Als Noah aus der Arche ging…

Als Noah aus der Arche ging…


Eine Predigt für drei Stimmen…


Das Wasser hat sich verlaufen, die Welt ist grün und frisch. Morgenlicht leuchtet, rein wie am ersten Tag der Schöpfung. Majestätisch ragen die Gipfel in den nun wieder blauen Himmel. Hoch oben liegt das große hölzerne Schiff, als hätte ein Riese es dort verloren. Man hört es darin rumoren.

Es pfeift und bellt, zwitschert und grunzt, trompetet und jault, meckert, wiehert und zirpt, es gackert und brüllt, ächzt und schnauft, winselt und muht, und dann plötzlich hört man einen Schlag, als ob ein schwerer Baumstamm fällt. Knirschend öffnet sich ein großes Tor an der Seite des Schiffs, eine Wolke aus feuchtem, warmen Stall-geruch entströmt ihm, und dann kommen sie heraus, die Überlebenden.

Es flattert und trampelt, galoppiert und schreitet, schleicht und huscht, trippelt, läuft und schlängelt aus dem Tor heraus; wie ein breiter Strom aus Federn, Klauen, Schuppen und Fell ergießt sich das neue Leben in eine scheinbar unberührte Welt. Zuletzt verlassen auch die Menschen das Schiff. Noah, seine Frau, seine Söhne und deren Frauen blinzeln in die Sonne und steigen mit unsicheren Schritten die steile Rampe hinunter in eine ungewisse Zukunft.

Sie haben die Katastrophe überstanden. Sie haben überlebt. Dieses Mal. Wieder einmal. Aber was wird die Zukunft bringen?

Was wir vor unseren inneren Augen sehen, ist keine Szene aus einem Bilderbuch für Kinder. Auch kein Szenario aus dem Kino. Es ist das Ende einer Geschichte voller Angst und Verzweiflung, voller Arbeit und Mühe, von Blut, Schweiß und Tränen. Eine Geschichte von Vertreibung und Tod, von einer letzten Grenze und vom Ende der Welt. Und eine Geschichte von dem Fragen der Menschen nach dem Unbegreiflichen, dem Schicksal, nach Gott…

In beinahe allen Kulturen der Menschheit gibt es solche dramatischen Geschichten, die von einer großen, weltumfassenden Flut erzählen. Die Menschen haben die Götter erzürnt, mit ihrem Hochmut, – so wird erzählt – mit ihrer Gier, ihrem Streben danach, Gott gleich zu sein. Vielleicht aber auch nur, weil sie die Ruhe und den Frieden der Götter stören mit all dem Lärm, den sie ständig machen…

Am Ende beschließen die Götter: Die Schöpfung war ein Fehler. Sie muss rückgängig gemacht werden. Zurück auf Anfang. Der Friede auf Erden kann nur wieder-hergestellt werden mit einer radikalen Aktion, mit einer Endlösung… Feuer vom Himmel könnte vielleicht helfen, oder Wasser, jede Menge Wasser….

In diesen Geschichten, die es in Mittelamerika gibt und in Chína, in Babylon und in Ägypten, bei den alten Germanen und bei den Ureinwohnern Australiens, werden Erfahrungen von Völkern und Erlebnisse von Menschen verarbeitet. Es hat solche Fluten und andere Katastrophen immer wieder gegeben. Während der letzten 6000 Jahre haben Erdbeben im Mittelmeer Tsunamiwellen ausgelöst, die ganze Zivilisationen vernichteten und den Lauf der Geschichte veränderten.

Vielleicht sind schon durch das Schmelzwasser am Ende der Eiszeit natürliche Dämme weg gebrochen, ganze Meere sind vielleicht übergelaufen und spülten in einer einzigen Welle Siedlungen und Städte, Paläste und Tempel einfach weg…

Vulkane spuckten Megatonnen von heißer Asche, glühender Lava und giftiger Gase in die Luft, die ohne Unterschied reiche und arme, gottlose und fromme Menschen unter sich begruben…

Es könnte sein, dass das Menschheitsgedächtnis in diesen mythischen Sintflut-geschichten aus aller Welt Erinnerungen an solche Katastrophen bewahrt hat. Und in diesen Geschichten die Frage: Wo war Gott? Warum hat er nicht geholfen? Hat er vielleicht sogar selbst den Menschen dieses unvorstellbare Leiden angetan?

