Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…

Ich hasse Teelichte!

Im Urlaub gönne ich mir etwas Besonderes. Lecker essen in einem guten Restaurant. Feines Porzellan,silbernes Besteck, Stoffservietten, Rosen in der Vase. Mundgeblasene Gläser, in denen der Rotwein leuchtet. Das Essen auf dem Teller lässt die Seele jubeln, es sieht schon wunderbar aus. Und es duftet! Ich ahne, welcher Aufwand hier in der Küche betrieben wird.

Aber eins stört mich: Im kristallenen Kerzenhalter blinkt ein schnödes Teelicht, mit Aluschale, so, wie es sie in jedem Supermarkt und 99cent-Shop gibt.

Wo so ein Licht beim Candle-light-dinner leuchtet, zweifele ich schnell auch an der Qualität des Restaurants. „Was willst Du denn, die sind doch praktisch!“ sagt meine Frau. Richtig. Das ist aber Fertig-Ei aus dem Tetrapack auch. Und Tiefkühlbratlinge sowieso.

Mit Kerzen habe ich seit meiner Grundschulzeit viel Schönes verbunden. In der ersten Klasse durften wir zur Adventszeit eine eigene Kerze mitbringen, und ich kann mich heute noch erinnern, wie aufgeregt ich war, als meine Oma mit mir zu Woolw*rth ging und ich mir einen schönen Kerzenständer aus Messing und eine leuchtendrote Tischkerze dazu aussuchte. Es war ein beinahe heiliger Moment, als die Kerze dann bei der Adventsandacht in der Schule angezündet wurde.

Das tollste an den Geburtstagen meiner Teenie-Zeit war immer das Auspusten der Kerzen am Geburtstagskuchen. Und wenn ich an meine Zeit im Studentenwohnheim zurückdenke, denke ich immer auch an die große, dickbauchige Weinflasche, die ich mit unzähligen Tropfkerzen zu einem bunten Kunstwerk verwandelt habe.

Ich liebe das warme, lebende Licht einer Kerzenflamme, und ich liebe auch den Duft eines ausgepusteten Streichholzes… Ich liebe den Duft des Adventskranzes in der Wohnung und das kleine Ritual, das meine Frau und ich immer einhalten, wenn am Sonntag morgen eine Kerze mehr entzündet wird…

Ich finde es schön, dass es auch in evangelischen Kirchen immer mehr die Möglichkeit gibt, eine Kerze vor einem Altar anzuzünden und zu beten, und wenn ich dann gehe, bleibt meine Kerze da und betet sozusagen weiter…

Teelichte gehören aber ins Stövchen – und sonst nirgendwohin…

Eines Tages, mein Kind…

Predigt zum Ewigkeitssonntag

 

Offenbarung 21,1-7

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde;
denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen,
und das Meer ist nicht mehr.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem,
von Gott aus dem Himmel herabkommen,
bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach:
Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!
Und er wird bei ihnen wohnen,
und sie werden sein Volk sein, und er selbst,
Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;
denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron saß, sprach:
Siehe,
ich mache alles neu!
Und er spricht:
Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß!

Und er sprach zu mir: Es ist geschehen.
Ich bin das und das O, der Anfang und das Ende.
Ich will dem Durstigen geben
von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Wer überwindet, der wird es alles ererben,
und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

„Eines Tages, mein Kind, wird dies alles Dir gehören…“

Aus welchem Mund, liebe Gemeinde, könnte dieser Satz wohl stammen?
Welches Bild wecken diese Worte vor ihren Augen?

Sehen sie vor sich den Besitzer eines großen Konzerns, der mit seinem Stammhalter über ein Fabrikgelände schreitet, eine Werkhalle vor sich, in der jeden Tag hunderte von Mitarbeitern zu tun haben, einen Fuhrpark mit fünfzig LKWs, die Rohmaterial aus fernen Ländern bringen und Produkte wieder abtransportieren, damit sie in die ganze Welt verkauft werden?

Sehen sie einen Sammler vor sich, der über Jahrzehnte Bilder und Skulpturen kaufte, vielleicht so viele und so wertvolle, dass es sich lohnte, ein Museum oder eine Ausstellungshalle zu bauen, so dass nun Touristen aus dem ganzen Land kommen, um Aquarelle, Grafiken und andere Malereien zu besehen; einen Sammler, der alt geworden ist und ahnt, dass er nichts von alledem wird behalten können, dann, an jenem Tage, einem Sammler, der es weitergeben wird, was er erworben hat, in dankbare Hände?

Können sie sich diese Worte aus dem Mund eines verarmten Adeligen vorstellen, im Hof eines Schlosses gesprochen, das seit Jahrzehnten baufällig ist, dem es durch das Dach regnet, dem der Wind durch die zerbrochenen Fenster heult, so dass die Leute drüben im Dorf heute noch sicher sind, dass es in diesem alten Fürstensitz spukt?

„Eines Tages, mein Kind, wird dies alles Dir gehören…“

Können sie sich vorstellen, wie die so angesprochenen Erben auf diese Worte reagieren? Der Sohn des Konzernchefs dankbar, stolz, vielleicht aufgeregt über die große Verantwortung, die ihn erwartet? Die Enkelin des Sammlers, die Kunstgeschichte studiert hat, und der es wie ihrem Opa ein Herzenswunsch ist, die Sammlung zusammen zu halten und wo möglich mit kompetenten Sachverstand zu erweitern?Der Neffe des Adeligen, der so gar keine Lust hat, Zeit und Lebensenergie in dieses verfallene Bauwerk zu stecken, und sei es auch der durch vierhundert Jahre hindurch vererbte Sitz der Familie?

Ich habe einmal ein sehr bitteres Comicbild in einer Zeitung gesehen, eine Karikatur: Ein Mann steht mit einem Kind vor einer zerstörten Landschaft: Die Bäume sind abgesägt, nur ihre Stümpfe ragen noch aus dem Boden, darüber schwebt der Brandgeruch aus einer zerstörten Stadt, ein Panzer steht zerschossen auf einer Landstraße, und aus seinem Tank läuft Öl in einen See, in dem die Körper toter Fische treiben… Und der Mann sagt, indem er eine großartige Handbewegung macht: „Eines Tages, mein Kind, wird dies alles dir gehören…“

„Wer überwindet, der wird dies alles erben…“
so heißt es im Predigttext. Welche Gedanken weckt dieser Satz in ihnen, heute, hier in dieser Kirche?

Der Seher Johannes, der das letzte Buch der Bibel geschrieben hat, beschreibt eine Zukunftshoffnung. Von der Hoffnung auf die Zukunft schreibt er, weil in der gegenwärtigen Welt, in der er lebt, so wenig zu sehen ist, was Mut macht und hoffen lässt. In seiner Zeit werden die Christen verfolgt, dürfen ihren Glauben nicht öffentlich verkünden und bekennen, die Kirche, kaum hundert Jahre alt, beginnt schon zu zerfallen und in Splittergruppen auseinander zu brechen, die Glaubenskraft der ersten und der zweiten Generation der Christen verblasst und es bleibt ein auf blutleere Rituale fixierter, lauwarmer Traditionalismus, dem die Kraft, das Brennen des Geistes fehlt…

Das Christentum – ist es ein Experiment, das eigentlich gescheitert ist? Was hat es, was es wert wäre, an eine nächste Generation weiter gegeben zu werden?

