Mittagsläuten

Ich sitze in meinem Büro in Selchow, dem kleinen Dorf gleich neben dem großen Flughafen, der nicht fertig wird und auf dem trotzdem schon so viel Betrieb ist.

Es ist fast Mittag, und gleich werden die Glocken der Dorfkirche läuten.
So, wie sie es jeden Tag tun.

Sie erinnern alle Menschen im Dorf daran,
in ihrer Tageshektik eine kurze Pause zu machen.

Sie erinnern mich daran, einmal alles weg zu legen und von mir weg zu sehen.

Durchzuatmen.

Still zu werden.

Sich auf Gott zu konzentrieren.

Zu beten.

Gott, ich danke Dir, dass ich auch heute wieder genug zu essen und zu trinken habe.
Ich danke Dir für ein Dach über dem Kopf und ein Bett, in dem schlafen kann.
Ich danke Dir für meine Frau und dafür, dass sie mich liebt.
Ich danke Dir für meinen Arbeitsplatz
und dafür, dass ich genug verdiene, um Leben zu können.
Nichts von dem allem ist selbstverständlich.

Ich danke Dir für die Kirchen hier in den Dörfern,
in denen ich mit den lieben Leuten aus der Gemeinde
Gottesdienst feiern kann.

Ich bitte mich, dass Du mir die Kraft gibst,
ihnen ein guter Pfarrer zu sein.

Dass Du mir die Kraft gibst, meiner Frau ein guter Ehemann zu sein.

Dass Du mir die Kraft gibst, zu tun, was Du willst.

Du, mein Gott.

Du.

Sechzig Jahre und ein bisschen Weise

Heute haben wir in einer meiner Kirchengemeinden eine Diamantene Hochzeit gefeiert. 60 Jahre gelungene Ehe, sechs Jahrzehnte gemeinsames Leben durch helle und dunkele Jahre. Das war für alle Beteiligten ein Grund, „Danke“ zu sagen.

Die beiden Jubilanten (oder sagt man Jubilare?) waren schon fast neunzig, jeder, und immer noch und immer wieder verliebt. Klar haben auch die sich manchmal gestritten, haben sie mir verraten, aber sie haben sich immer wieder am selben Abend noch versöhnt.

Das ist Weisheit!

Fast glaube ich, dass es solche Lebensentwürfe nur auf dem Dorf geben kann. Fest verbunden und vertraut mit dem eigenen Grund und Boden, eingewurzelt in einer Familie, die schon seit mehreren Jahrhunderten in diesem einen Ort wohnt, haben alle Familienmitglieder das sichere Gefühl, hier hin zu gehören, an dem einzigen Platz in der Welt, den man mit einem einzigen Wort bezeichnen kann – Heimat.

In der Stadt kennt man dieses Gefühl kaum noch. Hier ist man zu Hause, aber nicht wirklich verwurzelt. Wer in der Stadt wohnt, ist meistens schon mehrfach umgezogen, wenigstens in einen anderen Stadtteil… und er ist überall daheim.

Es gab einen schönen Gottesdienst (das kann ich sagen, obwohl ich ihn selber gemacht habe) und dann mit dem halben Dorf ein leckeres Essen im nächsten Hotel…

Es gab

echten Kuchen (ungelogen)
echten Bohnenkaffee (aus dem Westen)

Und
(zum Aussuchen):

Aal mit Kartoffeln und Gemüse (mit passender Soße)
Ente mit Klößen und Rotkohl (mit passender Soße)
Schnitzel mit grünen Bohnen und Kroketten (mit passender Soße)

und hinterher

Schokoladenpudding (mit passender Soße)

((Es war aber jedes mal eine andere Soße…))

Und dann wurde getanzt.

Und ich bin nach Hause gefahren. Der Pfarrer muss ja nicht ÜBERALL dabei sein…

Dinge am Rand…

Eins der schönsten Weihnachtsgeschenke, das ich jemals bekommen habe, war ein selbstgeschriebenes Buch. Als ich gerade volljährig geworden war, hat eine Freundin aus der Kirchengemeinde dieses Wunderbuch für mich geschrieben. Sie hatte Kurzgeschichten, Gedichte, Witze und Märchen gesammelt und mit der Hand in ein großes Notizbuch abgeschrieben – 52 Seiten!!! – und am Rand dann mit Buntstiften Bilder von Blumen, Tieren und Landschaften dazu gemalt, es war ein richtiges, kleines Kunstwerk. Dieses Buch habe ich geliebt.