Vor zwei Jahren begann Noah, die Arche zu bauen. Mitten auf dem trockenen Land stellte er ein riesiges Schiff auf ein Gerüst. „Gott hat es mir befohlen.“, sagte er, wenn seine Frau ihn zweifelnd ansah. Und dann fingen er und seine Familie an, Tiere aus dem ganzen Land in dieses Schiff zu bringen. Oh, wie die Nachbarn gelacht und gespottet haben über ihn! Bis der Regen begann…

Vierzig Tage und vierzig Nächte hat es ohne Unterbrechung geregnet. Es war, als ob sich die sagenhaften Schleusen der Tiefe geöffnet hätten. Der Boden um das Schiff, das Noah gebaut hatte, verwandelte sich in Matsch und Schlamm, Schmelzwasser aus den Bergen verwandelte Bäche in reißende Flüsse, und ein plötzlicher Sturm trieb große Wellen aus dem Meer ins Landesinnere, Fluten, wie es sie seit Menschen-gedenken nicht gegeben hatte. Die Arche hob sich aus ihrem Baugerüst, schwamm auf der Flut, mit all den Tieren, die die acht Menschen gefangen und gerettet hatten. Und alles, was draußen war, ertrank in diesem endlosen Wasser, alles kam ums Leben, Tiere, Menschen…

Dann, als der Regen sich legte, schwamm die Arche wochenlang über einen endlosen Meer; bis an den Horizont erstreckten sich die Fluten. Selbst der Rabe, den Noah fliegen ließ, kam zurück, ebenso die Taube eine Woche später. Dann aber brachte der Vogel einen Zweig von einem Ölbaum, Zeichen des Lebens. Und zuletzt setzte sich das Schiff auf festem Grund. Und die Schöpfung geschah erneut.

Die acht Menschen stehen jetzt neben der Arche und sehen den Tieren hinterher, die sich in der Ferne verlieren, ihren Lebensraum zurück erobern. Sie werden fruchtbar sein und sich vermehren, sie werden wieder die Erde füllen. Vielleicht. Was gewesen ist, ist vergangen; aber was kommen wird, ist völlig unsicher; es gibt keinerlei Garantie, dass sich die Katastrophe nicht wiederholt.

Noah baut einen Altar. Er trägt Steine zusammen, baut einen niedrigen Tisch. Sorgfältig schichtet er Holz darauf, trockenes Laub. Dann schlägt er aus zwei Steinen das Heilige Feuer, bewegt die Lippen im Gebet. Noah bringt ein Opfer für Gott. Zeigt seine Dankbarkeit. Bittet um Frieden. Unterwirft sich…

Rauch steigt auf von dem Opferaltar, es duftet nach Kräutern und Gewürzen, nach Gebratenem. Den Menschen läuft das Wasser im Mund zusammen…

…und auch Gott roch den lieblichen Geruch. Mit seinem Opfer konnte Noah Gott besänftigen. Das war jedenfalls die Vorstellung der Menschen in dieser Archaischen Zeit. Ein Opfer bringen zu können, das heißt: Wir sind nicht länger hilflos der Willkür eines grausamen Gottes ausgeliefert. Wir können etwas tun. Vielleicht kann man sogar eine Art Vertrag aushandeln. „Geben und Nehmen“ heißt es dann, und „Eine Hand wäscht die Andere.“

Es ist dann kein blindes Schicksal, wenn eine Katastrophe uns trifft, unvorbereitet und wehrlos. Wenn wir Gottes Vertragspartner sind, können wir ihn zur Rechenschaft ziehen, uns und ihn an das erinnern, was wir einander versprochen haben.

Vielleicht ist die Geschichte von Noah bis heute so faszinierend, weil wir ahnen, wie sehr unser Leben bis heute von Katastrophen bedroht ist. Kinofilme spielen mit der Angst vor einem Kometeneinschlag oder einer anderen kosmischen Katastrophe, die uns auslöschen könnte mit einem Schlag wie damals die Dinosaurier.

