Begrabt mein Herz nicht an der Biegung des Flusses…

Es ist mir ziemlich gleichgültig, wo ich einmal beerdigt werde. Manche Leute wünschen sich, dass ein Teil ihrer Asche in die Erdumlaufbahn geschossen wird oder sie hoffen, dass liebende Angehörige ihre Reste zu einem Diamanten pressen lassen; andere wünschen sich eine Seebestattung und wieder andere wollen ihre Urne zwischen den Wurzeln einer großen alten Tanne versteckt wissen. Es gibt so viele Entscheidungsmöglichkeiten in der Bestattungskultur – aber wenn es dann einmal so weit ist, haben die Verstorbenen trotzdem gar nichts mehr davon.

Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich zur Zeit ein Grab auf dem alten Kirchhof in Alt-Schöneberg wählen, wo ich 22 Jahre lang Pfarrer war. Dort – so stelle ich es mir vor – würden sich dann vielleicht noch einige meiner Konfirmandinnen und Konfirmanden an mich erinnern, wenn sie über den Friedhof laufen, um das Grab ihrer eigenen Eltern zu begießen. Aber wenn ich an irgendeinem anderen Ort mein Grab finde – es ist wirklich ziemlich egal.

Viel interessanter ist für mich die Frage, wo ich denn einmal sterben möchte, wenn es so weit ist. Ganz sicher nicht in irgendeinem Krankenhaus auf einer Intensivstation, mit Schläuchen in Mund und Nase, nach stundenlangen Wiederbelebungsversuchen und zehn bis fünfzehn Elektroschocks. Auch nicht auf irgend einer Straße zwischen Glassplittern und den Trümmern dessen, was einmal mein Auto war. Auch nicht zwischen einem Dutzend anderer Menschen nach einem Terroranschlag.

Ich weiß, dass ich es mir nicht aussuchen kann und dass ich es nicht in meiner Hand habe – aber mein Lieblingsort wäre eine Zelle in einem alten Kloster auf einer hohen Bergspitze über dem Mittelmeerstrand auf der Insel Rhodos. Und es gibt ein paar liebe Menschen, die ich dann gern in meiner Nähe hätte. (Die, die ich meine, ahnen es vermutlich.) In ihrer Runde möchte ich ein letztes Mal die Sonne aufgehen sehen und dann – ausatmen.

Nein, ich bin nicht krank und auch nicht mehr schwermütig als sonst; nicht, dass sich jemand Sorgen um mich macht. Es ist nur so, dass ich aus beruflichen Gründen gerade in diesen Wochen mehr mit Sterbenden und Hinterbliebenen zu tun habe als bisher in diesem Jahr. Und immer wieder trifft mich dann der Gedanke, dass ich inzwischen auch mehr Leben hinter mir habe als vor mir. Und es ist nicht falsch, wenn sich der Pfarrer da auch mal ein paar Gedanken macht.

Ihr Lieben, ein schöner Gottesdienst bei der Trauerfeier ist wichtig, und ein würdevolles Grab auf einem Kirchhof auch – aber beides ist für die, die noch leben und Hilfe in ihrer Trauer brauchen. Für mich ist entscheidender, wie ich lebe und was ich aus meinen Jahren mache. Und dass ich Zeit und Ruhe habe, mich auf das Sterben vorzubereiten, wenn das denn irgendwie möglich ist. Damit ich dann zufrieden meinen Stift aus der Hand und meinen Löffel auf den Tisch legen kann und mit einem letzten Atemzug beten kann: „Danke. Es war gut so.

4 Gedanken zu “Begrabt mein Herz nicht an der Biegung des Flusses…

  1. Mir fiel dabei das Lied von Herman van Veen ein: „Ich will einen jungen, kräftigen Tod“ – aber leider finde ich die Liedversion nicht, die ist bei dem Youtubevideo abgeschnitten.

    Ach, ich nehme es so, wie es kommt. Was soll man auch sonst machen???

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  2. Ein sehr schöner, leichter und doch nachdenklicher und nachdenklich machender Text – danke!
    Die Aussicht auf die aufgehende Sonne hat mir schon ein paar mal die Nacht gerettet… Ein magischer Moment, immer wieder.

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  3. Wir werden nicht gefragt … was ich möchte, ist, in dem Bewusstsein gehen dürfen, so viel als möglich hinter mir gelassen zu haben, auf dass ich weniger mitnehmen muss, hinter die große Mauer und ggf. in eine neue Existenz. Eine reicht nie, um alles loszuwerden …

    Das Gefühl, getan zu haben, was ich tun konnte.

    Wie sterben? Keine Trennung ist leicht, da mache ich mir keine Illusionen … wie zäh Leben sein kann, trotz Leid, das sehe ich gerade bei meinen Eltern. Wünschenswert wären verantwortungsvolle Menschen um mich, wenn es dann so weit ist, die mir zumindest Schmerzen ersparen können.

    Letzte Ruhe?
    Durch`s Feuer.
    Die Erde ist verseucht genug …

    Sei herzlich gegrüßt, lieber Richard!

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  4. Guter Text mal wieder.
    Mir ist es völlig egal was nach meinem Tod mit mir passiert. Ich wohne dann nicht mehr in diesem Körper, weshalb er auch vergammelt. Vielleicht komme ich woanders hin, vielleicht gehe ich in einen anderen Zustand über, vielleicht ist alles wie vor meiner Zeugung nämlich NICHT. Ich hoffe nur, ich krieg keine 72 Jungfrauen wie die Moslems. Ich möchte nicht mit 72 Frauen zusammenwohnen. Dann lieber Hölle.
    Wenn ich sterbe wäre ich gern sehr sehr high. Um die Endorphin-Ausschüttung einzuleiten. Ich hoffe ich sterbe so, das ich die Ausschüttung mitbekomme. Alle Glückshormone, Serotonin, Adrenalin, Dopamin auf einmal. Wheee! Ich glaube das erklärt auch das Licht.
    Falls sogar jemand ne Trauerfeier macht, fände ich dieses Lied gut:

    (Text geht spät los, Geduld)

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