Kommen uns diese Fragen nicht sehr aktuell und vertraut vor? Sind es nicht auch unsere Erfahrungen, unsere Fragen, die wir hier in den alten Worten und Bildern des Sehers Johannes wieder entdecken können? „Ihr werdet dies alles erben…“ Ja, wollen wir es denn überhaupt? Was bedeutet uns der Glaube, ist die Kirche wie das alte Fürstenschloss nicht ein abbruchreifes Gebäude, das man gar nicht so gerne am Hals haben möchte? Hat der Glaube noch Kraft, die uns im Leben und im Sterben trägt?
Ich habe es im vergangenen Jahr oft erlebt, dass er diese Kraft hat. Viele Menschen sind heute hier im Gottesdienst, die einer besonderen Einladung gefolgt sind: Sie haben in diesem Jahr einen Angehörigen begraben müssen, den sie geliebt haben und den sie vermissen. Damit wir gemeinsam die Trauer tragen, uns gegenseitig trösten können und die Namen der Verstorbenen noch einmal in ehrendem Gedenken in diesem Gottesdienst nennen, dazu sind sie hier mit uns zusammen gekommen.

Und in den Gesprächen, die ich mit manchen von ihnen bei der Vorbereitung von Trauerfeiern geführt habe, da habe ich es gemerkt: Dass sie sich von dem Glauben an Gott getragen fühlten, der uns auch in den Wochen des tiefen Schmerzes nicht verlässt. Er erspart uns den Schmerz nicht, er macht ihn uns nicht einmal leichter oder einfacher zu ertragen, aber er ist bei uns im Leid, er hält unseren Zorn aus, er ist der Empfänger unserer Klage – und schließlich wird er auch zum Ziel unserer Dank-barkeit und zu einem tragenden Fundament neuer Freude. Ist es nicht so gewesen?

Ich habe im vergangenen Jahr erlebt, dass Gemeindeglieder durch ihren Glauben dazu bewegt wurden, sich hier in der Gemeinde und anderswo in unserem Stadtteil für Arme, Kranke und Einsame einzusetzen. Wenn ich deren Namen hier im Gottesdienst nennen würde, würden sie wohl rot werden, wären mir böse, dass ich sie so in die Öffentlichkeit gezerrt habe und würden sagen: „Das ist doch nichts Besonderes, das gehört sich doch ganz einfach so…“ Es sind aber diese kleinen Dienste von Einzelnen an Einzelnen, die uns helfen, diese Welt und unsere Stadt bewohnbar zu erhalten, sie zu einem Ort zu machen, an dem man immer noch leben kann, sogar gern und glücklich leben kann. Die vielen kleinen „guten Taten“ sind es, die uns die Kraft des Glaubens erleben lassen und die uns die Liebe Gottes spürbar machen – sonst wüssten wir nichts von ihr, und sie bliebe ein leeres Wort. Diese Liebe ist das Öl in den Lampen der klugen Jungfrauen aus dem Gleichnis, das wir als Evangelium gehört haben.

Wir haben in den vergangenen Wochen Gottesdienste gefeiert, die von sehr tiefen, nachdenklichen Gedanken geprägt waren: Am Reformationstag haben wir uns erinnern lassen, dass eine Kirche, die sich nicht mehr bewegt, die nicht mehr bereit ist, sich verändern zu lassen, sehr bald stirbt, erstarrt und versteinert. Das kann sogar für eine Kirche gelten, in der scheinbar noch viel passiert, die ihren Aktionismus auslebt und viele Aufsehen erregende „Leuchtfeuer“ strahlen lässt – wo sie den Kontakt zu dem verloren hat, der sie überhaupt erst zur Kirche macht, stirbt sie: „Du hast den Namen, dass Du lebst, aber Du bist tot.“ bezeugt Johannes einer solchen Gemeinde. Kirche lebt aus Gott – oder sie lebt nicht.

Am Volkstrauertag und am Buß- und Bet-Tag haben wir uns sagen lassen, dass wir als Kirche in der Gesellschaft eine Aufgabe haben, die uns niemand sonst abnehmen kann: Die Aufgabe, die Stimme zu erheben für die Armen und Schwachen, die Verfolgten und zu Unrecht Verdächtigten, für die unschuldig Gefangenen und die im Krieg Vertriebenen und Getöteten, dort hin zu gehen und da zu helfen, wo auch Christus hingegangen wäre und wo er geholfen hätte… Wir sind als Christen ein Teil der Gesellschaft, aber wir stehen durch den besonderen Auftrag, den Gott uns gibt, auch der Gesellschaft gegenüber und erheben unsere Stimme für die, deren Stimme sonst niemand mehr hört, erheben unsere Stimme, damit am Ende nicht nur zerstörte Städte und Landschaften bleiben, damit nicht nur Hunger und Tod für unsere Nachkommen und Erben bleibt. Kirche ist, wo Christus ist – oder sie bleibt nicht.

Und heute, am Ewigkeitssonntag, dem letzten Sonntag des Kirchenjahres, lassen wir uns sagen, dass wir wirklich Grund haben zur Hoffnung. Wo der Glaube wirksam ist unter uns, wo Menschen sich durch ihr Gottvertrauen in Bewegung setzen lassen, mit Herzen, Mund und Händen sich für diese Welt einzusetzen und so die Liebe Gottes in die Welt bringen, da ist Grund zur Hoffnung. Wir lassen uns aber sagen, dass wir nicht selbst, nicht unser Tun und Lassen, Grund dieser Hoffnung sind. Gott ist es, der den neuen Himmel und die neue Erde schaffen wird, er ist es, der richtet, der zurecht bringt, der Gerechtigkeit schafft, der hilft und heilt, und er tut es da, wo wir in seinem Namen tätig sind. Im Licht der Ewigkeit rechnen wir aber nicht mehr mit der begrenzten Möglichkeit und Fähigkeit der Menschen, sondern mit der grenzenlosen Freiheit der Liebe, die den Tod überwindet, die die Glaubenden zum Hochzeitsmahl im Himmel lädt und die die Mauern zwischen Gott und den Menschen einfach überspringt. Kirche sucht nicht weniger als den Himmel – oder sie hofft nicht.

„Ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein… und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein, denn – seht: Das Alte ist vergangen: Er macht alles neu!

Wer überwindet, der wird dies alles erben. Eines Tages… und schon jetzt.

#Thanksgiving

Psalm 100

(Ein Dankpsalm)

Lacht und singt, freut euch vor Gott,
macht überall auf der Welt einen fröhlichen Lärm,
in allen Ländern der Erde jubelt und tanzt,
jubelt vor Gott, denn er hat sie alle gemacht!
Halleluja!

Tut voller Freude, was er euch gesagt hat,
wenn er euch ruft, kommt fröhlich und gern!
Ihr werdet erleben, wie sehr Gott euch liebt,
Euch hat er zu seinen Kindern gemacht.
Halleluja!

Ja, er hat uns gemacht, wir sind sein Volk,
Gott ist auf allen Wegen bei uns.
Wir sind geborgen in seiner Hand,
im Glück und in Not will er bei uns sein.
Halleluja!

Darum freut euch und dankt ihm, lacht, singt Gott ein Lied,
singt laut auf der Straße, spielt fröhlich im Haus,
musiziert in den Kirchen mit Flöten und Trommeln,
jeder, der atmet, singt ein Loblied für ihn.
Halleluja!

