Drama, Baby!

Es gibt viele Methoden, in einer Gruppe interessierter Menschen an einem Bibeltext zu arbeiten. In der „klassischen“ Bibelgruppe liest man einen Abschnitt vor und diskutiert dann darüber. In einer „modernen“ Bibelgruppe liest man einen Abschnitt vor und diskutiert dann über etwas ganz anderes. Aber wenn man wirklich zeitgemäß sein will, spielt man den Bibeltext mit verteilten Rollen wie auf einer Theaterbühne nach und diskutiert dann darüber, wie man sich dabei gefühlt hat.

Diese Methode heißt „Bibliodrama“ – und sie funktioniert erstaunlich gut.

„Atmet! Atmet in den Bauch hinein. Atmet tief! Spürt, wie die Atemluft euch füllt. Und dann atmet wieder aus. Ahhhhhhh!“ Mit einem lauten Ton, der wie ein mächtig erleichterter Seufzer klingt, macht der Couch uns vor, was er von uns erwartet. Ohne dieses „Ahhhhhhh!“ fehlt anscheinend etwas Wichtiges, denn jeder, der nach einem tiefen Atemzug einfach nur so die Luft wieder aus der Lunge pustet, bekommt von dem Coach einen ziemlich irritierenden Blick zugeworfen.

„Das Atmen ist wichtig. Es verbindet innen und aussen. Es hält uns im Gleichgewicht. Es läßt die Energie fließen…“ Seit fast zwei Stunden drehen wir uns nun in der schönen, alten Kirche im Kreis. Die Stühle haben wir weggeräumt, damit wir mehr Platz haben, uns zu bewegen, zu laufen, zu hüpfen, zu rennen oder uns theatralisch auf den Boden zu werfen… Die alten, steinernen Mauern werfen erstaunte Blicke auf uns Pfarrerinnen und Pfarrer, die so respektlos ihre Ehrwürdigkeit ignorieren. Wir haben Atemübungen gemacht, unsere Mitte gesucht, das Chi fließen lassen und unser inneres und äusseres Gleichgewicht geprüft, die eine oder andere „Predigt“ von unserem Coach gehört – und so langsam fragen wir uns, wann endlich die Bibel ins Spiel kommt.

Jetzt gibt es erst einmal Kaffeepause. Wir strömen aus der Kirche in den klaren, sonnigen Vormittag, trinken Kaffee, Tee oder Mineralwasser; einige aus der Gruppe zerstören die gerade eben eingegangene innige Verbindung mit ihrem Atem, indem sie sich eine Zigarette anzünden. Andere gehen hinüber in das Tagungshaus, um ihre Bibeln zu holen – sie haben offensichtlich schon einmal an einer Übung im Bibliodrama teilgenommen und wussten vielleicht, dass man dazu zuerst einmal gar keine Bibel braucht…

Jetzt aber: Zurück in der Kirche lesen wir den Text, um den es heute gehen soll. Eine Beschreibung des himmlischen Jerusalems aus dem Buch der Offenbarung des Johannes: „Es wird keinen Tempel geben, denn Gott selbst wird in dieser Stadt wohnen; es gibt keinen Wechsel des Tages und der Nacht, den Gott ist das Licht in dieser Stadt, das niemals untergeht…“ Und so weiter. Vier, fünf, sechs Mal lesen wir diesen Text, von den Toren, aus Perlen gemacht und mit Edelsteinen besetzt, von dem Fluß mit kristallklaren Wasser, der von dem Thron Gottes ausgeht, von den Bäumen, die jeden Monat neu Früchte tragen und deren Blätter alle Menschen der Welt heilen werden…

Ein schöner Text; aber wie soll man das nur „dramatisch“ umsetzen?

Die ersten Vorschläge unseres Coaches erinnern mich doch sehr an das bekannte Kindergeburtstagsspiel vom „Drama im deutschen Wald“… http://www.schmunzelmal.de/Theater.htm

Einige Pfarrer spielen die Tore der himmlischen Stadt. Einige spielen das kristallklare Wasser in dem paradiesischen Flüssen und rauschen begeistert und „wellenschlagend“ im Raum herum. Andere lassen als goldene Palmen ihre Arme im Wind hin und her wehen… Schwierig wird es nur, jemanden zu finden, der bereit ist, Gott auf dem Thron zu spielen – an dieser Zumutung verlässt auch einen Pfarrer leicht der Mut und es kommt etwas wie heilige Scheu auf: Darf man das denn? Gott spielen?

