Der steinerne Fluss…

Ein Ausriss aus meinem Tagebuch:

…weil man da Dinge schreiben kann, die man sonst niemanden erzählt. Die man nicht einmal vor sich selbst zugeben kann.

In der jüdischen Mythologie gibt es eine Geschichte über einen Fluss, der so reißend und so voller Geröll ist, dass niemand ihn überqueren kann. Nur einmal in der Woche, am Sabbat, steht er still. Aber dann muss die Sabbatruhe eingehalten werden und man kann ihn auch an diesem Tag nicht überqueren. Solange man sich an die Regeln hält, kommt man hier nicht weiter.

Darum weiß niemand, was da zu finden ist auf der anderen Seite des Flusses. Es könnten die Glückseligkeiten des Paradieses sein oder die Qualen der Hölle, die Erfüllung aller Wünsche oder nur ein weiteres unbekanntes Land voller Gefahr und von mühsam zu gehenden Pfaden durchzogen.

Es ist also Gehorsam gegenüber dem Gebot, das Anerkennen einer Konvention, die Annahme einer Tradition, die uns einerseits schützt vor dem Unbekannten, andererseits aber auch hindert, uns weiter zu entwickeln. Weil wir nicht tun, was “man” nicht tut, bleiben wir begrenzt in den bekannten Gefilden und auf ihren ausgetretenen Pfaden. Und schließlich beginnen wir, Angst zu haben vor dem Unbekannten, uns zu fürchten vor dem Neuen, und wir versuchen nicht einmal mehr, an der Leine zu ziehen, die uns hält.

Holla, die Zahnfee!!!

Als ich sechs Jahre alt war, daran erinnere ich mich noch gut, zog meine Mutter mir die ersten zwei wackeligen Milchzähne mit einem daran festgebundenen Zwirnsfaden aus dem Mund. Das ging ganz schnell und tat nur ein klitzekleines Bisschen weh…

Die ausgefallenen Zähne hat sie in einem kleinen Holzkästchen aufgehoben, als Erinnerung. Die Zahnfee gab es aber damals noch nicht; und darum auch keine weitere Belohnung für meine Tapferkeit als den Stolz meiner Mutter über ihren mutigen Sohn.

Die anderen Milchzähne sind irgendwie verloren gegangen, manche sind auch einfach so ausgefallen, ohne Zwirnsfaden und ohne großes Brimborium, und als ich in die dritte Klasse kam, hatte ich schon alle Erwachsenenzähne. Und später dann auch eine Spange, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Zahnspange hat mir Doktor Scherpff verpasst, der damals in seinem Wartezimmer Asterix und Obelix-Hefte ausgelegt hatte, um den Kindern die Angst vor Bohrer und Spritze zu nehmen. Bei mir hat es jedenfalls funktioniert; ich hatte zwar immer noch Angst vor dem Zahnarzt, aber ich hab mich immer auf die halbe Stunde vorher im Wartezimmer gefreut, wo ich die neuesten Abenteuer von dem kleinen Gallier und seinem dicken Freund lesen konnte, und dann bin ich mutig wie durch einen Zaubertrank in das Behandlungszimmer gegangen.

Und eben jener Doktor Scherpff hat heute, mehr als vierzig Jahre später, einen dicken fetten Backenzahn ziehen müssen. Das war viel schwieriger als damals bei meinen Milchzähnen mit dem Zwirnsfaden meiner Mutter, denn der hohle Zahn steckte noch fest im Kiefer, und wollte seinen Platz nicht kampflos aufgeben. Und er ist drei, vier Mal zerbrochen dabei… Aber die zwei, drei Betäubungsspritzen, die ich vorher bekam, haben dazu geholfen, dass ich dort auf dem Zahnarztstuhl fast gar nichts gespürt habe.

Erst später dann, in der S-Bahn nach Hause…