Die überlebt haben…

Gedanken zum Predigttext (Ende der Geschichte von Noah)

Immer wieder erfahre ich bei Gesprächen in der Gemeinde von Männern und Frauen, die während des zweiten Weltkrieges in Lebensgefahr gerieten. Ich höre Geschichten von Nächten im Luftschutzbunker, während draußen ganze Straßenzüge in Asche versanken. Ich höre von Fluchtgeschichten von Familienmitgliedern, die in Güterwagen ihre Heimat Richtung Westen verließen, die auf freier Strecke plötzlich mit Maschinengewehren beschossen wurden. Ich höre Erzählungen von Menschen, die als Kriegsgefangene jahrelang in bitterer Kälte in Sibirien arbeiten mussten, ohne Feiertag oder Fest, ohne ein freundliches Wort. Als die Zeiten sich wandelten und sie zurückkehren konnten, waren sie veränderte Menschen, traumatisiert, gebrochen. Aber sie haben überlebt.

In unserer Gemeinde wird seit vielen Jahren in jedem Februar wieder ein besonderer Gottesdienst gefeiert, zum Gedenken an einen Flugzeugabsturz vor zwanzig Jahren: Ein Flugzeug der türkischen Fluggesellschaft Birgen Air wurde hier in Schönefeld erwartet, aber es traf nie ein. Schon kurz nach dem Start in der Dominikanischen Republik stürzte die Maschine ins Meer, keiner von den 189 Menschen an Bord überlebte das Unglück. Für ihre Angehörigen, die hier am Flughafen warteten, brach die Welt zusammen. Ihr Leben ging weiter, aber nun ohne die, die ihnen der Tod genommen hatte. Manche waren vielleicht nur zufällig nicht mitgeflogen in den Urlaub, weil sie krank geworden waren oder weil ihre Firma sich anders entschied. Der Tod trifft hier blind und ohne Sinn.

Ich erinnere mich an Amokläufer in Schulen in Deutschland, zum Beispiel vor fünfzehn Jahren in Erfurt. Fehlgeleitete Jugendliche besorgen sich Waffen und töten in ihrer Schule wahllos Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler. In Schweden überfällt ein Irrer ein Jugendzeltlager und erschießt wehrlose Menschen, nur weil sie eine andere politische Meinung haben. In Amerika schießt ein Verrückter in einem Kino plötzlich um sich. Alle diese Attentäter werden als stille, in sich gekehrte Menschen beschrieben, unauffällig, harmlos. Niemand hat diese Gewaltausbrüche vorhersehen können.

Vor einem Jahr raste ein Attentäter, ein Terrorist mit einem Lastwagen zwischen die Buden auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Elf Menschen starben, fünfundfünfzig wurden verletzt. Der Schock saß tief, denn bis dahin hätte niemand geglaubt, dass so etwas mitten in Berlin, auf einem so schönen und friedlichen Fest geschehen könnte.

Vor zwei Jahren war ich im Urlaub auf der Insel Rhodos. Das Mittelmeer war warm und leuchtend blau, das Leben am Strand ruhig und erholsam. Beim Schwimmen in den erfrischenden Wellen musste ich daran denken, dass nur ein paar dutzend Kilometer entfernt Flüchtende in völlig überfüllten Schlauchbooten von der nahen Küste der Türkei auf die Insel Kos fliehen; im Dunkel der Nacht, die Gefahr des Ertrinkens greifbar vor Augen. Tausende haben diese Überfahrt nicht überlebt. Und für die, die es geschafft haben, war diese Fahrt über die Meerenge nur eine Etappe auf den vielen tausend Kilometern der Balkan-Route, wo Menschen gefangen wurden, vergewaltigt, misshandelt und verletzt… Eine Strecke, die ich ein paar Tage später im Flugzeug in wenigen Stunden hinter mich brachte. Es waren zehn Sitzplätze unbesetzt in diesem Flugzeug. Zehn Flüchtenden hätten Wochen voller Strapazen und Lebensgefahr erspart werden können.

