Über mein emotionales Verhältnis zu Büromaschinen…

Heute ist mir einmal wieder aufgefallen, wie sehr die Materialien, die mich umgeben, meinen Arbeitsstil prägen.

Ganz am Anfang meiner „Karriere“ als Pfarrer habe ich meine Predigten noch mit Kugelschreiber auf einen Block mit kariertem Papier geschrieben, später dann mit einer alten elektrischen Schreibmaschine, die mir ein Mitstudent geschenkt hat, weil er sie nicht mehr brauchte. Da ich am Ende nicht alles noch einmal ins „Reine“ schreiben wollte, habe ich von Anfang an versucht, meine Gedanken zu ordnen, die Beispiele und Argumente in die richtige Reihenfolge zu bringen und dann möglichst sofort die richtigen Worte zu finden, die ich auch auf der Kanzel gesprochen habe.

Später hatte ich dann ein einfaches Schreibprogramm auf meinem Atari ST – Computer, das mich einfach so drauf los schreiben ließ; ich konnte ja später noch nach Herzenslust einzelne Teile ergänzen, abändern, löschen oder umstellen. Beim Predigt-Machen hatte ich das Gefühl, die Teile meiner Ansprache sozusagen in die „Erdumlaufbahn“ zu bringen und sie dann im Orbit in der Schwerelosigkeit zusammen zu basteln, dass eine bewohnbare Raumstation daraus wird, in der man sich zuhause fühlen kann.

Ausgedruckt habe ich das ganze erst am Samstag abend, denn mit dem nervig lauten Neunnadeldrucker dauerte es mehr als eine Viertelstunde, die vier bis fünf Seiten Text einigermaßen leserlich auf Papier zu bringen. In dieser Zeit bin ich immer in die Küche geflohen, um mir dort Kaffee zu machen oder ein kaltes Bier zu trinken, je nach Jahreszeit und Laune.

Jetzt schreibe ich unter einem „Publishing-System“, kann meine Predigten dreispaltig ausdrucken oder als Mind-Map, Schlagworte farbig hervorheben und das Ganze gleichzeitig für die Darstellung im Browser optimieren. Wenn ich wollte, könnte ich sie einfach in den Computer diktieren und ein Spracherkennungsmodul würde den Text erfassen. Dieses Modul ist gar nicht mal schlecht Komma nur die Satzzeichen erkennt es nie richtig Punkt

Ich drucke dann alles am Sonntag vormittag aus, während ich mir die Jacke anziehe, weil die bedruckten Seiten jetzt so schnell aus dem Drucker flutschen wie früher aus dem Kopierer. Zwölf Seiten, farbig und beidseitig bedruckt, in einer Minute!

Es sieht jetzt alles perfekt aus, ich bin mir nur nicht sicher, ob meine Predigten besser geworden sind.

Auch in meiner Freizeit hat sich das Verhältnis zu meinem Rechner verändert. Wenn ich zum Beispiel Schach spiele gegen den Grübelkasten: Mein erster Schachcomputer hat mich zwar auch schon immer besiegt, aber ich hab wenigstens gemerkt, dass er sich Mühe geben musste. Minutenlang hat der kleine Kasten mit LCDs und LEDs geblinkt und dabei leise vor sich hin gesummt, dann machte es PIEP und der nächste Zug wurde angezeigt.

Heute gebe ich meinen Zug in das Schachprogramm ein und schon nach zehn Sekunden wird mit einem trockenen TOCK! der Antwortzug auf dem Bildschirm dargestellt. Auch wenn ich schon Minuten gegrübelt habe, – TOCK! – ist die Antwort da, kaum dass ich die Maus losgelassen habe. Und die Maschine ist unschlagbar. Damit ich wenigstens ab und an gewinne, stelle ich das Programm auf Stufe vier von zweiunddreißig möglichen Schwierigkeiten ein – und dann hab ich immer das Gefühl, dass da drin irgendein Großmeister sich tödlich langweilt und mich ab und an gewinnen lässt…

Und das ist der Grund, warum ich ab und an meinen alten Mephisto aus dem Keller hole – der gibt sich wenigstens noch Mühe.

4 Gedanken zu “Über mein emotionales Verhältnis zu Büromaschinen…

  1. Das kommt mir so bekannt vor …
    Ich hab schon überlegt, ob sich das Denken ändert, weil man es ja so problemlos korrigieren und immer wieder neu zusammenwürfeln kann … Ich glaube, dass das zutrifft. Aber welches Denken das Bessere war, das kann ich nicht sagen …

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  2. DU, als Pfarrer, holst Deinen Mephisto aus dem Keller? Weiß das Deine Gemeinde? *lacht*
    Über den Einfluss von Computern auf das Schreiben grübeln nicht nur Verfasser von Predigten. Mehr Weltliteratur kommt jedenfalls nicht zustande.

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  3. Ist bei mir mit Videospielen so. Ich habe als Kind 1 DM pro Spiel bezahlt. Für Space Invaders auf einem Schwarzweiß-Röhrenbildschirm. Die Raumschiffe waren nur bunt, weil farbige Folie auf den Screen geklebt war. Dann kam Asteroids, Donkey Kong usw. Mein Favorit war Phoenix, in der Bochumer Innenstadt gab es eine Zeil lang 3 Phoenix – Automaten und meistens hatte ich an allen 3 den Highscore. Das dafür mein gesamtes Taschengeld draufging war mir egal. Es ging um die Ehre. Später fand ich heraus, wie man umsonst Credits bekommt, mit einem Elektrofeuerzeug. An der richtigen Stelle dem Automaten einen winzigen Stromstoss verpassen – 1 Credit.
    Dann kam die Atari – Konsole, der ZX-Spectrum, C64, Amiga und all die verschiedenen Spielkonsolen. Heute sind Videospiele teilweise so riesig und komplex das man mit einem einzigen Jahre verbringen könnte. Außerdem sind sie recht schwierig geworden, ich komme nie besonders weit. Aber an das Feeling, in der Pommesbude oder vor der Spielhalle (rein durfte man erst ab 18 aber die Automaten davor waren jugendfrei) den Highscore zu knacken, umringt von anderen Kindern, das kriegen die Spiele heute nicht mehr hin.

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