Wie Pfarrer lügen und betrügen…

 

O Zeiten, o Sitten…

Vorgestern bin ich von einem sehr unterhaltsamen Kalenderblättchen auf Georg Paul Hönns Betrugslexikon aufmerksam gemacht worden, das im 18. Jahrhundert im fränkischen Coburg erschienen ist. In diesem zweibändigen Werk weist er seine Leserinnen und Leser auf

die meisten Betrügereyen in allen Ständen nebst denen darwieder guten Theils dienenden Mitteln

hin. Es wurde sofort ein Bestseller. Der erste Teil enthält 225, der zweite 125 Einträge über übliche Betrügereien von Handwerkern und den Vertretern anderer Stände, darunter auch die Ehemänner, Eheweiber und Jungfrauen, Bibliothekare, Hof- und Regierungsräthe, Kirchengänger, Kutscher, Maulwurf- und Mäusefänger, Nachtwächter, Mönche und Nonnen, Todtengräber und viele andere, vermischt mit zahlreichen landläufigen Sprichwörtern, Reimen und Handwerker-Sprüchen, die sein Werk auch für heutige Leserinnen und Leser noch sehr unterhaltsam und lehrreich machen.

Geistliche zum Beispiel betrügen ihre Gemeinden, indem sie ihre Predigten gar nicht selbst schreiben, sondern aus dem Internet und anderen erreichbaren Quellen klauen, also

5) Wenn sie gute Postillen-Reuter abgeben / und wohl gar / damit sie desto besser bestehen mögen, ihre Prob-Predigt aus Lehmanns Pentade Evangelica, oder andern dergleichen Tröstern, heraus nehmen.

Das geistliche Amt soll ohne Ansehen der Person ausgeübt werden, und schon gar nicht sollen reiche Menschen und wichtige Personen in der Kirche bevorzugt werden, denn es ist Betrug

8) Wenn sie das Straf-Amt nicht recht gebrauchen /und unter dem Schein einer Theologischen Prudentz nur die Sünden des Pöbels rügen, / bey Vorstellung derer unter den Grossen im Schwang gehenden Laster aber den Fuchs-schwantz streichen.

Es sagt viel über das damalige Selbstverständnis der Prediger aus und auch über die Auswahl der Themen, über die gepredigt wurde, wenn die Geistlichen darauf hingewiesen werden müssen, dass es betrügerisches Verhalten ist,

9) Wenn sie aus fleischlichen Affecten gewisse ihnen verhaßte Personen / die etwa einen Fehltritt begangen / in ihren Predigten ehrenrührig anzapffen, und selbige, wo nicht mit Nahmen nennen / doch mit lebendigen Farben dergestalt abmahlen, daß jederman mit Fingern auf sie weisen kan, hernach aber diese Personalia mit dem Prætext des priesterlichen Eiffers beschönigen wollen.

Zu den Zeiten des ehrwürdigen Juristen Hönn muss es auf den Kanzeln auch eine gehörige Anzahl Blender gegeben haben, die sich bei der Abfassung ihrer Predigten nicht nur gern anderswo bedienten, sondern sich auch, was den Inhalt und das Niveau betrifft, mit fremden Federn schmückten, denn es ist sehr unschicklich,

10) Wenn sie bey Erklärung dunckler Schrifft-Stellen die verschiedene Meynungen der Gelehrten /welche sie noch auf Universitäten in den Collegiis Philologicis zusammen geschrieben / mit weitläufftiger Refutation derer etwa irrigen so auf der Cantzel vortragen / als ob es ihre Arbeit und Inventa, damit man sie vor gelehrte und belesene Leute ansehen möge.

Auf einer Internetseite, auf der Pastorinnen und Pastoren über ihre Predigten diskutieren, wurde vor kurzem heftig gestritten über die oft recht weit hergeholten Geschichtchen, mit denen sie in ihren Gedankengang einstiegen – über den „Lurch“, mit dem man die Aufmerksamkeit der Zuhörenden einfangen will. Man will doch die Leute in der Regel „da abholen, wo sie stehen“, und doch hat sich auch unter Predigenden die Erinnerung daran bewahrt, dass es irgendwie Betrug ist,

11) Wenn sie durch allerhand Gesticulationes, bekannte Sprichwörter und Histörigen der Zuhörer Gunst desto mehrer zu gewinnen suchen.

Nicht nur die Sonntags-Predigt, sondern auch die Reden bei Trauerfeiern können zu einer betrügerischen Farce ausarten, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer dabei auf einb mögliches „Trinkgeld“ aus sind, also

12) Wenn sie ihre Leichen-Predigten auf der Verstorbenen Lob so einrichten, daß es mehr Lügen-Predigten, als Warheiten seyn / damit ihnen nur solche desto theurer recompensiret werden mögen.

Pfarrerinnen und Pfarrern ist es im Übrigen streng verboten, sich in ihrem Dienst irgendetwas „theuer recompensieren“ zu lassen…

Manche Pfarrer hat ihre Faulheit zum Betrüger gemacht, zum Beispiel

13) Wenn sie / da sie predigen sollen / sich kranck anstellen / oder sonst unumgängliche Reisen und Verrichtungen vorschützen, und daher andere Studiosos Theologiæ unnöthiger weise vor sich predigen lassen / damit sie nur ihrer Commodité pflegen können.

andere haben sich mit dem Schreiben von Büchern etwas dazu verdienen wollen. Das war eigentlich üblich und kein Problem, außer

14) Wenn sie die Buchläden unnöthiger weise mit Postillen anfüllen, damit ihnen solcher gestalt ihre Predigten, die sie sonst umsonst thun müssen, bezahlet werden, auch wohl, damit solche desto ehender und besser abgehen mögen, wieder die Warheit voran setzen: Auf Verlangen vieler Personen heraus gegeben.