Weil ich selbst fast nur noch auf dem Computer schreibe, ist für mich ein mit der Hand geschriebener Text, ein Brief, ein solches Buch etwas ganz Besonderes, beinahe so wie eine Umarmung von dem, der mir geschrieben hat. Durch dieses Buch bin ich immer noch mit meiner alten Freundin verbunden, auch wenn ich sie seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen habe.

Ein besonderes Erlebnis war es für mich, ein fünfhundert Jahre altes Buch in der Hand zu halten, in dem an den Rändern der Seiten handgeschriebene Bemerkungen eines Gelehrten aus der Reformationszeit zu lesen waren… Während meiner Studienzeit in Tübingen habe ich dieses Buch ein paar Stunden lang lesen dürfen, ich musste dabei weiße Leinenhandschuhe tragen und einen Mundschutz…

Das Buch selbst war gedruckt, in großen, tiefschwarzen Lettern, mit Blei gedruckt und nach einem halben Jahrtausend noch auf dem rauen Papier fühlbar, aber die Randbemerkungen in zierlichen Buchstaben hatte eine geübte und geschickte Hand mit einer sehr feinen Feder und schwarzer Tinte dazugesetzt. Und auf einmal habe ich mich in diese Zeit geträumt, die so lange vergangen ist, in der noch niemand an Computer oder Elektrizität dachte, an Lichtsatz oder Siebdruck; eine Zeit, in der Demokratie nur etwas war, das man vor sehr langer Zeit in Griechenland ausprobiert hatte, und in der das Wort der Kirche die unhinterfragbare Wahrheit war – und ich habe daran gedacht, dass dieser Mann, der diese Randbemerkungen schrieb, einer der ersten Menschen in Deutschland war, der mit seinen Gedanken eine Veränderung in Gang setzte, die am Ende zur Aufklärung und zur Moderne führte…

Dieses Buch hat er zuerst in der Hand gehabt, und Hunderte Männer und Frauen nach ihm, und nun war ich der vorerst Letzte in dieser Reihe… Durch so ein Buch weht der Wind der Jahrhunderte, der Atem der Geschichte…

“Marginalien” nennt man solche Randbemerkungen. In alten Büchern findet man sie oft nachträglich ergänzt, sie sind Spuren eines Lesers, der für seine Nachfolger deutlich machen will, dass er eine abweichende Meinung hat, dass er – nach vielen Jahren weiterer Forschung – mehr und Besseres weiß, der vielleicht auch einfach nur in ein – freilich recht einseitiges – Gespräch mit den späteren Benutzern dieses Buches treten will: “Das habe ich mir dabei gedacht; und ich glaube, Du könntest es interessant finden…” (Leider reagieren die meisten Bibliothekare heutzutage sehr ungehalten, wenn man solche Notizen auf den Rand eines der kostbaren Bibliotheksbücher schreibt… Ich habe aber schon manchmal kleine Zettel mit ein paar kurzen Sätzen darauf in Büchern aus der Stadtbücherei liegen gelassen – in der Hoffnung, dass ein anderer Leser sie zur Kenntnis nimmt…)

Marginalien werden aber auch – besonders in wissenschaftlichen Büchern, zum Beispiel in Bibelausgaben, die für das theologische Studium gedacht sind – gleich beim Drucken auf der Seite platziert; ähnlich wie Fußnoten und in den Text geschaltete Rahmen und Kästchen. Sie enthalten Informationen, die den im Haupttext dargestellten Gedankengang ergänzen (zum Beispiel Hinweise auf andere sinnverwandte Bibelstellen, auf passende Forschungsergebnisse der Religionsgeschichte oder auf Textvarianten in anderen Bibelübersetzungen).

Manchmal sind die Randbemerkungen in solchen Büchern interessanter und wichtiger als der eigentliche Text. Sie erklären nicht nur Dinge, die im Haupttext missverständlich oder unklar bleiben, sondern zeigen auch, wie spätere Generationen diesen Text verstanden haben und wie sie von ihm beeinflusst wurden.

Es ist überhaupt immer sehr hilfreich, die Randerscheinungen und Marginalien zu beachten. Auch auf Parties haben die “Mauerblümchen” oft die spannenderen Geschichten zu erzählen….

In den Schuhen des Predigers…

Wenn ich jede Woche wieder vor der Gemeinde stehen und predigen darf, mache ich mir nur selten klar, dass die Frauen und Männer in den Bänken mich nicht nur hören, sondern auch sehen; und dass also Aussehen und Erscheinung ein Teil der Botschaft werden.

Erst die Blogeinträge von davidssplitter und die Tweets von @pastoracara haben mich daran erinnert, dass ich auch schon darauf angesprochen wurde.

