Lebendige Gesichter

Ich mag es, wenn Menschen beim Sprechen ein „lebendiges“ Gesicht haben. Wenn die Augenbrauen tanzen, die Augen mitlächeln, die Lider blinzeln und die Lippen Worte in die Luft küssen. Wenn die Sprechende mit ihren Händen energisch die Haare aus dem Gesicht streicht, voll von leidenschaftlicher Überzeugung, und wenn sich ihre Nase nachdenklich kräuselt, sobald sie unsicher ist. Wenn mich Blicke packen und festhalten können…

Wenn man gewissermaßen den Ton abstellen könnte und trotzdem noch ahnen kann, was sie sagt…

Faszinierende Menschen.

Das mag ich.

Psalm 145 (neu formuliert für einen Abiturgottesdienst)

Psalm für den Abiturgottesdienst
(nach Psalm 145)

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

Wir danken dir, Gott, für deine Hilfe
jeden Tag wieder wollen wir dir dankbar sein.

Jeden Tag wieder erleben wir, wie freundlich du bist,
darum hören wir niemals auf, Gutes von Dir zu sagen.

Du, Gott, bist wunderbar und faszinierend
Du bist größer als alles, was wir verstehen und begreifen könnten.

Erstaunliches hast du geschaffen,
Unfassbares tust du in unserer Welt.

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

Unser Leben verdanken wir Dir,
dass wir atmen können, hast du uns geschenkt.

Du hast uns die Augen geöffnet für deine Wunder,
du hast uns den Verstand gegeben, sie zu bedenken.

Du hast uns die Sprache gegeben, darüber zu reden,
Ideen und Begriffe, die Welt zu beschreiben.

Wir haben so Vieles gelernt und verstanden
unser Können und unsere Begabung verdanken wir dir.

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

Alles, was nötig ist, damit wir leben können,
alles, was nötig ist, gibst du uns, Gott.

Du gibst, was wir brauchen, um uns zu ernähren,
Sogar genug, dass wir teilen und abgeben können.

Talent und Begabung, Kraft und Begeisterung,
Mut und Neugier hast du uns gegeben.

Wir wollen sie einsetzen, den Menschen zu nützen
und um dir für alles zu danken, was du uns geschenkt hast.

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

 

Himmelfahrt drei

Da stehen sie und legen den Kopf in den Nacken, bis ihnen schwindelig wird. Immer höher richten sie ihre Blicke, geblendet vom Licht…

Es ist keine sechs Wochen her, dass ihr Traum zerbrach. Alle ihre Hoffnung hatten sie in den einen Menschen gelegt, der nicht nur überzeugend und mitreißend von der Liebe Gottes sprach, sondern der kompromisslos und ernsthaft aus dieser Liebe lebte.

Drei Jahre waren sie ihm gefolgt, hatten alles andere hinter sich gelassen und lebten mit ihm von der Hoffnung auf eine Zeit, in der kein Mensch mehr einen anderen klein machen muss, um groß zu sein, in der kein Mensch mehr einen anderen knechten muss, um frei zu sein, in der kein Mensch mehr einen anderen töten muss, um leben zu können.

Drei Jahre lang hatten sie gesehen und miterlebt, wie seine Worte auf andere wirkten: Lahme warfen ihre Krücken fort, Fanatiker legten ihre Waffen nieder. Menschen, die blind vor Angst und Verzweiflung waren, sahen neue Hoffnung. Selbst Tote erwachten neu zum Leben.

Drei Jahre haben sie mit ihm gegessen und getrunken, gefeiert und gebetet, gesungen und getrauert, getanzt und geseufzt. Sie waren seine Schwestern und Brüder geworden. Niemand kannte ihn so gut wie sie, und in ihrer Mitte entstand der Gedanke – ER ist es, in ihm ist der Himmel zur Welt gekommen.

Es gab aber auch die anderen, in denen seine Worte den Hass weckten. Selbst seine eigenen Brüder hielten ihn für verrückt. „So kann man doch nicht leben,“ sagten sie zu ihm, „komm nach Hause; du blamierst doch die ganze Familie!“ Es gab andere, ihn im Gefängnis sehen wollten, oder noch besser, tot in irgendeinem Straßengraben oder zur Abschreckung für alle verblutet am Kreuz.

