Christliche Angeber

Lass Dir an meiner Gnade genügen,
denn meine Kraft ist in dem Schwachen mächtig.
2. Korintherbrief, Kapitel 12, Vers 9

Wettbewerb und Konkurrenz – die Notwendigkeit, im Lebenskampf mithalten zu müssen, wird auch in diesem begonnenen Jahr viele Menschen in unserer Gesellschaft belasten. Unsere Lebensverhältnisse setzen uns unter Druck: Zeit-, Leistungs-, Perfektionierungs- und Konkurrenzdruck bestimmen nicht nur das Berufsleben, sondern oft auch das Miteinander im Freundeskreis und in der Familie. Andere Menschen wollen sich darauf verlassen können, dass wir da, wo wir im Leben stehen, eine „gute Figur“ machen und die Erwartungen erfüllen, die sie in uns gesetzt haben.

Wir machen uns diesen Druck auch selbst: Oft sind wir selbst unsere schärfsten Kritiker, oft bewerten wir uns selbst nach viel strengeren Kriterien, als die Menschen, die mit uns leben und arbeiten. Wie Sportler sehen wir uns im Wettbewerb um Gunst und Anerkennung, kämpfen um Selbstachtung und die Bewunderung und Anerkennung der anderen.

Wer in diesem Kampf vorne mit dabei sein will, muss jung, fit, gesund und beweglich sein. Er muss sich durchsetzen können. Er muss funktionieren.

Was ist aber mit denen, die in diesem Wettbewerb nicht mithalten können, die z.B. behindert sind? Was ist mit denen, die alt, krank und hilfsbedürftig sind? Was ist mit den Menschen, die müde geworden sind und unter ihrer Last zusammen zu brechen drohen?

Der Apostel Paulus war selbst einer derjenigen, die von anderen oft belächelt oder kritisiert werden. „Wenn er aus der ferne Briefe schreibt, macht er große Worte, selbstbewusst und stark; aber wenn er bei uns ist, stottert er, druckst herum, gibt überhaupt eine schwache Vorstellung.“ haben ihm seine Kritiker vorgeworfen (2. Korinther 10, 1).

Auch er kannte gewiss diesen Druck, etwas darstellen zu müssen, wenn man etwas gelten und Anerkennung finden will. „Ich könnte mich wohl rühmen…“, schreibt er im Brief an die Leute in Philippi. Dann zählt Paulus auf: seine vornehme Herkunft, seinen vorbildlichen Lebenswandel, seine Leistungen im Einsatz für den richtigen Glauben. (Philipper 2,1-11)

„All dessen könnte ich mich rühmen, doch Jesus Christus hat mir einen neuen Glauben gegeben…“, sagt Paulus. Eine neue Weltanschauung gewissermaßen. Er hört von Jesus: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Da begreift er: Es kommt nicht darauf an, wie stark oder wie schwach sich einer darstellt. Es geht um andere Kriterien. Der Theologe Eberhard Jüngel sagt das so: „In den Augen der Menschen mag ich zwar das sein, was ich aus mir mache oder gemacht habe. Sogar mir selbst mag ich als Produkt meiner Taten erscheinen. Doch vor Gott bin ich nicht in der Lage, etwas aus mir zu machen…“

Gottes Maßstäbe sind andere. Er setzt auf andere Werte. Er sagt: Meine Kraft ist in dem Schwachen mächtig. Wichtiger als das Machen ist das Vertrauen, stärker als die eigene Kraft ist der Glaube an Liebe Gottes. Wichtiger als erzwungene Selbstdarstellung in eigener Perfektion ist die Hingabe an den, der Zeit und Ewigkeit in seinen Händen hat.

Natürlich ist es wichtig, die Verpflichtungen einzuhalten, die man eingegangen ist, und den Verantwortungen gerecht zu werden, die man übernommen hat. Das weiß jeder, der für ein krankes Familienmitglied sorgt. Jede Mutter weiß, dass sie für das Wohl ihrer Kinder zuständig ist; jeder, der in einem Team arbeitet, weiß, dass die Zusammenarbeit nur gelingen kann, wenn jeder seinen Teil der Aufgaben erfüllt. Doch der Wert eines Menschen, seine Würde, hängt daran nicht. Und auch jemand, der in seinem Leben immer wieder an seine Grenzen stößt, soll wissen, dass er geliebt ist und umgeben von Gottes Gnade leben darf. Das macht uns frei von dem Zwang eines schlechten Gewissens und schenkt uns die Luft, die wir brauchen, um aufatmen zu können.

2 Gedanken zu “Christliche Angeber

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