Als ich Vikar in der Kirchengemeinde Lichtenrade war und Gemeindeglieder zur Vorbereitung einer Trauerfeier besuchte, bekam ich immer wieder einmal zu hören: „Sind Sie nicht viel zu jung, um eine Trauerfeier zu leiten?“ Ich war damals dreißig Jahre alt, sah aber jünger aus. Manche Leute haben mir damals eher Konfirmandenunterricht oder Kindergottesdienste zugetraut, aber nicht so etwas ernstes wie eine Bestattung. Das änderte sich aber schlagartig, als ich mir einen Bart stehen ließ.

Jetzt bin ich fast dreißig Jahre älter, habe kräftige graue Haare, zum Glück noch keine Glatze, und ich habe auch ordentlich zugenommen. Mit Bauch, Doppelkinn und Seniorenfrisur entspreche ich eher dem Bild, das die Leute sich von einem Pfarrer machen. Dass ich innerlich immer noch eine „einflussreiche“ kindliche Seite habe und mich immer noch nicht wirklich erwachsen fühle, ändert nichts daran. Und so muss ich nicht mehr um Respekt und Vertrauen kämpfen wie damals als Vikar.

Sicher achten Leute auch auf die Kleidung und auf die Schuhe, auf Beffchen und Talar. Wenn ich es einmal sehr eilig hatte und etwas zerrupft vor die Leute getreten bin, gab’s auch schon Kommentare. Gerade „einfache“ Menschen sehen in Jeans unter dem Talar ein Zeichen mangelnder Wertschätzung der Gemeinde gegenüber. Sie selbst sind ja auch im „Sonntagsstaat“ gekommen.

Vor einiger Zeit war in unserem Pfarrkonvent ein Image-Berater zu Gast, der uns erklärt hat, welch großen Aufwand Politiker, Schauspieler und Menschen in der Werbebranche auf ihr Äußeres verwenden müssen. Er selber hatte sogar 18 verschiedene Brillen für unterschiedliche Anlässe, die er ganz gezielt einsetzt, um Vertrauen, Respekt, Zuneigung oder Achtung in seinem Publikum hervor zu rufen. Er sagte, dass solche Accessoires ganz unterschwellig wirken und kaum bewusst bemerkt werde, zusammen mit anderen Aspekten doch sehr großen Einfluss auf die Kommunikation haben.

Solchen Aufwand treiben Lehrer oder Pfarrer in der Regel nicht – aber ich habe schon öfter gehört, dass in der Gemeinde auch mal ganz schön spöttisch getuschelt wird, wenn der Talar mal ganz zu heftig verknittert ist…

Äthiopisches Neujahrsfest…

Heute, am 11. September feiern die äthiopisch orthodoxen Christen das Meskal-Fest, bei dem sie sich erinnern, dass Monika, die Mutter des Heiligen Augustin, bei einer Reise nach Jerusalem das einzige, wahre und echte Kreuz gefunden hat, an dem Jesus Christus gestorben ist. Die absolute Super-Reliquie! Wenn das kein Grund zum Feiern ist…

Als ich noch in Alt-Schöneberg Pfarrer war, wurde das von unserer äthiopischen Partnergemeinde jedes Jahr wieder gefeiert; und ich war froh und auch ein bisschen stolz, dabei sein zu dürfen. Ich habe zwar kein Wort im Gottesdienst verstanden, weil alles in Ge’ez gesungen und gesprochen wurde; das ist die alte, äthiopische Kirchensprache, die auch in Äthiopien kein Mensch mehr versteht, ausser die Kirchenleute…

Nach dem Gottesdienst sind wir raus auf den Platz vor unserem Gemeindehaus, wo ein großer Haufen Holz aufgestapelt war, und dann versuchten wir gemeinsam, das anzuzünden… Aber: es regnete, und es hatte auch die ganze Nacht und den ganzen Tag davor geregnet, und das Holz war pitsche-patsche-nass. Also steckten wir erst einmal den halben Inhalt das Alt-Papier-Containers zwischen die Holzbalken, das Papier brannte auch fröhlich, das Holz rauchte gefährlich, dann ging das Feuer wieder aus und das wars fürs Erste.