Anscheinend war es im 18. Jahrhundert in Coburg üblich, eine ganze Stunde lang zu predigen, was einigen Pfarrern trotzdem noch nicht ausgereicht hat. Es war eine arge Geduldsprobe für die Gemeinde und war einen Eintrag im Betrugs-Lexikon wert,

16) Wenn sie eine Materie / wovon sie in der Predigt zu handeln versprochen, in verschiedene Partes theilen, sich aber hernach bey den erstern Theilen unnöthiger Weise und mit Fleiß allzu lang aufhalten, und endlich, da es an den letzten Theil kömmt / als worauf sie nicht einmahl sudieret / sich mit dem gemeinen Formulgen von Verfliessung der Zeit entschuldigen.

Das Beicht-Geheimnis gibt es übrigens auch in der Evangelischen Kirche und ist eine der wichtigsten Verpflichtungen der Pfarrerschaft und auch ein wichtiges Recht – nicht einmal in Gerichtsverhandlungen können Geistliche gezwungen werden, Dinge aus zu sagen, die sie unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses erfahren haben. Es gab aber Kollegen, die gern einmal getratscht haben und zu Betrügern an ihren „Beichtkindern“ wurden,

17) Wenn sie die Ihnen von Beicht-Kindern sub Sigillo Confessionis bekannte Special-Sünden / welche sie ohne Verletzung ihres Gewissens wol verschweigen könten und solten, unter die Leute aussprengen, und offt die Beicht-Kinder ins gröste Unglück stürtzen.

Das Konkurrenzgefühl zwischen Pfarrern konnte ganz seltsame Blüten treiben,

18) Wenn sie einander die Beicht-Kinder / unter allerhand schmeichlerischen Vorstellungen / abspannen und abwendig machen, die Schuld aber hernach auf die Beicht-Kinder schieben, vorgebende, daß diese freywillig zu ihnen die Confidence genommen.

Und hier geht es um nicht zugelassene Formen der Eheschließung, die ohne Mitwissen des Konsistoriums, also der oberen Kirchenbehörde, vorgenommen wurden. Betrug war es

19) Wenn sie ohne Vorbewust des Consistorii allerley zusammen gelauffenes Gesindel heimlich copuliren.

Nicht alle Pfarrer wurden damals gut bezahlt, und so kam es vor, dass der Pfarrer, wenn er nach einer Hochzeit beispielsweise noch zu einem Umtrunk eingeladen wurde, nicht allein kam. Aber es galt als Betrug,

21) Wenn sie, da an einigen Orten gebräuchlich ist / daß die Land-Pfarrer auf die Hochzeiten und Kindtauffmahlen mit gehen / ihre Weiber und Kinder ungebetten dahin, als ob solches von ungefehr geschehe, nachfolgen lassen, damit sie so wol vor ihre Person /als durch die ihrige / das Aufgetragene mit geniessen /und wie man zu sagen pfleget, einen kalten Karn mit nach Hause nehmen können.

Soweit die wichtigsten Beispiele für das betrügerische Verhalten von Geistlichen am Anfang des 18. Jahrhunderts in Coburg.

In Hönns Betrugs-Lexikon gab es aber auch einen Eintrag, in dem die Maschen der Gottesdienstbesucher aufgezeigt wurden…

Die zwei Parallelen…

Es gingen zwei Parallelen
ins Endlose hinaus,
zwei kerzengerade Seelen
und aus solidem Haus.

Sie wollten sich nicht schneiden
bis an ihr seliges Grab:
Das war nun einmal der beiden
geheimer Stolz und Stab.

Doch als sie zehn Lichtjahre
gewandert neben sich hin,
da wards dem einsamen Paare
nicht irdisch mehr zu Sinn.

Warn sie noch Parallelen?
Sie wußtens selber nicht, –
sie flossen nur wie zwei Seelen
zusammen durch ewiges Licht.

Das ewige Licht durchdrang sie,
da wurden sie eins in ihm;
die Ewigkeit verschlang sie
als wie zwei Seraphim.

Christian Morgenstern

Gott – von oben und von unten gesehen…

Gestern habe ich es im Radio gehört: In Indien boomt der Slum-Tourismus. Hunderte, wenn nicht Tausende von Amerikanern und Europäern fahren nach Delhi und Kalkutta, um sich das Leben in den Slums anzusehen, in den riesigen Vorstädten, wo die Ärmsten der Armen in Papphütten oder unter Wellblechdächern leben und sich mit ihren Familien irgendwie durch das Leben schlagen müssen.

Mit Reisebussen fahren sie hinein, um einen Vormittag lang den Gestank und die Enge auszuhalten, die manche von ihnen in Platzangstattacken treibt, und einen Eindruck von den Bedingungen zu erhalten, unter denen Männer, Frauen und Kinder dort leben. Sie schauen Müllsortierern bei der Arbeit zu, besichtigen die winzigen Stuben, die deren Heim sind, fürchten sich vor den aufdringlichen Versuchen der jugendlichen Bewohner, Kugelschreiber, Kaugummis oder Geld zu erbetteln und flüchten zuletzt in ihren Reisebus zurück, der sie in ihr Hotel zurückbringt, wo es sauber ist, wo Wasserhähne glänzen und das Wasser erfrischend kalt ist, wo das Mittagessen auf weißem Porzellan serviert wird und wo ein Wachmann vor der Tür steht, der die Armen draußen hält. Sie – die Bewohner der Slums – werden hier nie hineinkommen.

Bei manchen Bibeltexten befällt mich ein ähnliches Gefühl. Es ist beinahe, als ob sie nicht für mich geschrieben seien, als ob ich sie nur von einem Reisebus aus besichtige, unbeteiligt, fremd und am Ende froh, noch einmal davongekommen zu sein. Durch sie spricht Gott, aber nicht zu mir, denn er tröstet die Armen, die Schwachen, die Kranken, die, die unten sind. Ich aber gehöre, wenn es um indische Slums geht, eher zu denen, die mit der Touristengruppe durch die Gassen ziehen und heimlich Fotos schießen, als zu denen, die in dreckigen Hütten sitzen und Glas und Blech aus Bergen von Müll heraus sortieren.

