Lost in Translation – vom Übersetzen der Bibel…

Allein in den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts sind fünf neue Bibelübersetzungen auf den Markt gekommen – insgesamt gibt es mehr als hundert verschiedene deutsche Bibelausgaben. Warum ist das nötig? Wozu helfen diese vielen verschiedenen Bibeln, und wieso gibt es immer neue Übersetzungen?

Wir kennen und lieben die Lutherbibel, die in den letzten vierzig Jahren beinahe alle acht Jahre neu revidiert wurde, wir kennen die Zürcher-Bibel, die Einheitsübersetzung und die Gute Nachricht. Gehört haben wir von der neuen „Bibel in gerechter Sprache“ , über die nicht nur unter Theologen heiß debattiert wird. Es gibt eine „Volxbibel“, die sich mit ihrer Übersetzung ganz bewusst an Jugendliche wendet, und das Projekt „Basis B“, das das Internet zur Unterstützung der Arbeit an der Übersetzung nutzt.

Wenn wir uns verschiedene Bibelübersetzungen ansehen, spüren wir sofort die unterschiedlichen Qualitäten, die sie aufweisen: Einige Übersetzungen sind sehr eingängig, die Bibel erscheint wie von heutigen Menschen für heutige Menschen geschrieben. – Verloren geht so das Fremde, Abständige eines Textes, der drei- bis zweitausend Jahre alt ist, verloren geht auch der Charakter des Zeremoniellen, Traditionellen, Heiligen, Liturgischen, das einer klassischen Bibelübersetzung wie der Martin Luthers anhaftet.

Für gewissenhafte Menschen ist oft zusätzlich verstörend, dass die modernen Übersetzungen oft sehr stark vereinfachend sind und tief liegende Nebengedanken und mitklingende Konnotationen um einer einfacheren Lesbarkeit willen vernachlässigen. Nicht zuletzt tragen moderne Übersetzungen manchmal moderne Tendenzen oder vom Zeitgeist geprägte Absichten in den Bibeltext ein, die der Urtext nicht hat, indem sie zum Beispiel einen bestimmten Frömmigkeitsstil fördern wollen oder einer wirklichen oder behaupteten sprachlichen Ungerechtigkeit wehren.

Andererseits gibt es Bibelübersetzungen, die andersartig und fremd wirken – wer Hebräisch bzw. Griechisch kann, erkennt eine große Nähe zur Ursprache – die die Fremdheit betonen und dem Leser den großen geschichtlichen Abstand von den Ursprüngen dieser Worte geradezu unter die Nase reiben. Die Mühe, die es erfordert, solche Texte zu lesen, stößt aber viele Menschen ab, außerdem wirken sie oft künstlich, geziert, gewollt unbequem – und das wirkt zusätzlich befremdend. Dabei soll doch die Bibel gelesen werden, niemand will die Leser verschrecken.

Was heißt also eigentlich: Übersetzen? Wer naiv an die Sache heran geht, denkt, daß man einfach Wort für Wort, Satz für Satz von einer Sprache in die andere überträgt; so daß man gewissermaßen ein Gleichheitszeichen dazwischen könnte; nach dem Muster: Guten Tag, mein Name ist Richard Horn. ist gleichbedeutend mit Hello, my name is Richard Horn.

Für einfache Texte, die man aus einer modernen Sprache in eine andere übersetzt, mag diese Vorstellung ausreichen, aber schon bei der Übersetzung komplizierterer, anspruchsvollerer Texte tun sich hier zahlreiche Fallen auf. Erst recht, wenn es sich um religiöse, philosophische, juristische oder künstlerische (poetische) Texte handelt, die einen reichen Hintergrund voraussetzen.

Wenn ein Mensch etwas zu einem anderen spricht oder einem anderen etwas schreibt, findet Kommunikation statt. Kommunikation ist ein komplizierter Vorgang. Der, der spricht oder schreibt, im Fachjargon Sender genannt, möchte eine Botschaft an einen Empfänger übertragen, also an seinen Zuhörer, seinen Leser, sein Publikum, je nachdem. Um diese Botschaft zu übermitteln, braucht er ein Medium, eine Möglichkeit der Übermittlung – durch gesprochene Sprache, Buchstaben auf Papier, Filmmaterial oder Disketten. Durch dieses Medium kommt die Botschaft des Senders beim Empfänger an.