Denn Gott ist sehr freundlich, und seine Liebe ist ewig,
jeden Tag neu ist er da für uns.
Heute und morgen will er uns hören
und uns alle begleiten für alle Zeit.
Halleluja!



Heute feiert man in Amerika Thanksgiving – einen Tag der Dankbarkeit.

Auch ich bin heute dankbar – es gibt nämlich ein Jubiläum zu feiern!

Zehn Jahre ist es her, dass ich auf Blog.De mit ersten zögerlichen Versuchen begann, ein öffentliches Tagebuch zu führen. Diese Möglichkeit, an den social media teil zu haben, hat mich damals fasziniert und motiviert, über viele Jahre Gedanken und Ideen, Gefühle und Sorgen wildfremden Menschen mit zu teilen; fremden Menschen von denen einige im Lauf der Zeit zu guten und sehr guten Freunden geworden sind.

Als Blog.De geschlossen wurde, haben viele liebe Menschen hier bei wordpress einen neuen Ort gefunden, an dem sie die Gemeinschaft am Leben halten konnten – einige sind aber leider auch verloren gegangen. Nichts ist für immer.

Dieser Eintrag in meinem Blog ist nun der 100. Gedankensplitter auf dieser neuen Plattform – viele meiner Einträge von Blog.De habe ich hier nicht mehr hin kopiert, sie passten nach den vielen Jahren nicht mehr zu mir. In den letzten drei Jahren habe ich hier neue Texte aus meiner Arbeit, aus meinem Tagebuch und aus Emails eingestellt, weil ich denke, dass es Euch interessieren könnte. Und ich habe ab und zu Texte aus meinem Blog-Archiv hier erneut veröffentlicht.

Zwei Texte, die ich 2012 geschrieben habe, will ich Euch hier noch einmal zu lesen geben, weil ich immer noch hinter ihnen stehe und weil sie deutlich machen, warum ich hier blogge und wie das Schreiben mein Leben verändert hat. Ja, wirklich, das hat es!

Feldlilie , Reiner , Deborrah , Weißer Zwerg , Wolfram und andere sind liebe „alte“ Bekannte; und neue – vor allem Kolleginnen und Kollegen – sind dazu gekommen, z.B. die „freie Theologin“ Christiane , die zur Zeit erstaunlich freimütig und ehrlich über ihr schweres Schicksal schreibt; die Pfarrerin aus New York , die vier Kinder hat und trotzdem schon so viel von der Welt gesehen, Sarah Lieselotte , die mit ihrem wunderschönen Blog an Wunder glauben lässt, und Wolfgang Grosse , der uns in Pfaffe’s Welt entführt. Außerdem lese ich begeistert mit bei Sabina , die mich mal für einen Blog-Award nominiert hat und nicht wusste, dass ich da nicht mitmachen werde, und bei Peavy , der erfrischend freches Zeug schreibt und sich damit vor allem selbst in Kummer und Freude hinein manövriert (Sei vorsichtig, old chap!). Und eine echte Rampensau ist Seppo , der unter mehreren Nicknames bloggt und irgendwie schon Medien-Profi ist… (Man kann seinen Blog aber noch kostenlos lesen…)

So, jetzt also die versprochenen Erinnerungen: Zuerst ein fiktives Interview, dass ich zum fünfjährigen Jubiläum mit mir selbst führte…

…und dann ein Gedicht, welches sich auf die kleinen Profilfotos bezieht, die man bei Blog.De links neben den Blogeinträgen sehen konnte. Lange Zeit haben mich liebe Freunde von dort angelächelt, während ich meine Gedanken in den Laptop tippte…



Du bist jetzt seit fünf Jahren mit Deinem Blog hier bei blog.de vertreten; und seit drei Jahren schreibst Du einigermaßen regelmäßig sehr unterschiedliche Texte “ins
Internet”. Wie bist Du dazu gekommen?

Zuerst war ich einfach nur neugierig. In den Computer-Zeitungen, Radiosendungen und auch im Internet selbst wurde damals (im Jahr 2006) immer wieder über Weblogs berichtet, das Bloggen war längst Mainstream geworden; und ich wollte mir zuerst einfach mal anschauen, wie das funktioniert. Die Technik hat mich zuerst interessiert, die Software; ich dachte, das man sich gut mit HTML auskennen muss…

Es war dann aber sehr einfach, hier dabei zu sein: anmelden, ein paar Maus-Klicks machen, um ein passendes Design auszuwählen und alles passend “einzurichten“, und schon stand “Pfarrers Tagebuch” im Netz.

Du hast aber zuerst einige Monate gar nichts geschrieben…

Stimmt. Ich wollte erst einmal sehen, was die anderen so schreiben; Atmosphäre schnuppern, die Spielregeln kennen lernen. Wenn ich auf eine Party gehe mit lauter fremden Leuten, rede ich ja auch nicht einfach drauf los; ich gucke erst mal, was die anderen interessieren könnte.

Bei meinen ersten Einträgen habe ich dann aber gar nicht daran gedacht, dass das andere lesen. Ich meine, mir war natürlich klar, dass das, was ich da schreibe, öffentlich ist und dass das jeder lesen könnte, aber ich habe Dinge geschrieben, die mir einfach so in den Sinn kamen, und es war mir egal, ob es für andere interessant ist, ob überhaupt jemand das liest.

Ich war dann eher überrascht, dass fast sofort die ersten Kommentare dazu kamen.

Du hast Dein Blog “Pfarrers Tagebuch” genannt. Ist das nicht eher ein Widerspruch?
Ein Tagebuch ist ja eher privat, meistens wird es fest eingeschlossen oder versteckt, und nicht offen ausgelegt, damit jeder es lesen kann.

Als ich mir diesen Titel ausgedacht habe, wusste ich noch gar nicht, worüber ich wirklich schreiben würde. Ich hatte so eine vage Idee, den Leserinnen und Lesern etwas aus dem Alltag eines Pfarrers zu berichten; aber später habe ich meist einfach aus Freude am Schreiben und am Formulieren Texte verfasst, mehr oder weniger ohne feste Absichten. Und auch Texte, die eigentlich für einen ganz anderen Zusammenhang geschrieben wurden, tauchten hier auf: Ausschnitte aus Predigten, aus Gemeindebriefartikeln und aus Briefen habe ich hier veröffentlicht, wenn ich glaubte, sie könnten für die Leute hier spannend sein.

Manchmal schreibe ich schon sehr “intime” Gedanken hier auf, aber nichts, was wirklich geheim ist. Da bin ich sehr vorsichtig. Ich weiß ja nicht, wer hier alles reinschaut. Das heißt, ich weiß zum Beispiel schon, dass meine Mutter hier mit liest (Hallo! :wave: ); und auch einige Leute aus der Gemeinde; und damit verbietet es sich schon, hier all zu sehr Dampf abzulassen…

Als Pfarrer musst Du Dich ja an das Beichtgeheimnis halten und also noch mehr als jeder andere Blogger sonst aufpassen, dass Du nicht Dinge veröffentlichst, die besser unter dem Siegel der Verschwiegenheit bleiben sollten. Und auch sonst werden vielleicht manche Leute Dein Blog eher kritisch zur Kenntnis nehmen, weil sie ja wissen, dass Du Pfarrer bist. Sie wollen sich ja nicht unbedingt mit ihren Sorgen in Deinem “offenen Tagebuch” wiederfinden. Hat denn schon mal jemand aus der Gemeinde Dich auf Dein Blog angesprochen?