Unten und oben – das Koordinatensystem dieser Welt scheint klar und deutlich zu sein. Oben sind die Reichen, denen alle Möglichkeiten offen stehen – und unten sind die, die arm sind, die nichts können und denen keine Chance bleibt…

Ist das so klar?

“Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.” sagt Christus.

Wo von Gott die Rede ist, wo Gott sich zeigt in dieser Welt, da kehren sich Koordinatensysteme um, da gerät unser übliches Denken ins Schichten von Oben und Unten ins Wanken. “Gott ist im Himmel und Du bist auf Erden…” – damit fängt es an. Darum sagt Christus: Ich bin von oben her.

Aber Gott kommt auf die Erde und macht sich den Niedrigsten gleich, er kommt unten an. Er kommt in diese Welt – nicht wie ein Tourist, der einmal den Nervenkitzel sucht. Er ist hier eingezogen und hat Wohnung genommen in den Hüten der Armen. Er hat ihr Leben geteilt, das selbe Wasser getrunken, das gleiche Brot gegessen, im selben Bett geschlafen. Er hat die selbe Sprache gesprochen und die selben Träume geträumt. Er ist in den selben Tod gestorben –

Das können die nicht verstehen, die zwar von unten sind, aber immer nur nach oben streben, die herrschen wollen und bedient werden, die reich sein wollen, um ihre Armut bedecken zu können. Wer selbst Gott sein wollen an der Stelle Gottes, der wird nicht verstehen, dass Christus hier von dem Vater spricht.

Ein anderer Text für’s Vater unser?

…und führe uns nicht in Versuchung!

Täglich beten Christen diese Zeile des Vater Unsers, doch nun ist sie ins „Gerede“ gekommen. Papst Franziskus hat vorgeschlagen, diese Worte zu ändern, denn sie transportierten ein falsches Gottesbild. „Es ist nicht Gott, der uns in Versuchung führt, sondern der Teufel.“ Darum sei die gewohnte Formulierung „keine gute Übersetzung“. Der Papst schlägt vor, stattdessen zu beten: „…und lass uns nicht in Versuchung geraten.“

Andere Vorschläge, die von katholischen Theologen gemacht wurden, lauten: „Führe uns in der Versuchung…“ oder „Führe uns durch die Versuchung hindurch…

Ist es denn wirklich Gott, der uns in Versuchung führt? Ist es der Vater selbst, der uns auf die Probe stellt? Oder ist es – wie Papst Franziskus sagt – der Teufel? Die Autoren der Bibel sind sich in dieser Frage nicht ganz einig: „Gott versucht niemanden, und er kann auch selbst nicht versucht werden.“ steht in dem neutestamentlichen Brief, der dem Apostel Jakobus zugeschrieben wird. Fast immer ist es also der Teufel, der Satan oder der „Versucher“, der die Menschen verführen will.

Gott lässt aber die Versuchung zu; vom ersten Buch der Bibel an, wo beschrieben wird, wie die Schlange Eva und Adam verführt, von der verbotenen Frucht zu essen, bis hin zu der Geschichte im Evangelium, in der Christus selbst von dem Teufel versucht wird, aus Steinen Brot zu machen und sich vom Dach des Tempels in Jerusalem zu stürzen, um unbezweifelbar zu beweisen, dass er wirklich Gottes Sohn ist – immer wieder werden Menschen auf die Probe gestellt und müssen ihre Treue zu Gott beweisen.

Eindrücklich und zugleich bedrückend ist wohl vor allem die Erzählung von der Versuchung Abrahams, der sich von Gott aufgefordert sah, seinen Sohn Isaak auf dem Berg Morijah als Brandopfer zu verbrennen. Tagelang ziehen Vater und Sohn auf dem Weg zu diesem Gebirge; Isaak hilft noch selbst bei der Vorbereitung des Ritualmordes mit, indem er das Feuerholz trägt; und erst im allerletzten Moment greift Gott in der Gestalt eines Engels ein und fällt Abraham in den Arm mit dem blitzenden Messer: „Nun sehe ich, dass Du Gott fürchtest, denn du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten…

Vielleicht beginnt die Frage nach dem Sinn dieser Bitte im Vater-unser-Gebet tatsächlich mit der Frage nach der richtigen Übersetzung: Das hebräische Wort, das Luther hier mit Versuchung übersetzt, lautet „nasā“ und ist eigentlich ein Begriff aus der Rechtssprache. Es hat die ursprüngliche Bedeutung von: jemanden zu einem Rechtsstreit herausfordern, jemanden vor ein Gerichtsverfahren ziehen und ganz allgemein auch: Jemanden einer Prüfung unterziehen.

In diese Richtung geht auch die Bedeutung des griechischen Wortes „peirasmos“, wie es im Vaterunser verwendet wird. Es kann sowohl prüfen als auch versuchen (im Sinne von: Zur Sünde verführen) heißen.

Es scheint also den biblischen Autoren nicht zuerst darum zu gehen, Gott als Verführer darzustellen, der nur zu gern seine Geschöpfe bei einem Fehler auf frischer Tat ertappen möchte. Natürlich sind die Texte nicht ganz eindeutig, widersprechen sich wohl auch, je nach der ihnen zugrunde liegenden Theologie. Trotzdem: Gott will nicht Menschen zum Bösen verführen. Es geht auch fast immer nicht um einer Art „Treuetest“, wie sie eine Zeit lang in den Fernseh-Realityshows am Nachmittag zu sehen waren, wo Männer in Cafés oder Kneipen von einem „Lockvogel“ verführt wurden, Handynummern auszutauschen oder flüchtige Küsse zu wechseln.

