Die gefährliche Leichtigkeit des Seins…

Predigt zum Brief des Apostels Paulus an die Galater, Kapitel 5, Vers 25

Als vor fast vierzig Jahren der erste Mensch den Mond betrat, erlebte er am eigenen Leibe, was vorher nur berechnet und vermutet werden konnte: Die Schwerkraft ist auf dem Mond sechsmal schwächer als auf der Erde. Mit einem kleinen Sprung, einem kleinen Schritt für einen Menschen konnte er meterweit über den staubigen Boden steigen, die schweren Materialkisten ließen sich mit einer Hand bewegen. Anders als in der Schwerelosigkeit der Raumkapsel hatte er hier festen Boden unter den Füßen, doch hätte er ich auf eine Waage gestellt, dann könnte er sehen, daß von seinen 75 irdischen Kilogramm nur noch zwölfeinhalb Mondkilo geblieben sind. Trotz allem Üben und Trainieren in dem Labors auf der Erde war diese Erfahrung so neu, daß es eine ganze Weile dauerte, bis sich die Muskeln der Astronauten auf diese andere Wirklichkeit eingestellt hatten. Ein großer Schritt für die Menschheit.

Das Leben auf dem Mond ist nicht ungefährlich. Man muß sehr vorsichtig sein. Die Erfahrung des eigenen Gewichts ist auf dem Mond eine andere, die Schwerkraft, die auf der Erde für unser Leben eine unveränderliche Größe ist, zwingt auf dem Mond zu einem völlig anderen Verhalten. Wenn es einmal dazu kommen sollte, daß Menschen auf dem Mond arbeiten, wohnen und Urlaub machen können, müßten sie jedesmal selbst ganz alltägliche Dinge wie Laufen, Essen und Trinken, Werfen und Fangen und sogar das Atmen neu lernen.

Ich erzähle das, weil es recht anschaulich macht, was Paulus den Gemeinden in Galatien und an alle Christen mit diesen Zeilen schreiben wollte: Durch den Glauben an Jesus Christus hat Gott uns in eine neue Wirklichkeit gestellt. Viele Dinge, die unser Leben bestimmen, haben in dieser neuen Wirklichkeit ein anderes Gewicht. Wir sind befreit von Belastungen, die unser Leben schwer gemacht haben. Das alte Gesetz des „Wie du mir, so ich dir!“ gilt für uns nicht mehr. Gottes Liebe und seine Vergebung müssen wir uns nicht länger verdienen, denn durch Christus werden sie uns geschenkt. Wir sind erfüllt mit Gottes Geist und dürfen zu Gott sprechen wie zu einem liebenden Vater.

Doch auch diese „Leichtigkeit des Seins“ hat ihre Gefahren. Da ist einerseits die Gefahr, sich wieder gefangen nehmen zu lassen von den alten Gewohnheiten, sich wieder neu unter selbstgemachte Gesetze zu stellen, weil es zu leicht erscheint, sich die Gnade einfach schenken zu lassen. Und andererseits ist da die Versuchung, total abzuheben, den Boden unter den Füßen zu verlieren und zu vergessen, daß es auch in dieser neuen Wirklichkeit des Geistes Gottes Regeln und Ordnungen gibt, die eingehalten werden müssen.

„Da wir im Geist leben, so laßt uns auch im Geiste wandeln…“ Durch den Geist haben wir neues Leben, und das soll jetzt auch bei uns sichtbar werden! schreibt Paulus an die Galater. Unser Leben, alles, was wir tun, muß von dieser Wirklichkeit her neu geordnet werden.

„Blinder Ehrgeiz, der nur unsere Eitelkeit befriedigt, gegenseitige Kränkungen und Neid sollen bei uns keine Rolle mehr spielen! Wir müssen uns nicht auf Kosten anderer profilieren; wir müssen unsere eigene Stärke nicht länger an der Schwachheit der anderen ermitteln. Wenn sich einer von euch etwas zuschulden kommen läßt und sündigt, dann sollt ihr als Menschen, die Gottes Geist leitet, verständnisvoll wieder zurechtbringen. Seht aber zu, daß ihr dabei nicht in dieselbe Gefahr geratet. Kümmert euch um die Schwierigkeiten und Probleme des anderen, und tragt die Last gemeinsam. Auf diese Weise verwirklicht ihr, was Christus von euch erwartet.“ Ich kann als Prediger kaum mehr sagen, ohne die Klarheit dieser Worte wieder zu trüben…

Die Sehnsucht, anerkannt zu werden, hat wohl jeder von uns. Es ist ja ganz normal für jemanden, der seine Arbeit tut, daß er gern dafür gelobt wird, daß ihm jemand sagt, das war gut, ich freue mich mit dir. Oder wenigstens, daß jemand ihn und seine Arbeit so wichtig nimmt, zu sagen, so und so könntest du es besser machen.

Manchmal aber ist die Sehnsucht nach Anerkennung, die Angst, mißachtet zu werden, so groß, daß sie beschwerlich wird. Manchmal wird der Ehrgeiz blind. Die Suche nach einem anerkennenden Wort nimmt uns dann so in Anspruch, daß der Blick für das wirklich Wichtige, daß das Gefühl für die Leichtigkeit des Geistes Gottes verloren geht.

Das ist nicht nur eine Frage nach dem Charakter des Einzelnen, sondern auch die Frage nach dem Millieu einer ganzen Gemeinde und einer ganzen Kirche. An der Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir einander Bestätigung und Anerkennung zukommen lassen können oder eben neiden, entscheidet sich nicht nur unsere Glaubwürdigkeit, sondern – hier verbindet Paulus das ganz Kleine des alltäglichen Lebens mit den großen Wahrheiten des Glaubens – an der Art, wie wir miteinander umgehen, entscheidet sich auch das Heil und das Urteil Gottes über uns. „Irrt euch nicht!“, schreibt Paulus; „genau das, was ihr sät, werdet ihr auch ernten!“ Es ist darum wichtig, zu überlegen, wie man in der Gemeinde mit Konflikten umgehen sollte, denn das bleibt nicht ohne Folgen auf den Geisteszustand der Gemeinde, auch auf Gottesdienst, Predigt und die gemeinsame Abendmahlsfeier.

Der „Geist der Sanftmut“ ist im Kern Selbstkritik. „Ein jeder prüfe sein eigenes Werk!“ schreibt Paulus. Es hilft nicht, die eigene Kraft mit des anderen Schwachheit zu vergleichen.

Was Paulus an die Galater schreibt ist eine Ermahnung zur Liebe, es ist kein neues Gesetz, daß uns wiederum beschweren soll, sondern einfach die angemessene Art und Weise, in der Leichtigkeit des Geistes Gottes zu leben.

„Fremde Lasten kann man aber nur dann auf sich nehmen, wenn man nicht selber unter dem eigenen Gewicht zu leiden hat. Dieses Gewicht, oder besser: dieses Übergewicht, das wir uns selber geben, um vor Gott und der Welt gewichtig zu sein, diese selbsterzeugte Schwere, die uns mehr belastet als alles andere, die ist uns durch den Geist Gottes ein für allemal abgenommen. Die Last unserer eigenen Person ruht auf dem einen und einzigen Lastenträger, den die Bibel das Lamm Gottes nennt. Wir sind alle nur begrenzt belastbar. Das Lamm Gottes aber ist unbegrenzt, unendlich belastbar. Wir können es vor allem mit uns selbst belasten.“

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