Jesus ist tot… Warum tut die Kirche nichts dagegen?

Vor zehn Jahren – ich war damals noch Pfarrer in der Kirchengemeinde Alt-Schöneberg in Berlin – klingelte am Karfreitag eine Frau an meiner Tür. Sie war leicht betrunken und sah mich aus unsicheren Augen an.

„Wissen Sie eigentlich, dass man Jesus Christus getötet hat?“ sagt sie.

„Ja“, sage ich, ziemlich verblüfft, „ich habe davon gehört…“

Sie sagt: „Ich hab das bis her immer nur für so eine Art Märchen gehalten, für eine Geschichte, aber jetzt habe ich es gestern Abend im Fernsehen gesehen, also muss es doch stimmen.“

Mit Betrunkenen soll man sich nicht streiten, also spiele ich erst einmal mit: „Ja, ich habe gehört, dass die Reporter fürs Fernsehen normalerweise ganz zuverlässig recherchieren…“

Darauf sagt die Frau empört zu mir: „Aber wenn das stimmt, und wenn Sie es wissen, warum tut die Kirche dann nichts dagegen?!“

Mir hat das erst einmal die Sprache verschlagen, und ich habe dann die Frau nach Hause geschickt. „Schlafen sie sich erst einmal aus und kommen sie morgen wieder; dann können wir in Ruhe weiter darüber reden.“

Sie ist dann leider nie wieder gekommen; ich kannte sie auch nicht und konnte nicht nach ihr suchen. Aber ihre entrüstete Frage ist mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Jesus wurde gekreuzigt. Aber warum hat die Kirche nichts dagegen getan?

Einmal davon abgesehen, dass es die Kirche damals noch gar nicht gab, und einmal davon abgesehen, dass es sie vermutlich nie gegeben hätte, wäre Jesus nicht gekreuzigt worden – warum ist es für die Kirche, für die Christenheit wichtig, dass Jesus gestorben ist? Welches Interesse hat sie daran, dass diese Geschichte bis heute erzählt und nacherzählt, besungen, gemalt und inszeniert wird?

Im Laufe der Kirchengeschichte gab es auf diese Frage unterschiedliche Antworten. Im Hochmittelalter beispielsweise wurde der Tod Jesu als Opfertod verstanden. Gott hat Jesus, seinen Sohn, in die Welt gesandt, um sich selbst zum Opfer zu bringen. Durch seinen Gehorsam konnte er den wilden Zorn Gottes besänftigen. Durch sein Opfer konnte er das „Lösegeld“ bezahlen und die Menschen „freikaufen“ von der Strafe für ihre Sünde. Niemand sonst hätte das gekonnt, denn „was kann der Mensch geben, um seine Seele auszulösen?“ Darum musste Gott selbst Mensch werden; nur er selbst war fähig, dieses reine und heilige Opfer zu bringen.

Zur Zeit Luthers griff die entstehende evangelische Kirche auf theologische Einsichten zurück, die in der Bibel vor allem durch Paulus vertreten werden. Stellvertretend sollte Jesus die Sünde der Menschen tragen. Denn der Mensch war nach dem Sündenfall Adams verdorben, er konnte gar nicht mehr richtig und gerecht handeln. Sich gegen Gott zu wehren, sich selbst an die Stelle Gottes zu stellen, das entsprach einfach seiner jetzt verdorbenen Natur. Daraus musste er erlöst werden.

Der Tod und die Auferstehung Jesu ist ein Glaubensgeheimnis. Durch die Taufe werden Christen mit hinein genommen in den Tod Jesu. Der „alte Adam“ stirbt mit Christus, geht in der Taufe unter. So werden Christen durch den Glauben ein Teil des Leibes Christi; sie werden „neu geboren“ und ziehen so eine neue, andere Natur an, die sie nicht mehr an die Sünde fesselt. Als „Kinder des Lichts“ sind sie aufgefordert, ihrer neuen Natur entsprechend zu leben. Wenn sie aber in die alten Muster zurückfallen und wieder sündigen, dürfen sie durch die Gnade Gottes „zurück kriechen“ in ihre Taufe. Denn Gott weiß: Wir sind Sünder und Gerechte zugleich – Sünder von unserem menschlichen Wesen her, gerecht gemacht durch die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.

Heute erscheint mir der Gedanke am wirksamsten und wichtigsten, dass Gott durch Jesus beweist, dass er die Beziehung zu den Menschen nicht aufgeben will. Trotz aller Schuld, vor aller Leistung wendet er sich den Menschen zu. Er will das Leben für uns, in umfassenden Sinn. Er will uns seine Liebe zeigen. In allem, was Jesus Christus tat, erkennen wir Zeichen der Liebe Gottes – vor allem aber, letztlich und unüberbietbar, in seinem Tod am Kreuz.

Selbst und vor allem durch den Tod kommt das Leben in die Welt. „Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allen – wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ Das Leiden und Sterben Jesu zeigt uns, dass ihm „nichts Menschliches fremd“ war – er kennt Schwachheit und Ausgeliefertsein, er litt unter der Versuchung, seine Macht zu missbrauchen, er kennt Schmerzen und Tod. Gott ist nicht zuerst der Ewige, Unnahbare, Ganz-Andere. Er hat sich uns gleich gemacht, bis dahin, dass er seine Gottgleichheit aufgegeben hat. Bis in den Tod am Kreuz, wo er rief: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“…

Die Liebe Gottes hat ihn gezogen, sich uns in allem gleich zu machen, ein Mensch zu werden und sich als Mensch erkennen zu lassen. Göttliche Macht und Kraft war in ihm verborgen bis zur Unkenntlichkeit. So ging er in den Tod.

Wenn wir als Christinnen und Christen die Nähe Gottes suchen, wenn wir als Kirchengemeinde auf den Spuren Jesu gehen wollen, müssen wir so handeln, wie er gehandelt hat, die Nähe der Menschen suchen, die er gesucht hat. Heilig sind dann gerade nicht die, die sich von allem „Sündigen“ fern halten, sondern die, die zu den Armen, Schwachen, Suchenden und Gott Fernen gehen, denn Christus sagt: „Die Gesunden brauchen den Arzt nicht.“

Ostern wird es da, wo das Leben neu ans Licht kommt – in den Kirchen wie in Gefängnissen, Schulen, Obdachlosen- und Flüchtlingsheimen, in Krankenhäusern und Hospizen, an den Orten, an denen wir arbeiten und in den Häusern, in denen wir wohnen. Im Himmel wie auf Erden.

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