Predigten langweilen mich!

Ich habe einen interessantet Podcast entdeckt! Jonas Goebel, ein junger Pfarrer aus Hamburg hat zu viele langweilige Predigten gehört und postet nach und nach kurze Texte darüber, wie Predigerinnen und Prediger es seiner Meinung nach besser machen könnten. Er möchte, wenn er fertig ist, 42 Ideen für ein schöneres Erlebnis am Sonntagmorgen weitergeben. Der Stil, die Form und die Absicht seiner Beiträge sprechen mich an, denn er ist jemand, der die Suche nach einem guten Predigtstil offensichtlich sehr ernst nimmt. Ich habe ihm auf sein Blog einen kurzen Beitrag geschrieben, den ich auch hier veröffentlichen will.

Sein Blog findet ihr hier: juhopma.de , den Podcast da: Klick zum Hören

Wenn ich einen Vortrag oder eine Predigt höre, hilft es mir, wenn ich einen klaren Aufbau erkennen kann. So hab ich es auch in meinem Studium an der Kirchlichen Hochschule in Berlin gelernt – die Predigt hat eine Einleitung, drei bis vier Hauptteile und einen hoffentlich spannenden und das Ganze abrundenden Schlußteil. Das Ganze soll in der Regel nicht mehr als eine Viertelstunde dauern.

So habe ich auch selbst über viele Jahre hinweg gepredigt. Mir und auch den Zuhörenden im Gottesdienst ist es dabei nicht langweilig gewesen, jedenfalls nicht wegen dieser Form. Sie hat den Vorteil, dass man sich zurechtfinden kann und man immer ungefähr weiß, „wo“ man gerade ist.

(Ähnliches gilt meiner Meinung nach auch für die liturgische Form des ganzen Gottesdienstes. Ich liebe die klassische Form der Agende bzw. die „lutherische Messe“; aber selbst, wenn der Gottesdienst mal ganz anders gestrickt wird und die Form bewusst und verantwortlich gegen den Strich gebürstet wird – die Gemeinde sollte immer erkennen können, was da gerade veranstaltet wird und welchen Sinn es im Rahmen des ganzen Gottesdienstes hat.

Das ist nicht so selbstverständlich, wie ich eigentlich gedacht habe. Gerade in Familiengottesdiensten, oft aber auch bei Hochzeiten oder anderen festlichen Anlässen muss einfach alles Mögliche in den Gottesdienst hinein „gepresst“ werden, so dass am Ende nicht mehr klar ist, was das Lied vom Kinderchor über die Raupe Nimmersatt oder das launige Gedicht von Tante Luise eigentlich in diesem Gottesdienst erreichen soll.

Und dann wird fürchterlich viel erklärt und moderiert, dass der Gottesdienst sich eher wie eine Fernsehshow anfühlt als wie eine Feier der Gemeinde. Mein Gefühl sagt mir immer – wenn ich der Gemeinde die Liturgie erst erklären muss, dann stimmt irgendetwas nicht.)

Zurück zu den Gedanken zur Predigt: Ich habe gelernt, dass Vikarinnen und Vikare jetzt eine andere Art zu predigen gelehrt bekommen: Die Mode heißt jetzt „dramaturgisch predigen“ und das Guru-Buch dazu heißt „Im Wechselschritt zur Kanzel“. Ich habe es gelesen und fand es gar nicht „nur schlecht“ – und ich habe auch ganz interessante Predigten in Internet gelesen, die nach dieser Form bzw. Methode geschrieben worden sind.

Der Aufbau ist grob gesagt folgender: Einleitung, 1.a, 2.a, 3.a, Hauptteil, 3.b, 2.b, 1.b, Schluss. Die Abschnitte 1-3 (in dem vorhin erwähnten Buch heißen sie „Moves“, nur – warum?) sind dabei meistens mehr oder weniger ausgedachte und erfundene Geschichtchen, die in irgendeinem im Haupteil genannten Predigtgedanken in einem lockeren Zusammenhalt stehen. Meistens ist eine dieser Geschichten dann der Bibeltext, der für den Sonntag vorgeschlagen ist. Dramatisch bzw. dramaturgisch soll das Ganze aufgebaut sein und so die Zuhörenden mit nehmen auf jenen Weg zwischen dem biblischen Text und dem, was sie selbst erlebt haben, was sie selbst glauben, was sie selbst für ihren Alltag brauchen.