Die hier Ankommenden sind Überlebende. Sie haben Krieg und Gewalt in ihrer Heimat überlebt, die Strapazen und Gefahren des Weges, die Angst und den Hunger und die Krankheiten in den Lagern. Nun sind sie hier und oft nicht willkommen. Wir können uns einfach nicht vorstellen, was sie auf sich nehmen mussten, was sie überstanden haben; wir fürchten die Fremden, darum fällt uns das Mitleid schwer.

Auch ich kann mich nur schwer hinein versetzen in die Gedanken eines Überlebenden. Erleichtert ist man sicher, glüclich und froh – mich hat es nicht getroffen. Ich lebe! Aber sofort kommen auch die Fragen: Warum ich? Warum darf ich leben, und mein Kamerad, meine Kollegin, mein Mitfahrer, mein Nachbar, meine Lehrerin ist tot. Welchen Vorzug habe ich? Womit habe ich das verdient?

Irgendwann trifft einen wahrscheinlich auch das schreckliche Gefühl: Ich hätte es auch sein können: ich hätte dort im Meer zwischen den Trümmern meines Fliegers liegen können, mich hätte damals im Zug das Geschoss eines Feindes treffen können, auch ich hätte damals unter den Menschen auf dem Weihnachtsmarkt sein können. Ich habe überlebt, und es war purer Zufall.

Auch die acht Menschen, die aus der Arche treten, sind Überlebende. Die letzten der Menschheit, die in der Sintflut umkamen. Mit ihnen fängt Gott neu an. Aber alle andern sind tot.

Wie ist das mit meinem Bild von Gott vereinbar? Gott richtet die Welt mit Vernichtung und Tod? Ist er nicht der Schöpfer, der Gott, der das Leben will? Was mit der Geschichte wohl erzählt werden soll, ist, dass Gott solche weltvernichtenden „Strafmaßnahmen“ nicht (mehr) will. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht…

Als Noah aus der Arche ging…

Als Noah aus der Arche ging…


Eine Predigt für drei Stimmen…


Das Wasser hat sich verlaufen, die Welt ist grün und frisch. Morgenlicht leuchtet, rein wie am ersten Tag der Schöpfung. Majestätisch ragen die Gipfel in den nun wieder blauen Himmel. Hoch oben liegt das große hölzerne Schiff, als hätte ein Riese es dort verloren. Man hört es darin rumoren.

Es pfeift und bellt, zwitschert und grunzt, trompetet und jault, meckert, wiehert und zirpt, es gackert und brüllt, ächzt und schnauft, winselt und muht, und dann plötzlich hört man einen Schlag, als ob ein schwerer Baumstamm fällt. Knirschend öffnet sich ein großes Tor an der Seite des Schiffs, eine Wolke aus feuchtem, warmen Stall-geruch entströmt ihm, und dann kommen sie heraus, die Überlebenden.

Es flattert und trampelt, galoppiert und schreitet, schleicht und huscht, trippelt, läuft und schlängelt aus dem Tor heraus; wie ein breiter Strom aus Federn, Klauen, Schuppen und Fell ergießt sich das neue Leben in eine scheinbar unberührte Welt. Zuletzt verlassen auch die Menschen das Schiff. Noah, seine Frau, seine Söhne und deren Frauen blinzeln in die Sonne und steigen mit unsicheren Schritten die steile Rampe hinunter in eine ungewisse Zukunft.

Sie haben die Katastrophe überstanden. Sie haben überlebt. Dieses Mal. Wieder einmal. Aber was wird die Zukunft bringen?

Was wir vor unseren inneren Augen sehen, ist keine Szene aus einem Bilderbuch für Kinder. Auch kein Szenario aus dem Kino. Es ist das Ende einer Geschichte voller Angst und Verzweiflung, voller Arbeit und Mühe, von Blut, Schweiß und Tränen. Eine Geschichte von Vertreibung und Tod, von einer letzten Grenze und vom Ende der Welt. Und eine Geschichte von dem Fragen der Menschen nach dem Unbegreiflichen, dem Schicksal, nach Gott…

