Von Gottes Ungerechtigkeit…

Was haben wir eigentlich davon, dass wir dir gefolgt sind, Jesus? Wir haben alles verlassen, Verwandte und Familien, Häuser und Boote, und sind geworden wie du – Umherirrende, die oft morgens nicht wissen, wo sie abends schlafen werden – was wird uns dafür gegeben? So sprach Petrus zu Jesus.

Gerade eben hatte der gesagt, dass ein Reicher nur schwer ins Himmelreich kommen wird, eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr; gerade eben hatte er gesagt, daß den Kindern das Himmelreich gehört – und nun das: Was haben wir davon? Gerade Petrus wird im Matthäusevangelium manchmal so hinreißend naiv gezeichnet, er scheint gar nicht mitbekommen zu haben, was Jesus gerade sagte. Petrus, extra für euch werden am Ende, bei der Wiedergeburt, zwölf Throne aufgestellt, und ihr werdet die zwölf Stämme Israels richten. Beinahe sehe ich das Glitzern in Jesu Augen und das Lächeln in seinem Gesicht: Auch für Dich wird es dann einen Platz geben.

Dann fährt er ernster fort: Wer um meines Namens willen alles verlässt – Mutter, Vater, Kinder, Brüder und Schwestern, Häuser und Äcker – der wird alles hundertfach wieder bekommen und das ewige Leben dazu.

Vom Reich Gottes kann man nur im Gleichnis erzählen. Jesus hat es jedenfalls nie anders getan. Sobald ich versuche, „theoretisch“ darüber nachzudenken, bekomme ich große Schwierigkeiten. Denn – wie wird das Heil aussehen, das Ende, das wir uns erhoffen? Worin besteht – der „Lohn“? Was werden wir davon haben, dass wir Christen sind? Wie ist es denn mit dem Reich Gottes?

Jesus erzählt den Jüngern eine Geschichte, ein Gleichnis: von dem Hausherrn, der zur Ernte Tagelöhner in seinen Weinberg schickt, mehr und mehr den ganzen Tag lang, und am Ende allen das gleiche bezahlt. Die nur eine Stunde gearbeitet haben, bekommen das gleiche wie die anderen, die den ganzen Tag geschwitzt und geackert haben und die den Silbergroschen bekommen, wie es verabredet war. Unglaublich! Unfair! Ungerecht! Natürlich beschweren sich die und protestieren. Aber der Hausherr sagt: „Ich will diesem letzten dasselbe geben wie dir. Darf ich nicht tun, was ich will, mit meinem Geld? Bist du mir böse, weil ich gütig bin?“

„Jesus, was hast du gemeint? Worauf kommt es in dieser Geschichte an?“ höre ich die Jünger weiter fragen. „Es gibt nur einen Himmel, alle kriegen am Ende dasselbe, den selben Lohn, die gleiche Belohnung, meinst du das?“

Zuerst einmal will ich das sagen: Es geht nicht nur um das, was am Ende dabei herauskommt. Es geht nicht nur um die Belohnung. Am Anfang steht in dem Gleichnis der Hausherr, der sich um seinen Weinberg sorgt. Ihr wisst, dass in der Schrift der Weinberg für Israel steht, für das Volk Gottes. So, wie der Hausherr sich um seinen Weinberg kümmert, so sorgt Gott für sein Volk. Er meint es gut mit den Menschen. Sein Segen beginnt mit dieser Fürsorge. Das sollt ihr vorweg wissen.

Der Hausherr geht auf den Marktplatz und stellt Arbeiter ein. Früh am Morgen stehen sie schon da und hoffen. Denn wenn sie keine Arbeit finden, bedeutet das Hunger und Not für sie und ihre Familie. Wie der Tag vergeht, wächst die Angst. Eingestellt zu werden, schon allein das macht sie zu Gewinnern. Ein Silbergroschen ist der übliche Lohn für einen Tag harte Arbeit. Sie werden schuften und schwitzen. Aber sie bekommen ihre Familie satt.

Gott will, dass Menschen ganz für ihn da sind. Er will sie haben als Zeugen seiner Güte. Er will sie haben als Boten seines Friedens. Er will sie haben als Prediger der guten Botschaft und als Diener der Freude. Christ sein heißt mitarbeiten im Weinberg Gottes. Und schon, dabei zu sein, berufen zu sein zu dieser Arbeit – ist Heil und Segen. Denn das ewige Leben beginnt doch nicht erst im Himmel. Das Reich Gottes ist doch schon mitten unter euch!

„Ja“, sagt Petrus, „aber die Ungerechtigkeit in deiner Geschichte bleibt doch. Der eine ist von Anfang an dabei, der andere erst kurz vor Schluss. Der eine arbeitet nur eine Stunde in der Abenddämmerung, der andere in der Mittagshitze. Und am Ende bekommen alle den gleichen Lohn…“

Auch unter den Christen fällt dem einen seine Aufgabe schwerer als dem anderen. Der eine lebt zu Zeiten der Verfolgung, der andere empfängt Ehre und Ansehen wegen seines Dienstes. Der eine hat Not und Kummer und muß kämpfen um seinen Glauben, der andere hat Gesundheit und Wohlstand und kann glauben, er stehe im Segen Gottes.

Hat irgendeiner von ihnen damit den Himmel mehr verdient als ein anderer? Hat darum irgendeiner von ihnen einen Anspruch auf das Heil? Könnte einer von ihnen vor Gericht ziehen und einklagen, was ihm zusteht? Keiner kommt zu kurz. Es wird doch im Grunde allen geschenkt.

Das ist es, worauf es in meiner Geschichte ankommt: Gerechtigkeit und Recht sind auf der Seite Gottes. Die Menschen haben keinen Anspruch darauf. Sie haben mitgearbeitet – aber nur eine Stunde vor Einbruch der Nacht. Alles, was sie zum Leben brauchen – und noch viel mehr, was sie zum ewigen Leben brauchen, ist Geschenk, Gnade und Barmherzigkeit.

Bist du mir böse, weil ich gütig bin? Ich will diesem Letzten dasselbe geben wie dir. sagt der Hausherr. Zuletzt kommt es auf den Willen Gottes an. Was Menschen sich unter Gerechtigkeit vorstellen, wird zurückstehen hinter dem, was Gott will… Denn das ist das Heil, und es ist das Reich Gottes…

Ob die Jünger jetzt verstanden haben? Sofort nach diesem Gleichnis folgt im Matthäusevangelium die dritte und letzte Leidensankündigung. Jesus spricht von seinem nahen Tod, von Spott und Folter, von Kreuzigung. Aber am dritten Tag wird er auferstehen. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Die Jünger hören es nicht. Die nächste Frage handelt schon wieder davon, wer denn im Himmel auf dem Thron neben Jesus sitzen wird.

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