Wie gesagt, ich habe Beispiele gelesen, die sehr interessant und gelungen sind, meistens aber finde ich bei den Predigenden einige sehr mühsam herbeifantasierte Anekdoten, die ich oft gar nicht glaube – oder einen eher ermüdenden Reigen von Lesefrüchten aus der Tageszeitung, der Heute-Show oder auch aus Twitter und Facebook. Da wäre weniger bestimmt mehr.

Mir fällt es bei Predigten nach dem klassischen Aufbau leichter, zu zu hören. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, bei welcher seiner Geschichten der Prediger oder die Predigerin gerade ist und wie die a.- und b.-Teile zusammenhängen – und ich kann mich um so mehr anregen und faszinieren lassen von den inhaltlichen Herausforderungen, die auch in klassischer Predigtform und in klassischer Liturgie dargestellt werden können. Sehr gut sogar, weil nicht so viel ablenkt.

Kirche und Kaffee

Kirche und Kaffee – das gehörte für mich schon immer zusammen. Auf Gemeindefesten, bei Mitarbeiterrunden, bei den Liedernachmittagen mit dem Frauenkreis und beim Gottesdienstnachgespräch – immer gibt es Kaffee. „Bleifrei“ ohne Koffein für die Menschen mit schwachem Herzen. Schwarz und kalorienfrei „wie die sündige Seele“ oder mit Milch für die, die es etwas „nahrhafter“ mögen. Nur sehr wenige Gemeindeglieder trinken Tee, und kaum jemand trinkt Mineralwasser, abgesehen von den Kindern, die dann gern einen Schluck Apfelsaft mit hinein mischen.

Lang vorbei sind die Zeiten, in denen endlos darüber gestritten wurde, ob es fair gehandelter Kaffee aus Nicaragua sein muss oder ob auch der billige magenfreundliche Pulverkaffee aus dem Discounter reicht. Vorbei sind wohl auch die Zeiten, in denen es während das Fastens keinen Kuchen, sondern nur Mohrrüben zum Knabbern gab – was nicht wirklich zum Kaffee passte. Ironisch veranlagte Freiwillige backen einen Möhrenkuchen mit Zuckerguss und Rübchen aus Marzipan oben drauf. Dann haben wir beides – Feiern und Fasten…

Interessant sind für mich natürlich immer die Kommentare zu meinen Gottesdiensten, die ich „nach der Kirche“ heimlich mithöre oder direkt gesagt bekomme. Ich freue mich darüber, dass es meistens Gutes ist, was da zu hören ist; aber etwas verwunderlich finde ich, dass oft Dinge, die ich gar nicht gesagt habe oder nur im Nebensatz erwähnte, den kräftigsten Eindruck hinterlassen.

Immer wieder übe ich daran, die wichtigsten Gedanken so einfach, deutlich und einprägsam wie möglich auszusprechen, denn sie haben gegen heftige Interferenzen und Störgeräusche zu bestehen – die Müdigkeit der Zuhörenden am Sonntagmorgen, die eigenen Gedanken, die meine Impulse ergänzen und weiterführen, Verhörer und Missverständnisse, und natürlich die Erwartungen der Gottesdienstbesucher, die so oft nur hören, was sie hören wollen. Alle diese Ablenkungen verstehe ich gut, mir geht es ja selbst nicht anders, wenn ich bei Kolleginnen oder Kollegen im Gottesdienst sitze. Ich muss es nur wissen und damit rechnen.

Über das Kirchenkaffee gab es vor zwei Jahren einen interessanten Artikel in der Sendung „Feiertag“ auf Deutschlandradio. Hier ist er immer noch nachzuhören – vielleicht bei einer Tasse Kaffee…

Mehr als alle anderen…

Predigttext: Markus 12, 41-44: Die Gabe der armen Witwe

41 Und er setzte sich dem Schatzkasten gegenüber und sah, wie die Volksmenge Geld in den Schatzkasten einlegte; und viele Reiche legten viel ein.
42 Und eine arme Witwe kam und legte zwei Scherflein ein, das ist ein Pfennig.
43 Und er rief seine Jünger herbei und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr eingelegt als alle, die in den Schatzkasten eingelegt haben.
44 Denn alle haben von ihrem Überfluß eingelegt; diese aber hat aus ihrem Mangel alles, was sie hatte, eingelegt, ihren ganzen Lebensunterhalt.

Liebe Gemeinde!