In beinahe allen Kulturen der Menschheit gibt es solche dramatischen Geschichten, die von einer großen, weltumfassenden Flut erzählen. Die Menschen haben die Götter erzürnt, mit ihrem Hochmut, – so wird erzählt – mit ihrer Gier, ihrem Streben danach, Gott gleich zu sein. Vielleicht aber auch nur, weil sie die Ruhe und den Frieden der Götter stören mit all dem Lärm, den sie ständig machen…

Am Ende beschließen die Götter: Die Schöpfung war ein Fehler. Sie muss rückgängig gemacht werden. Zurück auf Anfang. Der Friede auf Erden kann nur wieder-hergestellt werden mit einer radikalen Aktion, mit einer Endlösung… Feuer vom Himmel könnte vielleicht helfen, oder Wasser, jede Menge Wasser….

In diesen Geschichten, die es in Mittelamerika gibt und in Chína, in Babylon und in Ägypten, bei den alten Germanen und bei den Ureinwohnern Australiens, werden Erfahrungen von Völkern und Erlebnisse von Menschen verarbeitet. Es hat solche Fluten und andere Katastrophen immer wieder gegeben. Während der letzten 6000 Jahre haben Erdbeben im Mittelmeer Tsunamiwellen ausgelöst, die ganze Zivilisationen vernichteten und den Lauf der Geschichte veränderten.

Vielleicht sind schon durch das Schmelzwasser am Ende der Eiszeit natürliche Dämme weg gebrochen, ganze Meere sind vielleicht übergelaufen und spülten in einer einzigen Welle Siedlungen und Städte, Paläste und Tempel einfach weg…

Vulkane spuckten Megatonnen von heißer Asche, glühender Lava und giftiger Gase in die Luft, die ohne Unterschied reiche und arme, gottlose und fromme Menschen unter sich begruben…

Es könnte sein, dass das Menschheitsgedächtnis in diesen mythischen Sintflut-geschichten aus aller Welt Erinnerungen an solche Katastrophen bewahrt hat. Und in diesen Geschichten die Frage: Wo war Gott? Warum hat er nicht geholfen? Hat er vielleicht sogar selbst den Menschen dieses unvorstellbare Leiden angetan?

Vor zwei Jahren begann Noah, die Arche zu bauen. Mitten auf dem trockenen Land stellte er ein riesiges Schiff auf ein Gerüst. „Gott hat es mir befohlen.“, sagte er, wenn seine Frau ihn zweifelnd ansah. Und dann fingen er und seine Familie an, Tiere aus dem ganzen Land in dieses Schiff zu bringen. Oh, wie die Nachbarn gelacht und gespottet haben über ihn! Bis der Regen begann…

Vierzig Tage und vierzig Nächte hat es ohne Unterbrechung geregnet. Es war, als ob sich die sagenhaften Schleusen der Tiefe geöffnet hätten. Der Boden um das Schiff, das Noah gebaut hatte, verwandelte sich in Matsch und Schlamm, Schmelzwasser aus den Bergen verwandelte Bäche in reißende Flüsse, und ein plötzlicher Sturm trieb große Wellen aus dem Meer ins Landesinnere, Fluten, wie es sie seit Menschen-gedenken nicht gegeben hatte. Die Arche hob sich aus ihrem Baugerüst, schwamm auf der Flut, mit all den Tieren, die die acht Menschen gefangen und gerettet hatten. Und alles, was draußen war, ertrank in diesem endlosen Wasser, alles kam ums Leben, Tiere, Menschen…

Dann, als der Regen sich legte, schwamm die Arche wochenlang über einen endlosen Meer; bis an den Horizont erstreckten sich die Fluten. Selbst der Rabe, den Noah fliegen ließ, kam zurück, ebenso die Taube eine Woche später. Dann aber brachte der Vogel einen Zweig von einem Ölbaum, Zeichen des Lebens. Und zuletzt setzte sich das Schiff auf festem Grund. Und die Schöpfung geschah erneut.

Die acht Menschen stehen jetzt neben der Arche und sehen den Tieren hinterher, die sich in der Ferne verlieren, ihren Lebensraum zurück erobern. Sie werden fruchtbar sein und sich vermehren, sie werden wieder die Erde füllen. Vielleicht. Was gewesen ist, ist vergangen; aber was kommen wird, ist völlig unsicher; es gibt keinerlei Garantie, dass sich die Katastrophe nicht wiederholt.