Warum stellt dann aber Gott den Baum mit der verbotenen Frucht in die Mitte des paradiesischen Gartens? Warum lässt er zu, dass Abraham seinen Sohn fesselt und auf den Altar mit dem Feuerholz legt, das Messer in der zitternden Hand? Warum muss sogar Jesus selbst am Tag vor seiner Kreuzigung Blut und Wasser schwitzen im Garten Gethsemane?

Vielleicht werden diese Versuchungsgeschichten in der Bibel als Warnung und Mahnung erzählt, nicht die Anfälligkeit der menschlichen Natur zu vergessen und ihre Neigung, sich so furchtbar leicht verführen zu lassen zu Handlungen, die nicht wirklich der eigenen moralischen Haltung entsprechen. Vielleicht geht es darum, sich in die Menschen, von denen dort berichtet wird, hineinzuversetzen und sich zu fragen: Was hättest du getan?

In vielen Gebeten und Liedtexten der Kirche wird auf die Schwachheit des menschlichen Charakters hingewiesen, zusammen mit der Mahnung, sich nicht leichtfertig selbst in Situationen zu bringen, in denen die eigene Integrität auf die Probe gestellt wird: „Seid nüchtern, seid wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann. Widersteht ihm, bleibt fest im Glauben!

„Du kannst nicht verhindern, dass die Vögel über dein Dach fliegen; du kannst aber sehr wohl etwas dagegen tun, dass sie Nester auf Deinem Schornstein bauen.“ lautet eine populäre Metapher, mit der diese Mahnung einprägsam formuliert wurde. Und geradezu klassisch ist auch der Sinnspruch, der angeblich aus dem jüdischen Talmud stammen soll: „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. / Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen. / Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. / Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. / Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

So gesehen ist es nicht Gott, der uns in Versuchung führt; es ist aber auch nicht der Teufel, es sind vielmehr die Menschen selbst, die sich in Situationen bringen und bringen lassen, in denen Glaubensstärke und Treue gefragt sind.

Wo ich mir so meiner eigenen Schwachheit bewusst werde, kann ich wohl aus vollem Herzen beten: „…führe mich nicht in Versuchung!“

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain beschreibt in seiner humorvollen Kurzgeschichte „Der Mann, der Hadleyburg verdarb“, wie verführerisch eine Versuchung sein kann: Ein Mann kündigt an, einem der Bewohner der Kleinstadt eine beträchtliche Geldsumme zu vererben – wenn derjenige beweisen kann, dass er eben diesem Mann vor vielen Jahren aus einer Not geholfen hat. Zu diesem Zweck schreibt er einen Satz auf ein Blatt, das in einem Umschlag verschlossen ist. Er hinterlegt diesen Brief beim Bürgermeister der Stadt und reist wieder ab. Mit vielfältigen, gut ausgedachten Tricks und Finten versucht nun ein Bewohner nach dem anderen herauszufinden, wie das wertvolle Passwort lautet, um das Geld zu bekommen… und am Schluss steht die ganze Bevölkerung Hadleyburgs ziemlich blamiert da.

Ich kann der Versuchung nicht immer ausweichen. Sie gehört ebenso zur menschlichen Natur wie zum Wesen der Welt. In einem gewissen Sinn wird die Welt ja auch erst durch die Möglichkeit, Fehler zu machen oder Umwege zu gehen, interessant. Prüfungen und Widerstände stärken den Charakter; und wenn es nicht geradezu in ein Leben am Rande des Abgrunds ausartet, macht es auch Spaß, die eigenen Grenzen auszutesten und zu erforschen. Jugendliche wehren sich ja genau aus diesem Grund gegen die moralisierenden Regeln ihrer Eltern und Großeltern, weil sie ihre eigenen Fehler machen müssen und selbst sehen müssen, dass sowas von sowas kommt.

Aber ich kann darum beten, in der Versuchung nicht zu fallen und den Weg völlig zu verlieren. So wie Kinder gern auf Mauern balancieren, um ihre Schwindelfreiheit zu testen, und dabei sich doch auf die Hand ihrer Eltern verlassen, die sie im Notfall auffängt, so vertraue ich doch auf die Nähe Gottes, gerade, wenn ich mich wieder einmal dem „brüllenden Löwen“ stellen möchte.

Muss also nun das Vater unser geändert werden? Ich denke nicht. Ich werde weiter so beten wie gewohnt.

Aber ich bin dem Papst dankbar für die Anregung und den frischen Wind, den er mit seiner Frage in den europäischen Blätterwald gepustet hat: Lange schon ist nicht mehr so viel und von so vielen über das wichtigste Gebet der Christenheit nachgedacht und diskutiert worden – selbst von Christinnen und Christen nicht. Und wenn wir uns nun ein bisschen mehr darüber klar geworden sind, was wir da eigentlich beten – dann hatte die ganze Aufregung einen guten Sinn.

Weinende Kätzchen…

Wir haben einen ökumenischen Bußgottesdienst zum Aschermittwoch geplant, so richtig traditionell, mit Aschenkreuz auf der Stirn und so… Und mir ist mal wieder der großartigste Verhörer eingefallen, der mir jemals passiert ist.

Als ich in der Grundschule war, habe ich einmal am katholischen Religionsunterricht teilgenommen, weil der evangelische Lehrer krank war. Die Lehrerin hat über den Aschermittwoch erzählt und dass katholische Christen sich an diesem Tag ein Kreuz aus Asche auf die Stirn zeichnen zum Zeichen ihrer Buße und als Bitte um Vergebung. Die Asche, so hat sie erzählt, kommt von verbrannten „weinenden Kätzchen“.