Aber schließlich findet sich auch für diese Rolle jemand, der dann die meiste Zeit würdig dreinblickend auf einem Stuhle sitzt und ab und zu die Hände wie zu einem Segensgruß erhebt…

Bis dahin fällt es mir doch eher schwer, das Ganze ernst zu nehmen. Es fehlt nur noch das scheue Reh, das dadurch den Wald spaziert…

Aber dann: Die Pfarrerinnen und Pfarrer, die noch „übrig“ sind, sollen sich in die Rolle eines Menschen aus ihrer Gemeinde versetzen und dann spielen, wie dieser an die Himmelstore kommt. Wie wird es ihm ergehen? Was wird er tun? Was dort erleben?

Ein Pfarrer spielt einen sehr alten, fußkranken Mann mit Rollator. Er schiebt die unsichtbare Gehhilfe vor sich her, atmet schwer und macht mühsam Schritt um Schritt, mit langen Atempausen zwischendurch. Als er an das Himmelstor kommt, schaut er sehnsüchtig hinein – und bleibt dort stehen. Sein ganzes Leben hat er bescheiden gelebt, nun soll all diese Herrlichkeit für ihn sein? Das kann er sich nicht vorstellen; in diesem Himmel würde er sich nicht willkommen fühlen. So bleibt er da am Tor stehen.

Ein anderer Pfarrer spielt einen jungen, lebenslustigen Menschen; tanzend und pfeifend schlendert er zum Tor, wirft nur einen kurzen Blick auf den alten Mann, der dort steht, und tanzt dann geradezu durch das Tor. Party? Das kommt ihm gerade recht. Die Musik ist gut, und zu essen gibt es reichlich. Nur sein Handy bekommt kein Netz da in der himmlischen Stadt, das stört ihn dann doch etwas. WLan gibt es auch nicht. Naja, nichts ist vollkommen…

So kommt einer nach dem anderen: Die erfahrene Diakonisse, der Konfirmand, die Lehrerin, die alkoholkranke Frau – jede und jeder findet seinen Platz im Himmel und genießt die verheißenen Freuden. Dann kommt die Politikerin. Eine Pfarrerin spielt eine Frau, die sie wohl sehr gut kennt. Sehr gläubig ist die Politikerin nie gewesen, aber ehrgeizig und verantwortungsbewusst. Nun, am Tor der heiligen Stadt, wird ihr klar, dass ihre Macht, ihre Verantwortung, ihr Ehrgeiz hier ein Ende haben wird. Sie ist nicht mehr Politikerin in dieser Stadt, sondern ein Mensch wie all die anderen auch. Und weil sie dies weiß, zögert sie an der Tür zu dieser Stadt, in der es keine Herren und Knechte mehr geben wird ausser dem einen Herrn…

Und da fällt ihr der alte Mann auf, der immer noch schwer atmend vor dem Tor sitzt, inzwischen zunehmend verzweifelt, weil sein Herz weh tut und seine Beine sich verkrampfen und der junge Mann vom Pflegedienst nicht kommt, obwohl er so sehr dringlich auf die Taste seines Pagers drückt. Und sie hilft ihm, die Politikerin, stützt ihn, gibt ihm zu trinken, hebt ihn auf, damit er stehen kann…

Sie bleiben vor dem Tor zum Himmel stehen, die beiden, Hand in Hand, und sie gehen nicht hindurch in die goldene, edelsteinbesetzte Herrlichkeit. Und das müssen sie auch gar nicht. Denn in diesem Moment wird allen, die da mitgespielt haben, eines klar: der Himmel ist nicht bei den goldenen Bäumen und dem kristallklaren Wasser, nicht auf den Straßen aus Glas und hinter der Toren aus Perlmutt, nicht bei dem Thron in der Mitte, der nun leer ist… Gott ist bei ihnen, vor dem Tor, da wo sie stehen, Hand in Hand…

Urlaubslektüre 2

Arundhati Roy: Das Ministerium des äussersten Glücks
S. Fischer Verlag Frankfurt a.M. 2017

Ich habe gezögert, über diesen Artikel „Urlaubslektüre“ zu schreiben, denn dieses Buch hat es in sich. Vor dem Hintergrund der Bürgerkriege, Attentate, Folter und Mord und anderer terroristischen Akte, die in den letzten dreißig Jahren in Indien und Pakistan geschehen sind, wird die Geschichte mehrerer „Helden“ erzählt, die jede und jeder auf ihre Art versuchen, zwischen Trümmern, Scherben und Gräbern zu leben. Arundhati Roy schont ihre Leser nicht und konfrontiert ihre Leserinnen und Leser gnadenlos mit der Wirklichkeit. Erholsame Lektüre ist das nicht.