Sie haben sich am Ende durchgesetzt, so wie sich Angst und Hass immer durchsetzen, so wie Macht und Gewalt sich immer behauptet und die Wirklichkeit definiert. Am Kreuz atmet er sein Leben aus, mit einem Schrei… Mein Gott, warum?!

Es ist keine sechs Wochen her. Und sie lebten in den Trümmern ihrer Hoffnung, in den Scherben, die Ihnen von ihrem Glauben geblieben waren, ihre Seelen mehr nackt als bekleidet mit den Fetzen ihrer Liebe. Noch immer trafen sie sich regelmäßig, aber heimlich und voller Angst, in irgendeinem Dachboden, immer bereit, vor den Schergen der Mächtigen und den Helfershelfern der Gewalttätigen zu fliehen.

Aber dann…

Wie schon oft in der Geschichte entzündet sich gerade im Augenblick des Zusammenbruchs die Hoffnung neu. Er ist nicht tot. Er ist auferstanden. Simon hat ihn gesehen. Andere Jünger haben mit ihm gesprochen, haben ihn berührt, haben mit ihm zusammen gegessen. Eine Erinnerung weckt die andere, eine Geschichte ruft die andere ins Leben. Der, der das Leben so geliebt und gelebt hat, wie sollte der tot sein? Der, die Hoffnung immer neu erweckt hat, wie sollte der diesmal versagen? In ihm hat Gott selbst seine Wohnung genommen, ER ist die Hütte Gottes bei den Menschen… Wie könnte sie jetzt unbewohnt bleiben?

Doch tief in ihrem Herzen fühlen die Jünger Jesu, dass auch dieses Zeichen der Liebe Gottes bedroht bleibt, dass schon jetzt das Rumpeln und Fauchen dieser unerbittlich weiter laufenden Uhr zu hören ist, die die Zeit selbst am Laufen hält und immer wieder den Brunnen des Lebens auszutrocknen versucht…

Wer kennt den Willen Gottes? Wer weiß, was die Zukunft bringt?

Noch im selben Jahrhundert zerfällt die junge Kirche in verschiedene Konfessionen. Menschen, die miteinander das eine Glaubensbekenntnis gesprochen haben, die den einen Kelch und das eine Brot geteilt haben, zerstreiten sich um Nichtigkeiten. Die Menschen aus verschiedenen Nationen und Glaubensrichtungen werden je ihre eigenen Wege gehen – obwohl sie sich alle auf Christus berufen. Krieg und Blutvergießen zwischen den Glaubensgeschwistern ziehen sich über Jahrtausende hin. Der Name Gottes wird missbraucht zur Manipulation genzer Völker und zu Hetze und Propaganda über Generationen hinweg.

Aber in all der Unruhe, in Kampf und Krieg, bleibt der Glaube an die Liebe Gottes in Einzelnen bestehen. Denn die Kirche besteht nicht in Gebäuden, die verwittern, nicht in Strukturen und Gesetzen, von Menschen gemacht. Sie besteht nicht im Stolz auf das, was menschenmöglich gemacht wird durch den Einfallsreichtum der Ingenieure und den Wissensdurst der Wissenschaftler. Sie besteht nicht im Streben nach Macht und Einfluß und Vollkommenheit.

Wo immer die Kirche diesen Versuchungen erlegen ist, ist sie in die Krise geraten und zugrunde gegangen. Aber sie ist neu aufgeblüht da, wo sie Kirche für die Menschen war, die um Gottes willen bereit war, Grenzen aufzubrechen, Angst zu überwinden, mit den Wolken zu träumen und in den Himmel zu sehen, so wie am Anfang. Wieder und immer wieder auf den zu hören, der sagt: „Ich bin bei Euch, jeden Tag, von jetzt an bis zum Ende der Welt.“

Himmelfahrt zwei

Da stehen sie und legen den Kopf in den Nacken, bis ihnen schwindelig wird. Immer höher richten sie ihre Blicke, bewundern den gewaltigen, mächtigen Turm, der noch halbfertig im Licht der aufgehenden Sonne glänzt… Eine Stufenpyramide, mehr als sechzig Meter hoch, überragt eindrucksvoll die anderen Gebäude der Stadt, macht Paläste und Villen an ihrem Fuß zu Zwergen; Babylon, die mächtige, prachtvolle Hauptstadt des Weltreiches hat ein neues Schmuckstück, eine Sehenswürdigkeit, über die die Welt noch in tausend Jahren sprechen wird. Nur die großen Pyramiden der Ägypter werden sich mit diesem Triumph der Wissenschaft und der Kunst der Ingenieure messen lassen können.