Stellen wir uns mit Jesus in den Tempel, geradewegs neben einen dieser Kästen mit dem Schlitz oben drin, in den die Leute die Kollekte werfen. Sehen wir zu, wie sie kommen, Reiche und Arme, und ihre Gabe einwerfen.

Heutzutage ist das Spenden, vor allem in der Kirche, ein sehr persönlicher Moment, und wer einen Rest von Anstand bewahrt hat, sieht nicht hin, ob der andere einen Fünfer oder einen Hunderter in den Klingelbeutel gibt… Die Rechte soll nicht wissen, was die Linke tut, und auch die Nachbarn rechts und links geht das nichts an.

Aber damals war das anders. Ich habe gelesen, daß an den Opferstöcken jeweils ein Priester stand, der genau zusah, wer wieviel gab, und daß die großzügigen Spender laut gelobt wurden: „Seht, der Kaufmann Elijahu hat dreihundert Shekel gegeben, dreihundert Shekel Silber zur Ehre Gottes, gepriesen sei sein Name, und für die schönen Gottesdienste im Hause des Herrn!“ Aber wenn jemand wenig gab, wurde er benörgelt und sogar verspottet, aber seine Gabe nahm man doch… „Was, nur einen Shekel von Shimon, dem Türsteher im Hause des Nathan? Das reicht doch nicht einmal für eine Taube zum Opfer, für ein Lied auf den Stufen des Altars… Was für ein Geizkragen!“

Da steht also Jesus, sieht und hört, wie die Reichen kommen und viel in den Kasten legen und gelobt werden, und wie die Armen kommen und wenig bringen und gedemütigt wieder abziehen…

Pfennige für Gott

Und dann kommt diese arme Frau, eine Witwe. Sie lebt von dem, was es damals als „Sozialhilfe“ gab, ein paar Pfennigen, mit denen man beim billigsten Wirt in einer Armenküche ein Süppchen bekam. Einmal pro Woche bekam sie 14 „Scherflein“ ausbezahlt, und von diesem Geld bezahlte sie eine Woche lang ihr Essen. Sonst hatte sie wohl nichts.

Und diese Frau, das können wir gut sehen, legt nun zwei Scherflein in den Kasten. Wir sehen das Grinsen auf dem Gesicht des Priesters, für eine so kleine Gabe macht er nicht einmal den Mund auf. „Ein Pfennig? Peanuts!“ Wir sehen die Frau, wie sie scheu um sich blickt und dann geht und schnell in der Menge verschwindet. Jesus sagt zu seinen Jüngern: Diese Frau hat mehr, hat Wertvolleres in den Kasten gegeben als die Reichen alle zusammen: Denn sie haben von ihrem Überfluß abgegeben; diese Frau aber hat aus ihrem Mangel alles gegeben, was sie hatte.

Gegen den moralischen Appell

Halten wir einen Augenblick inne und denken nach… Worum geht es? Ich denke, daß es nicht Sinn der Geschichte ist, hier einen moralischen Druck aufzubauen, ein Gesetz aufzurichten in dem Sinne: Ihr, die ihr hier sitzt, ihr seid doch alle reich im Verhältnis zu dieser Armen Witwe, also tut mal ordentlich was in die Kollekte nachher, sonst… Nein! Darum geht es hier nicht. Und es geht auch nicht darum, zu sagen, daß wir als Christen doch bitte mehr unternehmen sollten für die Armen und die Witwen und die Bedürftigen… Sicher, die Kirche hat hier auch ihre Aufgabe, aber der Staat hat ein soziales Netz aufgebaut, um denen zu helfen, die in Not geraten sind, und hat wohl schon lang zuviel seiner Verantwortung an die Kirche und andere freie Träger abgegeben. Solche „guten Werke“ stehen dem gläubigen Christen gut an, aber nicht um diese geht es hier…

Ganz oder gar nicht…

Vom Ernst der Nachfolge ist hier die Rede. Was Jesus seinen Jüngern am Beispiel dieser Frau klar machen will, ist, daß man ganz Christ ist – oder gar nicht. Ein halber Christ ist ein ganzer Quatsch.