Also haben wir die andere Hälfte des Inhalts aus dem Alt-Papier-Container da hinein gesteckt, einen halben Liter Spiritus darüber gekippt und dann das ganze wieder angezündet. Es gab eine vier Meter hohe Stichflamme, das Papier verbrannte in ein paar Minuten, und der Holzhaufen qualmte so stark, dass ich dachte, gleich kommt die Feuerwehr… (Wir haben das Feuer natürlich vorher bei der Stadtverwaltung angemeldet, aus genau diesem Grund…) Ich musste irgendwie an Gandalf, den Zauberer denken, der mal versuchte, im Schneesturm auf einem Berggipfel ein Feuer anzuzünden… „Naur an edraith ammen!“ Und an Elia, den Propheten, der ja mal Feuer vom Himmel herab gerufen haben soll… Und dann war wieder alles aus.

Während der ganzen Zeit stand die ganze äthiopische Gemeinde um das nicht brennende Feuer herum, tanzte und sang, weil das ja alles noch zu dem Gottesdienst dazu gehörte, als liturgischer Höhepunkt sogar, und wurde auch immer nasser.

Zuletzt brachte jemand kleine orangefarbene Fackeln aus Wachs, die bei den Äthiopiern sonst im Gottesdienst in der Weihnachts-Nacht verwendet werden, zündete gleich zwanzig davon an und steckte die zwischen die Holzscheite, und jetzt endlich, nach einer guten Stunde, brannte das Feuer so, wie es sollte. Ja, und dann konnten wir schön rund herum gehen, noch mehr Psalmen und uralte Texte in Ge’ez aufsagen (klingt auch fast wie Gandalf…), und dann konnten wir endlich wieder rein zum Essen. Und, ja, es gab die leckeren Äthiopischen Pfannenkuchen.

Kain und Abel – eine Predigt zum Jahrestag des Anschlags auf das World-Trade-Center am 11.9.2001

Eine Geschichte vom Ursprung der Menschheit
Dies ist eine von den Geschichten vom Ursprung der Welt, eine der Erzählungen vom Anfang der Zeit, einer der Mythen vom Beginn der Menschheit. Diese Geschichten erzählen, wie wir, die Menschen, wurden, was wir sind – und wie die Welt, in der wir wohnen, so wurde, wie sie ist.

Noch war die Erde wüst und leer, da pflanzte Gott einen Garten in Eden, paradiesisch schön, vollkommen und fehlerlos. Und er setzte den Menschen hinein, Mann und Frau, Adam und Eva, dass sie den Garten bebauten und pflegten. Alles, was sie zum Leben brauchten, war dort vorhanden – genug und im Überfluss, denn dieser Garten war der Ursprung des Lebens, und alle Früchte durften sie essen, nur nicht – wer will fragen, was Gott tut und warum, wer will seine Taten beurteilen? – nur nicht die Äpfel vom Baum der Erkenntnis; aber sie sahen jeden Tag das Angesicht Gottes.

Doch sie übertraten sein Gebot und nahmen von den verbotenen Früchten; und sie verloren das Vertrauen zu Gott, ihren Glauben, und mit ihm den Garten und alles, was Gott ihnen geschenkt hatte, und fanden sich wieder in dieser Welt voller Mühsal und Arbeit. Und Adam wurde Ackermann, der dem Boden im Schweiße seines Angesichts sein Leben abkämpfen musste; und Eva wurde die Mutter aller Lebenden, aber mit Schmerzen und Angst gebar sie ihre ersten Kinder, Kain und Abel.

Trennung von Gott
Kain wurde Ackermann und erntete die Früchte, die Gott ihm wachsen ließ, und Abel wurde Hirte und hütete Schafe und Rinder, die Gott ihm geschenkt hatte. Und – lange Zeit später – brachten die beiden Dankopfer dar für Gott: Von ihm hatten sie es empfangen, ihm wollten sie es erstatten: Abel verbrannte das Fett und den Speck eines seiner Tiere, und Kain verbrannte Körner und Früchte, die er auf seinen Feldern geerntet hatte. Und Gott – wer will fragen, was er tut und warum, wer will seine Taten beurteilen? – sah Abel und sein Opfer an, aber Kain sah er nicht an.

Es gibt keine Erklärung. Beide Brüder wollten Gott mit ihren Gaben ehren. Warum sieht Gott den einen an und den anderen nicht? Auch wir fragen bis heute nach der Gerechtigkeit Gottes und verstehen seine Entscheidungen nicht. Warum wird der eine Mensch erwählt und der andere nicht? Warum muss der eine hungern und der andere lebt sorgenfrei und unbeschwert? Warum muss der eine arbeiten und kämpfen, während dem anderen alles in den Schoß fällt? Da sind die Gesunden – und die anderen sind krank, leiden und haben Schmerzen. Da sind die Glücklichen – und die anderen trauern, weil sie den liebsten Menschen verloren haben.