Am Anfang werden wir auf einen Friedhof in der Altstadt von Delhi entführt. Dort lebt und liebt eine Gruppe von Aussenseitern, Menschen vom Rand der Gesellschaft, die zwischen Grabsteinen und Müll ein Zuhause gefunden haben. Das „Jannat Guest House“ wird zum Zufluchtsort für Menschen, die nirgendwo sonst Ruhe und Frieden gefunden haben, zum „Ministerium des äußersten Glücks“ – aber auch dort ist Leben, Freiheit und Liebe immer in Gefahr. Glück ist immer nur für den Augenblick.

Wie auch in dem bekannten und sehr empfehlenswerten Buch „Der Gott der kleinen Dinge“ malt Arundhati Roy ein überwältigendes Puzzle vor die Augen ihrer Leserinnen und Leser, ein Bild, das betört durch die Farbenpracht und den Duft der Gewürze Indiens; eine Geschichte, die manchmal weich und wärmend ist wie ein Schal aus Kaschmir und dann plotzlich wieder hart und unbarmherzig wie die Folterknechte, die es in allen politischen Richtungen gibt.

Im Gegensatz zu mir 🙂 schafft es Arundhati Roy aber, dabei alle Klisschees über Indien und Pakistan, über Hindus und Muslime, über Militär und Widerstand, sogar über Männer und Frauen (und alles, was es dazwischen noch gibt) zu vermeiden.

So entstand ein Roman, auf den absolut zutrifft, was im Klappentext gesagt wird: „Erzählt mit einem Flüstern, einem Schrei, mit Freudentränen und manchmal mit einem bitteren Lachen, ist dieser Roman Liebeserklärung und Provokation zugleich: eine Hymne auf das Leben.“

Zwischen dem Entsetzen über die Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind, und der Sehnsucht nach diesen Ländern, die Arundhati Roy so detailverliebt und farbensüchtig beschreiben kann, hin und her gerissen, habe ich dieses Buch in meinem letzten Urlaub gelesen und bin versunken in dieser Welt, die unsere eigene ist und doch so fremd und fern wie ein anderer Planet.

Wer dieses Buch liest, ist eine Woche lang für die eigene Umgebung verloren – und auch danach kreisen die Gedanken immer wieder um dieses zerbrochene, großartige Land. Pakisten und Indien, Afghanistan und Syrien sind so nah – und diese unglaublichen Geschichten spielen nicht in einem fernen Mittelalter, sondern jetzt, in unserer Zeit, in diesen Tagen. Mein Blick auf diese Welt ist danach nicht mehr gleich.

Sommer – Gemeindebriefartikel

Juli

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!
Hos 10,12 (L)

Liebe Gemeindeglieder und Freunde in Schönefeld und Großziethen…

Mir gefällt an diesem Spruch, dass Liebe hier nicht so was romantisch Verschwurbeltes ist. Sie hat was mit handfesten Begriffen zu tun, auch wenn die hier wohl im übertragenen Sinn gemeint sind. Säen, Pflügen, Ernten – das sind Worte, mit denen die Leute hier in Großziethen und Schönefeld noch etwas anfangen können, das haben Sie jedes Jahr wieder vor Augen. Dass die Zeit knapp ist und dass man manchmal sehr schnell etwas tun muss, wenn die richtige Zeit da ist, das wissen sie auch. Zur Zeit ist es hier fürchterlich trocken und heiß, und die paar Tropfen, die letzte Woche vom Himmel gefallen sind, helfen da auch nicht. Regen wird da sehnsüchtig erwartet.

Außerdem ist der Gedanke an die Liebe mit dem Begriff „Gerechtigkeit“ verbunden. Das ist auch schon eher ein verschwurbeltes Wort – aber doch irgendwie ein bisschen „irdischer“ als die Liebe. Man könnte sich jetzt streiten, was genau denn Gerechtigkeit ist: wenn jeder und jede das bekommt, was er oder sie braucht – oder wenn jede und jeder das gleiche bekommt – oder wenn jede und jeder das bekommt, was er oder sie verdient hat. Aber ich glaube, dass das in diesem Zusammenhang egal ist.

Gerechtigkeit kann es auf jeden Fall nur geben, wo Menschen sich gegenseitig im Blick haben – wo sie aufeinander eingehen, sich umeinander kümmern und wo einer dem anderen nicht egal ist. Also da, wo Liebe ist. zumindest Nächstenliebe. Wo es solche Gerechtigkeit gibt und wo solche Liebe da ist, da wird nicht gemobbt oder getratscht, da wird niemand vergessen und keiner ganz allein gelassen.

Das ist – auch in der Kirche – zur Zeit noch ein Wunschtraum. „Gerechtigkeit nach dem Maß der Liebe“ ist unser Leitstern, ein Ziel, auf das unser innerer Kompass zeigt. Aber wir sind noch lange nicht da. Wir sind zwar dorthin unterwegs, aber der Weg ist noch weit, und oft genug verirren wir uns.

