Zitronenlimonade

Manchmal wirft einen ein einziger Schluck um Jahrzehnte zurück…

Gerade habe ich ein Glas Zitronenlimo aus dem Kühlschrank in der Küche geholt, und nachdem ich zum ersten Mal daran genippt habe, erinnere ich mich lebhaft an ein Sommerferienlager vor fünfundvierzig Jahren…

Der Berliner Senat organisierte schon damals unter dem Namen „Kinder in Luft und Sonne“ Ferienlager in „Westdeutschland“, um die Eltern von kinderreichen Familien zu entlasten. Ich habe noch eine Schwester und einen Bruder, wir waren also zu dritt im Kinderzimmer und hatten damals schon den „Karnickelpass“; wir durften darum auf diese Reisen mitfahren.

In Grebenhain am Vogelsberg gibt es ein Zeltlager, in dem über hundert Kinder untergebracht werden können. Die Gruppe wird auf große „Armeezelte“ verteilt, große weiße Zelte aus festem Leinentuch, immer zehn Kinder pro Zelt und dazu eine Betreuerin oder ein Betreuer. Luftmatratzen, Schlafsäcke, Handtücher und alles, was man so zehn Tage lang zum Anziehen braucht, musste man mitbringen. Außerdem waren fünf Mark Taschengeld pro Tag erlaubt.

Vor fünfundvierzig Jahren konnte man allerdings für fünf Mark schon ordentlich Party machen, Schokolade, Chips und Cola gab es reichlich in unserem Zelt. Jedes Zelt hatte übrigens einen Namen. Weil in dem Zelt, in dem ich wohnte, niemand geraucht hat, haben wir uns die „Nichtraucher“ genannt; wir waren tatsächlich stolz darauf, dass bei es uns nicht nach Tabak roch. Dafür fielen die gebrauchten Socken um so deutlicher auf. Das hatte den Vorteil, dass die Mädchen nicht zu uns ins Zelt kamen. Mit denen wollten wir Zwölfjährigen nämlich damals noch nichts zu tun haben.

Und wir haben reichlich Zitronenlimo getrunken, eine besondere Sorte mit Zitronen und Limetten, die es damals nur da unten im Vogelsberggebiet gab. Dieser Geschmack hat mich heute an all das erinnert.

Der Tagesablauf war ziemlich streng geregelt, und wir mussten auch fleißig mithelfen, damit alles funktioniert – Tischdecken und Abräumdienst im Speisesaal, Abwaschen und Schnippeln in der Küche, Müllsammeln auf dem Campingplatz und Reinigung des Swimmingpools; das waren so die Aufgaben, die von uns Teilnehmern erledigt wurden. Ausserdem gab es noch freiwillige Gruppen, zum Beispiel eine Lagerzeitungsredaktion, Lagerradio und natürlich die Vorbereitungsgruppe für die Feten, die immer mittwochs und samstags stattfanden.

Um halb acht wurden wir mit einem Viertelstündigen Programm des Lagerradios geweckt, dann war Zeit zum Duschen und Anziehen, Frühstück gab’s um halb neun. Am Vormittag gab es Bastelgruppen, Fotogruppe und so weiter; die Arbeitsgruppen trafen sich und es wurde alles mögliche organisiert. Die Betreuerinnen und Betreuer glaubten ganz im Geist der siebziger Jahre an die Selbstverwaltung der Kinder.

Mittagessen gab es um halb eins, danach war Pause bis drei. Da konnte man schlafen, lesen, spielen oder in der Sonne dösen. Meistens war auch der Pool geöffnet, und wir konnten schwimme, plantschen, uns gegenseitig bespritzen oder Wasserball spielen… Und am Nachmittag gab es Wettbewerbe im Schwimmen, im Federball oder Tennis, es gab Geländespiele oder Schnitzeljagden…

Nach dem Abendessen war Zeit für die Feten, oder das Lagerfeuer wurde angezündet und es gab Stockbrot und Würstchen am Stiel. Zweimal haben wir auch eine Nachtwanderung gemacht, durch das „Muna-Gebiet“, in dem angeblich noch Munition aus dem zweiten Weltkrieg zu finden war. Und in dem der „Glatzkopf“ sein Unwesen trieb, ein Verbrecher, der nachts kleine Kinder entführte und dann von den Eltern Lösegeld forderte. Obwohl wir alle wussten, dass das nicht stimmen konnte, sind wir ziemlich aufgeregt und mit klopfenden Herzen durch den Wald geschlichen, und einmal haben wir einen harmlosen alten Mann, der spät aus der Kneipe kam, auf seinem Weg ziemlich erschreckt, indem wir tuschelnd und wispernd im Wald verschwanden und unsichtbar um ihn herum waren. Bestimmt hat er sich auch ganz ordentlich gegruselt in dieser Nacht.

…dann gibt’s morgen gutes Wetter!

„Wenn Du artig deinen Teller leer isst, gibt es morgen gutes Wetter!“ Mit dieser Behauptung hat mich früher schon meine Oma verwirrt. Welche geheimnisvolle Macht verbindet denn meine Essensreste oder meinen leeren Teller mit dem Wetter von morgen? Und was würde wohl passieren, wenn ich zwar brav alles aufesse, meine Schwester aber nicht? Würde sie dann ihre ganz eigene private kleine Wolke bekommen, die ihr am nächsten Tag die gute Laune verhagelt?