Über Jahre hab ich gegrübelt, wie die Katholiken die Katzen zum Weinen kriegen. Ob sie die vorher verhauen? Und wenn die Katzen dann so richtig weinen, wie kriegen sie die verbrannt? So ne Katze brennt doch nicht so leicht… Und wie krank ist das überhaupt, für einen Gottesdienst eine Katze zu verbrennen…

Es hat fast zehn Jahre gedauert, bis mir an einem hellen Abend klar wurde, dass ich mich nur verhört hatte: Die Lehrerin hatte „Weidenkätzchen“ gesagt… Die Weiden, die bei der Palmsonntagsprozession verwendet werden, werden aufgehoben, meistens in einem gottesdienstlichen Raum an das Kreuz gesteckt, und am Aschermittwoch des nächsten Jahres werden sie dann verbrannt, um Asche für das Aschenkreuz zu haben…

Im Nachhinein wundere ich mich eher darüber, dass ich fast zehn Jahre lang den katholischen Schwestern und Brüdern solche Tierquälerei zugetraut habe… Zum Glück und Gott sei Dank bin ich heute auch ein bisschen weiter, wenn es um Ökumene geht…

Predigt für den Sonntag Estomihi… Gottesdienst als Eventspektakel?

Predigttext:
Der Herr sagt: Ich hasse eure Feste und kann eure Feiern nicht ausstehen.
Eure Brandopfer und Speisopfer sind mir zuwider;
das gemästete Vieh, das ihr für das Opfermahl schlachtet, kann ich nicht mehr sehen.
Hört auf mit dem Geplärr euer Lieder! Euer Harfengeklimper ist mir lästig!
Sorgt lieber dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt!
Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet.”
Amos 5,21-24

Liebe Gemeinde!

muß einem da nicht einfach die Luft wegbleiben, wenn einem solche Worte hier im Gottesdienst um die Ohren geschlagen werden? Regt sich da nicht automatisch bei uns Gottesdienstbesuchern so etwas wie Widerstand, Ärger oder Empörung?

Als ich das erste Mal diesen Predigttext hörte, dachte ich, über diesen Text kannst du nicht sprechen, schließlich kommen Leute in den Gottesdienst, die froh über diese Feier sind, Familien, die sich freuen, dass der Glaube ihr Leben bereichert. Und ihre Freude und ihren Dank wollen sie vor Gott bringen, das kann doch nicht schlecht sein. Im Gegenteil, es ist doch gar nicht selbstverständlich zu erkennen, dass wir Gott unser Leben verdanken. Da ist es doch gut, wenn Menschen kommen und dieses Bekenntnis teilen.

Und noch etwas macht mir den Zugang zu diesem Text erst einmal schwer: Das Gefühl, das der Text in unsere Gemeindesituation nicht so recht hineinpasst. Bei uns gehen doch die meisten Gemeindeglieder nicht zum Gottesdienst. Wenn die Amos hörten, würden sie da nicht an der falschen Stelle bestärkt? Könnten sie nicht mit Recht denken: “Siehste habe ich doch schon immer gesagt, der Gottesdienst taugt nichts. Gut, dass ich da nicht hingehe. Da passiert doch nichts und er bewirkt auch nichts.”? Und die, die sich aufgemacht haben, werden jetzt auch noch beschimpft. Da möchte man doch am liebsten gleich wieder nach Hause gehen.

Liebe Gemeinde, ich möchte sie einladen, ruhig sitzen zu bleiben und Herz und Ohren dafür zu öffnen, wie und was Amos mit seinen harten Worten gemeint hat und was daran auch für uns heute richtig und wichtig ist. Amos mußte diese Worte Gottes sagen, weil ihm der Geist Gottes dazu trieb. Und er sagte sie zu Menschen, die im Nordreich Israel lebten, zur Zeit als König Jerobeam II. herrschte. Damals waren die Gottesdienste richtige Ereignisse. Da machte man sich von weither auf den Weg, um daran teilnehmen zu können. So wie heute die Leute zu einem Popkonzert pilgern, wenn die richtige Gruppe kommt. Da schrecken auch Eintrittspreise von 100 bis 200 Euro keinen Menschen ab. Live so eine Gruppe zu erleben, das lohnt sich. Und erst das Gemeinschaftsgefühl, mitten unter den Tausenden von Menschen zu sein, die vor Begeisterung völlig aus dem Häuschen sind. Um Amos verstehen zu können, müssen wir uns klarmachen, daß zu seiner Zeit solche Ereignisse die großen Wallfahrtsfeste an den heiligen Stätten waren.

Da liessen sich die Besucher den Gottesdienst auch richtig etwas kosten. Es wurden Opfertiere sorgsam ausgesucht und gekauft, Spenden wurden gegeben. Musik erfüllte den Platz. Die Leviten spielten auf den Harfen, dazu wurden Loblieder auf Gott gesungen. Prächtige Feste wurden gefeiert, geschickt organisiert, bei denen den Alten das Herz hüpfte und die Jungen so richtig in Schwung kamen. Die Gottesdienste, die Amos vor Augen hatte waren tolle Erlebnisse, bei denen man sich auch noch der Güte und Gnade Gottes versichern konnte, indem man auch etwas von dem eigenen Überfluß opferte. Denn politisch und wirtschaftlich befand sich Israel zur Zeit des Amos in einer guten Lage. Es ging bergauf. Die Geschäfte liefen gut, der Staat und die Hauptstadt wurden pompös ausgebaut. Die Kehrseite war aber, dass die Verteilung der Lebensgrundlagen immer ungerechter wurden, viele mußten sich total verschuldet, selbst als Sklaven verkaufen. Dagegen mußte Amos im Namen Gottes die Stimme erheben. Man kann doch nicht schöne Gottesdienste feiern und im Alltag wird das Recht und die Gerechtigkeit mit Füßen getreten.

