Die erste Seite…

Ich muss an meine Schulzeit denken. Immer wenn ich ein neues Heft angefangen habe, wollte ich es anders machen auf seinen noch weißen, unbeschriebenen Blättern: Weniger klecksen, ordentlicher schreiben und im Rechnen weniger Fehler…

Ich erinnere mich auch noch an meine Gefühle damals, bei solchen Gelegenheiten: Es war richtig aufregend, den ersten Strich, den ersten Buchstaben auf die weiße, saubere Seite setzen. Schon das Etikett auf dem Umschlag zu beschriften, war schön, fast schon eine Art Zeremonie: Mein Name, mein Heft, ein neuer Anfang, alles wird anders.

Zugegeben, diese Spannung, diese prickelnde Erwartung war meist schnell wieder aufgebraucht. Das hielt nicht lange vor. Vielleicht noch am selben Tag war er wieder da: Der Fehler in der Rechenaufgabe, der Tintenklecks im Aufsatz, die Schmierspuren des Radierers, das durchgestrichene Wort. Aber beim nächsten Mal war es wieder schön, aufregend und eine Freude… das neue Heft… der Anfang… damals als Kind.

Ob wir als Erwachsene das besser machen?

Begrabt mein Herz nicht an der Biegung des Flusses…

Es ist mir ziemlich gleichgültig, wo ich einmal beerdigt werde. Manche Leute wünschen sich, dass ein Teil ihrer Asche in die Erdumlaufbahn geschossen wird oder sie hoffen, dass liebende Angehörige ihre Reste zu einem Diamanten pressen lassen; andere wünschen sich eine Seebestattung und wieder andere wollen ihre Urne zwischen den Wurzeln einer großen alten Tanne versteckt wissen. Es gibt so viele Entscheidungsmöglichkeiten in der Bestattungskultur – aber wenn es dann einmal so weit ist, haben die Verstorbenen trotzdem gar nichts mehr davon.

Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich zur Zeit ein Grab auf dem alten Kirchhof in Alt-Schöneberg wählen, wo ich 22 Jahre lang Pfarrer war. Dort – so stelle ich es mir vor – würden sich dann vielleicht noch einige meiner Konfirmandinnen und Konfirmanden an mich erinnern, wenn sie über den Friedhof laufen, um das Grab ihrer eigenen Eltern zu begießen. Aber wenn ich an irgendeinem anderen Ort mein Grab finde – es ist wirklich ziemlich egal.

Viel interessanter ist für mich die Frage, wo ich denn einmal sterben möchte, wenn es so weit ist. Ganz sicher nicht in irgendeinem Krankenhaus auf einer Intensivstation, mit Schläuchen in Mund und Nase, nach stundenlangen Wiederbelebungsversuchen und zehn bis fünfzehn Elektroschocks. Auch nicht auf irgend einer Straße zwischen Glassplittern und den Trümmern dessen, was einmal mein Auto war. Auch nicht zwischen einem Dutzend anderer Menschen nach einem Terroranschlag.

Ich weiß, dass ich es mir nicht aussuchen kann und dass ich es nicht in meiner Hand habe – aber mein Lieblingsort wäre eine Zelle in einem alten Kloster auf einer hohen Bergspitze über dem Mittelmeerstrand auf der Insel Rhodos. Und es gibt ein paar liebe Menschen, die ich dann gern in meiner Nähe hätte. (Die, die ich meine, ahnen es vermutlich.) In ihrer Runde möchte ich ein letztes Mal die Sonne aufgehen sehen und dann – ausatmen.

Nein, ich bin nicht krank und auch nicht mehr schwermütig als sonst; nicht, dass sich jemand Sorgen um mich macht. Es ist nur so, dass ich aus beruflichen Gründen gerade in diesen Wochen mehr mit Sterbenden und Hinterbliebenen zu tun habe als bisher in diesem Jahr. Und immer wieder trifft mich dann der Gedanke, dass ich inzwischen auch mehr Leben hinter mir habe als vor mir. Und es ist nicht falsch, wenn sich der Pfarrer da auch mal ein paar Gedanken macht.

Ihr Lieben, ein schöner Gottesdienst bei der Trauerfeier ist wichtig, und ein würdevolles Grab auf einem Kirchhof auch – aber beides ist für die, die noch leben und Hilfe in ihrer Trauer brauchen. Für mich ist entscheidender, wie ich lebe und was ich aus meinen Jahren mache. Und dass ich Zeit und Ruhe habe, mich auf das Sterben vorzubereiten, wenn das denn irgendwie möglich ist. Damit ich dann zufrieden meinen Stift aus der Hand und meinen Löffel auf den Tisch legen kann und mit einem letzten Atemzug beten kann: „Danke. Es war gut so.

Die Zärtlichkeit einer Kirchengemeinde

In der vergangenen Woche ist es mir nicht gut gegangen. Die Schwermut klopfte an die Tür, unterstützt von den Dunkelheiten der ersten Herbststürme, und stellte Ausdauer und Motivation auf die Probe.

Man muss mir das angesehen haben, denn als ich am Sonntag zum Gottesdienst in der Kirche von Brusendorf eintraf, nahm mich eine Frau spontan in den Arm. „Ich habe das Gefühl, dass sie das jetzt gebraucht haben.“ sagte sie danach zu mir. Nach dem Gottesdienst bekam ich von einem älteren Herrn aus dem Gemeindekirchenrat ein Stück Kuchen gebracht. Und er zwinkerte mir aufmunternd zu: „War wieder sehr gut, die Predigt!“ Aus seinem Mund bedeutet das etwas, denn er geht sehr häufig zum Gottesdienst, auch bei den Kollegen.