Noah baut einen Altar. Er trägt Steine zusammen, baut einen niedrigen Tisch. Sorgfältig schichtet er Holz darauf, trockenes Laub. Dann schlägt er aus zwei Steinen das Heilige Feuer, bewegt die Lippen im Gebet. Noah bringt ein Opfer für Gott. Zeigt seine Dankbarkeit. Bittet um Frieden. Unterwirft sich…

Rauch steigt auf von dem Opferaltar, es duftet nach Kräutern und Gewürzen, nach Gebratenem. Den Menschen läuft das Wasser im Mund zusammen…

…und auch Gott roch den lieblichen Geruch. Mit seinem Opfer konnte Noah Gott besänftigen. Das war jedenfalls die Vorstellung der Menschen in dieser Archaischen Zeit. Ein Opfer bringen zu können, das heißt: Wir sind nicht länger hilflos der Willkür eines grausamen Gottes ausgeliefert. Wir können etwas tun. Vielleicht kann man sogar eine Art Vertrag aushandeln. „Geben und Nehmen“ heißt es dann, und „Eine Hand wäscht die Andere.“

Es ist dann kein blindes Schicksal, wenn eine Katastrophe uns trifft, unvorbereitet und wehrlos. Wenn wir Gottes Vertragspartner sind, können wir ihn zur Rechenschaft ziehen, uns und ihn an das erinnern, was wir einander versprochen haben.

Vielleicht ist die Geschichte von Noah bis heute so faszinierend, weil wir ahnen, wie sehr unser Leben bis heute von Katastrophen bedroht ist. Kinofilme spielen mit der Angst vor einem Kometeneinschlag oder einer anderen kosmischen Katastrophe, die uns auslöschen könnte mit einem Schlag wie damals die Dinosaurier.

Romane werden geschrieben über Experimente, die außer Kontrolle geraten und die Erde verseuchen mit Viren und Krankheitserregern, mit mikroskopisch kleinen Robotern oder einer künstlichen Intelligenz, die sich die Menschheit unterwirft und Welt beherrscht… Und das wohlige Gruseln über Dystopien und Science fiction vermischt sich mit der Angst, dass so etwas vielleicht schon bald wirklich geschehen könnte, in unserer Lebenszeit, in unserer Realität…

Auch die populären Wissenschaftssendungen spielen mit der Angst: Erdbeben, die ganze Länder verwüsten, Vulkanausbrüche, die einen Teil der Erde unbewohnbar machen und das Klima über Jahrzehnte verändern, das gab es und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das wieder geschieht. Wird sich die Menschheit dann mit ihrer noch nie dagewesenen Technik, mit ihrer erstaunlichen Fähigkeit zu Organisation und gemeinschaftlichem Handeln retten können? Werden unsere Fähigkeiten ausreichen, um der Katastrophe zu entgehen? Und werden wir wieder eine Arche bauen können?

So gesehen haben wir weniger Tröstliches für uns als Noah. Er sah sowohl hinter dem guten Leben im Frieden als auch in der alles vernichtenden Katastrophe das Gesicht Gottes; eines Gottes, mit dem man reden kann, den man besänftigen kann, mit dem man handeln kann. Es könnte sein, dass auch wir gezwungen werden, zu fliehen, von Katastrophen getrieben durch Wasser und Feuer hindurch in eine ungewisse Zukunft. Wer wird uns dann retten?

Kosmische Katastrophen haben kein Gesicht, mit ihnen lässt sich nicht handeln. Wissenschaftler und Ingenieure versuchen, die Menschheit auf das Schlimmste vorzubereiten, aber wir wissen, dass wir weder einen Kometeneinschlag oder auch nur gegen einen Vulkanausbruch wirksame Gegenmaßnahmen zur Verfügung haben.