Es gibt keine Erklärung. Warum werden manche Völker unterdrückt, warum bereichern sich andere an ihrem Leiden? Warum haben manche wegen ihrer Rasse, ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft keine Chance auf ein menschenwürdiges Leben? Da sind die Reichen – und anderen Menschen fehlen selbst Wasser und Brot. Da sind die Versorgten – und andere sterben an AIDS, weil ihnen einfache Medikamente fehlen. Da sind die Sicheren – und andere gehen auf Flüchtlingsbooten im Atlantik unter…

Warum sind manche Menschen gesegnet und so viele andere nicht? Es wird immer Unterschiede zwischen Menschen geben. Frauen und Männer sind verschieden, Kinder sind anders als ihre Eltern, Geschwister ergreifen verschiedene Berufe, schlagen unterschiedliche Lebenswege ein. Menschen aus verschiedenen Ländern haben unterschiedliche Traditionen, Maßstäbe und Werte. Aber muss es deshalb zu solch himmelsschreiender Ungerechtigkeit kommen? Und stimmt Gott zu? Ist es letztlich sein Wille, seine “Erwählung”, ob ein Mensch das Leben findet oder nur vor dem Tod flieht?

Und Gott – wer will fragen, was er tut und warum, wer will seine Taten beurteilen? – nahm Abels Opfer an, aber Kains Opfer nahm er nicht an.

Enttäuscht, beleidigt, zornig ließ Kain sein Opfer liegen, brennende Asche ohne Wert auf einem sinnlos gewordenen Altar – aber helle, lodernde Wut brannte in ihm; Wut gegen Gott, von dem er sich verlassen glaubte, und Wut gegen seinen Bruder, den Gott ihm vorgezogen hatte.

Was man uns zutrauen kann
Kann man diesen Zorn nicht nachvollziehen? Wäre es nicht geradezu unmenschlich, nicht in Zorn zu geraten angesichts dieser Ungerechtig-keit? Wer kann da kaltes Blut behalten, in dem noch ein Herz schlägt! Ohnmächtig, hilflos muss man die Ungerechtigkeit ertragen, in der Tasche ballt sich die Hand zur Faust. Mühsam hält man die dünne Fassade der Zivilisation aufrecht, doch inwendig schreit etwas Älteres, Wilderes nach Ausgleich: Wo ich nicht Frieden und Recht bekommen kann, da werde ich kämpfen.

Doch so wird ein Mensch dem anderen zum Wolf; hier erkennt der Mensch in den anderen plötzlich nur noch Feinde. Hier haben Kriege und Freiheitskämpfe, Terrorismus und Widerstandsbewegungen ihren inneren Grund: Wenn ich nicht bekomme, was mir rechtmäßig zusteht, nehme ich mein Schicksal selbst in die Hand.

“Gottesvergiftung” hat der Theologe Tilman Moser einmal dieses Gefühl genannt, wo wir meinen, Gott werde uns zum Feind. “Gottesvergiftung” ist der Zustand, in den wir geraten, wenn wir uns in die Ecke getrieben sehen – von einem Gott, der zu viel fordert, der uns übermächtig wird, der uns zu nahe kommt – oder auch von einem Gott, der unverständlich und dunkel bleibt, der willkürlich und unnachvollziehbar reagiert, der fern und abwesend ist, unerreichbar und hart. “Gottesvergiftung” erlebt hier Kain, dessen Welt und dessen Glaube zerbricht dadurch, dass Gott ihn nicht ansieht. Mit seinem Dankopfer weiß er seine ganze Existenz in Frage gestellt. Was ist sein Leben mehr als der rauchende Haufen Asche, der ihm auf seinem Altar geblieben ist?… Kain glaubt nicht mehr, sein Vertrauen ist zerbrochen, und in Gott sieht er den, der zum Verräter geworden ist an ihm…

Doch Gott sprach noch mit ihm: “Warum dieser Zorn? Wozu diese Wut?” Gott war noch da, und noch konnte Kain ihn hören: “Willst Du nicht aufsehen, mir in die Augen schauen? Wendest Du dich ab von mir?” Gottes Worte erreichen Kain nicht mehr; zu stark ist seine Enttäuschung und zu unerhört die Forderung: “Die Sünde lauert dir auf, Du aber herrsche über sie…”

Gewalt und Tod
Abel ging mit seinem Bruder – doch da war nichts Brüderliches mehr zwischen ihnen. Aus Neid und Wut war Hass geworden, aus Angst und Zweifel war Mordlust erwachsen. “Das wollen wir doch mal sehen; Gott, ob Du damit durchkommst! Hier, sieh, was ich ihm antue, deinem Liebling, deinem Erwählten, den du mir vorgezogen hast…” Rotes Blut tränkt plötzlich die Ackerkrume, Abels Leben versickert im Lehm, er haucht seinen letzten Atem aus, dann ist es vorbei. Zum ersten Mal war es geschehen, was Gott zu Adam sagte jenseits von Eden: Du bist Erde, und zu Erde wirst Du werden…. Dies also war der Tod….