Inzwischen hat es sich aber wohl herumgesprochen, dass dieser Aberglaube auf einem Missverständnis beruht. Im Plattdeutschen sagt man wohl: „Wenn du dien Teller leer ittst, dann gifft dat morn goods wedder.“ – Das hat aber nichts mit dem Wetter zu tun, sondern es heißt: „dann gibt es morgen wieder etwas Gutes.“

Wenn alles aufgegessen ist, wird am nächsten Tag wieder gekocht und es gibt etwas Leckeres und Frisches – wenn man Reste übrig lässt, gibt’s morgen nur Aufgewärmtes…

An dies alles musste ich letzte Woche bei der Predigtvorbereitung denken.

Das Evangelium des Sonntags war die Geschichte von der „Speisung der Fünftausend“. Ungefähr so viele Menschen waren aus den umliegenden Dörfern und Städten zu Jesus an den Rand der Wüste gekommen, um seine Reden zu hören und vielleicht ein Wunder zu sehen. Den ganzen Tag lang hörten sie ihm zu. Als es spät wurde und die Sonne unterging, fragte Jesus seine Jünger, wie und wo man denn nun etwas zu Essen für alle diese Leute beschaffen könnte. Am Rand der Wüste so kurzfristig eine solche Menge an Lebensmitteln zu besorgen, das war damals unmöglich, zumindest astronomisch teuer. „Gebt ihr ihnen zu essen!“ sagte Jesus zu seinen Jüngern, „Lasst euch etwas einfallen!“

Aber dann war da ein Kind, das hatte fünf Brote und zwei Fische, und es war bereit, zu teilen. Jesus ließ die Leute auf einer Wiese lagern, eingeteilt in Gruppen zu fünfzig oder hundert Menschen. Dann segnete er das Brot und die Fische und gab sie seinen Jüngern, und sie verteilten sie, und es geschah das Wunder – nicht nur, dass es für alle reichte, sondern dass noch zwölf Körbe voll übrig blieben; mehr, als sie am Anfang gehabt hatten.

Sie haben nicht alles aufgegessen, damals. Zwölf Körbe voll Brot blieben übrig. Wie das Wetter am nächsten Tag war, steht leider nicht in der Bibel.

Eine ganz ähnliche Geschichte erzählten schon die alten Hebräer. Auch diese Geschichte hat ihren Weg in die Bibel gefunden. Sie erzählt, dass Moses, der das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten hinaus in die Wüste führte, auch plötzlich ohne Lebensmittel dastand. Die Leute murrten und jammerten, sehnten sich sogar zurück nach Ägypten. „Damals hatten wir wenigstens genug zu essen, damals hungerte niemand. Hier in der Wüste werden wir alle zugrunde gehen.“

Und dann geschah das Wunder: Am Morgen lag es auf dem Wüstensand, wie Tautropfen, das Brot vom Himmel, das Manna. Die Israeliten sammelten es ein, es schmeckte süß wie Kuchen, und bei jeder Familie reichte es genau für einen Tag. Reste aufzuheben war sinnlos. Am nächsten Tag war es in den Krügen verdorben, aber sie konnten es neu in der Wüste sammeln. Jeden Tag wieder erlebten sie, dass Gott sie versorgt. Der Gott, der mitgeht, ist auch der Gott, der sie ernährt.

Auch Jesus zeigte seinen Jüngern und den fünftausend Hörerinnen und Hörern seiner Predigt, dass sie sich auf Gott verlassen können. „Sorgt euch nicht, was ihr essen werdet: Seht die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, und euer Vater im Himmel ernährt sie doch.“

Das gemeinsames Mahl war eines der wichtigen Elemente im Leben der ersten christlichen Gemeinden. Sie feierten nicht nur das Abendmahl mit Brot und Wein, sondern trafen sich zu einer Agape-Feier, zu einem Fest der Nächstenliebe. Jede und jeder brachte etwas mit, es wurde geteilt und es reichte für alle. Jede und jeder bekam so viel, wie er brauchte; und es war genug da für alle.

Von seiner Speise etwas abzugeben, wird so zu einem Beweis, zu einem Bekenntnis des Glaubens. Wer etwas von dem abgibt, was ihn am Leben erhält, der zeigt seinen Glauben daran, dass Gott ihm auch morgen wieder das gibt, was nötig ist.

Abgeben und Teilen gehört zum Leben der Christen, gehört zum Kirche-Sein dazu. Darum sammeln wir in jedem Gottesdienst eine Kollekte. Sie ist nicht nur tätige Nächstenliebe, sie ist auch ein Bekenntnis des Glaubens. Gott, der uns heute ernährt, wird uns auch morgen wieder genug geben – selbst, wenn wir teilen.

Es gibt genug Lebensmittel für alle auf der Welt. Niemand müsste hungern, wenn nicht viele Menschen in unersättlicher Gier die Schöpfung missbrauchten. Ich habe noch viel zu lernen in diesem Gebiet, das weiß ich. Umweltschutz und Nachhaltigkeit gehört auf der Liste der Dinge, die Kirche und ihre Gemeinden tun sollten, ganz oben hin.

Dieser Gottesdienst, diese Predigt, die uns erinnert an all das, was Gott uns schenkt, könnte ein Anlaß zu neuem Nachdenken sein. Denn Sammeln, Horten, Reichtümer anhäufen – das bringt letztlich nicht viel. Wir werden am Ende ebenso wie die Jünger Jesu, ebenso wie die alten Israeliten auf dem Weg durch die Wüste, jeden Tag wieder neu auf die Hilfe Gottes vertrauen müssen – denn er ist es, der uns gibt, was zum Leben reicht. Wenn wir aufgegessen haben, gibt er uns morgen wieder etwas Gutes.