Und da ist es ein Trost, dass man immer wieder neu anfangen kann, das Misslungene oder Vertrocknete sozusagen unterpflügen kann, damit man neu säen kann, neu düngen und gießen, bis man ernten kann, was man gesät hat: Gerechtigkeit, Liebe, Frieden.

August

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.
1 Joh 4,16 (E)

Wirkliche Liebe und wirkliche Gerechtigkeit kommen von Gott. Gerechtigkeit und Liebe sind heilig. Wer daran fest hält, hält sich an Gott fest.

Natürlich lieben auch Menschen, die nicht an Gott glauben, und auch Atheisten wissen, was gerecht ist. Aber für glaubende Menschen ist beides mit Gott verbunden, weil er uns vor allem anderen ein Beispiel für Liebe und Gerechtigkeit ist. Vielleicht ein Beispiel, das uns immer wieder überfordert.

Gottes Liebe ist bedingungslos und gilt, trotz allem, was Menschen tun oder lassen. Man kann sie sich nicht verdienen, aber sie kann auch durch nichts, was wir tun, verdunkelt oder gelöscht werden. Und genau so ist es auch mit der Gerechtigkeit Gottes. Er steht nicht mit dem Tabletcomputer hinter uns und notiert jeden Fehler, den wir machen, sondern er vergibt uns unsere Schuld und schenkt uns Gerechtigkeit, indem er unsere Sünden löscht und dann die gelöschten Dateien mit Liebe und Barmherzigkeit überschreibt.

Und dann sagt er: „Fang noch einmal neu an. Pflüge ein Neues! Säe Gerechtigkeit nach dem Maß der Liebe! Streue Samen aus, die zu den Früchten heranwachsen, nach denen du dich sehnst. Und ich, Gott, will Regen und Sonne dazugeben zur rechten Zeit.

Urlaubslektüre

Michel Faber: Das Buch der seltsamen neuen Dinge
Verlag Kein und Aber, Zürich – Berlin, 1. Aufl. 2018

Wie er es geschafft hat, den seltsamen Eignungstest zu bestehen, wird ihm für immer ein Rätsel bleiben. Und warum die ziemlich undurchschaubare Organisation USIC ausgerechnet einen Pfarrer auf die Reise zu einem Trillionen Kilometer weit entfernten Himmelskörper schickt, wird Peter Leigh auch erst nach langer Zeit erkennen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner der wissenschaftlich-technischen Kolonie auf dem Planeten Oasis sind jedenfalls nicht die wichtigste Zielgruppe seiner missionarischen Bemühungen. Es sind die nichtmenschlichen Bewohner des Planeten, die „Freaks“ von „Freaktown“, die um seine Dienste gebeten haben. Und voller Erstaunen erkennt Peter Leigh, dass er nicht der erste Mensch ist, der das Wort von Jesus und die Bibel, das „Buch der seltsamen neuen Dinge“, nach Oasis bringt.

Das Leben auf dem fremden Planeten fordert dem jungen Pfarrer viel ab; die schwüle Hitze, der seltsame Regen, die karge Landschaft stellen seine Ausdauer auf eine harte Probe. Doch am härtesten ist für ihn die Trennung von seiner Frau, der er nur unregelmäßig Briefe schreiben kann. Er wäre nicht der erste Mensch von der Erde, den das einsame Leben auf Oasis um den Verstand gebracht hätte. Aber die einheimischen Bewohner zeigen sich sehr viel leichter zugänglich, als Peter Leigh zuerst befürchtet hatte.

Während Pfarrer Leigh sich zunehmend begeistert in seine Arbeit stürzt, schreibt seine Frau immer beunruhigendere Briefe aus der Heimat. Eine Katastrophe folgt der anderen, und plötzlich steht alles in Frage, was das Ehepaar bisher zusammen gehalten hat: der Glaube an ein Wiedersehen, die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, sogar das Vertrauen auf Gott.

Es ist nicht leicht, den Roman von Michel Faber einzuordnen: es ist kein science fiction und kein Zukunftsroman, keine Liebesgeschichte und kein Thriller, kein Krimi und keine Erzählung über die Soziologie der Außerirdischen – und doch von alledem ein bisschen. Immer wieder werden neue, interessante Fragen aufgeworfen, immer wieder nimmt die Geschichte überraschende Wendungen. Dabei gelingt es Michel Faber, einen großen zusammenhängenden Spannungsbogen aufzubauen, so dass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen. Dies ist ein Buch, über das man noch lange nachdenkt, wenn die letzte Seite gelesen ist.