Der Pfarrer lebt hier nicht mehr…

Heute war ich wieder mal in Schöneberg; in der Gegend, in der ich vor Jahren gelebt und gearbeitet habe. Jedes Mal, wenn ich dort bin, werden viele Erinnerungen wach. Vieles, was geschmerzt hat und eine Last war, wird von dem innerlichen Abstand verklärt; und sehr Vieles war ja auch wirklich sehr schön gewesen, und manches vermisse ich bis heute noch.

Im Pfarrhaus wohnt nun eine kleine Familie, Vater, Mutter, Kind; und an der Tür steht ein anderer Name. Aber die Rosen und die Hyazinthen, die meine Frau in den Vorgarten gepflanzt hat, stehen da immer noch und trotzen tapfer der Trockenheit. Hier könnte auch mal wieder Unkraut gezupft werden…

Im Fenster neben der Eingangstür hängt immer noch das Oster-Bild, das wir mal mit Fenstermalfarbe dort hin gemalt haben, in den Neunzigern, als diese Farben große Mode waren. Und durchs Küchenfenster kann ich sehen, dass da immer noch alles in der mintgrünen Farbe gestrichen ist, die wir damals ausgesucht haben. Anscheinend hat sie den Nachmietern auch gefallen…

Aus dem Wohnhaus sind manche Familien inzwischen ebenfalls ausgezogen, auch hier stehen neue Namen auf dem Klingelbrett, und von den älteren Menschen sind manche inzwischen gestorben, das weiß ich. Wie lang vier Jahre plötzlich sein können!

Aber manche Namen stehen noch da, und es fällt mir schwer, der Versuchung zu widerstehen, dort einmal zu klingeln.

Durch das große, klare Kirchenfenster kann ich den Altar erkennen mit dem kleinen Kreuz und den sechs großen goldenen Leuchtern, und darüber strahlt das Mannessier-Kirchenfenster wie seit Jahrzehnten sein „Österliches Halleluja“.

Die schönen Liturgien, die wir hier gefeiert haben, gibt es jetzt aber nicht mehr; die neue Pfarrerin setzt einen Schwerpunkt auf die Arbeit mit Familien und macht eigentlich nur noch Kindergottesdienste und Familienandachten mit neuen Liedern, kindgerecht und modern.

Vielleicht hat sie recht und so etwas spricht die Menschen, die dort in der Gemeinde wohnen, mehr an als lutherische Lieder und gregorianische Psalmen.

Die Kirche ist abgeschlossen, aber ich höre Orgelklänge aus dem Inneren, der neue Kirchenmusiker übt für sein nächstes Konzert. Ich habe ihn noch kennen gelernt, kurz bevor ich aus der Gemeinde weggegangen bin.

Zuletzt laufe ich noch einmal über den Friedhof, schaue mir ein paar von den Gräbern an, die von der Gemeinde gepflegt werden; Gräber, in denen jeweils zwölf oder sechzehn Urnen von ehemaligen Gemeindegliedern bestattet sind. Wem sagen die Namen heute noch etwas? Ich habe sie damals beerdigt, ein paar von ihnen kannte ich gut.

Es beginnt zu regnen, Ich verlasse den Friedhof, setze mich in ein nahes Cafe und denke nach. Es ist gut, dass ich nicht mehr hier arbeite. Aber ein bisschen fühlt es sich immer noch wie Heimat an…

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5 Gedanken zu “Der Pfarrer lebt hier nicht mehr…

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