Hunderttausend!

Letzte Woche war es soweit: Mit meinem kleinen roten Flitzer bin ich hunderttausend Kilometer gefahren. Zweieinhalb Mal um die Erde herum! Ich hab ungefähr zwölf Jahre dazu gebraucht.

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Viele Leute entwickeln ja eine starke emotionale Bindung zu ihrem Auto. Das ist bei mir nicht so. Der kleine Flitzer hat nicht einmal einen Namen. Aber ich erinnere mich gern an die Dinge, die wir zusammen erlebt haben.

An Reisen in den Schwarzwald. An Urlaubstage an der Nordsee. Zu Hochzeiten und Trauerfeiern überall in der Stadt. Manchmal einfach nur weg. Umwege und Abstecher. Kleine Fluchten aus dem Alltag. Ich erinnere mich an den Umzug von Schöneberg nach Lichtenrade. Man glaubt gar nicht, wie viel Zeug in so ein kleines Auto reinpasst.

Ich denke an dieses wunderbare Gefühl, das ich hatte, als ich vor drei Jahren zum ersten Mal damit in meine acht neuen Gemeinden am Flughafen gefahren bin.

Seitdem waren wir fast jeden Monat mehr als tausend Kilometer gemeinsam unterwegs. Und der Motor lief fast immer zuverlässig und treu. Nur einmal gab’s Probleme mit dem Auto, da hatte ich vergessen, das Licht auszumachen und die Batterie war leer. Das war nicht seine Schuld, oder?

Einen Unfall haben wir gemeinsam überstanden, ein paar Dellen hat das Auto, und irgendein Sepp meinte, mit einem Schlüssel einen langen Kratzer über die ganze rechte Seite machen zu müssen. Das hat uns aber ganz kalt gelassen, mich und das Auto.

Ich hoffe sehr, dass ich ihn im Herbst noch einmal durch den TÜV bekommen werde.

Im Zeichen des Kreuzes…

In Bayern muss nach einem Beschluss des Landeskabinetts ab Juni in jeder Behörde ein Kreuz hängen. „Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes im Freistaat ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns deutlich wahrnehmbar ein Kreuz als sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland anzubringen.“

Dieser Beschluss der bairischen Landesregierung hat in den Medien europaweit für beträchtlichen Wirbel gesorgt. Wahrscheinlich hat dieser Akt von Symbolpolitik und populistischer Provokation auch genau das beabsichtigt. Der CSU ist es so gelungen, über Wochen in den Medien präsent zu sein.

Das Kreuz steht aber keineswegs für die Grundwerte der bairischen oder deutschen Rechts- und Gesellschaftsordnung. Es hat eine lange Geschichte im Raum der christlichen Kirche und hat in ihr im Lauf von fast zweitausend Jahren ganz unterschiedliche symbolische Bedeutung erlangt.

Zur Zeit Jesu stand das Kreuz als Symbol der Unterdrückung der römischen Besatzungsmacht über entlaufene Sklaven, Piraten und Räuber, Staatsfeinde und Hochverräter, die sich gegen die Herrschaft des Kaisers stellten; der Tod dieser Verbrecher am Kreuz stellte für ihre Bundesgenossen und Mittäter eine wirksame Abschreckung dar. In allen römischen Provinzen, vor allem aber in Israel, war die Kreuzigung die ultimative Methode, solche Personen zu foltern und hinzurichten. Die zum Tod durch die Kreuzigung verurteilten mussten in der Regel den Querbalken des Kreuzes selbst zur Hinrichtungsstätte tragen und wurden dann daran festgebunden, manchmal auch daran festgenagelt. Über Stunden und Tage hinweg litten die so Gequälten, bis sie sich am Ende nicht mehr aufrecht halten konnten und dann erstickten.

Die christliche Kirche verwendete in ihren Versammlungsräumen und Kirchen in den ersten zwei Jahrhunderten nicht das Kreuzzeichen als Symbol, sondern den Fisch als Glaubensbekenntnis (Jesus Christus ist der Sohn Gottes. Er ist der Erlöser.) oder nach römischen Vorbildern den Hirten, der ein Lamm trägt. Oft gab es auch nur Blumenmuster und geometrische Verzierungen an den Altären und Taufbecken.

Der Apostel Paulus beschrieb die Kreuzigung Christi als grundlegendes Ereignis der Geschichte Gottes mit den Menschen – im Gegensatz zu den Evangelisten und anderen christlichen Theologen konnte er behaupten: „Ich kenne Christus, aber nur als den Gekreuzigten.“ In seinem Tod am Kreuz kam die Mission des Sohnes Gottes zu ihrer eigentlichen Erfüllung, denn die Glaubenden werden durch ihren Glauben mit hinein genommen in das Sterben, den Tod und die Auferstehung zu einem neuen, geistlichen Leben. Die paulinische Theologie des Kreuzes kulminiert in dem Satz: „Das Kreuz ist für die Juden ein Skandal und für die Griechen ein Zeichen der Vernunftlosigkeit und der Dummheit; für uns Christen aber ist es Leben und Erlösung und die Verwirklichung der göttlichen Kraft.“

Von dem römischen Kaiser Konstantin wird erzählt, dass er als erstes das Kreuz als Siegeszeichen und als Zeichen für die Macht Christi ansah. Er ließ seine Soldaten in der Schlacht gegen Maxentius am 28. Oktober 312 das Kreuz als Feldzeichen, nachdem er selbst es am Himmel gesehen hatte und dazu eine Stimme zu hören glaubte, die ihm versprach „In diesem Zeichen wirst du siegen!“

Erst im vierten Jahrhundert erscheint dann das Kreuz in verschiedenen Variationen auf Münzen, Waffen, Schilden, Feldzeichen und zuletzt auch in den christlichem Kirchen.

