Wenn alle das Gleiche sagen…

Für mich ist es jeden Sonntag wieder ein bewegender Moment, wenn wir im Gottesdienst gemeinsam das Glaubensbekenntnis sprechen. Zusammen mit allen Christen, sei es in fernen Ländern, sei es in der Nachbargemeinde, zusammen mit unseren Müttern und Vätern im Glauben, und zusammen mit Christen, die schon vor Jahrhunderten wie wir gebetet und gesungen haben, stehen wir vor Gott und bekennen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen… und an Jesus Christus, seinen einzig geborenen Sohn… und an den Heiligen Geist, die heilige, christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen…“

Das Bewusstsein, in dem gemeinsamen Sprechen dieses Bekenntnisses Teil einer Jahrhunderte alten Tradition zu sein, und das Wissen darum, dass ich mich in diesen Worten mit der Christenheit in aller Welt verbinde, sind mir einerseits Ermutigung und Trost – andererseits aber auch eine anspruchsvolle Aufgabe und eine Herausforderung an mein eigenes christliches Leben.

Fast jede Christin und jeder Christ wird sich eigene Gedanken darüber machen, was die überlieferten Sätze denn eigentlich bedeuten; fast alle Gottesdienstbesucher werden sich wieder und wieder fragen, wie die Worte des Glaubensbekenntnisses sich im Rahmen ihres eigenen, ganz persönlichen Glaubensverständnisses mit Sinn füllen lassen. Manche Sätze können sie vielleicht gar nicht mehr mitsprechen und bleiben dann einfach stumm, wenn die Gemeinschaft diese betet. Anderen Gläubigen gelingt es, sich trotz dieser Bedenken einfach vertrauensvoll in den Strom der liturgischen Tradition hinein fallen zu lassen; sie denken, dass sie gar nicht jeden einzelnen Satz verstehen müssen und sich trotzdem einlassen wollen auf das, was schon seit mehr als tausend Jahren in der Kirche geglaubt und bekannt wurde.

Erste christliche Glaubensbekenntnisse finden wir schon in der Bibel selbst; es sind kurze, prägnante Sätze, mit denen die ersten Christen in ihren Gottesdiensten und Versammlungen das ausgesprochen haben, was sie geistlich verbindet: „Jesus ist Herr!“ – „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“

„Mein Herr und mein Gott!“ lässt der Evangelist Johannes den zuerst „ungläubigen“ Jünger Thomas ausrufen, und Matthäus legt das wichtigste Bekenntnis in seinem Evangelienbericht in den Mund eines römischen Soldaten, der unter dem Kreuz ausbricht in den verwunderten Ruf „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“

„Der Herr ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Der österliche Ruf, mit dem wir uns in der fröhlichen, freudigen Zeit nach dem Auferstehungsfest begrüßen, ist ebenfalls ein Glaubensbekenntnis.

Es gibt auch im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt schon weiter entwickelte, mehrgliedrige Bekenntnisse, bei denen man erkennt, dass es Schritte auf einem Weg der christlichen Tradition sind, die letztlich zu den Texten führen, die wir als apostolisches Bekenntnis kennen, zum Beispiel 1. Korinther 15, 3-5 und Philipper 2, 6-11.

In der evangelischen Kirche ist das apostolische Glaubensbekenntnis, das ursprünglich nur ein Taufbekenntnis war, der Standard in der Liturgie des Gemeindegottesdienstes geworden. In der römisch-katholischen Kirche wird in der Regel das Glaubensbekenntnis von Nicäa gebetet, das bei uns nur an hohen Festtagen gesprochen wird, und das auch Johann Sebastian Bach und andere Komponisten vertont haben, wenn sie die Messe musikalisch gestalteten.

In Kinder- und Jugendgottesdiensten werden manchmal auch moderne und zeitgenössische Bekenntnisse vorgelesen und gemeinsam gebetet, die Kinder oder Konfirmanden selbst formuliert haben und die den ganz eigenen Glauben und auch die sehr drängenden Zweifel dieser Altersgruppe zur Sprache bringen können.

Aus Zeiten, in denen die Kirche in ihrer Existenz bedroht war, sind Bekenntnisse überliefert, in denen die Christenheit sich ihrer eigenen Identität versichert und gegen Ideologien abgrenzt, die ihrem Wesenskern fremd sind. Ein Beispiel dafür ist die Barmer Theologische Erklärung, die selten im Gottesdienst rezitiert wird und dennoch ein so wichtiger Bekenntnistext ist, dass er in das Gesangbuch der evangelischen Kirche aufgenommen wurde (EG 810). Gegen die Theologie der Deutschen Christen, die versucht hatten, das Bekenntnis zu Jesus mit dem Bekenntnis zu Adolf Hitler als dem Führer des Volkes zu verbinden, hält diese theologische Erklärung an dem Anspruch fest, dass es für die Kirchen keinen anderen Herren geben kann. Der Inhalt der christlichen Verkündigung und die Gestalt der Kirche darf nicht menschlicher Willkür und dem Wechsel der jeweils herrschenden politischen Überzeugung unterworfen sein.

Mir wird angesichts einer solchen, noch gar nicht so lang vergangenen Bedrohung der Kirche in Deutschland bewusst, dass das, was wir hier im Gottesdienst so beinah selbstverständlich und ohne Angst gemeinsam sprechen dürfen, in anderen Teilen der Welt nur dann gebetet werden kann, wenn die Gemeindeglieder dort bereit sind, ein echtes Wagnis einzugehen. Wo Christen ausgegrenzt, benachteiligt und verfolgt werden, ist ein Bekenntnis zu Jesus Christus gefährlich, denn es macht die, die es mitsprechen, angreifbar. Die religiöse Intoleranz ihrer andersgläubigen Mitbürger, die kompromisslose Doktrin ihres säkularen Staates oder das misstrauische Vorurteil einer gewaltbereiten Gesellschaft wird für sie zu einer Bedrohung für Freiheit, Gesundheit oder Leben. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir unser Taufbekenntnis hier so feierlich gemeinsam beten.

Zu dem Bekenntnis des Glaubens gehört immer auch das Bekenntnis zur Einigkeit und zur Solidarität mit den Glaubensgeschwistern, die gerade wegen dieses Bekenntnisses bedrängt, inhaftiert, gefoltert oder getötet werden.

Letztlich wird das Bekenntnis nur dann glaubhaft, wenn den Worten, die wir im Gottesdienst gemeinsam sprechen, auch Taten folgen, die diesen Glauben in unsren Alltag hinein ins Werk setzen. „Der Glaube ohne Werke ist tot. Erst in den Werken zeigt sich die Kraft des Glaubens.“ heißt es im Jakobusbrief. So ist wohl auch das stärkste Bekenntnis des Glaubens einer Kirchengemeinde ihr Einsatz für die, die ihre Hilfe, ihre liebevolle und einsatzbereite Solidarität und ihre Gebete dringend brauchen.

3 Gedanken zu “Wenn alle das Gleiche sagen…

      • klar hab ich das, aber du lässt außen vor, dass es auch beim Atheismus ums Nachdenken in Form von Hinterfragen, dass alle das Gleiche sagen, geht. Das sollte eine nettgemeinte vielschichtig interpretierbare, damit nachzufragende und zu bedenkende, Kritik sein 😉

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