Romane werden geschrieben über Experimente, die außer Kontrolle geraten und die Erde verseuchen mit Viren und Krankheitserregern, mit mikroskopisch kleinen Robotern oder einer künstlichen Intelligenz, die sich die Menschheit unterwirft und Welt beherrscht… Und das wohlige Gruseln über Dystopien und Science fiction vermischt sich mit der Angst, dass so etwas vielleicht schon bald wirklich geschehen könnte, in unserer Lebenszeit, in unserer Realität…

Auch die populären Wissenschaftssendungen spielen mit der Angst: Erdbeben, die ganze Länder verwüsten, Vulkanausbrüche, die einen Teil der Erde unbewohnbar machen und das Klima über Jahrzehnte verändern, das gab es und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das wieder geschieht. Wird sich die Menschheit dann mit ihrer noch nie dagewesenen Technik, mit ihrer erstaunlichen Fähigkeit zu Organisation und gemeinschaftlichem Handeln retten können? Werden unsere Fähigkeiten ausreichen, um der Katastrophe zu entgehen? Und werden wir wieder eine Arche bauen können?

So gesehen haben wir weniger Tröstliches für uns als Noah. Er sah sowohl hinter dem guten Leben im Frieden als auch in der alles vernichtenden Katastrophe das Gesicht Gottes; eines Gottes, mit dem man reden kann, den man besänftigen kann, mit dem man handeln kann. Es könnte sein, dass auch wir gezwungen werden, zu fliehen, von Katastrophen getrieben durch Wasser und Feuer hindurch in eine ungewisse Zukunft. Wer wird uns dann retten?

Kosmische Katastrophen haben kein Gesicht, mit ihnen lässt sich nicht handeln. Wissenschaftler und Ingenieure versuchen, die Menschheit auf das Schlimmste vorzubereiten, aber wir wissen, dass wir weder einen Kometeneinschlag oder auch nur gegen einen Vulkanausbruch wirksame Gegenmaßnahmen zur Verfügung haben.

Vielleicht sind die hausgemachten Probleme der Menschen sogar gefährlicher als die möglichen Naturkatastrophen… Der Klimawandel wird das Leben von Milliarden von Menschen grundlegend verändern. Sie werden fliehen müssen, weil es in vielen Ländern Kriege geben wird um Wasser und Nahrung, um Öl und Rohstoffe, um den rechten Glauben, um Geld und um Macht. Und der größte Feind des Menschen wird der Mensch selbst sein…

Inzwischen ist es Abend geworden. Nebel steigt aus den Tälern auf, die Wärme des Tages verdunstet den letzten Tau aus den feuchten Wiesen. Und plötzlich leuchtet über der Arche, über dem Altar, den Noah gebaut hat, und über den acht Menschen, die daneben stehen, der Regenbogen auf. Ein Zeichen am Himmel, hell und farbig wie ein Versprechen Gottes, eine Verheißung: Ich schließe einen Bund mit euch, mit allen Menschen, mit der ganzen Schöpfung.

Ein Licht, das den Himmel und die Erde verbindet wie eine Brücke, unverfügbar und unerreichbar wie Gott selbst, und doch deutlich sichtbar und berührend wie der Glaube an ihn. Ein Zeichen ist er wie ein Siegel unter einem Vertrag; ein Symbol, über dessen Klarheit und Kraft sich jeder Streit erübrigt: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gestellt, der soll ein Zeichen sein zwischen mir und dir.Solange die Welt besteht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Nicht das Chaos wird am Ende siegen, nicht die Unordnung, die Willkür, nicht das Tohuwabohu, nicht der Tod. Es gibt Regeln in der Welt, Gesetze, auf die man sich verlassen kann, Ordnungen, die Gott selbst garantiert. Damit hat er seine Schöpfung geschmückt, sie sind der Schmuck und die Schönheit der Welt, die Er geschaffen hat.

Die Schöpfungsgeschichte berichtet davon, wie Gott die Welt schuf, indem er ordnete und trennte – das Licht von der Finsternis, das Meer vom Land, den Tag von der Nacht – und so besiegte er das Chaos und schuf die Welt, den Kosmos. In der Sintflut das das Chaos erneut hereingebrochen über die Welt, wenn auch nur für einen Augenblick. Noch einmal lief alles ineinander, vermischte sich; es gab keine Ordnung und keine Regeln mehr.