Mut zu neuen Wegen…

Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen sehr an ihrer Vergangenheit hängen. Sie orientieren sich an Bekanntem und haben Angst vor jeder Veränderung. Was sie schon kennen, was ihnen vertraut ist, das lieben sie. Es gibt ihnen Sicherheit. Es hilft ihnen, sich wohl zu fühlen. Das Vertraute, so glauben sie, gibt ihnen den lebendigen Boden, in dem sie verwurzelt sind, den geschützten Raum, in dem sie ihre Lebensgeschichte ausbreiten konnten, die offene Freiheit, in der Traditionen und liebe Gewohnheiten sich entfalten und wachsen können.

Aber diese Liebe zu ihrer Vergangenheit engt sie auch ein. Sie fürchten sich, einmal einen neuen Weg zu gehen, eine unbekannte Tür zu öffnen, sich auf Menschen ein zu lassen, die sie nicht schon lange kennen. Sie haben Angst, ihre „Wohlfühlzone“ zu verlassen und ein Risiko einzugehen, weil sie nicht wissen können, wie sehr ein solches Abenteuer sie verändern könnte, welche Auswirkungen es auf ihr Leben haben könnte.

Tatsächlich habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass aus dem traditionellen, fest gegründeten Glauben unserer Mütter und Väter die Kraft kommt, die Menschen brauchen, um in diesem Leben bestehen zu können.

Wo nichts mehr sicher zu sein scheint, ist es gut, sich an Wahrheiten zu binden, die nicht nur vom Verstand, von der Einsicht und von der Übereinkunft der jetzt lebenden Menschen allein abhängen, sondern die durch viele Generationen überprüft und bestätigt sind.

Es waren unsere Vorfahren, die gesungen und gebetet haben: „Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.“ – „Gott ist mein Helfer. / Ich fürchte mich nicht. / Was können mir Menschen tun?“

Wer solche Lieder singen kann, wer in solche Glaubensbekenntnisse mit einstimmen kann, der wird von einem Glauben getragen, der größer ist als ein einzelnes Herz.

Das Volk Israel, von dem wir in den Büchern des Mose lesen, hat sich aufgemacht und ist durch die Wüste gezogen. Sie waren als „wanderndes Gottesvolk“ das Urbild der glaubenden Gemeinschaften zu allen Zeiten: Nicht in einem fest gegründeten Haus ist Gott zu finden, sondern in einem leichten Zelt, das bald hier und bald dort stehen kann, wie es dem Willen, ja sogar der Natur Gottes entspricht. Denn er ist der Gott, der unterwegs ist, der Gott, der mit geht; so hat er sich dem Mose am „brennenden Dornbusch“ gezeigt.

Die Möglichkeiten, ja, die Notwendigkeit der Entwicklung haben die „Gründerväter“ der Kirche mit in ihre Wiege gelegt: Die Kirche muss sich immer verändern, sie ist immer eine, die reformiert werden muss. Denn Gott bleibt nicht stehen, und die Situation der Menschen verändert sich stetig.

Das Neue ist nicht immer automatisch das Bessere, das ist wohl wahr; aber eine Kirche, die gewissermaßen eingefroren ist, die nicht mehr beweglich ist, wäre – sollte es so etwas überhaupt geben – wäre unfähig, ihren Auftrag zu erfüllen; sie würde in kurzer Zeit sowohl Gott als auch die Menschen aus dem Blick verlieren und sich in bloßer – sinnloser – Rechtgläubigkeit erschöpfen.

„Wenn die Kirche aber nicht mehr dient, dient sie zu nichts…“ hat einer ihrer klugen Denker einmal gesagt, und das ist wahr. Beten und arbeiten gehört zusammen, orare und laborare, und wenn eines von diesen Beiden fehlt, gerät das Volk Gottes vom Weg ab.

Kirche muss Kirche bleiben; das heißt: Sie muss auf der einen Seite in Gott
verwurzelt sein, denn aus dem Glauben an ihn zieht sie Saft und Kraft; aber sie muss sich den Menschen zuwenden, denn ohne den Kontakt zu den Einzelnen als auch in die Gesellschaft hinein bleibt sie wirkungslos und macht sich zuletzt überflüssig.

Wir wollen den ererbten, vertrauensvollen Glauben unserer Eltern in diesen Tagen neu mit Inhalt füllen und daraus leben, ihn so als einen vorbildhaften Lebensstil an eine kommende Generation weiter geben.

Wir verstehen das im Sinne von „fit werden für eine veränderte Zeit“. Es ist wichtig, sich glaubend den Herausforderungen der Zukunft zu stellen, damit der Glaube wirksam und lebendig bleibt.

Auf das Vertrauen auf Gott, auf die Möglichkeit eines Lebens ohne Angst kommt es mir an. Diese Freiheit kann kein Mensch sich selbst schaffen.