Sie wissen, daß ich bei diesen „Ganz-oder-gar-nicht“-Alternativen eher mißtrauisch reagiere, aber hier kann ich nicht dran vorbei. Das steht so in der Bibel. Jesus lädt nicht gerade dazu ein, ihm Nachzufolgen, und er macht es denen, die dazu bereit sind, nicht leicht. Sie sollen vorher überlegen, was es sie kosten wird, seine Jünger zu sein, damit sie nicht später schwach werden und zurückbleiben. „Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegt“, keinen Platz, an dem er wirklich zuhause ist. „Wer nicht seinen Vater und seine Mutter verläßt um meinetwillen, der ist meiner nicht wert.“ – „Laß die Toten von den Toten begraben, du – komm und folge mir nach!“ – „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, er nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach…“

Ja, das sind Sätze, die man nicht so einfach versteht, an denen ein Mensch wie ich wohl sein ganzes Leben lang knabbern wird, aber – darunter ist es nicht zu haben. Wenn Jesus einen Menschen haben will, will er ihn ganz.

Gegen das Bedürfnis, sich abzusichern…

Jesus hat – vielleicht durch eigene Erfahrung genährt – ein ziemliches Mißtrauen gegen die reichen Leute gehabt. Zwar hat er auch begüterte Freunde gehabt, deren Leben sich durch die Begegnung mit ihm ent-scheidend verändert hat, aber doch sah Jesus sich durch seine Erfahrung zu dem Stoßseufzer genötigt: „Ein Reicher kommt doch nur sehr schwer ins Himmelreich…“

Reiche Leute verlassen sich nur zu gern auf sich selbst, auf das, was sie mit eigener Kraft erarbeitet haben, auf das, was sie sich zurückgelegt haben. „Du hast nun genug auf viele Jahre, also iß und trink und genieße, was Du Dir aufgebaut hast…“ sagt der reiche Kornbauer zu sich selbst.

Und nichts ist daran falsch, reich zu sein, stolz zu sein auf die Früchte seiner Arbeit, und genießen zu wollen was man sich erarbeitet hat. Die Welt und auch die Kirche braucht solche Menschen, die arbeiten, Spenden geben und Steuern zahlen und zum Gemeinwohl mit ihrem Können und ihrem Tun beitragen.

Aber wer so sein Leben geordnet hat, wer seine Straße geebnet hat und überblicken kann, was da auf ihn zu kommt, auch und gerade finanziell, der gerät zu leicht in die Gefahr, daß Gott außen vor bleibt. Gott wird für ihn … unwichtig. Man leistet es sich, religiös zu sein. Man geht vielleicht noch in den Tempel, läßt vielleicht sogar größere Spenden da, die kann man ja von der Steuer absetzen… Und es tut ja nicht wirklich weh…

Andere von uns sind vielleicht nicht reich, wenn es um Geld geht, aber sie haben andere Dinge, auf die sich sich so felsenfest verlassen. An einer Ehe, einer Familie ist wirklich nichts Schlechtes, Jesus hat darüber nur Gutes gesagt, aber wenn sie in unserem Leben die Stelle Gottes einnimmt, hält sie uns von dem Allerwichtigsten in unserem Leben fern.

Manch einer von uns hat seine Pläne gemacht für sein Leben, hat sich Dinge vorgenommen, sich Ziele gesteckt, hat eine Vision, der er folgt. Das ist gut so und hat meine größte Hochachtung, nur wenige Leute denken überhaupt so weit. Aber wenn Gott nicht in dieser Lebensplanung vorkommt, oder wenn er vielleicht nur ein Teil dieser Vision ist, aber ohne Schmerzen daraus gelöst werden könnte, dann ist das ganze Leben auf der breiten Straße unterwegs, die in das Verderben führt.

Die Versuchung ist für mich immer da, mein eigenes Leben zu leben, dem eigenen Willen zu folgen, gewissermaßen nur unter Vorbehalt Christ zu sein. „Ja, Herr, – aber…“ das sind aber nicht die Worte des Gehorsams des Glaubens, sondern die Worte, die verraten, wenn in meinem Leben etwas anderes den Platz Gottes eingenommen hat.

Diese Frau – sie gibt alles, was sie hat. An diesem Tag wird sie wohl hungern müssen. Denn diese zwei Scherflein waren ihr Suppengeld für diesen Tag. Das war ihr egal. Vielleicht hat sie später irgendwo jemanden gefunden, der sie eingeladen hat, und sie hat es dann sicher dankbar angenommen und Gott gedankt, aber selbst, wenn sie gehungert hat, das war es ihr wert. Denn an diesem Tag hat sie ihre Gabe in den Tempel gebracht und damit einen Gottesdienst gefeiert, der im Himmel genau so schön klingt wie das Singen der Priester auf den Stufen des Tempels und ebenso duftet wie der Wohlgeruch der Tauben und der Schafe und Ochsen auf dem Altar.