Nein, bisher noch nie. Es sind ja sowieso nur sehr wenige Menschen, die mein Blog lesen, etwa dreißig schauen regelmäßig mal rein, und ab und zu verirrt sich jemand auf meine Seiten, der Dinge wie “Herzliches Beileid” oder “Aschermittwoch” googelt. Das ist okay, ich schreibe das Blog ja aus Spaß an der Sache und nicht dafür, das hier tausend Hits am Tag gezählt werden.

Einmal bin ich auf einer kirchlichen Tagung überrascht worden von einem wildfremden Menschen aus der bayerischen Landeskirche, der mein Blog kannte und mich mit “Hallo, Sansibar” begrüßte – ich bin dann erst mal in Gedanken meine letzten zehn Blogeinträge durchgegangen, ob ich da irgend etwas Unpassendes geschrieben hatte…

Ich werde hier auch nie etwas “Geheimes” über die Familie, über Menschen aus der Gemeinde oder über Freunde schreiben. Ich möchte ja nicht, dass mich auf einem Gemeindefest oder bei einer anderen Gelegenheit jemand anspricht und sagt: Na, den Sowieso, den hast Du aber ganz schön vorgeführt auf deinem Blog…

Warum blogst Du immer noch? Was fasziniert Dich jetzt seit drei Jahren an dieser Sache, die doch eine Menge Zeit und auch einiges an Energie verbraucht, die Du auch anders nutzen könntest?

Ich finde es spannend, meine Ideen und Nachdenklichkeiten vor Menschen zu präsentieren, die mit Kirche wenig oder gar nichts zu tun haben. Als Pfarrer ist man im wirklichen Leben sehr eingebunden in eine ganz besondere Gemeinschaft, in eine Art kirchliches Gewächshaus.

Die Menschen, mit denen ich tagein, tagaus zu tun habe, sind in der Regel Christen, glauben mehr oder weniger stark an Gott, und kaum jemand stellt meine Rolle als Pfarrer in Frage. Ich habe bei ihnen einen Vertrauensvorschuss; im schlimmeren Fall trauen sich die Leute einfach nicht, mir offen zu widersprechen. In so einer Situation verliert man leicht die Orientierung; verliert den Kontakt zu dem Leben der “normalen” Menschen, so wie es zum Beispiel Politikern und Diplomaten auch oft geht. Selbst die Sprache der Kirchenleute ist ja anders als die der anderen Menschen, und sehr verschieden von der Sprache, die die Blogger im Internet benutzen, oder von der der Journalisten.

Ich sehe also meinen Blog unter anderem als eine Art “Reality-Check” an, einen Platz, an dem ich in das normale Leben eintauchen kann. Ironischerweise wird so für mich gerade das, was andere als “virtuell” oder “irreal” bezeichnen, für mich zu einem Testfall des “wirklichen” Lebens. Ich habe mich immer sehr gefreut über kritische Kommentare von Kirchenfremden; in der letzten Zeit sammeln sich aber auf Blog.de eine ganze Menge Leute, die Christen sind oder gläubige Menschen, die also mit dem Gedanken an Gott vertraut sind und hier Gebete, Meditationen und Lieder veröffentlichen. Manche wollen hier auch missionieren…

Das wollte ich gerade fragen: Willst Du hier missionieren; willst Du hier Menschen dazu bringen, an Gott zu glauben, vielleicht sogar Werbung für die Kirche machen?

Nein. Natürlich möchte ich mit Leuten über meinen und über ihren Glauben sprechen; aber mich treibt die Neugierde an und nicht das Gefühl, Menschen bekehren zu müssen. Wenn jemand mir zu erklären versucht, warum er Atheist ist und fest daran glaubt, dass es keinen Gott geben kann, dann finde ich das hochinteressant. Mir ist ein Mensch, der nicht an Gott glaubt, aber erklären kann, was seinem Leben Sinn und Ziel gibt, auf jeden Fall näher als jemand, der fromm jeden Sonntag in die Kirche geht, aber keine eigene Meinung zu dem Glaubensbekenntnis hat, das er da jede Woche spricht.

Ich finde es toll, wenn der eine oder andere mein “Tagebuch” liest und dann denkt: “Ach guck mal, ein Pfarrer, und der ist ja trotzdem ein ganz normaler Mensch, mit dem man richtig reden kann…”

Manche Deiner Texte sind einfach nur witzig, oder geradewegs albern… Hast Du nicht Angst, dass der Bischof oder ein anderer Vorgesetzter das hier mal lesen und dann den standesgemäßen Ernst darin vermissen könnte?

Das ist mein Hobby hier, und ich mache es nur aus Spaß. Manchmal habe ich Lust, auch die eher schrägen Seiten meiner Person hier vorzustellen. Einfach mal albern zu sein ist für mich sehr entspannend; ich kann mir das in der Gemeinde fast nie erlauben, dabei bin ich eigentlich oft sehr “unerwachsen” und spiele gern, auch mit Worten und Geschichten…

Wenn dabei mal der standesgemäße Ernst fehlt, juckt mich das nicht – unter ein gewisses Niveau würde ich aber niemals gehen. Ich möchte auch hier im “Virtuellen” nie meine Würde verlieren.



Kleine Bilder auf dem Monitor
sind wie Türen hin in unbekannte Welten,
hin zu fremden Menschen und Erinnerungen,
zu ihren Hoffnungen und Träumen.

Sie wecken Neugier,
Lust, einmal zu schauen,
was für Geschichten sich verbergen
hinter einem lächelnden Gesicht.

Oft fand ich: Tagebücher, offen, und für alle klar zu lesen.
Und doch gemeint für Freunde, die sich kennen. Wenn ich sie lese, sind sie mir
Erlebnisse aus einer Welt, die für mich fremd und fern, und doch wie meine.

Von Arbeit, Parties, Liebe, Hass. Doch immer klein und wie gefiltert,
und deutlich mit der Absicht, niemand weh zu tun,
und nicht zu viel von sich zu zeigen.

Ich lese, schmunzle manchmal und vergesse, was ich gelesen und gesehn,
mit mir hat’s nichts zu tun, und ich war nicht gemeint. Lebt wohl.

Oft fand ich: alte Briefe, Zettel, als Lesezeichen in Bücher gesteckt.
Fotos, getrocknete Blumen, auf einer Sommerwiese in den Ferien gepflückt.
Kindheitserinnerungen, Schachteln voll Murmeln und Spielzeugautos.
Musikcassetten, Platten, Liederbücher, Comichefte, Vogelfedern.

Glatte, bunte Kiesel aus dem Bach gepickt vor Jahren.
Püppchen in verstaubten Kleidern. Und das Erstaunen immer wieder:
Ja, sowas hatte ich einst auch.

Selten fand ich: Leben, Phantasie und Kraft, die Lust am Dasein,
glitzernde Gedanken über Gott und Welt. Im Hier und Jetzt genau beobachtet
die tausend Splitter, die zusammen Leben sind, die Fragen wecken auch in mir.

Die Fragen mich nach Geben und nach Nehmen,
nach dem Sinn und Ziel, nach Glauben
nach Gut und Böse und der Welt dazwischen. In ihnen fand ich mich.

Ich fand auch Sehnsucht, sah auch Angst und Trauer.
Ganz selten fand ich Menschen, die ich Freunde nennen könnte,
die fehlten, wären sie nicht da.
Die nahe mir geworden durch Bild und Schrift
und deren Zeilen zu mir sprechen,
auch wenn ich weiß, sie sind nicht nur für mich.