Wo der Mensch nur seine Speicher mit Weizen füllt und seine Konten mit Geld, seine Festplatten mit Daten und seine Archive mit den Beweisen vergangener Herrlichkeit, da geht Freiheit im Gegenteil auf Dauer zugrunde. An einem Tag wird er noch sagen: „Jetzt hast du vorgesorgt für viele Jahre, iß und trink und lass es dir gut gehen!“, doch schon am nächsten Tag kann ihm alles unter den Fingern zerrinnen. „Heute noch wird man deine Seele von dir fordern“, heißt es im Gleichnis, „wem wird dann nützen, was du aufgehäuft hast?“

Gott selbst ist es aber, der ein neues Herz und einen neuen Geist in die Menschen legt, die an ihn glauben. Zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Karfreitag und Ostern, zwischen Zeit und Ewigkeit spannt er die Brücke, auf der wir leben.

Taufen? Wieso eigentlich nicht?

Der Predigttext von vergangenen Sonntag hat mich sehr nachdenklich gemacht, und viele Ideen habe ich in meiner Predigt nicht unterbringen können. Darum will ich für Euch hier ein bisschen davon schreiben.

Es ging um die Begegnung des äthiopischen „Kämmerers“ der Königin Kandake mit dem Apostel Philippus (Apostelgeschichte 8). Was Luther etwas verschämt mit „Kämmerer“ übersetzt und in manchen Bibeln auch „Schatzmeister“ heißt, bedeutet eigentlich „Haremswächter“. „Er stand ihrem ganzen Hause vor“ heißt es in der Apostelgeschichte, und das bedeute wohl, dass er der „Chef“, der Sklavinnen, Dienerinnen und Hofdamen der Königin war. Er war also ein Eunuch, und genau das steht auch im griechischen Urtext des Neuen Testaments.

Ein Eunuch zu sein, also künstlich unfruchtbar gemacht zu werden, bedeutete damals zweierlei – erstens standen Eunuchen bestimmte „Berufssparten“ offen, die sonst niemand ausüben durfte – zum Beispiel eben Haremswächter, aber auch bestimmte Posten in der Regierung, in der Priesterschaft und bei den Soldaten waren Eunuchen vorbehalten. Trotzdem standen sie nicht unbedingt hoch in der allgemeinen gesellschaftlichen  Achtung, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. (Das kann man alles bei Wikipädia nachlesen; für mich ist das Online-Lexikon inzwischen ein wichtiges Hilfsmittel bei der Predigtvorbereitung geworden…)

Warum dieser Äthiopier nach Israel kam, warum er den Tempel in Jerusalem besuchen wollte, steht nicht in der Bibel. Vielleicht war er Jude und wollte einmal das Land seiner Väter besuchen; vielleicht hatte er von dem Gott der Juden gehört und war neugierig geworden, keine Ahnung. Als „Verschnittener“, also unfruchtbar gemachter Mann durfte er aber den Tempel nicht betreten. Schon vor dem ersten „Vorhof der Heiden“ wird man ihn aufgehalten haben: „Du darfst hier nicht hinein!“

Diese kleine Erzählung aus der Apostelgeschichte handelt von Grenzen. Der Äthiopier kannte sich mit Grenzen aus. Als oberer Wächter des Harems war es sein Beruf, dafür zu sorgen, dass Grenzen eingehalten werden. Um das Harem zu schützen, musste auf das Genaueste unterschieden werden zwischen denen, die draußen zu bleiben hatten und denen, die Zutritt in die inneren Gemächer hatten. „Du darfst hier nicht hinein!“ – diesen Satz hatte er bestimmt selbst schon unzählige Male gesagt und damit Hoffnungen enttäuscht und in das Leben anderer Menschen eingegriffen.

Nun traf es ihn selbst. Wieder einmal. Trotz seiner hohen Stellung hatte er sicher schon oft erlebt, dass er „anders“ war und bei seinen Mitmenschen auf Vorurteile, Missachtung und Ablehnung gestossen war. Ich weiß nichts über die Sexualität kastrierter Menschen, aber ich vermute, dass auch sie Sehnsucht, Leidenschaft und Begierde kennen, ganz abgesehen von dem Wunsch, selbst auch begehrt, anerkannt und geliebt zu werden. Aber immer stand da vor ihm, dass da vor ihm eben nichts mehr war…

In Jerusalem kaufte der Eunuch sich eine Schriftrolle mit den Worten des Propheten Jesaja. Wenigstens eine Erinnerung an diese scheinbar fruchtlose Reise wollte er mit sich nach Hause nehmen, ein Andenken an die ferne Stadt, das ihn hineinschnuppern ließ in die ihm so fremde Religion und in diesen Glauben an den unsichtbaren Gott, so schrecklich und so faszinierend…

Und dann machte er sich wieder auf den Weg nach Hause, auf einem Reisewagen, der über die staubige, leere Straße durch die Wüste im Süden Israels rumpelte. Dort las er die verwirrenden Worte, die der Prophet Jesaja vor einem halben Jahrtausend aufgeschrieben hatte.

Was ist das für ein Gott, der die Entfernung zu den Menschen, zu seinen Geschöpfen aufhebt und sich ihnen gleich macht, der aber dennoch ihr Leiden nicht verhindert? Was ist das für ein Glaube, der die Nähe Gottes sucht, obwohl er dem Menschen gegenüber anscheinend so feindlich eingestellt ist? Welcher Prophet gibt sich her als Sprachrohr Gottes und schreibt dann „Er ist wie ein Schaf, das geschlachtet wird, und tut dabei seinen Mund nicht auf und stößt keinen Laut der Klage aus…“?