Sie hat sich gegeben in diesem Opfer, denn sie hat sich für diesen Tag Gott anvertraut. Aus ihrer Armut hat sie die Fülle gegeben. Sie hat ihren Glauben bewiesen an den Gott, der Himmel und Erde erhält und der auch sie, die arme Frau, am Leben erhalten wird. Sie hat ihre Hoffnung bewiesen, daß der Gott, der Gras wachsen läßt für die Tiere und Saat zu Nutz den Menschen, auch ihre Kraft und ihre Gesundheit erhalten wird. Und sie hat die Liebe gezeigt, mit der sie der Liebe Gottes anwortet, der der Vater aller Menschen ist. Was bedeutet es da noch, daß sie nur einen Pfennig gegeben hat?

…die Liebe ist die Größte unter ihnen…

Im Letzten heißt also die Frage, ob wir Gott so vertrauen, daß wir Gott seinen Platz in unserem Leben lassen, den Platz in unserem, der ihm gehört, wenn er Gott ist: Den Platz des Erlösers, der uns frei macht von dem Zwang, selbst einen Sinn und ein Ziel für unser Dasein zu suchen. Den Platz des Ernährers, der uns alles gibt, was wir zum Leben brauchen und dessen treue Hilfe uns frohgemut in die Zukunft schauen läßt. Den Platz des guten Hirten, dem wir zutrauen, daß er uns auch im Todesschattental mit seiner Hilfe begleitet und uns den Tisch im Angesicht unserer Feinde deckt.

Im Letzten heißt die Frage, ob wir Gott so lieben, daß wir uns ihm ganz anvertrauen. Dann ist auch alles, was wir bringen können, genug und aller Ehren wert, selbst wenn es nur ein Pfennig ist.

Das kannt du glauben…

Zur Taufe gehört das Glaubensbekenntnis. Gemeinsam sprechen wir, was uns miteinander verbindet, hier in unserer Kirchengemeinde und mit der Gemeinschaft aller Christinnen und Christen der Welt.

Obwohl wir wissen, dass jeder von uns diese Worte mit anderen Inhalten füllt, mit seinen eigenen Gedanken färbt, mit der Melodie seiner eigenen Ideen klingen lässt – wir haben uns auf diese Worte geeinigt und spüren, wie sie als Symbol unserer Einigkeit taugen, wie sie unserem gemeinsamen Glauben die Sprache geben, wie sie uns aus dem ratlosen Schweigen heraus helfen, das uns nur zu leicht befällt, wenn jemand uns nach Gott fragt.

Auch mit der Hilfe unserer kirchlichen Tradition, auch mit den Worten unserer Mütter und Väter ist es nämlich oft genug unglaublich schwer, wirklich aus dem zu leben, was wir gemeinsam bekennen. Die kräftigen Worte allein helfen nicht weiter, wenn unser Herz nicht mitschwingt, wenn wir zwar mit mitreißenden Melodien vom Sieg des Lebens singen und unser Glaube möglicherweise zu schwach ist und unsere Treue wie Glas zerbricht, sobald sie auf die Probe gestellt wird, in der Nacht, bevor der Hahn kräht…

Mit einer Art Ehrfurcht blicken wir auf jene, die ihr fester Glaube zu Vorbildern der Christenheit gemacht hat, wenn nicht zu Heiligen: auf Dietrich Bonhoeffer, der vor siebzig Jahren für seine Überzeugungen in den Tod gegangen ist, auf Menschen wie Albert Schweitzer, die ihr Leben der tätigen Nächstenliebe gewidmet haben, auf Menschen wie Papst Franziskus, an dem wir ernsthafte, tief empfundene Frömmigkeit bewundern – sind wir ihnen gegenüber nicht wie neugeborene Kinder, die noch nicht einmal die ersten Schritte aus eigener Kraft tun können?

Wiegt mein Glaube nicht noch weniger als das sprichwörtliche Senfkorn, wenn er scheinbar so folgenlos bleibt, dass mich nicht einmal jemand nach meinen christlichen Überzeugungen fragt?

