daten, mit der Genauigkeit einer staatlichen Organisation recherchiert und regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht.

Manche Tatsachen sind recht deutlich aus nordamerikanischer Perspektive heraus formuliert, was auf Menschen aus anderen Ländern oft lustig wirkt. „Deutschland“ – so heißt es da beispielsweise – „ist ein bisschen kleiner als der Bundesstaat Montana.“ Ähnliche Vergleiche findet man dort für jedes Land der Welt – und das ist dann doch wieder sehr interessant. Denn für uns, die in der Schule nichts anderes als Mercators winkeltreue Projektion der Welt gesehen haben, ist die tatsächliche Größe von Ländern und Kontinenten oft überraschend. Die von dem deutschen Kartographen Gerhard Mercator gezeichnete Karte dominiert bis heute unser Bild von der Welt. Sie verzerrt aber die Wirklichkeit auf eine letztlich fatale Weise:

So sehen Länder, die weit im Norden liegen, unverhältnismäßig viel größer aus als Länder in der Nähe des Äquators oder auf der Südhalbkugel unserer Welt – Kanada erscheint zum Beispiel um ein Vielfaches größer als Australien und Grönland größer als ganz Südamerika.

Die winkeltreue Projektion war und ist ein wichtiges Instrument der Navigation von Schiffen und Flugzeugen; aber sie ist völlig irreführend, wenn es um die Größe von Staaten und um Entfernungen geht. Für solche Zwecke gibt es linientreue und flächentreue Karten, auf denen aber dafür die Länder grotesk verzerrt erscheinen. Andere Entwürfe, die Flächen und Winkel recht detailgetreu darstellen, bezahlen diese Genauigkeit damit, dass sie nicht in einem zusammenhängenden Rechteck darstellbar sind: Buckminster Fullers „dymaxion-world-map“ beispielsweise besteht aus einer großen Zahl von Dreiecken, zwischen denen leere Flächen liegen. Wenn man die kugelförmige Oberfläche der Erde auf eine Ebene abbilden will, muss man eben immer Kompromisse eingehen.

Problematisch wird die Vorherrschaft der Mercator-Projektion auf Landkarten, in Schulatlanten, auf Schreibtischunterlagen, in Reisekatalogen, Lexika und Schulbüchern, sogar auf Google Maps und im CIA Factbook eben dadurch, dass die Länder südlich des Äquators dort als kleiner und damit unwichtiger dargestellt werden. Die Wirtschaftsmacht, die Bevölkerungszahlen, Produktion und Verbrauch und alle anderen wichtigen Kennzahlen über das Leben in einem bestimmten Land der Welt werden so mit einer falschen Intuition verknüpft, was Lage und Größe des Landes betrifft.

Der japanische Designer und Architekt Hajime Narukawa entwickelte Anfang des letzten Jahrzehnts eine eigene Projektionsmethode für Karten namens AuthaGraph, die zur Zeit als die beste und genaueste Projektion gilt und die seit 2015 auch in japanischen Schulbüchern zu finden ist und 2016 den „good design award“ gewann. Sie ist eine mathematisch recht aufwendige Konstruktion, die auf Fullers dymaxion-world-map basiert, aber eine Reihe von interessanten Unterschieden aufweist: Die Gestalt der Welt ist in einem Rechteck oder einem einzigen Dreieck darstellbar, ohne Risse und Lücken in der Karte. Man kann mehrere dieser Weltkarten wie Badezimmer-Kacheln aneinander legen und dann frei einen neuen Ausschnitt wählen, so dass es keinen festgelegte Mittel- oder Zentralpunkt in der Weltkarte gibt – anders als in üblichen Darstellungen ist also weder Europa noch Amerika oder der ostasiatische Raum der „Mittelpunkt der Welt.“

Ich hoffe, dass dieser neue Kartenentwurf sich auch bei uns durchsetzen wird und eine neue Sicht auf diese Welt befördert – ein neues Gefühl dafür, dass alle Länder dieser Erde wichtig sind und einen gleichwertigen Anteil zum Ganzen dieser Erde beitragen können und müssen.

Gerade in der Zeit, in der die Auseinandersetzung um die Weltökonomie immer größere Kreise zieht, wird auch eine korrekte Vorstellung von der wahren Gestalt der Erde für politisch weitreichende Entscheidungen immer wichtiger.