Die Mauer muss weg…

Als ich die Berliner Mauer zum ersten Mal sah, war ich enttäuscht. Sie sah irgendwie alt aus, verfallen, fast zerbrechlich. Wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Häßliche Betonplatten, mit einem aufgeschnittenen Rohr oben daran, damit man nicht derüber klettern kann. Stacheldraht. Von Selbstschussanlagen und Minenfeldern war von West-Berlin aus nichts zu sehen. Nur die Wachtürme konnte man dahinter erkennen, und ab und zu schaute da ein Soldat aus dem Fenster und rauchte…

Ich war zehn Jahre alt und mit meinen Eltern gerade nach Berlin umgezogen. „Das ist die geteilte Stadt. Eine Mauer durchtrennt sie in Ost und West…“ hatte man mir erzählt. Wir haben zuhause nicht viel über Politik geredet; als ich neun war, wusste ich noch nichts von Hitler, dem verlorenen Krieg, der Besatzung, DDR, Mauer – das waren alles Themen, über die wir nicht redeten. Nur mein Opa erzählte manchmal, dass er in Italien stationiert war; wenn er über den Krieg sprach, klang das immer wie ein Bericht über einen Urlaub am Mittelmeer.

Dabei hatten wir Verwandte „drüben“ und schickten ihnen vor Weihnachten „Westpakete“ mit Kuchen, Batterien, Kerzen und anderen Dingen, die man „drüben“ nicht so leicht kaufen konnte. Und wir bekamen im Gegenzug kurz vor Weihnachten eine Kiste mit „Echtem Dresdener Christstollen“, der wir dann meistens bis Ostern noch nicht aufgegessen hatten. Aber wo „drüben“ war, machte ich mir als Kind nicht wirklich klar…

Das also war die Mauer, die eine ganze Stadt, ein ganzes Land teilen konnte, nicht viel höher und stabiler als der bröselige Wall am Ende des Stadtparks, der den Spielplatz von dem Friedhof dahinter trennte… Ich hatte mir eine richtig hohe Mauer vorgestellt, wie die wehrhaften Wallanlagen einer Ritterburg, aus Fels und Granit, mit Zinnen am oberen Rand und Kanonen, die drohend dazwischen hervorschauten…

Gruselig waren dann aber die Besuche bei unseren Verwandten im „Osten“. Wochen vorher musste man ein Visum beantragen, den „Zwangsumtausch“ bezahlen und dann mit Pass und den anderen nötigen Papieren zum U-Bahnhof Friedrichstrasse fahren, um durch die Grenzkontrollen zu gehen, durch lange Korridore und enge Gänge bis zu dem Schalter, hinter dem der Grenzbeamte saß und einen lang und mißtrauisch anschaute, bevor er den Stempel auf das Visum drückte. Und dann war man in der DDR. Dort roch es nach dem Zweitakterbenzin der Trabbis und im Winter nach der Braunkohle aus den Schornsteinen, die Luft war grau, die Cola schmeckte anders und es gab „Letscho“ zum Kotelett, im Restaurant am Alexanderplatz, wo wir immer zu Mittag gegessen haben.

Das Zwangsumtauschgeld habe ich meistens im Buchladen ausgegeben, für Schallplatten und Bücher, die da viel billiger waren als bei uns. Mit den Verwandten sind wir oben auf den Fernsehturm gefahren, haben da ein Stück Kuchen gegessen und über die Stadt geschaut. Von da oben konnte man bei gutem Wetter sogar unser Haus im Märkischen Viertel sehen! Wir wohnten fast direkt vor (oder hinter) der Grenze und konnten die Mauer aus unserem Küchenfenster sehen. (An Silvester schossen die Grenzer aus jedem Wachtturm eine einzige rote Leuchtkugel in den Himmel, ich fand das immer sehr schön und feierlich.)

Meistens wollte ich dann aber bald wieder zurück, denn die Angst war immer da, dass wir an der Grenze beim „Tränenpalast“ nicht wieder hinaus gelassen werden und dann für Jahre bei unseren Tanten im Eichsfeld wohnen müssten.

In den Nächten nach dem Besuch in Ost-Berlin hatte ich dann oft diese Alpträume, in denen ich über die Mauer und durch den Stacheldraht kletterte…

Den Mauerfall 1989 hab ich tatsächlich verschlafen… Ich war damals Student an der Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf und war in Examensvorbereitungen. Das waren sehr intensive Wochen, in denen ich ganz in meinen Büchern und Vorlesungsmitschriften versunken war und wenig von der wirklichen Welt mitbekam.