Am Ende also – Tod. Gott – wer will fragen, was er tut und warum, wer will seine Taten beurteilen? – hat sich noch immer nicht abgewendet. Nicht von Abel, nicht von Kain. “Wo ist Dein Bruder?” Als ob du es nicht wüsstest! “Was hast du ihm angetan?!” Als ob es dir nicht das Herz zerrissen hätte! “Sein Blut schreit zu mir von der Erde!” Ja, dieses Opfer kannst du nicht übersehen! “Verflucht! Verflucht bist du, Kain, denn dir wird kein Leben mehr wachsen aus dieser Erde, die das Blut deines Bruders getrunken hat. Dir wird kein Leben mehr wachsen, denn Du hast den Tod gebracht in diese Welt, und Tod wird dir folgen, wohin du auch gehen wirst.” – – –

Wußte Gott nichts anderes zu sagen? Fluch über Kain, den Mörder seines Bruders? Tod aus Tod geboren, und immer wieder neuer Tod? Hat Kain nicht sogar Recht, gegen diesen Gott zu rebellieren, ihn abzulehnen, anzuklagen, ihn seinerseits zu verdammen und sich loszusagen? Gab es für ihn – Gott – keinen anderen Weg, als nun den Täter zum Opfer zu machen und damit sich selbst zum Täter?

“Diese Strafe ist unerträglich! Mein Leben ist jetzt schon vorbei, und was mir bleibt, ist eine kurze Flucht vor Dir und allen Menschen und dann der schnelle Tod. Jeder, der mich findet, kann mich so erschlagen. Welche Chance bleibt mir noch? Wo finde ich Schutz?”

Kain protestiert gegen weitere Ungerechtigkeiten; ja, er fordert Gott auf, sich wenigstens hierin treu zu bleiben, dass er der Gott des Lebens ist. Hat er – Kain – schon den Tod in diese Welt gebracht durch seine Tat, so soll Gott ihn doch wenigstens davor bewahren, dass sich nun die ganze Menschheit gegen ihn richtet, dass sein Mord fortwirkt in neuem Hass und weiterem Töten.

Was man Gott zutrauen kann
Gott – wer will fragen, was er tut und warum, wer will seine Taten beurteilen? – macht ein Zeichen an Kain, Drohung und Schutz zugleich, Erinnerung an seine Strafe und doch auch ein Zeichen bleibender Zuwendung: Kain hat getötet, doch siebenfache Rache wird den treffen, der seine Hand an Kain legt…

Tod aus Tod geboren, Mord und Rache auch hier. Was Kain in die Welt brachte, lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Ein Rad ist ins Rollen gekommen, und es sieht so aus, als ob nicht einmal Gott diesem Rad in die Speichen greifen will… Immer und immer wieder berichtet die Bibel, wie Menschen Gott verlassen, wie sie zu Tätern werden und andere zu Opfern machen, wie das Gericht Gottes sie trifft, wie aus Angst und Hass Tod geboren wird: Gibt es keine andere Möglichkeit? Müssen wir entweder Kain sein oder Abel?

Noch im neuen Testament hält Paulus den Menschen den Spiegel der Geschichte Gottes und der Menschen vor Augen: “Da ist keiner, der gerecht ist, nicht ein einziger.” Und die Folge der Sünde ist der Tod. Doch die Geschichte Gottes mit den Menschen geht so nicht zuende.

Ein neuer Mensch
Gott selbst hat diesen teuflischen Kreislauf gebrochen, der nichts anderes kennt als “Auge um Auge, Zahn um Zahn.” Christus ist geboren, Gott mitten unter den Menschen. Er hat einen neuen Weg geöffnet. Keinen leichten und einfachen Weg, aber einen Weg, der zum Frieden führt.

Jesus hat hingesehen und geholfen, wenn die Opfer am Wegrand lagen. Jesus hat sich mit Gottes Liebe denen zugewendet, die wie einst Kain ruhelos und haltlos durch das Land und ihr Leben irrten, auf der Flucht vor ihrer Schuld und auf der Suche nach Gott. Jesus hat geliebt bis zum Äußersten, bis er selbst zum Opfer der Härte der Menschen wurde. Bis er am Kreuz starb.