Was ich von Amos lernen kann, ist, dass jeder Gottesdienst in der Gefahr steht, zu einer unehrlichen Zeremonie zu werden. Und da trifft Amos ja auch bei uns einen wunden Punkt. Ist es denn zu verantworten, daß wir Gottesdienst feiern und gleichzeitig gibt es Obdachlose, die kein Zuhause haben? Wir kennen Jugendliche, die nicht mit zur Klassenfahrt fahren können, weil ihre Eltern es nicht bezahlen können, während andere schon ihren vierten Urlaub im Jahr planen. Und es leben Menschen auf dieser Erde, die wissen nicht, was sie ihren Kindern morgen zu essen geben sollen. Wir gehören zu dem Fünftel der Weltbevölkerung, das vier Fünftel der Energie verbraucht. Wir trinken Kakao und Kaffee, wir essen Bananen, aber die Bauern in Lateinamerika verdienen daran am wenigsten. Ja, und während in Tetschenien der Krieg tobte, stiegen bei uns die Aktienkurse in immer neue Rekordhöhen. Kann man da Gottesdienst feiern, als ob alles in Ordnung wäre.

Irgendwie hat er ja recht, dieser Amos. Aber wir lesen das ja nun zu genüge in der Zeitung, zumindest beim Gottesdienst wollen wir das eigentlich nicht hören. Müssen wir aber, sagt Amos, sagt unsere Bibel. Gottesdienst feiern, ohne nach der Gerechtigkeit unter den Menschen zu fragen, das geht nicht.

Ich habe das Gefühl, es gibt bei uns ein ungeheures Mißtrauen, wenn ich selbst etwas abgeben soll. Ein Mißtrauen, das mir immer wieder einflüstert: Wenn du abgibst, dann hast du weniger und es reicht für dich nicht mehr. Dabei stimmt das ja gar nicht. Wenn wir abgeben, dann haben alle mehr, auch wir. Dann fließen nämlich Recht und Gerechtigkeit, wie ein fließender Bach. Gegen dieses Mißtrauen gilt es anzutreten. Das fängt schon in der Erziehung an: »Teilen macht Spaß« wäre ein wichtiges Ziel in unserer Erziehung.

Da kann es auch helfen, wenn eine Großmutter ihrer Enkeltochter, ihrem Enkelsohn erzählt, wie es damals war, als man sich gegenseitig helfen mußte, damit alle durchkommen konnten. Wenn wir miteinander gegen das Mißtrauen angingen, wäre schon viel gewonnen.

Aber können wir Gottesdienst erst feiern, wenn Recht und Gerechtigkeit in unserem Land, in unserer Welt herrschen? Müssen wir also erst moralisch perfekt leben, bevor wir fröhlich unsere Lieder singen können? Nein, ich denke, das ist nicht gemeint. Denn spätestens mit Christus wissen wir, dass wir, auch wenn wir immer wieder hinter unseren Ansprüchen zurückbleiben, auch wenn wir immer wieder schuldig werden, doch vor das Angesicht Gottes treten dürfen.

Worauf es dabei ankommt, ist allerdings, wie wir vor ihm treten? Sind wir so selbstgerecht und selbstgewiß, dass wir die Ungerechtigkeit und Not um uns herum gar nicht wahrnehmen ? Oder sind wir bereit uns von Gott aufrütteln und in Frage stellen zu lassen? Aber auch uns trösten und senden zu lassen? Es kommt auf unsere Haltung beim Gottesdienst an, ob wir Gott unser Herz öffnen und ihm Vertrauen schenken und dadurch bereit sind, ihm mit Ehrfurcht gegenüber zu treten und auf seine Worte zu hören. Denn Gott lädt gerade die Sünder ein, zu ihm umzukehren und er lädt uns zu sich ein und ruft uns in den Gottesdienst. Und gerade weil dieses Einladen ohne Bedingung, ohne Ängste, ohne Forderung geschieht, kann der Mensch umkehren und das Recht und die Liebe zum Nächsten wie Wasser strömen lassen und der Glaube wie ein nie versiegender Bach sprudeln.

Und darum geht es Amos. Auch ihm geht um den Glauben, der allein aus der Selbstzerstörung des Menschen durch den Menschen rettet. Nur im Hören auf Gott und im Einsetzen für Recht und Gerechtigkeit können die Menschen das Gericht Gottes aufhalten!

Und genau deshalb, weil es Amos in Gottes Namen eben um den Glauben und die daraus quellende Nächstenliebe geht, darum dürfen wir froh und dankbar sein, daß wir uns heute und hier versammeln dürfen, um Gottesdienst zu feiern. Darum dürfen wir froh und dankbar sein und Gott ehren durch unseren Glauben, durch unser Fragen und Nachdenken, durch unser Singen und Beten und das allein daraus quellende Tun des Gerechten.

Gleichzeitig dürfen wir aber noch aus einem anderen Grunde dankbar sein. Wir dürfen dankbar sein, weil Gott uns durch Jesus Christus versprochen hat, unseren Dienst an diesem Sonntagmorgen nicht nur anzunehmen, sondern weil Gott uns versprochen hat, auch unseren Glauben immer wieder zu stärken und uns zu trösten, uns Halt und Hoffnung zu geben im Leben und im Sterben.

So wie es der Apostel Paulus bekennt: “Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.” Damit redet Paulus ja nicht selbstherrlichen Größenwahn das Wort, sondern er spricht eine Erfahrung seines Lebens als Christ an. Wenn es ihm ganz dreckig ging, er bereits mit seinem Leben abgeschlossen hatte, da hat er die Kraft und die Stärke Gottes erfahren, die ihm aufhalf und Mut zum weitergehen schenkte. Und wenn es ihm gutging, dann hat er nicht vergessen Gott zu danken und sich für die einzusetzen, denen es schlecht ging. Diesen Glauben an Gott wünsche ich uns allen.

Die Steinsuppe…

Es ist Krieg.

Ein sehr hungriger Soldat kommt in ein kleines Dorf in den Bergen. Da er nichts zu essen hat, bittet er die Leute, ihm etwas zu geben. Aber niemand ist bereit, ihm zu helfen. Sie alle haben selbst nicht genug für sich und ihre Familien.

