Jesus wird getauft – eine Karikatur zur Solidarität Gottes mit den Menschen

Liebe Gemeinde,

können Sie sich erinnern an all die Aufregung, die es vor einigen Jahren gab, weil eine dänische Zeitung Karikaturen über den Propheten Mohammed gedruckt hatte? Es war unter anderen Zeichnungen ein Bild veröffentlicht worden, das den Propheten mit einem Turban zeigte, der wie eine Bombe mit brennender Lunte aussah.

Es war eine schlechte Karikatur und eine wenig tief schürfende Satire, die dem Islam Gewaltbereitschaft und Intoleranz unterstellte – und die dann ironischerweise gerade durch die Reaktion einiger am Konflikt interessierter fundamentalistischer Gruppen unter den Moslems in aller Welt bestätigt wurde.

Fast überall in der arabisch-islamischen Welt ließen sich damals Menschen zum Aufruhr aufhetzen, dänische Flaggen wurden verbrannt, die Fenster der Botschaften eingeworfen, später wurden dann auch dänische, norwegische und französische Botschaften von aufgebrachten Menschenmengen besetzt und Feuer darin gelegt. Kirchen wurden angezündet, Missionare erschossen… Mehr als zweihundert Menschen kommen bei diesen durch islamistische Scharfmacher angezettelten Unruhen ums Leben.

Obwohl es auch in Deutschland Demonstrationen gab, hat die Mehrheit der Moslems hier bei uns die Karikaturen damals achselzuckend ignoriert. – Eine respektlose Zeichnung – so werden sie sich selbst beruhigt haben – kann die Ehre des Gründers der mohammedanischen Religion nicht wirklich antasten…

Ein ähnlicher Skandal muss im ersten Jahrhundert das Glaubensbekenntnis der Christen gewesen sein: Dass Gott selbst als Mensch geboren sein soll, dass er mit Windeln in einer Futterkrippe liegt, gewärmt durch den Atem von Ochs und Esel – das muss den Juden wie eine bitterböse Satire erschienen sein.

Dass Gott selbst leidet wie ein Verbrecher, ans Kreuz geschlagen von den Römern, dass er seinen Geist aushaucht und stirbt wie ein ganz gewöhnlicher Mensch – das war ihnen sicher ein unerträglicher Gedanke, und es ist eigentlich fast seltsam, dass keine Nachricht über Aufruhr und Anfeindungen wegen dieser Gotteslästerung bis in unsere Tage überliefert sind.

Aber es ist wahr: Wir Christen glauben und bekennen dies: Gott wird Mensch in seinem Sohn Jesus Christus. Im vierten Jahrhundert wurde das Glaubensbekenntnis von Nicaea und Konstantinopel formuliert, das seitdem das Credo der Welt-christenheit ist und in beinahe jedem Gottesdienst bekannt wird: (Christus ist) „der einzig geborene Sohn des Vaters, Gott von Gott, Licht vom Licht, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater…“ – „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen und hat Fleisch angenommen von der Jungfrau Maria…“

Schon in der Bibel selbst heißt es: „Gott entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, er ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod…“

Doch selbst den Christen der ersten vier Jahrhunderte ist es schwer gefallen, zu akzeptieren, dass in Jesus Christus Gott selbst Mensch geworden ist, Fleisch angenommen hat, dass er in Jesus Christus ganz Gott war und blieb und doch ganz Mensch geworden ist. Lange wurde darüber gestritten, wie es denn sein kann, dass Gott in die Welt kommt und den unendlichen Abgrund zwischen Himmel und Erde so greifbar körperlich überwindet.

Was in der Theologie die „Lehre von den zwei Naturen Christi“ genannt wird, war vor der Formulierung des Nicaenischen Glaubensbekenntnisses ein sehr strittiger Punkt unter den Christen; eine Frage, auf die es viele verschiedene Antworten gab.

Die Anhänger des Arianismus beispielsweise verkündeten, dass Jesus zwar ein besonders von Gott beauftragter und darum über alle anderen Menschen erhobener Mensch war, dass er sogar für die Rechtfertigung und zum Heil aller Glaubenden sterben sollte; dass er aber nicht gleichen Wesens mit Gott war, sondern nur Gott ähnlich. Er war als Sohn Gottes gewissermaßen „adoptiert“, aber er war nur ein Mensch und ist immer Mensch geblieben.