Erst am nächsten Morgen erzählten es mir meine Nachbarn im Studentenwohnheim: Die Mauer ist gefallen! Ich konnte es nicht glauben, aber es war in den Nachrichten, dort waren die Bilder zu sehen mit den Trabbis, die durch die Grenzübergänge fuhren, mit fröhlichen Leuten, die sich begrüßten, mit den Familien, die sich mit Tränen in den Augen um den Hals fielen.

Abends bin ich dann zum Kurfürstendamm gefahren, ich wollte die Begeisterung und Fröhlichkeit miterleben, aber da waren nur Männer, ziemlich betrunken, die ihr Begrüßungsgeld in einer der vielen Eckkneipen ausgegeben hatten, und die Stimmung war aggressiv und feindselig. Es war nicht schön.

In den nächsten Wochen klopften die „Mauerspechte“ überall an der Mauer mit Hammer und Meissel die bunten Graffities ab, um ein Erinnerungsstück an diese historische Situation zu bekommen. In der Nähe meines Elternhauses war schon ein richtiges Loch in der Mauer, wo man durchklettern konnte. Ich habe das einmal gemacht, immer noch mit der kleinen Angst im Magen, dass plötzlich die Armee kommt und die Grenze wieder schließt, während ich „drüben“ bin. Ich hatte aber einen Grund…

Hinter der Mauer konnte ich aus unserem Küchenfenster den Kirchturm der Dorfkirche von Rosenthal sehen, und ich fand es immer schade, dass ich in diese Kirche nicht hineingucken konnte, obwohl sie nur ein paar hundert Meter weg war. Ich wäre so gern mal dort zum Gottesdienst gegangen… An diesem Tag also zwängte ich mich durch das Loch in der Mauer und ging zu der Kirche, in die ich mich seit zehn  Jahren hinein geträumt hatte… Es war eher enttäuschend, die Kirche war grau und verstaubt, innen wie außen, und Gottesdienst fand dort nur einmal im Monat statt. Ich bin nie in dieser Kirche zum Gottesdienst gewesen…

Es hat ein Jahr oder so gedauert, bis ich zum Alexanderplatz fahren konnte ohne diese kleine Angst im Bauch, und bis heute – finde ich – sehen die Straßen im Ostteil Berlins irgendwie anders aus. Vielleicht liegt es nur an den Straßenschildern, die anders sind, denn das Ampelmännchen gibt es inzwischen auch im Westen.

Jetzt arbeite ich in sechs Dorfkirchen im ehemaligen Osten: in Großziethen, das früher an drei Seiten von der Mauer umgeben war, in Schönefeld, wo die Dorfkirche fast direkt neben der Landebahn des Flughafens liegt, und in den anderen kleinen Gemeinden rund um den Flughafen herum.

Ich habe mich sehr gefreut und bin glücklich darüber, dass ich nichts von einer Mauer in den Köpfen gespürt habe – ob jemand aus dem ehemaligen Westen oder aus dem ehemaligen Osten Deutschlands kommt, spielt im „Speckgürtel“ Berlins kaum eine Rolle mehr. Konflikte entstehen eher an den Differenzen zwischen Menschen aus der „Stadt“ und den Leuten vom „Dorf“ – Unterschiede, die auch tatsächlich spürbar sind. Ich habe einiges dazu gelernt in den zwei Jahren, die ich jetzt dort arbeite, unter anderem auch, die Borniertheit der Städter gegenüber der Landbevölkerung abzulegen…

Ich arbeite gern dort – und nur ganz selten habe ich noch diese Alpträume, in denen ich mich zwischen Stacheldraht und Gießbeton durch die Nacht schleichen muss…

Ein Gedanke zu “Die Mauer muss weg…

  1. Wir sind so oft in die DDR gefahren, in unsere Partnergemeinde in Altbukow. Daran habe ich auch noch viele Erinnerungen. Als die Grenzer die verklemmte Kassette nicht aus dem Kassettendeck bekam, und wir „Otto Wahlkes“ mitnehmen MUSSTEN… und einmal, als wir mit 3 Jugendlichen rübergefahren sind, und ein Kumpel hatte Kondome in der Seitentür seines VW Käfers. Wir wurden aus dem Auto gewunken und als wir zurück kamen, war die Packung plötzlich offen… aber woran ich mich besonders erinnere ist, dass meine Mutter und ich, kaum das wir nach unsere Besuchen wieder im Westen waren (aber noch in Hörweite!) immer die Fenster des Autos aufmachten und laut „Großer Gott, wir loben Dich“ sangen. Meistens hatten wir dabei Tränen in den Augen…

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