Da geht der Soldat auf den Marktplatz und entfacht ein Feuer. Von einem der Dorfbewohner leiht er sich einen großen Topf, füllt ihn mit Wasser und setzt ihn auf das Feuer.

Unter den misstrauischen und neugierigen Augen der Dorfbewohner klaubt er einen Stein aus der Tasche, riecht entzückt an ihm. Dann wirft er ihn zum Erstaunen aller in das kochende Wasser. Er rührt in dem Topf und ab und zu probiert er einen Löffel.

Den verwunderten Dorfbewohnern erklärt er: „Ich koche eine köstliche Steinsuppe. Aber leider fehlt noch ein klein wenig Salz.“ Einer der Dorfbewohner bringt ihm ein bisschen Salz.

Dann schmeckt der Soldat erneut seine Suppe ab und sagt: „Mmmh, das ist schon nicht schlecht. Wenn ich nur noch ein klitzekleines Stück Karotte hätte, dann wäre die Suppe wohl perfekt.“ Und ein anderer Dorfbewohner bringt ihm ein Stück Karotte.

Auf dieselbe Weise bittet der Soldat auf diese Weise auch um Kartoffeln, Petersilie und ein Stück Speck und um allerhand Zutaten für die Suppe. So trägt nach und nach jeder etwas bei. Und am Ende können alle eine leckere Suppe miteinander teilen.

Wenn große Kinder spielen…

Als ich sechs Jahre alt war, wollte ich im Fernseher die erste Mondlandung sehen. Zum ersten Mal durfte ich länger als bis zehn Uhr abends aufbleiben, um zu sehen, wie der erste Mensch auf dem Mond herumläuft.

Ich habe es aber nicht gesehen.

Keine Ahnung, was die Astronauten so lange aufgehalten hat, aber nach der Landung saßen die noch Stunden in ihrer Landefähre herum, taten, was Astronauten eben so tun, wenn sie zum ersten Mal auf einem bis dahin unerreichten Himmelskörper landen, und machten sich wahrscheinlich vor Angst in die Hose. Harro Zimmer, der mit viel Geduld und immer neuen Anläufen zu beschreiben versuchte, was nun gleich geschehen würde, machte es so spannend wie das Warten aufs Christkind. Aber die Zeit vertickte, und irgendwann setzten sich meine Eltern durch: Ich musste ins Bett, und die unsterblichen Worte vom kleinen Schritt für einen Menschen, aber so großen Schritt für die Menschheit habe ich erst am nächsten Morgen in den Nachrichten gehört.

Seitdem hat sich viel getan, und ich habe die Aktivitäten der NASA und der ESA immer mit großem Interesse verfolgt. Ich wusste, dass ich selbst nie Astronaut werden würde, aber um so mehr hat es mich begeistert, als Amerikaner auf dem Mond mit einem Auto herumfuhren, als die ersten Menschen Monate in den ersten Raumstationen „Skylab“ und „Mir“ verbrachten, als die ersten Space Shuttles starteten und die ISS gebaut wurde.

Fast noch faszinierender waren die Erfolge der unbemannten Raumfahrt: Wissenschaftler und Forscher schickten Sonden zur Venus und zum Mars, zum Jupiter und zum Saturn, zum Merkur und in die unmittelbare Umgebung der Sonne. Sie ließen große Metallgewichte in Kometenkerne krachen, um danach die Staubwolken der Explosion zu untersuchen, und schickten zwei Sonden zu den Grenzen unseres Sonnensystems bis hinaus in den interstellaren Raum.

Jahrelang fuhren auf dem Mars kleine Rover umher, nicht viel größer als meine ferngesteuerten Spielzeugautos, und machten Fotos, die ich mir im Internet herunterladen konnte. Wenn ich sie dann im der Drogerie auf echtes Fotopapier drucken ließ, sahen sie aus wie Urlaubsfotos von einem anderen Planeten, und man konnte jedes Steinchen und jedes Sandkörnchen darauf erkennen, zusammen mit den Reifenabdrücken des Rovers, der unter der seltsam kleinen Sonne unter dem rostroten Himmel herumrollte…

Eine weiche Landung auf einem Kometen gelang, auf dem Planeten Pluto wurde ein großer weißer Fleck entdeckt, der wie ein Herz geformt war, und eine andere Sonde kreiste viele hundert mal um den Saturn und zeigte en detail die verschlungenen und filigranen Strukturen des Staubs, aus dem seine Ringe bestehen.

Ja, es ist, wie in einem science fiction zu leben: Die Zukunft ist jetzt!

Und gestern abend wurde von dem selben Startplatz in Cape Canaveral, von dem einst die Saturn V – Raketen zum Mond abhoben, der Falcon Heavy gestartet, die zur Zeit stärkste Rakete, die zu haben ist. Siebenundzwanzig Raketentriebwerke, auf drei „Cores“ der ersten Stufe verteilt, schoben die Rakete in den blauen Himmel über Florida. Genau wie geplant, lösten sich die beiden seitlichen Booster-Raketen und kehrten wieder zu ihren Ausgangspunkt zurück, wo sie weich und senkrecht landeten, um bei einem späteren Start wieder verwendet zu werden. Später trennte sich die erste Stufe ganz ab, auch sie sollte wieder zur Erde zurückkehren und auf einem unbemannten Trägerschiff im Atlantik landen, aber sie verfehlte das Ziel knapp und stürzte ab, vermutlich weil zwischendurch der Funkkontakt abgerissen war.