„Verstehst Du denn, was Du da liest?“ Ein Fremder spricht den Äthiopier an, der nach der damaligen Gewohnheit die Worte des Propheten laut für sich vorgelesen hat. „Begreifst Du nur ein einziges Wort davon?“ – „Wie könnte ich!“ antwortet der Reisende, „es erklärt mir ja niemand etwas! Ich weiß nicht einmal, ob der Prophet hier von sich selbst spricht oder ob er jemanden anders meint.“

Da setzt sich der fremde Jude, Philippus heißt er, zu ihm auf den klapperigen Wagen. Keine Spur von Berührungsangst, kein zögernder Blick und auch nicht dieses schlecht verborgene Lächeln sieht der Äthiopier an seinem Gast. Es ist, als ob es hier keine Grenze gibt – ganz selbstverständlich fängt der Fremde an zu reden, von Jesus, von dem manche glauben, er sei der Messias, der König der letzten Zeit. Zuerst haben viele gehofft, in ihm würden sich die alten Prophezeihungen erfüllen, aber dann wurde er hingerichtet und starb am Kreuz. Um der Liebe Gottes Willen hat er das Leid der Menschen und den Tod auf sich genommen. Er war ein Aussenseiter und wurde wie ein Verbrecher getötet. Aber in Jerusalem gab es seit einigen Wochen Leute, die behaupten, er sei von den Toten auferstanden.

Philippus spricht von der Liebe Gottes, die grenzenlos ist, die keinen Unterschied macht zwischen Ausländern und Juden, zwischen Sklaven und Freien, Reichen und Armen, Männern und Frauen, bei dem sicher auch Unfruchtbare und unfruchtbar Gemachte zugelassen sind, denn worauf es ankommt, ist Vertrauen auf die Liebe Gottes. Vertrauen, dass die Freiheit nicht wieder einengt, Liebe, die auch das Fremde nicht hasst; ein Glaube, der nicht den Gott eines einzigen Volkes anbetet, sondern der die Grenzen sprengt und nicht unrein nennt, was Gott geheiligt hat.

Und während sie so reden, entdeckt der Äthiopier eine kleine Oase am Rand des Weges, ein paar Palmen, ein paar ärmliche Hütten, ein paar Esel und Kamele, die um einen kleinen Brunnen herum stehen und gierig trinken.

„Da ist Wasser. Spricht denn irgendetwas dagegen, dass ich mich taufen lasse?“

Philippus versteht die Frage des Äthiopiers. Sie ist wie ein Test: „Meinst Du das ernst, was Du da geredet hast? Gibt es wirklich keine Grenzen bei euch Jüngern des Jesus? Oder wirst Du jetzt die Mauern wieder aufrichten, die ich in Jeruselem um mich spürte?“

Was spricht dagegen, dass ich getauft werde?

Ich muss kurz aus dieser Geschichte heraus springen, denn mir kommen hier zwei aktuelle Streitfragen in den Sinn:

In den letzten Jahren wollten sich in manchen Berliner Gemeinden viele Ausländerinnen und Ausländer  taufen lassen. Flüchtlinge aus Afghanistan, aus Syrien, aus Eriträa und anderen afrikanischen Staaten. Während manche Pfarrer sie getauft haben, Menschen, die bisher Moslems waren, wurde in anderen christlichen Gemeinden kritisch gefragt: Was, wenn diese sich nur taufen lassen, um eine größere Chance zu haben, nicht abgeschoben zu werden? Weil sie so hoffen können, nicht zurück zu müssen in ein Land, in dem sie arm sind und hungern müssen, in dem sie der Willkür der Obrigkeit ausgeliefert sind, in dem sie aus politischen Gründen oder auch „einfach“ so verfolgt, gequält und misshandelt werden? Und nun wahrscheinlich auch noch aus religiösen Gründen, weil sie sich öffentlich zum Christentum bekannt haben?

Was, wenn diese nicht wirklich glauben, sondern aus völlig „sachfremden“ Gründen die Taufe begehren? Müsste man diesen Menschen nicht die Taufe verweigern, schon aus Respekt und Achtung dem eigenen Sakrament und Ritus gegenüber?

Man kann doch die Taufe und auch das Abendmahl nicht billig verschleudern und es einfach an jede und jeden weitergeben, ohne zu fragen: „Glaubst Du? Widersagst Du dem Irrglauben? Willst Du Dich zur Gemeinde halten?“

Andererseits werden fast überall in der Kirche auch andere Menschen aus anderen „sachfremden“ Gründen getauft, zum Beispiel, weil sie gern als Pflegerin oder Pfleger, als Erzieherin oder Erzieher arbeiten wollen und darum Mitglied der Kirche sein müssen. So manch Bewerber sagt dann: Okay, wenn die Kirchenmitgliedschaft eine Einstellungsvoraussetzung ist, dann lasse ich mich eben taufen…“ Und manchmal sagt er dazu „… in Gottes Namen.“

Gerade letzte Woche geisterte es durch das Internet, dass ein Priester einem Kind die Taufe nicht spenden wollte, weil die Personen, die ihn erziehen, zwei lesbische Frauen sind. Wie können solche Menschen einem Kind der kirchlichen Regel entsprechend den christlichen Glauben weiter geben? Ist es nicht richtig, ja geradezu nötig, im Zusammenhang mit der Taufe nach moralischen Grundregeln zu fragen und Menschen, die „in Sünde leben“ vom heiligen Sakrament auszuschließen?