Mit diesem Turm sichern sich die Bewohner der Stadt den Zugang zum Himmel, denn die Priester des Bel und des Marduk werden die breite Treppe an der Westseite des Turms hinauf und hinabsteigen und die Botschaften Gottes überbringen und die Not und die Bitten der Menschen vor sein Angesicht tragen.

Zum ersten Mal in der Geschichte greift die Menschheit nach den Sternen, baut einen Turm, der bis an den Himmel reicht – ja, noch mehr: Die oberste Kammer im Turm ist schon selbst der Himmel, ist der Palast, in dem Marduk seine Wohnung nehmen wird, die Hütte Gottes bei den Menschen….

Doch tief in ihrem Herzen fühlen die Bewohner Babylons, dass auch dieses Zeichen der menschlichen Größe vergehen wird, dass schon jetzt das Rumpeln und Fauchen des Zornes der Götter über der Stadt und dem Weltreich zu hören ist, denn nichts, was Menschen tun, ist wahrhaft für die Ewigkeit. Zusammen mit der Bewunderung für die machtvollen Bauten der Babylonier wird sich auch der Gedanke an die unmenschlichen, mitleidlosen Gesetze erhalten, die die Stadtoberen ihrem Volk aufgezwungen haben, die Qualen, die die Soldaten des Kaisers den Menschen in fernen Ländern zufügten, die Millionen von Menschen, die mit ihrem Blut und ihren Tränen für diese Pracht und Herrlichkeit bezahlen mussten…

Wer kennt den Willen der Götter? Wer weiß, was die Zukunft bringt?

Noch im selben Jahrhundert zerbricht der Staatenbund Babyloniens. Die Menschen aus verschiedenen Rassen, Traditionen und Glaubensrichtungen werden je ihre eigenen Wege gehen. Krieg und Blutvergießen ziehen sich über Jahrzehnte hin. Und der stolze Turm verfällt zu einer Ruine und die Barbaren vom Rand der Wüste werden die staubigen Straßen bevölkern, ohne Blick für die blauen Kacheln und die goldenen Löwen, die sie einst zierten…

Die Sprache, in der die Gesetzbücher verfasst sind, wird vergessen, und die Tafeln mit der ehrwürdigen Schrift gehen verloren im Wüstensand. Ob wohl jemals wieder ein denkendes oder fühlendes Wesen diese Botschaften entziffern wird? Wird dort draußen jemand oder etwas sein, das Sinn und Verständnis für diese Ordnungen und Gebote hat?

Himmelfahrt eins

Da stehen sie und legen den Kopf in den Nacken, bis ihnen schwindelig wird. Immer höher richten sie ihre Blicke, folgen mit klopfendem Herzen der sich langsam ausbreitenden Wolke, die weiß in der strahlenden Sonne leuchtet. Begeisterung breitet sich in der Menschenmenge aus, eine Art Stolz über das, was Wissenschaft und Technik möglich gemacht haben. Jubelrufe erschallen hier und da und werden dann plötzlich übertönt von einem lauten Knall und dem tiefen Donnergrollen, das sich von dem viele Kilometer entfernten Startplatz der Rakete her ausgebreitet hat.

Zum ersten Mal in der Geschichte greift die Menschheit nach den Sternen, auch wenn es in diesem Fall nur darum geht, zwei Männer in klobigen Raumanzügen auf dem Mond herumhüpfen zu lassen und ein Dutzend Kilo Steine vom Erdtrabanten zurück in die Forschungslabore der Erde zu bringen.

Tief in ihren Eingeweiden fühlen sie das Rumpeln und Fauchen der Raketenantriebe der ersten Stufe, die das kolossale Geschoss in den Himmel hinauf heben; an der Spitze eines Turmes aus weißgrauen Wolken sehen sie das Projektil, das schon bald ein Raumschiff sein wird. Wer weiß, was die Zukunft bringt?

Noch im selben Jahrzehnt werden automatische Sonden die inneren Planeten des Sonnensystems erreichen, wird sich ein paar Raumflugkörper mit Grußbotschaften der Menschheit in hundert verschiedenen Sprachen auf dem Weg machen aus dem Sonnensystem hinaus in die finstere Unendlichkeit des interstellaren Raums.