So sehr hatte sich ausgebreitet, was der Mensch in die Welt gebracht hatte: Hunger und Gier, Eigensinn und Selbstgerechtigkeit. Er wollte nach eigenen Regeln leben, aber er verstand nichts von der Weisheit der göttlichen Ordnung. Das Gesetz und die Gebote galten ihm nichts; er nahm sich überall, was ihm gefiel. Selbst den Apfel vom Baum der Erkenntnis…

So verwirrte er das empfindliche Geflecht, die fragile Ordnung der Welt, in der alles mit allem zusammenhängt und miteinander verbunden ist. Diese Unordnung breitete sich aus, entfaltete ihre zerstörerische Macht. Gewalt gebar mehr Gewalt, gebar Mord und Krieg und Tod. Und am Ende wendete sich diese Macht gegen den Menschen, der sie geschaffen hatte.

Aber dies war nicht das letzte Wort, das Gott sprach…

Meiner Ansicht nach ist es dieser Zusammenhang, den die biblischen Schriftsteller meinten, wenn sie von Sünde sprachen: Menschen, die gegen die Ordnung Gottes in der Natur leben, die aus Hochmut oder Trägheit oder Gier die Gesetze brechen, die Gott für das Zusammenleben innerhalb der Schöpfung gegeben hat, entfesseln Mächte, die sich am Ende immer als lebensfeindlich herausstellen.

Sie belasten das Vertrauen der Menschen untereinander, zerstören die Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt, vernichten die Möglichkeiten zu einem friedvollen und gesunden Zusammenleben auf unserem Planeten. So kommt es, dass der Mensch, über den Gott noch in der Schöpfungsgeschichte sagen konnte „Und siehe, es war sehr gut!“ nur wenige Kapitel später ein vernichtendes Zeugnis und Urteil bekommt: „Das Dichten und Trachten des Menschen ist immer nur Böse von Jugend an…“

Diese Gottvergessenheit vergiftet die menschliche Vergangenheit, verdüstert die Gegenwart und machen seinen Blick in die Zukunft trüb und hoffnungslos. Paulus schreibt: So leidet die ganze Schöpfung mit dem Menschen und hofft darauf, dass endlich der Wille Gottes offenbar wird: die Erlösung der Welt.

Es war nicht Gott als Richter, der in Christus in diese Welt kam. Er kam, um zu erlösen. Jesus Christus ist das letzte Wort Gottes über seine Schöpfung. Er steht für das, was der Autor der Noah-Erzählung mit dem Zeichen des Regenbogens verbindet: Eine Brücke zwischen Gott und den Menschen. Ein Symbol des Glaubens, nicht mit Händen greifbar und doch unübersehbar real – ein Opfer, das nicht Noah oder ein anderer Mensch auf einem steinernen Altar bringt; sondern Gott selbst, der sich hingibt, damit diese Verbindung nicht reißt wegen der Gottvergessenheit des Menschen. Jesus Christus ist der Anfang einer neuen Welt, in der nicht mehr die Schuld und die Sünde des Menschen zählen, sondern die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.

Es wird weiterhin unvorhersehbare Naturereignisse geben wie Erdbeben und Überflutungen – und wohl auch die von der Menschheit verursachten Veränderungen im Klima, in der Landwirtschaft, es wird Kriege, Hungersnöte, Flüchtlingszüge quer über die Welt geben. Und es wird unglaublich schwer werden für die Menschheit, sich in dieser ungewissen Zukunft zu bewähren. Trotzdem müssen und werden wir es versuchen, mit aller Kraft und mit aller Glaubenszuversicht, die uns gegeben ist.

Es gilt Gottes Versprechen, das er einst Noah gab: Solange die Erde steht, wird die Treue Gottes nicht aufhören. Es wird Saat und Ernte geben zu seiner Zeit, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Es wird Regen geben zu seiner Zeit…

Aber eins wird es nicht mehr geben: Feindschaft zwischen Gott und dem Menschen. Dafür steht sein Bogen in den Wolken, dafür steht das Kreuz auf Golgatha, dafür steht das leere Grab.

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