Jesus Christus ist die bleibende Zuwendung Gottes. Durch seinen Opfertod hindurch bleibt er seiner Liebe zu uns treu. Denn die Liebe ist stärker als der Tod. Und der Tod ist überwunden, er hat das Leben, ewiges Leben ans Licht gebracht.

Uns bleibt also nicht nur die Alternative: Kain oder Abel, Täter oder Opfer. Adam und Eva haben ein drittes Kind geboren, Seth, der der Stammvater war der Linie, die durch die Väter Israels zu König David und von dort zu Christus führte. Uns bleibt der dritte Weg: den Spuren Christi zu folgen, der gesagt hat: “Was Ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.” – “Laßt Euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem.” – “Liebet einander, wie ich euch geliebt habe.” – und auch: “Bei den Menschen ist dies unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.”

Taufe
Durch die Taufe sind wir mit hineingenommen in dieses Geheimnis des Glaubens, das Christus umgibt: Wir sind mit ihm gestorben und sind als Menschen auferstanden, die in neuer Weise das Bild Gottes sind, so wie er die Menschen gemeint hat: Schwestern und Brüder, Gottes Kinder.

Solange wir in dieser Welt leben, sind wir nicht vollkommen; wir sind Sünder und Gerechte zugleich. Immer noch sind Kain und Abel in uns. Wenn wir die Nachrichten sehen, erkennen wir jeden Tag, wie dünn die Schicht der Zivilisation immer noch ist. Noch immer ist der Mensch dem anderen ein Wolf. Doch hat Gott einen neuen Anfang gemacht. Mit dem Wagnis der Liebe.

Die gefährliche Leichtigkeit des Seins…

Predigt zum Brief des Apostels Paulus an die Galater, Kapitel 5, Vers 25

Als vor fast vierzig Jahren der erste Mensch den Mond betrat, erlebte er am eigenen Leibe, was vorher nur berechnet und vermutet werden konnte: Die Schwerkraft ist auf dem Mond sechsmal schwächer als auf der Erde. Mit einem kleinen Sprung, einem kleinen Schritt für einen Menschen konnte er meterweit über den staubigen Boden steigen, die schweren Materialkisten ließen sich mit einer Hand bewegen. Anders als in der Schwerelosigkeit der Raumkapsel hatte er hier festen Boden unter den Füßen, doch hätte er ich auf eine Waage gestellt, dann könnte er sehen, daß von seinen 75 irdischen Kilogramm nur noch zwölfeinhalb Mondkilo geblieben sind. Trotz allem Üben und Trainieren in dem Labors auf der Erde war diese Erfahrung so neu, daß es eine ganze Weile dauerte, bis sich die Muskeln der Astronauten auf diese andere Wirklichkeit eingestellt hatten. Ein großer Schritt für die Menschheit.

Das Leben auf dem Mond ist nicht ungefährlich. Man muß sehr vorsichtig sein. Die Erfahrung des eigenen Gewichts ist auf dem Mond eine andere, die Schwerkraft, die auf der Erde für unser Leben eine unveränderliche Größe ist, zwingt auf dem Mond zu einem völlig anderen Verhalten. Wenn es einmal dazu kommen sollte, daß Menschen auf dem Mond arbeiten, wohnen und Urlaub machen können, müßten sie jedesmal selbst ganz alltägliche Dinge wie Laufen, Essen und Trinken, Werfen und Fangen und sogar das Atmen neu lernen.

Ich erzähle das, weil es recht anschaulich macht, was Paulus den Gemeinden in Galatien und an alle Christen mit diesen Zeilen schreiben wollte: Durch den Glauben an Jesus Christus hat Gott uns in eine neue Wirklichkeit gestellt. Viele Dinge, die unser Leben bestimmen, haben in dieser neuen Wirklichkeit ein anderes Gewicht. Wir sind befreit von Belastungen, die unser Leben schwer gemacht haben. Das alte Gesetz des „Wie du mir, so ich dir!“ gilt für uns nicht mehr. Gottes Liebe und seine Vergebung müssen wir uns nicht länger verdienen, denn durch Christus werden sie uns geschenkt. Wir sind erfüllt mit Gottes Geist und dürfen zu Gott sprechen wie zu einem liebenden Vater.