Ob wohl jemals ein denkendes oder fühlendes Wesen diese Botschaften entziffern wird? Ist dort draußen jemand oder etwas, das antworten kann?

Wie kann man „beweisen“, dass man Christ ist?

Letzte Woche war es wieder einmal auf meiner Facebook-Timeline zu lesen: Geflüchtete Menschen aus Syrien und Afghanistan erschleichen sich Asyl, in dem sie sich hier in Deutschland taufen lassen und dann eine mögliche Verfolgung in ihrem Heimatland als Fluchtgrund angeben. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der zuständigen Behörden zweifeln in diesem Zusammenhang die Ernsthaftigkeit der „Bekehrung“ an und fordern eine Art Beweis für eine lebensverändernde Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben…

Obwohl ich schon länger von dieser Problematik wusste, hat es mir im aktuellen Fall wieder einmal die Sprache verschlagen… Da werden Antworten auf Fragen erwartet, die sehr wahrscheinlich kaum ein Gemeindeglied geben könnte, bestimmt auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der anderen Seite des Schreibtisches nicht und überhaupt wenige, die nicht Theologie studiert haben.

Wisst Ihr, meine lieben Leserinnen und Leser, wie Euer Taufspruch heißt und wo er in der Bibel steht? Ich kenne meinen Konfirmationsspruch und die Bibelstelle, über die bei meiner Hochzeit gepredigt wurde, aber meinen Taufspruch kenne ich nicht. Ich war damals ein BABY, als ich getauft wurde, und kann mich beim besten Wollen und Mühen nicht erinnern!

Könntet Ihr antworten auf die Frage: „Was ist der Unterschied zwischen der evangelischen und der katholischen Konfession?“ Oder könntet Ihr sagen, „wo und wie Martin Luther (…) gestorben“ ist?

Manche Fragen sind sogar kompletter Blödsinn und können gar nicht richtig beantwortet werden: „Wie heißen die beiden Söhne aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn?“ (Es werden gar keine Namen genannt!) – „Martin Luther ist eine wichtige Person im Evangelium. Was wissen Sie über ihn?“ (Martin Luther kommt weder in den Evangelien noch sonst irgendwo in der Bibel vor; er hat sie ins Deutsche übersetzt.) oder sogar „Die Taufe geht auf eine bestimmte Sünde zurück; können Sie mir diese erklären?“ (HÄÄ? Die Taufe geht auf den Taufbefehl Jesu zurück, der im letzten Kapitel des Matthäusevangeliums steht.)

Quelle

Ich habe das zwar auch schon erlebt, dass Menschen aus „fragwürdigen“ Gründen die Taufe begehrt haben – zum Beispiel, um einen Arbeitsplatz in einer kirchlichen Kindertagesstätte bekommen zu können… Aber bisher waren wir in der Kirche immer froh, wenn jemand getauft werden wollte; haben ein bisschen Grundwissen vermittelt und dann in einem schönen Gottesdienst mit der Familie und den Freunden des Täuflings die Taufe vollzogen – im Bewusstsein, dass es der ANFANG eines Weges im Glauben ist und nicht das Ziel oder das Ende.

Nun werden wir aufgefordert, auf das genaueste zu prüfen, welche Beweggründe einen Syrer oder Perser zur Konversion getrieben haben könnte und die Taufe zu verweigern, wenn „sachfremde“ Motivation zu vermuten ist.

Was würde Jesus dazu sagen???

Mal abgesehen von der allgemeinen Problematik, zu der ich hier eigentlich gar nichts sagen will – kann man mit der Antwort auf solche Fragen wirklich beweisen, dass man Christ ist? Es geht doch um den Glauben, nicht um das Wissen. Es geht um die Hoffnung, die einen trägt. Es geht doch um die Liebe, die gerade die Menschen NICHT erleben, denen so ein Beweis für ihre Ernsthaftigkeit abverlangt wird.

Es ist doch einfach nur krank, wie hier versucht wird, die christliche Gemeinde zu instrumentalisieren und die Kirche zur Erfüllungsgehilfin eines bedenklich ängstlichen, kleinlichen und fremdenfeindlichen Staates zu machen…