Manchmal frage ich mich: Wenn ich in den Jahren gelebt hätte, in der Jesus noch unter den Menschen war, wenn ich das Wunder der Auferstehung selbst miterlebt hätte – würde es mir dann leichter fallen, an Gott zu glauben?

Die Evangelisten schreiben in ihren Berichten von der Auferstehung, dass die Frauen, die vom Grab her kamen und den Jüngern begeistert erzählten, was der Engel ihnen gesagt hatte, keinen Glauben fanden. Sogar sie, die ihn Jahre lang aus nächster Nähe erlebt haben, die seine Worte selbst gehört haben – sie konnten es nicht glauben, das er auferstanden sei.

Ein typisches, aber nicht das einzige Beispiel ist Thomas, der Jünger, der nicht bei den anderen war, als Jesus ihnen zum ersten Mal nach seiner Auferstehung erschien. Obwohl ihm alle anderen Jünger von ihrem einzigartigen Erlebnis berichteten, sagte er: „Wenn ich nicht selbst meine Hände in seine Wundmale legen kann und mit meinen eigenen Fingern die Wunde in seiner Seite fühlen kann, kann ichs nicht glauben.“

Maria Magdalena hielt ihn, den Auferstandenen, zuerst für den Gärtner. Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus erkannten ihn erst nach Stunden, als er mit ihnen das Brot brach.

Und auch als Jesus bei seinem Abschied die Mission in aller Welt anvertraute, als er sie für alle Völker der Welt zu Zeugen des Glaubens machte, heißt es im Matthäus-evangelium „Etliche aber zweifelten…“

Das Sehen allein scheint nicht genug zu sein, um den Glauben zu wecken. Sie waren dabei, sie haben es selbst miterlebt – und zweifelten dennoch.

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ sagt Jesus, als Thomas sein Glaubensbekenntnis hinaus gestottert hatte, und meint damit nicht zuletzt uns. Wir sehnen uns danach, etwas zu haben, das unserem Glauben aufhilft, eine Erfahrung der Nähe Gottes, ein Zeichen, ein Wunder, eine Berührung, einen Hauch des Heiligen Geists – aber Jesus sagt: Freuen dürfen sich die, selig und fröhlich sind die, die nichts vor ihren Augen haben, glücklich dürfen die sein, die nichts Geifbares erfahren haben – und die dennoch glauben, sich trotzdem auf Gott verlassen, die trotzdem wissen, dass er an ihrer Seite ist, treu in guten wie in schweren Zeiten, und sie begleitet, behütet, hebt und trägt, auch wenn sie nichts davon spüren…

Ich denke, dass Glauben und Zweifeln zusammen gehören; ja, dass Glaube gar nicht echt sein kann ohne Zweifel. Glaube entsteht erst da, wo das Vertrauen auf die Probe gestellt wird.

Thomas sucht nicht die hellen Augen des Auferstandenen, nicht seinen lebendigen Atem, nicht seine liebevolle Umarmung: Er sucht seine Wunden, seine Verletzungen, die Zeichen seines Leidens und Sterbens.

Er sucht die Zeichen der Gewalt, die man ihm angetan hat. Er sucht die Zeichen seines Leidens. Weil sie an ihm immer noch sichtbar sind, weil er sie immer noch an ihm fühlen kann mit seinen Fingern, darum glaubt Thomas.

Ein auferstandener Christus, dem er seine Leidensgeschichte nicht mehr abspüren könnte, der hätte keinen Glauben in Thomas geweckt.

Christliche Angeber

Wie schön ist es, wenn man so ab und zu richtig angeben kann! Wenn man voller Stolz auftrumpfen kann mit Dingen, die man erreicht hat, die man sich erarbeitet hat; wenn man die Bilder von seinem Haus, seinem Auto und seinem Segelboot auf den Tisch werfen kann und sich dann zufrieden zurücklehnt und die Bewunderung seiner Freunde genießt – wie schön!

