Himmelfahrt zwei

Da stehen sie und legen den Kopf in den Nacken, bis ihnen schwindelig wird. Immer höher richten sie ihre Blicke, bewundern den gewaltigen, mächtigen Turm, der noch halbfertig im Licht der aufgehenden Sonne glänzt… Eine Stufenpyramide, mehr als sechzig Meter hoch, überragt eindrucksvoll die anderen Gebäude der Stadt, macht Paläste und Villen an ihrem Fuß zu Zwergen; Babylon, die mächtige, prachtvolle Hauptstadt des Weltreiches hat ein neues Schmuckstück, eine Sehenswürdigkeit, über die die Welt noch in tausend Jahren sprechen wird. Nur die großen Pyramiden der Ägypter werden sich mit diesem Triumph der Wissenschaft und der Kunst der Ingenieure messen lassen können.

Mit diesem Turm sichern sich die Bewohner der Stadt den Zugang zum Himmel, denn die Priester des Bel und des Marduk werden die breite Treppe an der Westseite des Turms hinauf und hinabsteigen und die Botschaften Gottes überbringen und die Not und die Bitten der Menschen vor sein Angesicht tragen.

Zum ersten Mal in der Geschichte greift die Menschheit nach den Sternen, baut einen Turm, der bis an den Himmel reicht – ja, noch mehr: Die oberste Kammer im Turm ist schon selbst der Himmel, ist der Palast, in dem Marduk seine Wohnung nehmen wird, die Hütte Gottes bei den Menschen….

Doch tief in ihrem Herzen fühlen die Bewohner Babylons, dass auch dieses Zeichen der menschlichen Größe vergehen wird, dass schon jetzt das Rumpeln und Fauchen des Zornes der Götter über der Stadt und dem Weltreich zu hören ist, denn nichts, was Menschen tun, ist wahrhaft für die Ewigkeit. Zusammen mit der Bewunderung für die machtvollen Bauten der Babylonier wird sich auch der Gedanke an die unmenschlichen, mitleidlosen Gesetze erhalten, die die Stadtoberen ihrem Volk aufgezwungen haben, die Qualen, die die Soldaten des Kaisers den Menschen in fernen Ländern zufügten, die Millionen von Menschen, die mit ihrem Blut und ihren Tränen für diese Pracht und Herrlichkeit bezahlen mussten…

Wer kennt den Willen der Götter? Wer weiß, was die Zukunft bringt?

Noch im selben Jahrhundert zerbricht der Staatenbund Babyloniens. Die Menschen aus verschiedenen Rassen, Traditionen und Glaubensrichtungen werden je ihre eigenen Wege gehen. Krieg und Blutvergießen ziehen sich über Jahrzehnte hin. Und der stolze Turm verfällt zu einer Ruine und die Barbaren vom Rand der Wüste werden die staubigen Straßen bevölkern, ohne Blick für die blauen Kacheln und die goldenen Löwen, die sie einst zierten…

Die Sprache, in der die Gesetzbücher verfasst sind, wird vergessen, und die Tafeln mit der ehrwürdigen Schrift gehen verloren im Wüstensand. Ob wohl jemals wieder ein denkendes oder fühlendes Wesen diese Botschaften entziffern wird? Wird dort draußen jemand oder etwas sein, das Sinn und Verständnis für diese Ordnungen und Gebote hat?

Ein Gedanke zu “Himmelfahrt zwei

  1. Diese Gedanken sprechen mich an, obwohl ich nicht (mehr) gläubig bin. Damals, als Religionslehrerin für die Kleinen, erzählte ich ihnen davon und sie malten prächtige Bilder, auch zur Arche Noah, Jona im Walfischbauch, und so weiter. Die Kinder liebten diese Geschichten so sehr. Für mich gehört das Wissen davon einfach dazu, zum Leben. Doch wer weiß…
    Jedenfalls DANKE.

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