Ihr Bild ist nicht nur eine Tür,
es ist mir Gruß und Freude, die ich gerne wieder seh,
und ich fühl‘ mich geehrt, wenn ich es spüre,
dass auch ich nicht nur ein Name
und nicht nur Zeichen auf dem Bildschirm für sie bin…

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist…

Andacht in der Evangelischen Schule Großziethen

1. Es tut mir leid. Ich hab’s vermasselt.
Du hast mir vertraut, aber ich habe Dein Vertrauen missbraucht.
Ich habe dich angelogen. Ich habe Dein Geheimnis verraten.
Ich habe mein Versprechen nicht gehalten. Ich war Dir untreu.
Du wolltest mein Freund sein, Du hast mich geliebt,
aber ich habe Dich beleidigt und weggestoßen von mir.
Ich habe Dir weh getan. Ich habe Dich verletzt.

Jetzt stehe ich vor Dir und weiß nicht, was ich sagen soll.
Ich fühle mich schrecklich. Es tut mir leid.
Du bist mein Freund, meine Freundin! Kannst Du mir verzeihen?
Ich bitte Dich um Entschuldigung. Sei mir nicht länger böse.
Vergib mir!

Ich will meinen Fehler nicht wiederholen, ich will mich ändern.
Wirst Du mir helfen, ein anderer Mensch zu werden?


2. Wir sind schuld. Wir sind zu Tätern geworden.
Wir haben andere zu Opfern gemacht.
Von unserem Land ist Krieg ausgegangen.
Ein Krieg, der ganze Völker gemordet hat.

Sechs Millionen Juden sind tot.
Unzählige Soldaten aus Frankreich, England, Polen, Russland…
Und dazu Menschen, Frauen, Männer, Kinder…
Schülerinnen und Schüler wie wir.
Verblutet im Bombenhagel.

Wir waren nicht dabei. Wir haben es nicht miterlebt.
Es waren unsere Großeltern, die damals die Gewehre in Händen hielten,
die damals die Granaten bauten, die Panzer, die Flugzeuge.
Aber wir sind trotzdem nicht frei von Schuld.
Könnt Ihr uns verzeihen, ihr Völker der Welt?

Vergebt uns, Ihr Nachkommen der Toten von einst!
Helft uns, dass nie wieder so schreckliche Verbrechen in deutschem Namen geschehen.


3. Wir sind schuld.
Wir verbrauchen diese Welt, als gäbe es noch eine, noch viele davon.
Wir haben nur diesen einen Planeten, nur eine Welt.
Nur diese Luft, die wir atmen,
nur dieses Wasser, das wir trinken,
nur diese Erde, auf der unser Brot wächst.

Wir verbrauchen Öl, Kohle, kostbare Rohstoffe,
als würde keine weitere Generation nach uns kommen.
Als würden in hundert Jahren keine Menschen mehr leben,
die atmen, essen, trinken und leben wollen wie wir.

Was werden wir unseren Kindern sagen?
Was unseren Enkeln und deren Zeitgenossen?
Was werden unsere Nachkommen über unsere Generation sagen?
„Sie haben gierig und selbstsüchtig unsere Welt verbraucht
und uns nur die Reste gelassen…“

Werden sie uns verzeihen können?
Werden sie uns vergeben, unsere Kinder, Enkel, Urenkel?
Können wir uns ändern?
Bleibt uns überhaupt noch Zeit zur Buße,
zu einem neuen Denken, zu einem anderen Leben?


4. Vor Dir, Gott, stehe ich. Mit meiner Schuld.
Ich habe das Vertrauen meiner Freunde missbraucht.
Ich habe Menschen verletzt, die ich liebe.
Ich habe Menschen enttäuscht, die mich lieben.
Vor Dir, Gott, stehe ich. Mit meiner Schuld.

Vor Dir, Gott, stehe ich. Ich bin ein Sünder.
Unser Volk hat Krieg über die Welt gebracht.
Noch heute sterben Menschen für unseren Reichtum,
für unsere Bequemlichkeit, für unseren Wohlstand.
Vor Dir, Gott, stehe ich. Ich bin ein Sünder.

Vor Dir, Gott, stehe ich.
Wir Menschen zerstören selbstsüchtig und gierig die Welt, in der wir leben.
Wir verbrauchen gedankenlos und kurzsichtig in einem Jahrhundert die Rohstoffe,
die in Millionen Jahren gewachsen sind.
Vor Dir, Gott, stehe ich.

Ich bekenne vor Dir, Gott:
Ich bin einer von denen, die nicht fröhlich genug geglaubt,
nicht brennend genug geliebt und nicht treu genug gebetet haben.
Ich lebe, als ob es Dich, Gott, gar nicht gäbe.
Ich lebe, als gäbe es keinen Gott, keinen Tod, keine Grenze, kein Ende der Welt.
Ich lebe, als wäre ich selbst Gott und kein anderer neben mir.
Ich lebe, als wäre da nur ich…


Schenke mir einen neuen Anfang, mein Gott!
Schenke mir ein neues Herz und einen freien, fröhlichen Geist.
Vergib mir meine Schuld und halte mir meine Fehler nicht vor.
Mache aus mir ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

Gib mir Mut und Begeisterung, etwas zu ändern,
gib mir den Glauben, dass es nicht egal ist, was ich sage und tue.
Öffne meine Augen für die Menschen neben mir..
Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt.

Ich weiß: Es ist nicht meine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es ist aber meine Schuld, wenn sie so bleibt.
Darum gib meinem Leben einen Sinn und ein Ziel,
damit die Welt am Leben bleibt.

Erinnerungen an einen Abenteuerspielplatz

Schrottplätze sind faszinierend… Ausgemusterte Kühlschränke und verrostete Autoteile, Radiogeräte und Fernsehapparate, die vielleicht sogar noch funktionieren, Rollstühle und Schubkarren, Bretter, Blech und Stangen – alles liegt da griffbereit herum und ist irgendwie der Traum jedes Jungen…

Man könnte Seifenkisten bauen oder Burgen, Maschinen und Uhren, Raumstationen und Unterseeboote… Mit ein bisschen Werkzeug aus Papas Hobbykeller und dem Mut, sich eine Beule oder Schramme zu holen, sind die Möglichkeiten auf so einem Platz unendlich.

Leider hab ich nie einen richtigen Schrottplatz bespielen dürfen. Das wäre vielleicht auch zu gefährlich gewesen für Teenies. Aber bei meinen Eltern um die Ecke herum gab es einen großen, verwilderten Platz am Zerpenschleuser Ring, der damals einfach nicht bebaut wurde, als das Märkische Viertel fertig war. Vermutlich sollte da ein Einkaufszentrum hin oder so etwas, und dann haben die zuständigen Leute sich mit dem Vorschusskredit von der Bank aus dem Staub gemacht oder keine Drehgenehmigung bekommen oder sonst etwas. Darum wurde ein ziemlich großes Grundstück einfach nur eingezäunt und dann sich selbst überlassen – bzw. den Teenies aus der Gegend, die schnell heraus hatten, wo im Zaun die Löcher waren und sich dann auf das Grundstück geschlichen haben, um dort Räuber und Gendarm bzw. Cowboy und Indianer zu spielen (Piraten und Zombies kam erst später…).