Andere behaupteten, in Jesus Christus sei Gott unter den Menschen erschienen, er habe aber die menschliche Natur nur scheinbar, so wie eine Verkleidung, angenommen und habe sich in Wirklichkeit weder mit den menschlichen Fleisch noch mit Leiden und Tod befleckt… Christus war Gott, aber er war nur Gott und hat sich mit der Geschöpflichkeit, der Schwachheit, der Sündhaftigkeit des Menschen niemals eingelassen.

Warum dieser Ausflug in die Geschichte der christlichen Dogmen? Und warum die Erinnerung an den Karikaturenstreit unter den Moslems im Januar und Februar 2006?

Weil ich denke, dass die liturgische Ordnung der Kirche und der Brauch, das Kirchenjahr zu feiern, eine größere Weisheit unter uns lebendig erhält, als uns selbst vielleicht bewusst ist. Die Sonntage nach dem Epiphaniasfest sind nach der Ordnung dem Erinnern an die Menschwerdung Christi gewidmet. Die Inkarnation, also das „Ins-Fleisch-kommen“ Gottes in Christus, wird uns unter verschiedenen Aspekten nahe gebracht und unserem glaubenden Erkennen aufgegeben.

Heute, am ersten Sonntag nach Epiphanias, erinnert uns die Tradition der Kirche daran, dass Jesus getauft wurde durch Johannes, den Täufer. Als er Jesus erblickte, sagte er: „Ich sollte wohl viel eher von Dir getauft werden, und Du kommst zu mir?“ Aber Jesus antwortete: „Lass es so geschehen, es ist angemessen für uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen…“

Liebe Gemeinde, diesen Schritt, den Jesus da vollzieht, das ist echte Solidarität mit uns Menschen. Das ist nicht nur die intellektuelle Sympathie, die wir immer so aufbringen, wenn es um die anderen geht. Um die Bedrückten und die in Not. Keine vordergründige Sympathie, die kurz betroffen ist vom Schicksal anderer, um dann doch gleich wieder auf sich selbst zu schauen, auf das eigene Wohlbefinden. Keine politisch korrekte Sympathie mit denen, die gerade im Rampenlicht stehen und öffentliche Aufmerksam erregen, bis auch sie wieder in die Vergessenheit zurückfallen.

Jesus taucht ein in das Jordanwasser und die Gemeinschaft mit uns Menschen. Er ist der Gott mit uns und nicht über uns. Er ist der Gott neben uns und nicht vor uns. Und um diese Solidarität und Gemeinschaft zu zeigen, auch darum lässt Jesus sich von Johannes taufen.

Bemerkenswert an dieser Taufe ist, dass sich dem Getauften der Himmel öffnete und es ist nicht die Rede davon, dass er sich je wieder schloss. Mit dieser Taufe hat sich Gott offenbart.

Da tritt einer heraus aus der Menge der Menschen und wird als einzelner hervorgehoben. Zugleich strahlt aber die Zusage Gottes an ihn ab auf uns alle: Dieser eine Sohn macht uns alle zu Kindern Gottes. Er will die „Gerechtigkeit Gottes erfüllen“ – sagt er – und er meint damit sein ganzes späteres Leben: Er wird heilen und lehren, Befreiung bringen und das Fest des Lebens feiern. Er wird auch tief leiden, verzweifelt sein, er wird sterben – und auferstehen zum Leben.

Und er wird für alle Menschen gutes, volles, ganzes Leben bringen. Leben als Kinder Gottes. Das dürfen wir mithören und erkennen, wenn Jesus seine Taufe geschehen lässt um die Gerechtigkeit Gottes zu erfüllen – es Gott recht zu machen!

Es war keine Karikatur; es war des wahre Bild Gottes, das er in Christus gezeigt hat. Das Bild Gottes, der sich den Menschen nahe macht, das Bild des Schöpfers, der sich in ultimativer Weise zu seinem Geschöpf stellt, das Bild dessen, der unser Leiden zu seinem Leiden macht und der zum Lamm Gottes wird, das die Sünde der Welt trägt.

Amen.

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