Noch besser als wir Großen können das Kinder, die geben mit allem an: Wie weit sie hüpfen können, wie toll ihr Schaufelbagger ist oder wie dick ihr dicker Onkel. Sie kennen den doch? Drei Kinder unterhalten sich und hauen dabei ordentlich auf den Putz: Mein Onkel ist Pfarrer, sagt der eine, und jeder, der ihn trifft, sagt „Hochwürden“ zu ihm. – Ist ja noch gar nichts, sagt der zweite, mein Onkel ist Kardinal, und jeder, der ihn trifft, muss „Eure Eminenz“ sagen. – Da sagt der dritte: Mein Onkel wiegt dreieinhalb Zentner, und alle, die ihn sehen, sagen nur: „Mein Gott!!!“

Manche geben auch mit Dingen an, für die sie eigentlich wenig bis gar nichts können; zum Beispiel mit dem Erfolg der Fußballmannschaft, deren Fan sie sind, oder dass sie in eine adelige Familie hineingeboren worden sind, oder sie sind stolz, Deutscher bzw. Türke zu sein…

„Gerühmt muss werden.“ schreibt Paulus in seinem Brief an die Korinther, „auch wenn es nichts nützt.“ Die Korinther haben den kleinen, seh-behinderten Paulus mit anderen Predigern verglichen und meinten, dass er eine ziemlich schwache Figur abgibt. „Mit euren Superaposteln könnte ich leicht mithalten,“ schreibt Paulus, „aber nicht damit möchte ich mich rühmen. Ich will mich meiner Schwachheit rühmen, denn Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig…“

Auch im Römerbrief schreibt Paulus über das Rühmen. Und es ist, als ob er sich beim Schreiben dieses Briefes an das erinnert hat, was er Jahre vorher nach Korinth schrieb: „Wir rühmen uns der Hoffnung auf die zukünftige Herrlichkeit, die Gott geben wird.“ Ist das nicht seltsam und ungewöhnlich? Paulus will damit angeben, dass er später mal „in den Himmel kommt“! Und er sagt es direkt davor: Dafür kann ich eigentlich nichts, allein durch den Glauben bin ich gerecht gemacht, der Frieden mit Gott ist mir durch Jesus Christus geschenkt.

Und damit will Paulus sich rühmen, damit will er „angeben“: „Mir ist der Himmel geschenkt!“ Es ist sozusagen unser evangelisches Erbe, dass wir das glauben, schon seit Luther heißt es in der evangelischen Kirche: „allein durch Christus, allein durch den Glauben, allein durch Gnade“ werden wir gerettet, und das ist uns so vertraut und bekannt, dass vor so viel geballter Dogmatik wie im hier Römerbrief die inneren Jalousien runtergehen und die ganze Gemeinde denkt – laaangweilig! Neben der political correctness gibt es so etwas wie eine theological correctness, die uns nur fragen lässt: „Ham´ Sie´s nicht ´ne Nummer kleiner?“

Aber Paulus ist hier nicht bei den großen Worten eines theologischen Überbaus, sondern mitten in einer für ihn alltäglichen Diskussion. Immer und immer wieder will und muss er das sagen, dass er glaubt, dass die Christen nicht durch das Einhalten eines göttlichen Gesetzes, also durch ihre eigene Gerechtigkeit, Frieden mit Gott finden werden. Und er glaubt, dass Christen nicht durch eigene Weisheit und kluge Erkenntnis den Weg in die göttlichen Sphären finden. Ja, er glaubt, dass es denen, die an Christus glauben, schlicht und einfach geschenkt ist – umsonst, gratis, aus purer Gnade und Barmherzigkeit – dass sie nicht die Höllenstrafen leiden müssen, die sie eigentlich verdient hätten, sondern dass sie von Gott die „zukünftige Herrlichkeit“ bekommen, die sie nicht verdient haben. Und damit gibt Paulus an: „Ätsch, ich komm in den Himmel!“

Dass das nicht nur eine dogmatische Richtigkeit ist, wird aus dem nächsten Gedanken deutlich: „Wir rühmen uns auch unserer Bedrängnis…“

Bedrängnis – das ist, wo es eng wird in unserem Leben. Wo uns die Luft zum Atmen fehlt, wo die Möglichkeiten knapp werden und es manchmal keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Paulus hat auf seinen Missionsreisen viel von solchen Bedrängnissen erlebt, im Korintherbrief schreibt er ausführlich davon: In Seenot ist er geraten bis hin zum Schiffbruch; er ist von aufgebrachten Gläubigen wegen seiner neuen Lehre von Christus gesteinigt worden, bis an die Grenzen seiner Kraft hat er gearbeitet, damit in den großen Städten Kleinasiens und Griechenlands christliche Gemeinden entstehen, wo er dann oft verlacht und verspottet wurde; und neben die äußere Bedrängnis stellt sich für ihn die innere, die er wegen seiner Behinderung ertragen muss.