Ich habe mir mit meiner kleinen Clique ein Versteck aus Brettern und Balken gebaut, von wo aus wir gegen die Klingonen kämpften und gegen die Frogs, die sich auf dem Weg in Sektor ZZ plural alpha befanden, ohne ein Handtuch vorzeigen zu können… Im Sommer haben wir da tagelang herum getobt, bis sich die sonnenverbrannte Haut von unseren Nasen löste, damals hat noch keiner von Lichtschutzfaktor vierzig geträumt. Wir haben ein Butterbrot mit Jagdwurst oder Cervelatwurst mitbekommen, und getrunken haben wir echt und tatsächlich ungereinigtes Grundwasser, das aus einem Betonrohr an einer kleinen Baustelle kam und in einem Graben daneben versickerte. Das schmeckte lecker, und keiner von uns ist daran gestorben, von gewissen Spätfolgen einmal abgesehen, und wir haben zuhause auch nie erzählt, was wir da eigentlich immer getrunken haben… Um das Wasser-Rohr herum wuchsen die Disteln besonders hoch und die Brennnesseln waren besonders scharf, aber es gab da auch die schnellsten und ausdauerndsten Schnecken, die fast jeden Wettlauf gewannen.

Irgendwo stand ein kleines, baufälliges Haus, das schon lang verlassen war, die Fensterscheiben waren eingeschlagen und die Zimmer waren alle leer; für Kinder gab es dort nichts Interessantes… Aber einmal, nach einem mehrtägigen Regen, fielen da die Tapeten von der Wand, und man konnte sehen, dass darunter alte Zeitungen an die Wand geklebt waren, als Futter oder Grundierung, was weiß ich… So konnte ich mal in die Berliner Morgenpost von 1955 und die Abendzeitung von 1954 gucken, die total irre uralte Werbung lesen, die damals in den Zeitungen gemacht wurde, die aufwändigen und textlastigen Anzeigen von C&A begucken und mich über die verrückten Reime beömmeln, die da zu lesen war und die die ganz anderen Familienstrukturen jener Zeit voraussetzten: „Ganz furchtbar schimpft der Opapa / die Oma hat kein Paech-Brot da!“ – „…und der Orje fragt den Kulle / Haste nich ne Paech-Brot-Stulle?“ und so weiter… Ich kann mich heute noch an den muffigen Geruch in diesem Haus erinnern, in dem wir uns damals wie echte Einbrecher fühlten. Naja, irgendwie waren wir das ja auch… Das war ja gerade das Aufregende…

Ein paar Monate später war unser Versteck entdeckt und zerstört; noch später wurde der große Platz abgeräumt und planiert, anscheinend hatte doch ein Investor im Streit um das Grundstück die Oberhand gewinnen können, jetzt stehen dort nur noch ein paar langweilige Fabriken. Die kleinen Jungen, die in diesen Jahren dort in der Gegend um den Zerpenschleuser Ring wohnen, müssen sich einen anderen Platz für ihre Abenteuer suchen. „The final Frontier“ gibt es für sie nicht mehr. Und die Möglichkeit, in alten Zeitungen zu blättern, haben sie im Internet – falls sie sich überhaupt noch für so etwas interessieren.

Die Mauer muss weg…

Als ich die Berliner Mauer zum ersten Mal sah, war ich enttäuscht. Sie sah irgendwie alt aus, verfallen, fast zerbrechlich. Wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Häßliche Betonplatten, mit einem aufgeschnittenen Rohr oben daran, damit man nicht derüber klettern kann. Stacheldraht. Von Selbstschussanlagen und Minenfeldern war von West-Berlin aus nichts zu sehen. Nur die Wachtürme konnte man dahinter erkennen, und ab und zu schaute da ein Soldat aus dem Fenster und rauchte…

Ich war zehn Jahre alt und mit meinen Eltern gerade nach Berlin umgezogen. „Das ist die geteilte Stadt. Eine Mauer durchtrennt sie in Ost und West…“ hatte man mir erzählt. Wir haben zuhause nicht viel über Politik geredet; als ich neun war, wusste ich noch nichts von Hitler, dem verlorenen Krieg, der Besatzung, DDR, Mauer – das waren alles Themen, über die wir nicht redeten. Nur mein Opa erzählte manchmal, dass er in Italien stationiert war; wenn er über den Krieg sprach, klang das immer wie ein Bericht über einen Urlaub am Mittelmeer.

Dabei hatten wir Verwandte „drüben“ und schickten ihnen vor Weihnachten „Westpakete“ mit Kuchen, Batterien, Kerzen und anderen Dingen, die man „drüben“ nicht so leicht kaufen konnte. Und wir bekamen im Gegenzug kurz vor Weihnachten eine Kiste mit „Echtem Dresdener Christstollen“, der wir dann meistens bis Ostern noch nicht aufgegessen hatten. Aber wo „drüben“ war, machte ich mir als Kind nicht wirklich klar…

Das also war die Mauer, die eine ganze Stadt, ein ganzes Land teilen konnte, nicht viel höher und stabiler als der bröselige Wall am Ende des Stadtparks, der den Spielplatz von dem Friedhof dahinter trennte… Ich hatte mir eine richtig hohe Mauer vorgestellt, wie die wehrhaften Wallanlagen einer Ritterburg, aus Fels und Granit, mit Zinnen am oberen Rand und Kanonen, die drohend dazwischen hervorschauten…

Gruselig waren dann aber die Besuche bei unseren Verwandten im „Osten“. Wochen vorher musste man ein Visum beantragen, den „Zwangsumtausch“ bezahlen und dann mit Pass und den anderen nötigen Papieren zum U-Bahnhof Friedrichstrasse fahren, um durch die Grenzkontrollen zu gehen, durch lange Korridore und enge Gänge bis zu dem Schalter, hinter dem der Grenzbeamte saß und einen lang und mißtrauisch anschaute, bevor er den Stempel auf das Visum drückte. Und dann war man in der DDR. Dort roch es nach dem Zweitakterbenzin der Trabbis und im Winter nach der Braunkohle aus den Schornsteinen, die Luft war grau, die Cola schmeckte anders und es gab „Letscho“ zum Kotelett, im Restaurant am Alexanderplatz, wo wir immer zu Mittag gegessen haben.

Das Zwangsumtauschgeld habe ich meistens im Buchladen ausgegeben, für Schallplatten und Bücher, die da viel billiger waren als bei uns. Mit den Verwandten sind wir oben auf den Fernsehturm gefahren, haben da ein Stück Kuchen gegessen und über die Stadt geschaut. Von da oben konnte man bei gutem Wetter sogar unser Haus im Märkischen Viertel sehen! Wir wohnten fast direkt vor (oder hinter) der Grenze und konnten die Mauer aus unserem Küchenfenster sehen. (An Silvester schossen die Grenzer aus jedem Wachtturm eine einzige rote Leuchtkugel in den Himmel, ich fand das immer sehr schön und feierlich.)

Meistens wollte ich dann aber bald wieder zurück, denn die Angst war immer da, dass wir an der Grenze beim „Tränenpalast“ nicht wieder hinaus gelassen werden und dann für Jahre bei unseren Tanten im Eichsfeld wohnen müssten.