Vielleicht sind die hausgemachten Probleme der Menschen sogar gefährlicher als die möglichen Naturkatastrophen… Der Klimawandel wird das Leben von Milliarden von Menschen grundlegend verändern. Sie werden fliehen müssen, weil es in vielen Ländern Kriege geben wird um Wasser und Nahrung, um Öl und Rohstoffe, um den rechten Glauben, um Geld und um Macht. Und der größte Feind des Menschen wird der Mensch selbst sein…

Inzwischen ist es Abend geworden. Nebel steigt aus den Tälern auf, die Wärme des Tages verdunstet den letzten Tau aus den feuchten Wiesen. Und plötzlich leuchtet über der Arche, über dem Altar, den Noah gebaut hat, und über den acht Menschen, die daneben stehen, der Regenbogen auf. Ein Zeichen am Himmel, hell und farbig wie ein Versprechen Gottes, eine Verheißung: Ich schließe einen Bund mit euch, mit allen Menschen, mit der ganzen Schöpfung.

Ein Licht, das den Himmel und die Erde verbindet wie eine Brücke, unverfügbar und unerreichbar wie Gott selbst, und doch deutlich sichtbar und berührend wie der Glaube an ihn. Ein Zeichen ist er wie ein Siegel unter einem Vertrag; ein Symbol, über dessen Klarheit und Kraft sich jeder Streit erübrigt: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gestellt, der soll ein Zeichen sein zwischen mir und dir.Solange die Welt besteht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Nicht das Chaos wird am Ende siegen, nicht die Unordnung, die Willkür, nicht das Tohuwabohu, nicht der Tod. Es gibt Regeln in der Welt, Gesetze, auf die man sich verlassen kann, Ordnungen, die Gott selbst garantiert. Damit hat er seine Schöpfung geschmückt, sie sind der Schmuck und die Schönheit der Welt, die Er geschaffen hat.

Die Schöpfungsgeschichte berichtet davon, wie Gott die Welt schuf, indem er ordnete und trennte – das Licht von der Finsternis, das Meer vom Land, den Tag von der Nacht – und so besiegte er das Chaos und schuf die Welt, den Kosmos. In der Sintflut das das Chaos erneut hereingebrochen über die Welt, wenn auch nur für einen Augenblick. Noch einmal lief alles ineinander, vermischte sich; es gab keine Ordnung und keine Regeln mehr.

So sehr hatte sich ausgebreitet, was der Mensch in die Welt gebracht hatte: Hunger und Gier, Eigensinn und Selbstgerechtigkeit. Er wollte nach eigenen Regeln leben, aber er verstand nichts von der Weisheit der göttlichen Ordnung. Das Gesetz und die Gebote galten ihm nichts; er nahm sich überall, was ihm gefiel. Selbst den Apfel vom Baum der Erkenntnis…

So verwirrte er das empfindliche Geflecht, die fragile Ordnung der Welt, in der alles mit allem zusammenhängt und miteinander verbunden ist. Diese Unordnung breitete sich aus, entfaltete ihre zerstörerische Macht. Gewalt gebar mehr Gewalt, gebar Mord und Krieg und Tod. Und am Ende wendete sich diese Macht gegen den Menschen, der sie geschaffen hatte.

Aber dies war nicht das letzte Wort, das Gott sprach…

Meiner Ansicht nach ist es dieser Zusammenhang, den die biblischen Schriftsteller meinten, wenn sie von Sünde sprachen: Menschen, die gegen die Ordnung Gottes in der Natur leben, die aus Hochmut oder Trägheit oder Gier die Gesetze brechen, die Gott für das Zusammenleben innerhalb der Schöpfung gegeben hat, entfesseln Mächte, die sich am Ende immer als lebensfeindlich herausstellen.

Sie belasten das Vertrauen der Menschen untereinander, zerstören die Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt, vernichten die Möglichkeiten zu einem friedvollen und gesunden Zusammenleben auf unserem Planeten. So kommt es, dass der Mensch, über den Gott noch in der Schöpfungsgeschichte sagen konnte „Und siehe, es war sehr gut!“ nur wenige Kapitel später ein vernichtendes Zeugnis und Urteil bekommt: „Das Dichten und Trachten des Menschen ist immer nur Böse von Jugend an…“

Diese Gottvergessenheit vergiftet die menschliche Vergangenheit, verdüstert die Gegenwart und machen seinen Blick in die Zukunft trüb und hoffnungslos. Paulus schreibt: So leidet die ganze Schöpfung mit dem Menschen und hofft darauf, dass endlich der Wille Gottes offenbar wird: die Erlösung der Welt.

