…slightly smaller than Montana.

Das World-Fact-Book des amerikanischen CIA ist im Internet frei zugänglich. Über jedes Land der Welt findet man dort interessante Fakten und wichtige Daten, mit der Genauigkeit einer staatlichen Organisation recherchiert und regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht.

Manche Tatsachen sind recht deutlich aus nordamerikanischer Perspektive heraus formuliert, was auf Menschen aus anderen Ländern oft lustig wirkt. „Deutschland“ – so heißt es da beispielsweise – „ist ein bisschen kleiner als der Bundesstaat Montana.“ Ähnliche Vergleiche findet man dort für jedes Land der Welt – und das ist dann doch wieder sehr interessant. Denn für uns, die in der Schule nichts anderes als Mercators winkeltreue Projektion der Welt gesehen haben, ist die tatsächliche Größe von Ländern und Kontinenten oft überraschend. Die von dem deutschen Kartographen Gerhard Mercator gezeichnete Karte dominiert bis heute unser Bild von der Welt. Sie verzerrt aber die Wirklichkeit auf eine letztlich fatale Weise:

So sehen Länder, die weit im Norden liegen, unverhältnismäßig viel größer aus als Länder in der Nähe des Äquators oder auf der Südhalbkugel unserer Welt – Kanada erscheint zum Beispiel um ein Vielfaches größer als Australien und Grönland größer als ganz Südamerika.

Die winkeltreue Projektion war und ist ein wichtiges Instrument der Navigation von Schiffen und Flugzeugen; aber sie ist völlig irreführend, wenn es um die Größe von Staaten und um Entfernungen geht. Für solche Zwecke gibt es linientreue und flächentreue Karten, auf denen aber dafür die Länder grotesk verzerrt erscheinen. Andere Entwürfe, die Flächen und Winkel recht detailgetreu darstellen, bezahlen diese Genauigkeit damit, dass sie nicht in einem zusammenhängenden Rechteck darstellbar sind: Buckminster Fullers „dymaxion-world-map“ beispielsweise besteht aus einer großen Zahl von Dreiecken, zwischen denen leere Flächen liegen. Wenn man die kugelförmige Oberfläche der Erde auf eine Ebene abbilden will, muss man eben immer Kompromisse eingehen.

Problematisch wird die Vorherrschaft der Mercator-Projektion auf Landkarten, in Schulatlanten, auf Schreibtischunterlagen, in Reisekatalogen, Lexika und Schulbüchern, sogar auf Google Maps und im CIA Factbook eben dadurch, dass die Länder südlich des Äquators dort als kleiner und damit unwichtiger dargestellt werden. Die Wirtschaftsmacht, die Bevölkerungszahlen, Produktion und Verbrauch und alle anderen wichtigen Kennzahlen über das Leben in einem bestimmten Land der Welt werden so mit einer falschen Intuition verknüpft, was Lage und Größe des Landes betrifft.

Der japanische Designer und Architekt Hajime Narukawa entwickelte Anfang des letzten Jahrzehnts eine eigene Projektionsmethode für Karten namens AuthaGraph, die zur Zeit als die beste und genaueste Projektion gilt und die seit 2015 auch in japanischen Schulbüchern zu finden ist und 2016 den „good design award“ gewann. Sie ist eine mathematisch recht aufwendige Konstruktion, die auf Fullers dymaxion-world-map basiert, aber eine Reihe von interessanten Unterschieden aufweist: Die Gestalt der Welt ist in einem Rechteck oder einem einzigen Dreieck darstellbar, ohne Risse und Lücken in der Karte. Man kann mehrere dieser Weltkarten wie Badezimmer-Kacheln aneinander legen und dann frei einen neuen Ausschnitt wählen, so dass es keinen festgelegte Mittel- oder Zentralpunkt in der Weltkarte gibt – anders als in üblichen Darstellungen ist also weder Europa noch Amerika oder der ostasiatische Raum der „Mittelpunkt der Welt.“

Ich hoffe, dass dieser neue Kartenentwurf sich auch bei uns durchsetzen wird und eine neue Sicht auf diese Welt befördert – ein neues Gefühl dafür, dass alle Länder dieser Erde wichtig sind und einen gleichwertigen Anteil zum Ganzen dieser Erde beitragen können und müssen.

Gerade in der Zeit, in der die Auseinandersetzung um die Weltökonomie immer größere Kreise zieht, wird auch eine korrekte Vorstellung von der wahren Gestalt der Erde für politisch weitreichende Entscheidungen immer wichtiger.

Ein Gedanke zu “…slightly smaller than Montana.

  1. Mich persönlich treibt ja eher die Frage um, welches Bild sich der US-Präsident von der Welt macht, als mit welchem US-Bundesstaat die CIA uns vergleicht. Dennoch eine interessante Quelle, auf die Du da verweist. Es bedankt sich eine, für die Mauritius immer noch links von Afrika liegt (vor hier aus gesehen).

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