Wie kann man „beweisen“, dass man Christ ist?

Letzte Woche war es wieder einmal auf meiner Facebook-Timeline zu lesen: Geflüchtete Menschen aus Syrien und Afghanistan erschleichen sich Asyl, in dem sie sich hier in Deutschland taufen lassen und dann eine mögliche Verfolgung in ihrem Heimatland als Fluchtgrund angeben. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der zuständigen Behörden zweifeln in diesem Zusammenhang die Ernsthaftigkeit der „Bekehrung“ an und fordern eine Art Beweis für eine lebensverändernde Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben…

Obwohl ich schon länger von dieser Problematik wusste, hat es mir im aktuellen Fall wieder einmal die Sprache verschlagen… Da werden Antworten auf Fragen erwartet, die sehr wahrscheinlich kaum ein Gemeindeglied geben könnte, bestimmt auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der anderen Seite des Schreibtisches nicht und überhaupt wenige, die nicht Theologie studiert haben.

Wisst Ihr, meine lieben Leserinnen und Leser, wie Euer Taufspruch heißt und wo er in der Bibel steht? Ich kenne meinen Konfirmationsspruch und die Bibelstelle, über die bei meiner Hochzeit gepredigt wurde, aber meinen Taufspruch kenne ich nicht. Ich war damals ein BABY, als ich getauft wurde, und kann mich beim besten Wollen und Mühen nicht erinnern!

Könntet Ihr antworten auf die Frage: „Was ist der Unterschied zwischen der evangelischen und der katholischen Konfession?“ Oder könntet Ihr sagen, „wo und wie Martin Luther (…) gestorben“ ist?

Manche Fragen sind sogar kompletter Blödsinn und können gar nicht richtig beantwortet werden: „Wie heißen die beiden Söhne aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn?“ (Es werden gar keine Namen genannt!) – „Martin Luther ist eine wichtige Person im Evangelium. Was wissen Sie über ihn?“ (Martin Luther kommt weder in den Evangelien noch sonst irgendwo in der Bibel vor; er hat sie ins Deutsche übersetzt.) oder sogar „Die Taufe geht auf eine bestimmte Sünde zurück; können Sie mir diese erklären?“ (HÄÄ? Die Taufe geht auf den Taufbefehl Jesu zurück, der im letzten Kapitel des Matthäusevangeliums steht.)

Quelle

Ich habe das zwar auch schon erlebt, dass Menschen aus „fragwürdigen“ Gründen die Taufe begehrt haben – zum Beispiel, um einen Arbeitsplatz in einer kirchlichen Kindertagesstätte bekommen zu können… Aber bisher waren wir in der Kirche immer froh, wenn jemand getauft werden wollte; haben ein bisschen Grundwissen vermittelt und dann in einem schönen Gottesdienst mit der Familie und den Freunden des Täuflings die Taufe vollzogen – im Bewusstsein, dass es der ANFANG eines Weges im Glauben ist und nicht das Ziel oder das Ende.

Nun werden wir aufgefordert, auf das genaueste zu prüfen, welche Beweggründe einen Syrer oder Perser zur Konversion getrieben haben könnte und die Taufe zu verweigern, wenn „sachfremde“ Motivation zu vermuten ist.

Was würde Jesus dazu sagen???

Mal abgesehen von der allgemeinen Problematik, zu der ich hier eigentlich gar nichts sagen will – kann man mit der Antwort auf solche Fragen wirklich beweisen, dass man Christ ist? Es geht doch um den Glauben, nicht um das Wissen. Es geht um die Hoffnung, die einen trägt. Es geht doch um die Liebe, die gerade die Menschen NICHT erleben, denen so ein Beweis für ihre Ernsthaftigkeit abverlangt wird.

Es ist doch einfach nur krank, wie hier versucht wird, die christliche Gemeinde zu instrumentalisieren und die Kirche zur Erfüllungsgehilfin eines bedenklich ängstlichen, kleinlichen und fremdenfeindlichen Staates zu machen…

2 Gedanken zu “Wie kann man „beweisen“, dass man Christ ist?

  1. Wow… also, ich hab die Sterbeanzeige von Martin Luther nicht im Hamburger Abendblatt gelesen, also kann er nicht tot sein, und die Söhne… Max und Moritz? Oder George und Louis – ach ne, die gehörten jemand anders. Verdammt, ich bin kein Christ („Auch dieses steht im Buch der Buchen: Ihr sollt verflucht nochmal nicht fluchen! Und ihr sollt Mutt- und Vater ehren, als ob sie eure Eltern wären!).
    Heftig…

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