Es war nicht Gott als Richter, der in Christus in diese Welt kam. Er kam, um zu erlösen. Jesus Christus ist das letzte Wort Gottes über seine Schöpfung. Er steht für das, was der Autor der Noah-Erzählung mit dem Zeichen des Regenbogens verbindet: Eine Brücke zwischen Gott und den Menschen. Ein Symbol des Glaubens, nicht mit Händen greifbar und doch unübersehbar real – ein Opfer, das nicht Noah oder ein anderer Mensch auf einem steinernen Altar bringt; sondern Gott selbst, der sich hingibt, damit diese Verbindung nicht reißt wegen der Gottvergessenheit des Menschen. Jesus Christus ist der Anfang einer neuen Welt, in der nicht mehr die Schuld und die Sünde des Menschen zählen, sondern die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.

Es wird weiterhin unvorhersehbare Naturereignisse geben wie Erdbeben und Überflutungen – und wohl auch die von der Menschheit verursachten Veränderungen im Klima, in der Landwirtschaft, es wird Kriege, Hungersnöte, Flüchtlingszüge quer über die Welt geben. Und es wird unglaublich schwer werden für die Menschheit, sich in dieser ungewissen Zukunft zu bewähren. Trotzdem müssen und werden wir es versuchen, mit aller Kraft und mit aller Glaubenszuversicht, die uns gegeben ist.

Es gilt Gottes Versprechen, das er einst Noah gab: Solange die Erde steht, wird die Treue Gottes nicht aufhören. Es wird Saat und Ernte geben zu seiner Zeit, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Es wird Regen geben zu seiner Zeit…

Aber eins wird es nicht mehr geben: Feindschaft zwischen Gott und dem Menschen. Dafür steht sein Bogen in den Wolken, dafür steht das Kreuz auf Golgatha, dafür steht das leere Grab.

Sonnenaufgang auf dem Land

Heute bin ich schon um halb fünf wach geworden. Einfach – ausgeschlafen. Und irgendetwas hat mich aus dem Bett getrieben. Ich habe mich fertig gemacht, die Katze versorgt und gefrühstückt; dann sah ich, wie es am Horizont langsam hell wurde.

Und ich konnte endlich einmal tun, was ich mir schon lange gewünscht habe:

Einmal den Sonnenaufgang draußen auf dem Land erleben…

Die ersten Sonnenstrahlen leuchteten am Horizont, als ich im Auto über die Stadtgrenze Richtung Süden fuhr. Dort in Großziethen gibt es einen Guts-Park, der schön gepflegt ist; ich gehe da mittags gern spazieren. Heute lief ich über die vom Morgentau feuchte Wiese an den hinteren Zaun, von wo man einen schönen Ausblick über die Felder hat…

Das Morgenrot färbte das vertrocknete Gras am Rain in Kupfer und Rost, über den Schollen standen noch die letzten Nebelschwaden, es roch frisch und kühl nach Herbstlaub und Erde. Ein paar Krähen flogen über mich hinweg, und etwas weiter weg versammelten sich andere Vögel zum Zug in den Süden; noch üben sie für den langen Flug. Auf dem Kinderbauernhof nebenan wieherten Pferde und grunzten Schweine… Und dann krähte sogar noch ein Hahn.

Wie still es dort ist, nur hundert Meter von der Straße entfernt! Die Autos summen nur leise dort hinter der Kirche, und die Glocke im Turm läutet den Tag ein. Und weit im Süden hört man ein Flugzeug starten, das ferne Rauschen der Düsentriebwerke steigt empor und schwindet… Heute habe ich kein Fernweh; es ist so schön hier.

Ich spüre, wie sich die Ruhe ausbreitet in mir, der Atem wird tiefer und freier. Nun bin ich bereit, diesen Tag zu umarmen: Komm!