Doch auch diese „Leichtigkeit des Seins“ hat ihre Gefahren. Da ist einerseits die Gefahr, sich wieder gefangen nehmen zu lassen von den alten Gewohnheiten, sich wieder neu unter selbstgemachte Gesetze zu stellen, weil es zu leicht erscheint, sich die Gnade einfach schenken zu lassen. Und andererseits ist da die Versuchung, total abzuheben, den Boden unter den Füßen zu verlieren und zu vergessen, daß es auch in dieser neuen Wirklichkeit des Geistes Gottes Regeln und Ordnungen gibt, die eingehalten werden müssen.

„Da wir im Geist leben, so laßt uns auch im Geiste wandeln…“ Durch den Geist haben wir neues Leben, und das soll jetzt auch bei uns sichtbar werden! schreibt Paulus an die Galater. Unser Leben, alles, was wir tun, muß von dieser Wirklichkeit her neu geordnet werden.

„Blinder Ehrgeiz, der nur unsere Eitelkeit befriedigt, gegenseitige Kränkungen und Neid sollen bei uns keine Rolle mehr spielen! Wir müssen uns nicht auf Kosten anderer profilieren; wir müssen unsere eigene Stärke nicht länger an der Schwachheit der anderen ermitteln. Wenn sich einer von euch etwas zuschulden kommen läßt und sündigt, dann sollt ihr als Menschen, die Gottes Geist leitet, verständnisvoll wieder zurechtbringen. Seht aber zu, daß ihr dabei nicht in dieselbe Gefahr geratet. Kümmert euch um die Schwierigkeiten und Probleme des anderen, und tragt die Last gemeinsam. Auf diese Weise verwirklicht ihr, was Christus von euch erwartet.“ Ich kann als Prediger kaum mehr sagen, ohne die Klarheit dieser Worte wieder zu trüben…

Die Sehnsucht, anerkannt zu werden, hat wohl jeder von uns. Es ist ja ganz normal für jemanden, der seine Arbeit tut, daß er gern dafür gelobt wird, daß ihm jemand sagt, das war gut, ich freue mich mit dir. Oder wenigstens, daß jemand ihn und seine Arbeit so wichtig nimmt, zu sagen, so und so könntest du es besser machen.

Manchmal aber ist die Sehnsucht nach Anerkennung, die Angst, mißachtet zu werden, so groß, daß sie beschwerlich wird. Manchmal wird der Ehrgeiz blind. Die Suche nach einem anerkennenden Wort nimmt uns dann so in Anspruch, daß der Blick für das wirklich Wichtige, daß das Gefühl für die Leichtigkeit des Geistes Gottes verloren geht.

Das ist nicht nur eine Frage nach dem Charakter des Einzelnen, sondern auch die Frage nach dem Millieu einer ganzen Gemeinde und einer ganzen Kirche. An der Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir einander Bestätigung und Anerkennung zukommen lassen können oder eben neiden, entscheidet sich nicht nur unsere Glaubwürdigkeit, sondern – hier verbindet Paulus das ganz Kleine des alltäglichen Lebens mit den großen Wahrheiten des Glaubens – an der Art, wie wir miteinander umgehen, entscheidet sich auch das Heil und das Urteil Gottes über uns. „Irrt euch nicht!“, schreibt Paulus; „genau das, was ihr sät, werdet ihr auch ernten!“ Es ist darum wichtig, zu überlegen, wie man in der Gemeinde mit Konflikten umgehen sollte, denn das bleibt nicht ohne Folgen auf den Geisteszustand der Gemeinde, auch auf Gottesdienst, Predigt und die gemeinsame Abendmahlsfeier.

Der „Geist der Sanftmut“ ist im Kern Selbstkritik. „Ein jeder prüfe sein eigenes Werk!“ schreibt Paulus. Es hilft nicht, die eigene Kraft mit des anderen Schwachheit zu vergleichen.

Was Paulus an die Galater schreibt ist eine Ermahnung zur Liebe, es ist kein neues Gesetz, daß uns wiederum beschweren soll, sondern einfach die angemessene Art und Weise, in der Leichtigkeit des Geistes Gottes zu leben.

„Fremde Lasten kann man aber nur dann auf sich nehmen, wenn man nicht selber unter dem eigenen Gewicht zu leiden hat. Dieses Gewicht, oder besser: dieses Übergewicht, das wir uns selber geben, um vor Gott und der Welt gewichtig zu sein, diese selbsterzeugte Schwere, die uns mehr belastet als alles andere, die ist uns durch den Geist Gottes ein für allemal abgenommen. Die Last unserer eigenen Person ruht auf dem einen und einzigen Lastenträger, den die Bibel das Lamm Gottes nennt. Wir sind alle nur begrenzt belastbar. Das Lamm Gottes aber ist unbegrenzt, unendlich belastbar. Wir können es vor allem mit uns selbst belasten.“