Zuletzt öffnete sich an der Spitze der Rakete die Frachtluke und gab die „Nutzlast“ dieses Testfluges frei: einen knallroten elektrischen Sportwagen, ein schickes Cabrio, in dem ein Dummy, eine Schaufensterpuppe saß, mit Astronautenanzug und Helm… Ein bischen krampfhaft hält sich der „Space Man“ am Lenkrad fest und schaut über die Windschutzscheibe, die niemals Wind erleben wird, auf die Wunder des Weltalls: die wunderschöne blaue Erde, die Milliarden glitzernden Sterne, und in weiter Entfernung den Planeten Mars, zu dem das Gespann aus Antriebsmodul, Elektroauto und Schaufensterpuppe nun unterwegs ist. Noch ist wohl nicht ganz klar, ob das Auto dann in einen Orbit um den Mars einschwenken wird oder ob es zusammen mit den Planeten zwischen Erde und Mars für tausende von Jahren um die Sonne kreisen wird…

Neunzig Millionen Dollar soll dieser Raketenstart gekostet haben; ein Test für zukünftige Missionen, die Menschen zum Mond und zum Mars bringen sollen, und kommerzielle Satelliten zu Dutzenden in die erdnahe oder geostationäre Umlaufbahn – dort dürfte es dann schon sehr bald ziemlich eng werden…

Es ist natürlich ein Marketing-Gag der Firma, die sowohl die Rakete als auch die Elektroautos gebaut hat, es ist aber irgendwie auch ein Jungenstreich, der jedem Vierzehnjährigen zur Ehre gereicht hätte… Es erinnert mich in seiner unübertrefflichen Ironie doch sehr an den wirren Präsidenten der Galaxis Zaphod Beeblebrox aus dem Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“, der immer wieder mal mit unfassbarer Chuzpe seine Träume verwirklichte: Wenn ich einmal eine Rakete baue, größer als alle anderen Raketen, und die dann zu Testzwecken zum Mars schicke, dann werde ich vorher alle Manager meiner Firma bequatschen, dass die mein Spielzeugauto und die Barbiepuppe meiner kleinen Schwester mitschicken. Weil – ein Auto im Weltall, das ist ja sowas von COOL, und die Barbie meiner Schwester habe ich schon immer gehasst…

Das dreckige Dutzend…

Ich bin fasziniert von Zahlen. Von der Art, wie Dinge gezählt werden. Von der Art, wie man Dinge berechnet, und wie man auch Dinge berechnen kann, die es „in Wirklichkeit“ gar nicht gibt.

Für gewöhnlich zählen und rechnen wir modernen Menschen in einem Zehnersystem. Es gibt Symbole für eine Einheit, zwei Einheiten, drei Einheiten und so fort bis hin zu neun Einheiten. Darüber hinaus gruppieren wir beim Zählen: ein Zehnerpack, ein Zehnerpack und eine Einheit, ein Zehnerpack und zwei Einheiten… und so weiter. Es gibt auch Hunderterpacks und Tausenderpacks, darüber wird dann wieder gruppiert: zehn Tausenderpacks, hundert Tausenderpacks, – Tausend Tausenderpackes nennen wir dann eine Million, und so weiter, wir kennen das ja alle.

Das alles ist uns so selbstverständlich, dass wir uns gar nicht vorstellen können, dass es auch anders sein könnte. Tatsächlich haben aber früher viele Menschen anders gezählt und tun es in bestimmten Zusammenhängen bis heute.

Zehn ist nämlich eigentlich eine vergleichsweise unpraktische Zahl, wenn es um das Teilen von Dingen geht. Zehn Hähnchen kann man ohne Rest nur auf zwei oder auf fünf hungrige Hähnchenbrater verteilen, und dann ist schon Schluss.

Darum hat man früher oft mit Zwölfereinheiten gerechnet: mit dem Dutzend. Eier und Hühner, Geschirr, Gläser und Besteck, Socken und Unterwäsche, viele andere Dinge, die man teilt, bekommt man noch heute im Zwölferpack.

Zwölf ist eine „hochteilbare“ Zahl, man kann zwölf Dinge ohne Rest auf zwei, drei, vier und sechs Leute verteilen. Bei fünf hungrigen Hähnchenbratern bekommt man aber nun Schwierigkeiten. Trotzdem ist die Zwölf sehr viel praktischer als die Zehn, wenn es ans Teilen geht.

Angeblich haben Leute, die im Zwölfersystem gezählt und gerechnet haben, nicht die zehn Finger als Merkhilfe benutzt, sondern die zwölf Fingerglieder an den vier Fingern einer Hand. Und an der Art, wie die Zahlen benannt werden, merkt man, dass es bei uns ein Zwölfersystem gegeben haben muss, denn nach „zehn“ kommen mit „elf“ und „zwölf“ noch zwei völlig originelle Begriffe und dann erst mit „drei-zehn“ und „vier-zehn“ zusammengesetzte Worte. (Noch komplizierter ist es im Französischen, aber das lasse ich heute weg, um mich nicht zu überfordern…)

Die nächste hochteilbare Zahl ist dann die Sechzig. Sie ist durch zwei, drei, vier, fünf, sechs, zehn, zwölf, fünfzehn und dreißig teilbar; eine sehr nützliche Zahl. Darum rechnen wir auch schon seit vielen Jahrhunderten mit sechzig Minuten in der Stunde. Maße und Gewichte im Handel haben sich oft an der Sechzig orientiert. Dazu morgen mehr…

Ein Dutzend Dutzenderpacks, also 12×12=144 Stück nennt man ein „Gros“. Viele junge Leute kennen das Wort gar nicht mehr; es ist auch im Handel eher selten geworden. Aber auf alten Schildern sieht man oft noch die Bezeichnung „en detail und en gros“, wenn ein Händler sowohl mit haushaltsüblichen Mengen als auch mit Kunden mit größerem Bedarf handelt.

Das Wort „Gros“ hat dabei nur wenig mit dem Wort „groß“ (wie in „grosse Menge“) zu tun, sondern es kommt vom lateinischen Wort „gros“, das „dick“, „schwer“ und manchmal auch „fett“ bedeutet. Ein Gros ist also ein „fettes Dutzend“…

Dies hier ist übrigens der 144. Eintrag auf meinem Blog, und das finde ich schon schwer fett…