Mauern

Mauern, auch Kirchenmauern, geben ein falsches Gefühl von Sicherheit. Sie täuschen eine Beständigkeit vor, die es nicht gibt. Nicht von ungefähr war das Heiligtum des Gottes Israels ein Zelt. Gott ist in dieser Welt nicht heimisch und bleibt unverfügbar, und innerhalb von Stunden kann sich auch der Lebenssinn eines Menschen völlig verändern. Dann werden Mauern zum Gefängnis und verhindern den nötigen Aufbruch.

Unerwartet schön…

Mathematik ist etwas Wunderbares und immer wieder Überraschendes. Aus etwas ganz Einfachem wird plötzlich etwas überaus Komplexes und unerwartet Schönes.

Nimm eine komplexe Zahl (also eine Zahl der Form a+bi) und quadriere sie. Addiere eine Konstante, eine zweite komplexe Zahl. Und wiederhole dies mit dem Ergebnis – quadrieren, addieren. Und immer so weiter. Lass das einen Computer tun, der kann das schneller.

Manche Zahlen werden dabei sehr groß, andere bleiben klein. Die Konstanten der Zahlen, die beim Quadrieren klein bleiben, gehören zur Mandelbrot-Menge. Du kannst sie in ein Koordinatensystem, in eine Karte eintragen – und es entsteht die faszinierende Form des „Apfelmännchens“.

Diese Form hat seit ihrer Entdeckung durch Benoit Mandelbrot unzählige Mathematiker und Künstler inspiriert. Eines der schönsten Kunstwerke habe ich auf der Webseite „mandelmap.com“ gefunden – Bill Tavis hat eine „Landkarte“ der Mandelbrot-Menge gezeichnet, wie man sie in alten Atlanten findet; eine Karte mit zahlreichen Details wie Seepferdchen, Elefanten und den (unendlich) vielen Inseln im Meer der Unendlichkeit…

Jetzt weiß ich, was ich mir zu Weihnachten wünsche.

Luise Rinser – Miriam

Der Büchertisch
Luise Rinser – Miriam

Fischer Verlag 1987; 333 Seiten, 9.90 €

Luise Rinser schreibt das Evangelium aus der Sicht der Frauen um Jesus. Maria von Magdala – im Buch heißt sie Miriam – lebt mit den Jüngerinnen und Jüngern des Jeschua aus der Stadt Nazareth, hört seine Predigt, wird Zeugin seiner Wundertaten. Von der Ausstrahlung seiner Person ist sie fasziniert, durch ihn gerät ihr Leben aus den Fugen.

Vor allem in Diskussionen mit Jochanan (Johannes) und Jehuda (Judas) stellt sie sich immer wieder die Frage: Wer ist er? Was will er? Wird er Israel befreien und die Gerechtigkeit Gottes aufrichten in diesem von der römischen Besatzung unterdrückten Land? Oder ist sein Auftrag noch viel größer, umfassen-der, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen erdenken kann? Und welche Rolle wird sie selbst, Miriam, bei dieser Verwirklichung dieser Vision spielen?

Miriam ist Rebellin und Begleiterin, oft zweifelnd, eine starke, liebende Frau. Sie stand unter dem Kreuz und sah als erste Jesus nach seinem Tod. Eine Frau von zweifelhaftem Ruf war zuerst vertraut mit dem größten Mysterium des christlichen Glaubens.

Wunderschön menschlich sind dieser Jeschua Ben Joseph, die Mirjam, der Jochanan, sogar der Jehuda und all die anderen Figuren gezeichnet, wie sie miteinander fragen, gehen, leben, sprechen, suchen, träumen und auch streiten, so manches Mal voller Angst, voller Zweifel, voller Zorn. Und doch atmet immer der höhere Friede des liebenden Geistes um und über sie.

Luise Rinser gelingt es, auf moderne und doch zeitlose Weise das Evangelium neu zu erzählen. Sie regt zum Nachdenken an und weckt auch in ihren Leserinnen und Lesern die Frage neu nach dem eigenen Standpunkt in der Geschichte Jesu. Dieses Buch lässt keinen glaubenden Menschen unberührt.