Dies ist ein einfaches, technisch anmutendes Bild, und in dem Bereich der Technik ist es auch entwickelt worden. Wo Menschen miteinander umgehen, muss man noch komplizierter denken: Der Sender hat eine ihm eigene Begriffs- und Vorstellungswelt. Welche Gedanken er genau mit einem einzelnen Wort, einem Satz oder einem sprachlichen Bild verbindet, weiß nur er allein genau. Seine Erziehung, sein familiärer Hintergrund, seine Erfahrung, seine Sozialisation bestimmen sein Denken, seine Vorstellungswelt und damit auch seine Sprache. Gleiches gilt für den Empfänger, der seine nun wieder ihm allein gehörende Sozialisation mitbringt.

Zum Glück haben wir alle einen riesigen Bereich gemeinsamer Erfahrung, gemeinsamer Sozialisation, die allen Menschen in unserem Jahrzehnt, in unserer Stadt, mit unseren Lese- Hör und Fernseh-Gewohnheiten gemeinsam sind – sonst könnten wir einander gar nicht verstehen – und doch fallen immer wieder kleine Unterschiede auf, die manchmal sehr wichtig werden und dann zu Missverständnissen, zu Ärger oder Streit führen – das Nichtverstehen zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten hat oft hier seinen Ursprung… Je länger und je besser man sich kennt, desto stärker wird dieser beiden gemeinsame Bereich von Denken und sprachlichem Hintergrund, desto besser gelingt dann die Kommunikation.

Wenn das Miteinander-Sprechen gelingt, passiert also in etwa folgendes: Der Sprechende hat in seinem Kopf eine Vorstellung im Rahmen seiner ihm eigenen Gedankenmuster, die er in eine beiden ungefähr gemeinsame Sprachform überträgt in der Absicht, daß der Zuhörende in seinem eigenen Denkraster eine dem möglichst genau entsprechende Vorstellung entwickeln kann. Erst, wenn dies gelingt, hat man sich wirklich verstanden.

Nun ist unser Thema gar nicht die Kommunikation, sondern das Übersetzen der Bibel, aber diese Gedanken sind in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Wir gehen nämlich oft beim Bibellesen so an die Texte heran, als ob sie für uns geschrieben seien. Sie sind es aber nicht! Der Sender hier, nennen wir ihn beispielsweise Paulus, schreibt für die christliche Gemeinde in Rom. Mit ihr teilt er die Lebenswirklichkeiten der Menschen, die im ersten Jahrhundert nach Christus im mittleren Teil des römischen Reiches leben. Schon hier gibt es Unterschiede, denn die Gemeinde lebt in der Hauptstadt des römischen Weltreiches, während Paulus in einer eher unbedeutenden Provinz am Rande des Reiches großgeworden ist. Trotzdem hat er als gebildeter Bürger einen großen Teil seiner Weltsicht gemein mit philosophisch gebildeten Gliedern der Gemeinde in Rom und als Handwerker vielleicht auch mit den eher einfachen Leuten. Darum gelingt es ihm, sich mit seinem Glauben, Hoffen und Bekennen den Menschen in Rom verständlich zu machen und ihnen seine Theologie zu erklären.

Aber dieser gemeinsame Hintergrund, den Paulus mit seinen Lesern teilt, fehlt uns größtenteils. Wenn also jemand die Bibel übersetzen will, muss er einen Text schreiben, der das selbe erreicht, dass heißt, es muss ihm gelingen, einen Text zu schreiben, der die Gedanken, die Paulus in seinen Lesern weckt, auch in uns weckt – in uns mit unserem ganz anderen sprachlich-kulturellen Hintergrund.

Wer übersetzt, muß als erstes seinen Urtext – in unserem Fall also den hebräischen Text des alten Testaments und den griechischen Text des neuen Testaments – sehr genau wahrnehmen und erkennnen, was denn der Autor damals seinen Lesern damals eigentlich sagen wollte, welche Gedanken er in ihnen wachrufen wollte, wozu er sie locken, einladen, provozieren und verführen wollte. Und dann muß er versuchen, mit Worten, die auch wörtlich gesehen möglichst nah am Urtext sind – und dann doch wieder aus dem modernen gemeinsamen sprachlichen Hintergrund stammen – uns, seine Leser in gleicher Weise locken, einladen, provozieren und verführen…

Ein schwieriges, wenn nicht unmögliches Vorhaben – und einer der Gründe, warum es immer wieder neu versucht worden ist und versucht werden muss.

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