Wer solche Fragen stellt, versteht die Frage des Äthiopiers als eine Frage nach Grenzen, nach verschlossenen Türen, nach Gründen, etwas Lebensnotwendiges zu verweigern. Wer solche Fragen stellt, macht sich in gewisser Weise zum „Haremswächter“, indem er das Innere Heiligtum der Christenheit zu bewahren versucht.

Und gerade, indem er es so begrenzt und einschließt, vernichtet er es. Das ist meine feste Überzeugung. Ein lebendiger Organismus braucht eine Grenze, ja. Er braucht eine Hülle, eine Haut oder ein Fell, wenigstens eine Membran, die seinen Körper begrenzt, definiert. Jeder Organismus hat eine Grenze nach außen, die klar macht – was innen ist, gehört dazu, was draußen ist, gehört nicht dazu.

Aber diese Grenzen müssen durchlässig sein. Der menschliche Körper atmet durch die Haut, schwitzt durch die Haut, gibt Wärme ab; und gleichzeit nimmt er Wärme und Licht auf durch seine Haut, verbindet sich mit der Umwelt und wird ein Teil davon. Eine Haut, die undurchlässig und dicht wäre, würde in kürzester Zeit nur noch einen toten Körper umhüllen.

Das gilt für Menschen, Tiere und Pflanzen, für alle lebendigen Wesen. Das gilt auch für Dörfer, Städte, Länder und Kommunen, auch für ganze Staaten. Wenn die Grenzen dicht gemacht werden, wenn sich das Leben dem Austausch und dem Kommen und Gehen entzieht, wird es in kurzer Zeit sterben. Und das gilt auch für die Kirche, für den Leib Christi!

Die Taufe ist in gewisser Weise die „Haut“ der Kirche. Schon in der Bibel heißt es: „Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ In alten Kirchen steht das Taufbecken oft am Eingang der Kirche, manchmal sogar in einer eingens für Taufgottesdienste vorgesehenen Seitenkapelle, in einem Baptisterium. So wird sinnenfällig – geradezu symbolisch – erfahrbar: Wer in die Kirche hinein möchte, wird getauft. Wer getauft ist, gehört dazu.

Aber was braucht man nun, um getauft zu werden, um in die Kirche aufgenommen zu werden? Den Glauben. Und sonst nichts. Den Glauben an die Liebe Gottes, der Menschen mit offenen Armen aufnimmt. Dessen Gnade allen menschlichen Leistungen vorangeht und trotz aller Schuld gilt. Das Vertrauen auf Gott, das oft genug nur klein beginnt, zweifelt und wankt, und dennoch reicht, um sich auf den Weg zu machen und ihm zu begegnen, und sei es in der Gestalt eines Philippus.

Wer hier andere Grenzen aufrichtet, verwandelt die durchlässige Haut der Kirche in ein einengendes, erstickendes, unbewegliches Gehäuse, das über die Zeit den Tod bringen wird. Eine solche Kirche vergisst die Liebe Gottes, verweigert sich der Bewegung, die Christus ihnen vorgelebt hat, verschließt sich dem Geist, den Gott über sie und in sie ausgegossen hat.

Den Glauben braucht man. Der Äthiopier spricht nicht einmal ein Glaubensbekenntnis, verpflichtet sich anscheinend zu nichts, bringt keine Paten und keine Taufzeugen mit. Philippus glaubt ihm auch so, dass er es ernst meint mit seiner Frage. „Was hindert es denn, dass ich getauft werde?“

Und so selbstverständlich, wie Philippus auf den Wagen des Ausländers mit der offensichtlich seltsamen Sexualität geklettert ist, so selbstverständlich steigt er nun mit ihm in diesen kleinen offenen Brunnen, aus dem die Tiere trinken und die beiden mit großen Augen ansehen: Ich taufe dich im Namen des Vaters, der Himmel und Erde gemacht hat; und im Namen des Sohnes, der gestorben ist und auferstanden um uns und um alle anderen Sünder zu erretten, und im Namen des Heiligen Geistes, der das Band der Liebe Gottes ist, der alle Grenzen überwindet, alle Wunden heilt, der alle Tränen trocknet und alle Glaubenden zu der einen, heiligen, allumfassenden Kirche des Christus macht.

Und dann hat Philippus seine Aufgabe erfüllt. Er verschwindet geradezu vor den Augen des äthiopischen Ministers, des „Haremswächters“, der nun doch noch in Israel entdecken durfte, wo er Heimat findet, wo er angenommen ist, so wie er eben ist.

Und der zieht seine Straße „fröhlich“.

Was aus ihm geworden ist, wissen wir nicht. In Äthiopien erzählt man sich, dass er als erster Mensch „aus den Völkern“, der also nicht Jude war, und trotzdem getauft wurde, zu hohen Ehren kam und die äthiopisch-orthodoxe Kirche begründete. Mag sein. Es ist eine Heiligenlegende, und wie viele dieser Geschichten hat sie vermutlich einen wahren Kern.

Die äthiopisch-orthodoxe Kirche ist jedenfalls die älteste noch existierende christliche Glaubensrichtung, die es weltweit gibt. Ihre dokumentierte Geschichte geht bis in das erste Jahrhundert nach Christus zurück. Aber auch an ihr gingen die dogmatischen Streitigkeiten der Kirchengeschichte und die politische Wirren zwischen Afrika, Asien und Europa nicht spurlos vorbei. Heute ist die äthiopisch-orthodoxe Kirche innerhalb der Ökumene umstritten, weil sie die ewige Göttlichkeit Christi ablehnt und darum das apostolische Glaubensbekenntnis nicht mitbeten kann.