In den Nächten nach dem Besuch in Ost-Berlin hatte ich dann oft diese Alpträume, in denen ich über die Mauer und durch den Stacheldraht kletterte…

Den Mauerfall 1989 hab ich tatsächlich verschlafen… Ich war damals Student an der Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf und war in Examensvorbereitungen. Das waren sehr intensive Wochen, in denen ich ganz in meinen Büchern und Vorlesungsmitschriften versunken war und wenig von der wirklichen Welt mitbekam.

Erst am nächsten Morgen erzählten es mir meine Nachbarn im Studentenwohnheim: Die Mauer ist gefallen! Ich konnte es nicht glauben, aber es war in den Nachrichten, dort waren die Bilder zu sehen mit den Trabbis, die durch die Grenzübergänge fuhren, mit fröhlichen Leuten, die sich begrüßten, mit den Familien, die sich mit Tränen in den Augen um den Hals fielen.

Abends bin ich dann zum Kurfürstendamm gefahren, ich wollte die Begeisterung und Fröhlichkeit miterleben, aber da waren nur Männer, ziemlich betrunken, die ihr Begrüßungsgeld in einer der vielen Eckkneipen ausgegeben hatten, und die Stimmung war aggressiv und feindselig. Es war nicht schön.

In den nächsten Wochen klopften die „Mauerspechte“ überall an der Mauer mit Hammer und Meissel die bunten Graffities ab, um ein Erinnerungsstück an diese historische Situation zu bekommen. In der Nähe meines Elternhauses war schon ein richtiges Loch in der Mauer, wo man durchklettern konnte. Ich habe das einmal gemacht, immer noch mit der kleinen Angst im Magen, dass plötzlich die Armee kommt und die Grenze wieder schließt, während ich „drüben“ bin. Ich hatte aber einen Grund…

Hinter der Mauer konnte ich aus unserem Küchenfenster den Kirchturm der Dorfkirche von Rosenthal sehen, und ich fand es immer schade, dass ich in diese Kirche nicht hineingucken konnte, obwohl sie nur ein paar hundert Meter weg war. Ich wäre so gern mal dort zum Gottesdienst gegangen… An diesem Tag also zwängte ich mich durch das Loch in der Mauer und ging zu der Kirche, in die ich mich seit zehn  Jahren hinein geträumt hatte… Es war eher enttäuschend, die Kirche war grau und verstaubt, innen wie außen, und Gottesdienst fand dort nur einmal im Monat statt. Ich bin nie in dieser Kirche zum Gottesdienst gewesen…

Es hat ein Jahr oder so gedauert, bis ich zum Alexanderplatz fahren konnte ohne diese kleine Angst im Bauch, und bis heute – finde ich – sehen die Straßen im Ostteil Berlins irgendwie anders aus. Vielleicht liegt es nur an den Straßenschildern, die anders sind, denn das Ampelmännchen gibt es inzwischen auch im Westen.

Jetzt arbeite ich in sechs Dorfkirchen im ehemaligen Osten: in Großziethen, das früher an drei Seiten von der Mauer umgeben war, in Schönefeld, wo die Dorfkirche fast direkt neben der Landebahn des Flughafens liegt, und in den anderen kleinen Gemeinden rund um den Flughafen herum.

Ich habe mich sehr gefreut und bin glücklich darüber, dass ich nichts von einer Mauer in den Köpfen gespürt habe – ob jemand aus dem ehemaligen Westen oder aus dem ehemaligen Osten Deutschlands kommt, spielt im „Speckgürtel“ Berlins kaum eine Rolle mehr. Konflikte entstehen eher an den Differenzen zwischen Menschen aus der „Stadt“ und den Leuten vom „Dorf“ – Unterschiede, die auch tatsächlich spürbar sind. Ich habe einiges dazu gelernt in den zwei Jahren, die ich jetzt dort arbeite, unter anderem auch, die Borniertheit der Städter gegenüber der Landbevölkerung abzulegen…

Ich arbeite gern dort – und nur ganz selten habe ich noch diese Alpträume, in denen ich mich zwischen Stacheldraht und Gießbeton durch die Nacht schleichen muss…

…des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein.

Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis / 5. November 2017
in den Kirchengemeinden Rotberg und Groß Kienitz

Was für ein Kontrast!

In der vergangenen Woche haben wir den Reformationstag gefeiert und uns daran erinnern lassen, wie Luther die Gnade Gottes wieder entdeckte: „Allein durch den Glauben“, schrieb Luther, „allein durch die Gnade werden wir gerettet, es ist Gott selbst, der uns seine Gerechtigkeit schenkt. Er hat uns befreit, das Gesetz, das uns von Gott trennt, gilt nicht mehr; unsere Schuld, die uns zu Feinden Gottes macht, hat er vergeben…“

Es sind Worte, die trösten, die Sicherheit geben, die beruhigen. Vielleicht haben wir sie aber zu oft gehört und uns zu sehr beruhigen lassen…

Und jetzt – an diesem Sonntag – hören wir Worte, die genau entgegengesetzt klingen: Christus spricht: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Ein Mensch wird sich gegen den anderen stellen, Eltern gegen Kinder, Geschwister gegeneinander; ja, des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein.

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist mein nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“

Das ganze 10. Kapitel im Matthäusevangelium klingt radikal, revolutionär, wie das Manifest einer Untergrundbewegung, einer Gemeinschaft zorniger junger Frauen und Männer, von Leuten, die etwas bewegen wollen, Partisanen des Glaubens. Es klingt hart, unbarmherzig, fordernd. Alles oder nichts! Ganz oder gar nicht! Eine fiebrige Hitze schlägt einem aus diesen Seiten der Bibel entgegen; eine Hitze, die beunruhigt und aufrüttelt, die die Gemütlichkeit und ruhige Sicherheit zunichte macht, die wir normalerweise in der Kirche suchen.

Vielleicht war die Kirche damals genau das – eine Untergrundbewegung. Als ungefähr 70. n. Chr. das Matthäusevangelium geschrieben wurde, begannen in den Ländern am Mittelmeer die Christenverfolgungen. Die Christen wurden in diesen Jahren als eine eigene religiöse Bewegung erkannt; sie galten nicht länger als jüdische Sekte. Also mussten sie Kompromisse eingehen; sie waren zum Beispiel nicht länger vom Kaiserkult befreit. Während manche Gemeinden sicher einen pragmatischen Weg suchten, gab es kompromisslose Kreise, die sich verweigerten, abtauchten und auch in Verfolgungssituationen und vor der Drohung mit Gefängnis und Tod nicht zurück schreckten. Märtyrer wurden bewundert und vor allem von jungen Menschen als Vorbild der mutigen Glaubenskraft hoch geachtet.

Wie Schafe sende ich euch unter die Wölfe!“ sagt Jesus zu seinen Jüngern. Das ist nicht das romantische Bild einer gemütlich und entspannt grasenden Herde, sondern ein paradoxes, widersprüchliches Beispiel für das, was Jesus seinen Jüngern zumutet: Ohnmächtig, gewaltlos, unbewaffnet, schutzlos seid ihr in dieser Welt. Sie ist nicht der Ort, an dem ihr eine Heimat habt, ihr wart hier nie zu Hause und werdet es nie sein. Eure Heimat ist an einem andern Ort, so wie meine, denn ich und ihr seid nicht von dieser Welt.