Nach dem zweiten Gottesdienst in der Kirche von Schönefeld hat mich der Organist umarmt. Er tut das manchmal, wenn uns ein Gottesdienst besonders gut gelungen ist. Und ein Konfirmandenvater hat mir freundschaftlich auf die Schulter geklopft.

Es sind diese kleinen Zeichen der Zuneigung, die so gut tun!

In den meisten Gemeinden, überhaupt oft am Arbeitsplatz besteht eine so große Scheu, andere zu berühren. Selbst die flüchtigste Zärtlichkeit kann ja so leicht missverstanden werden; und die Strafe kommt sogleich hart und unerbittlich in den Zeiten der Hashtags und der Whats-App-Gruppen. Das macht vielen Menschen Angst, besonders den Männern.

Respektvoller und „grenzwahrender“ Umgang miteinander ist so wichtig für ein auf Dauer gedeihliches Zusammenleben, aber wo das Einverständnis vorausgesetzt werden kann, ist eine aufmunternde Berührung oder eine tröstende Umarmung wirksamer und hilfreiche als tausend Worte oder ein Blumenstrauß in der Mitarbeiterbesprechung.

Zeitzonen: 12.00 GMT: Greenwich, London

 

Es hätte auch jeder andere Ort auf der Welt sein können. Die Erde ist rund, und überall ist es einmal am Tag Mittagszeit. Den nullten Längengrad durch das Königliche Observatorium in dem schönen Park an der Themse im Londoner Ortsteil Greenwich zu legen war dennoch keine vollkommen willkürliche Entscheidung. Die Briten waren lange Zeit die wichtigste seefahrende Nation, und nicht zuletzt für die Navigation der Handelsschiffe und Kriegschiffe wurde ein weltweites System benötigt, das selbst den Ort der fernsten Inseln eindeutig bestimmen kann. Auf der Internationalen Meridian-Konferenz in Washington, D.C. mit Vertretern aus 25 Nationen wurde am 13. Oktober 1884 der durch Greenwich verlaufende Meridian als Basis des internationalen Koordinatensystems eingeführt. In Deutschland wurde der Meridian von Greenwich 1885 übernommen.

Was kaum jemand weiß: Lange vor den Koordinatensystemen für Nautik und Geographie, die sich an der Lage des Royal Observatory orientieren, gab es unterschiedliche andere Systeme: Die Stadt Paris lag für französische Wissenschaftler und Seefahrende lange auf dem Nullmeridian, in der Antike (seit 150 v. Chr.) rechnete man mit einem Koordinatensystem, dessen Nullpunkt auf der Insel Rhodos lag. Und noch bis in das letzte Jahrhundert hinein rechneten Seefahrer ihren Standpunkt nach der Entfernung von der Insel Hierro, der kleinsten und am meisten westlich gelegenen Insel der Kanarischen Inseln – was sinnvoll war, da man so die Lage aller europäischen Orte und Meere mit einfachen positiven Zahlen angeben konnte. Als dieses System eingeführt wurde, war Amerika noch nicht bekannt. Jenseits der „Inseln der Seeligen“ gab es nur unendliche Weite, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hatte.

Durch immer genauere Messmethoden, zum Beispiel mit Hilfe von Satelliten und dem GPS-System, wurde es möglich, die Gestalt der Erde so exakt zu bestimmen, dass die Unregelmäßigkeiten ihrer Form bemerkbar macht. Sie weicht deutlich von der idealen Kugelform ab, was unter anderem dazu führt, dass der exakte Nullmeridian nicht mehr genau durch das Observatorium von Greenwitch führt, sondern durch den benachbarten Park, etwa 110 Meter entfernt. Mit dem GPS im Mobiltelefon kann man das leicht überprüfen. Die Längen- und Breitenkreise liegen zudem nicht mehr unverrückbar fest, sondern ändern sich je nach Jahreszeit und z.B. auch durch die Kontinentaldrift langsam mit der Zeit, denn sie sind nicht mehr durch die tatsächliche Form des Planeten, sondern durch einer berechenbare, aber abstrakte Geometrie der Erde definiert.

Bei der Internationalen Meridian-Konferenz 1884 wurde auch beschlossen, die Ortszeit am Greenwich Observatorium zur Grundlage der Zeitberechnung auf der Erde zu machen. 24 breite Bänder umschließen die Erde, innerhalb derer sich die Menschen nach der gleichen Uhrzeit richten: Die Zeitzonen.

Eine Zeitzone ist auf der Erdkugel normalerweise 15 Grad „breit“. Anders gesagt: Alle 15 Grad fängt eine neue Zeitzone an. Auf der Höhe von London und Berlin („in unseren Breiten“) entsprichen diese 15 Grad etwa einer Entfernung von 1000 Kilometern, weiter im Süden (bis hin zum Äquator) ist es entsprechend mehr.

Die meisten Länder richten sich nicht stur nach der geometrischen Länge, sondern definieren für ihr gesamtes Gebiet eine gemeinsame Uhrzeit. Die Mitteleuropäische Zeit MEZ gilt beispielsweise von Spanien bis Polen, obwohl Spanien bereits deutlich westlich von England liegt. Das führt dazu, dass es in Spanien abends erst mehr als eine Stunde später dunkel wird.

Und nur, wenn es in Greenwich 12 Uhr Mittags ist, schreibt man überall auf der Welt das gleiche Tages-Datum. Aber dazu später mehr…