Auch in der Kirche werden immer wieder Mauern und Grenzen errichtet. Doch gibt es Hoffnung. Immer wieder.

Doch immerhin – wenn es um die Taufe geht, ist sich inzwischen die Christenheit im Wesentlichen einig. Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden.

Leistung oder Charakter?

Worauf kommt’s an?

Heute war in der Evangelischen Schule Großziethen der Gottesdienst zum Ende des Schuljahres 2017-2018. Die Schülerinnen und Schüler der elften Klasse haben diesen Gottesdienst in ihrem Religionsunterricht zusammen mit mit vorbereitet – jede und jeder aus der Klasse hat eine Aufgabe übernommen: Da wurde der Altar geschmückt, eine Powerpoint-Präsentation mit den Liedern und Gebeten gestaltet, Gebete und Ansagen formuliert und ein kleines Theaterstück geprobt. Als Thema haben sich die Schülerinnen und Schüler die oben angegeben Worte gewünscht – Leistung oder Charakter? – worauf kommt’s an?

Nachdem die Lesung von den „Arbeitern im Weinberg“ gelesen wurde, durfte ich meine Predigt halten… An eben diesem Tag, an dem in der Schule die Zeugnisse verteilt werden, über dieses Gleichnis zu sprechen, ist schon irgendwie subversiv. Alle, Lernende wie Lehrende, sind auf das Ergebnis der Mühe und der Arbeit des vergangenen Schuljahres konzentriert, das sich offensichtlich, vorzeigbar und wirkungsvoll in einer Note auf dem Zeugnis manifestiert – und dann stellt sich da ein Pfarrer hin und behauptet, dass es im Leben nicht wirklich um Leistung und meßbaren Erfolg geht. Dass Bildung und Reife nicht darin besteht, in einer Maschinerie, wie sie die Schule, eine Universität, eine Firma oder ein Betrieb – sogar auch die Kirche – darstellt, reibungslos zu funktionieren. Sondern dass es darum geht, zu erkennen, was den Charakter formt und der Gemeinschaft nutzt – dass es darum geht, Engagement, Einfühlungsvermögen, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Dankbarkeit und Nächstenliebe zu erlernen.

Das Anspiel in diesem Gottesdienst zeigte eine Szene zwischen Vater und Sohn: der Sohn gibt dem Vater sein Zeugnis, aber es sind nur schlechte Noten darauf. Der Vater „macht den Sohn rund“, „faltet ihn nach allen Regeln der Kunst zusammen“. Am Ende bleibt der Vorwurf stehen: „Hab ich dich so erzogen? Was soll nur aus Dir werden? Du bist und bleibst ein Versager!“

Die Schülerinnen und Schüler sagten mir im Gottesdienst: „Nein, unsere Eltern sind nicht so.“ Auch die Lehrerinnen und Lehrer in der Evangelischen Schule sind nicht so, aber es sind die Schülerinnen und Schüler selbst, die hart mit sich ins Gericht gehen und sich harte Vorwürfe machen, wenn der Notendurchschnitt hinter ihren eigenen Erwartungen zurück bleibt. Und wenn sie sich selbst sagen „Du hast versagt, du kannst das nicht, du wirst es nie schaffen…“ – dann geben sie nur zu schnell auf.

An dieser Stelle war es Zeit, die wundervolle Erfahrung von Serap Yildirim in die Predigt einzubauen (sie hat es mir erlaubt!) und davon zu erzählen, dass man sich auch eine schlechte Note erst einmal verdienen muss. Einfach nur aufzugeben kann im Leben keine Option sein. Das sind sich Schülerinnen und Schüler ebenso wie Lehrerinnen und Lehrer sich selbst schuldig!

Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg kann man etwas über die Weisheit Gottes lernen: Der Weinbergsbesitzer gibt am Ende der Geschichte allen Arbeitern den gleichen Lohn – ob sie nun den ganzen Tag gearbeitet haben oder nur die eine Stunde am Abend. Ist das ungerecht? Klar, natürlich ist das ungerecht! Aber es geht nicht darum, dass jeder bekommt, was er verdient hat, sondern dass jeder bekommt, was er braucht und zum Leben nötig hat.

So ist Gott auch: Ungerecht und parteiisch stellt er sich auf die Seite des Menschen, fragt nicht, was jeder getan hat oder nicht getan hat, sondern verschenkt Liebe und Gnade. Er liebt uns vor jeder Leistung und trotz aller Schuld. Darum hängt die Menschenwürde nicht an dam, was auf dem Zeugnis steht, nicht an dem akademischen Grad, den man erreicht hat, nicht an einem Meisterbrief oder einem Kapitänspatent…

Menschenwürde hängt daran, dass man bereit war und bereit ist, sein Bestes zu geben, je nachdem, wozu man fähig ist. Dann braucht man auch kein schlechtes Gewissen haben oder sich Vorwürfe zu machen, wenn unter der Lateinarbeit eine fünf minus steht…

Zu diesen Sätzen – wenn sie auch ein bisschen subversiv gemeint waren und so auch verstanden wurden – konnte am Ende sogar die Schuldirektorin klatschen!

(Noch einmalen vielen Dank Dir, Serap, dass ich Deine Geschichte in der Schule erzählen durfte!)