Aber ihr habt hier einen Auftrag und eine Aufgabe, eine Mission: Ihr sollt euch zu Gott bekennen, dem Vater, und den Namen des Sohnes laut aussprechen vor allen Menschen, auch und gerade vor den Reichen und Mächtigen, den Furchteinflößenden und Gewaltigen. Ihr sollt dahin gehen, wo ich hin gegangen wäre, und ihr sollt dort Dinge tun, die ich tun würde. Sagt laut, was ihr glaubt, und tragt so den Geist Gottes unter die Leute…

Kann so die Kirche sein? Muss sie so sein?

Die Kirche ist nicht das Paradies auf Erden. Kein gemütlicher Kuschelclub, kein esoterisches Wellnessbad, nicht das immerwährende Kaffeekränzchen. Die Christinnen und Christen sind die Agenten Christi auf Erden, seine Partisanen, seine Botschafter im Untergrund. Und wie Agenten, Partisanen und Botschafter müssen wir damit rechnen, dass Gott uns dahin schickt, wo es Streit gibt, wo es weh tut, wo Menschen sich entzweien und die Hausgenossen und die Feinde manchmal nicht mehr zu unterscheiden sind. Wo wir leiden, wie er gelitten hat. Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Es macht mir selbst Angst, dieses Wort. Es macht mich nervös. Ich bin ein Mensch, der es liebt, wenn sich alle irgendwie gut verstehen und miteinander klar kommen. „Leben und leben lassen…“ wie man so sagt. Dass Gott mich liebt und mich annimmt, wie ich bin, das ist mein Lebensthema geworden. Dass es dazu gehört, auch andere anzunehmen, das ist mir klar.

Aber manchmal sind die Forderungen Gottes so radikal. Wenn Gott mich so anspricht, habe ich Angst, zu verschwinden mit dem, was mir wichtig ist, was ich tun will; überfordert zu sein mit dem, was ich sein soll. Wo bleibe ich?

Menschen, die in der DDR großgeworden sind, kennen vielleicht die Situation besser als ich, wissen besser, was es bedeutet, wenn man selbst in der eigenen Wohnung und mit den Menschen der eigenen Familie nicht frei sprechen kann; weil Kinder sich in der Schule verplappern könnten; weil der Onkel ein „Hundertprozentiger“ ist, der einen bei der Polizei verpfeifen würde, weil man auch in der Kirche nie weiß, wer mithört und einem aus einem unbedachten ehrlichen Wort einen Strick dreht…

Bis in die Familie hinein trennen sich hier „Schafe“ und „Wölfe“; und die Feinde wohnen im eigenen Haus… Das Privatleben droht zu verschwinden zugunsten einer immerwährenden, mißtrauischen, wachsamen Vorsicht.

Ich habe inzwischen auch hier in unseren Gemeinden von Christen gehört, die im Gefängnis saßen, weil sie sich den Mund trotzdem nicht verbieten lassen wollten, weil sie gesagt haben, was sie glauben und was ihr Herz bewegt; weil sie getan haben, wozu der Geist Gottes sie getrieben hat.

Wohl darum heißt es im Evangelium: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“

Für uns könnte es heißen: Fürchtet euch nicht, euch als Christinnen und Christen erkennbar zu machen. Den Schwachen zu helfen, die Traurigen zu trösten, die Einsamen zu besuchen. Habt keine Angst, die Stimme zu erheben für die Verfolgten, die Geflüchteten und Heimatlosen.

Steht zu den Alkoholikern und Suchtkranken unter Euch und verurteilt sie nicht. Widersprecht, wo Rassisten und Ausländerfeinde Hass und Gewalt predigen. Widersprecht aber auch, wo Menschen als Nazis verleumdet werden, wo politische Ideologien den klaren, menmschlichen Blick aufeinander trüben.

Achtet darauf, dass ihr Euch nicht gegenseitig die Würde nehmt, die Gott jedem Menschen gegeben hat. Vergesst niemals die Liebe.

Der Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan!“ schreibt Luther in seinem Buch „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, und gleich im nächsten Satz „Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Sein Glaube, sein neu gewonnenes Vertrauen zu Gott hat Luther frei gemacht. Er wusste, dass er sich nicht mehr fürchten muss vor Gott, dass es „genug war“, was er bringen konnte, weil es auf das ankam, was Christus ihm brachte. Er musste nicht mehr fragen „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“, weil sich Gott bereits als der Gnädige gezeigt hatte.

Aber dieses Vertrauen zu Gott und diese geschenkte Freiheit nahm ihn auch in die Pflicht: Aus der kostbaren Freiheit heraus und aus einer glückseligen Dankbarkeit wollte er nun gerade erst wirklich mit seinem Leben Gott dienen, voller Freude mit seinen Worten und Taten dem gerecht werden, der ihm die Gerechtigkeit geschenkt hat.

Glaube macht gerecht ohne Werke, aber ohne Werke ist der Glaube tot. Dieses Paradox ist nicht wirklich aufzulösen. Luther hat sein Leben lang darunter gelitten, dass viele seiner Weggefährten das nicht verstanden.

Beides gehört zusammen: Gesetz und Evangelium, Glaube und Werke. Was Luther im 16. Jahrhundert in den Briefen des Paulus wiederentdeckt, nahm ihm die Angst, schenkte ihm die Freiheit, aber es erzeugte in ihm keine gemütliche und selbstzufriedene Ruhe. Im Gegenteil: Es brachte ihn in Bewegung, es brachte die Kirche in Bewegung – so sehr, dass sie zuletzt daran sogar zerbrach.

Die Kirche hatte die Dankbarkeit vergessen. Bequem war sie geworden, die Kirche, bequem und selbstsüchtig. Kirche ist aber nicht für sich selbst da, nicht für Bischöfe und Priester, Pfarrer und Gemeindekirchenräte. Kirche ist für Gott da. Und Kirche ist für andere da. Wenn die Kirche nicht dient, dient sie zu nichts. Wenn sie nicht Gott und dem Nächsten dient, ist sie nutzlos. Die Kirche erkennt man an ihrer Caritas, an ihrer dankbaren, freiwilligen Nächstenliebe.

Wie ist unsere Kirche heute; wie sind unsere Gemeinden? Sind wir belanglos geworden, unscharf und undeutlich? Bequem und faul? Uninteressant und unwichtig? Macht es überhaupt noch einen Unterschied in unserem Ort, ob es uns gibt oder nicht? Merken „die da draußen“ etwas davon, dass es uns gibt?

Lange wurde in den Kirchen gepredigt, dass hier alle Sünder und Heiligen eine Heimat finden können, angenommen werden und die Liebe Gottes für sich entdecken können. Wir können singen und feiern, trösten und uns trösten lassen. Wir können Frieden finden in seinem Haus. Das ist gewisslich wahr.

Aber auch das andere ist wahr: Du wirst gebraucht. Du hast eine Gabe und eine Aufgabe in der Kirche und in der Welt. Denn Gott braucht die Kirche. Und Gott braucht mich und Dich. Er will sein Werk nicht ohne uns tun. So seltsam das klingt.

Ich höre es nicht gern, aber ich muss es mir selbst auch sagen: Gottes Gnade ist gratis, kostenlos, aber nicht umsonst. Christ zu sein heißt, Gott Gott sein zu lassen und nicht selbst Gott sein zu wollen. Das heißt, zu Opfern bereit zu sein und das, was Gott will, für wichtiger zu halten als Bequemlichkeit und Eigensinn. Das heißt, die Dankbarkeit nicht zu vergessen, dass er mich befreit hat. Zur Freiheit. Zum Leben.

Denn Christus spricht: „Wer sein Leben verliert um meinet willen, der wird es finden…