Gottesdienst mit Second Screen

Meine Gemeinde ist Jugendlichen gegenüber ziemlich aufgeschlossen. Die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher freuen sich darüber, dass ziemlich viele Konfirmandinnen und Konfirmanden am Sonntag in der Kirche sind, und sie singen gerne auch moderne Kirchenlieder mit, beten entsprechend formulierte Gebete gern mit und verstehen auch jugendgemäße Beispiele und Anspielungen in der Predigt. Jedenfalls, solange es nicht zu nerdig wird, aber dann können auch viele von den Teenies nicht mehr mit. „Herr der Ringe“ und „Monty Python’s Flying Circus“ – das ist einfach zu lange her. Und „Game of Thrones“ habe ich nie gesehen.

Was aber auf Widerstand stößt bei den Älteren, ist, wenn die Jugend während des Gottesdienstes auf ihren Handies herum drückt. Ich nehme mal an, dass sie das nicht tun, weil es ihnen zu langweilig im Gottesdienst ist, sondern einfach, weil sie es IMMER tun und gewohnt sind, ständig mit Freundinnen und Freunden im Kontakt zu sein. Dann müssen sie einfach Dinge in ihre Whats-App-Gruppe schreiben wie „Uh, ist da heute heiß hier in der Kirche!“ oder „Kommst Du nachher auch mit an den Döner-Stand?“ So schreiben sie hin und her mit Leuten, die direkt neben ihnen in der Bank sitzen genau so wie mit Leuten, die sie nach dem Gottesdienst treffen wollen.

Ich selber habe mich eine ganze Zeit lang darüber geärgert, denn ich habe gedacht, dass sie so einfach nicht ganz bei der Sache sein können und darum vieles von dem verpassen, was ich vorbereitet habe.Sie sind einfach nicht wirklich da, wenn sie geistig schon das gemeinsame Mittagessen planen. Aber ich könnte mir auch vorstellen, dass eine besondere Chance zu entdecken wäre, wenn man den Gebrauch des zweiten Bildschirms sinnvoll einbindet: Ich mache das ja auch, wenn ich bei der Heute Show mitlese, was andere darüber twittern; und beim ESC habe ich den Laptop neben dem Fernseher stehen gehabt, um Informationen zu den Liedern und den aktuellen Punktestand sehen zu können.

Wie wäre es, wenn es im Gottesdienst eine Webseite mit den Bibeltexten gäbe, mit den Liedern und dem Gottesdienstablauf, Bildern, die zum Gottesdienst passen und Memes, die man teilen kann, wenn man will. Und dann später moderiert man einen Twitterfeed zur Predigt, wo Konfis und Jugendliche sich noch gegenseitig schreiben könnten, was „hängen geblieben“ ist. Vielleicht wird dann noch beim Döner essen der zweite Bildschirm aus dem Gottesdienst beobachtet.

Ich bin mir nicht sicher – wäre das eine Verbesserung, oder würde es das unkonzentrierte Verhalten noch fördern? Stress im Gottesdienst erzeugen? Sollte ich die Konfis doch eher bitten, das Smartphone für eine Stunde einmal auszuschalten, weil Feiertag ist? Und was sage ich den Alten, die
sich gestört fühlen?

10 Gedanken zu “Gottesdienst mit Second Screen

  1. Ich finde, in der Kirche, im Kino, beim Essen muss man Handys nicht wirklich dabei haben. Wenn man in der Kirche dauernd für die Freunde erreichbar ist, ist man vielleicht für den Predigttext (oder für Gott?) nicht erreichbar genug. Danach zu twittern, wie einem die Predigt gefallen hat, reicht auch…

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  2. Liebe Lily, ich finde, Du hast recht. Ich sehe das auch so. Aber es ist vielleicht eine Art Generationenfrage…

    Die Teenies zeigen sich immer wie verletzte Tiere, wenn man ihnen das Handy verbietet. Fast so, als ob man sie amputiert hätte. Und ich sehe auch immer öfter Erwachsene auf dem Smartphone tippen, leider auch beim Essen und sogar im Kino…

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  3. Ich frage mich einfach, wie es die Menschheit geschafft hat, bis heute zu überleben. Gut, das ist vielleicht eine rein rhetorische Frage, was es nicht gibt, kann man nicht vermissen.
    Es sollte aber möglich sein, zu gewissen Zeiten auf das Ding zu verzichten. Es ist einfach eine Geste des Respekts und des Anstands dem anderen gegenüber.
    Vielleicht bin ich aber auch nur schon zu alt… wer weiß. 😉

    Liebe Grüße, Werner 🙂

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    • Nimm nur als Beispiel mal das Internet: Ja, es gab ein Leben davor. Aber die Möglichkeiten des Online-Einkaufes, der schnellen Kommunikation mt fast allen Menschen auf der Welt, der augenblicklichen Information über fast das ganze Wissen und die Tatsachen dieser Welt – das hat unser Denken so sehr verändert, dass wir uns nun nicht mehr vorstellen können, wie es ohne das alles ging. Sogar meine Predigtvorbereitung, die Konzeption der Gesprächs- und Bibelabende, alles ist mit davon geprägt, dass ich schnellen Zugriff auf so viele Informationen habe.

      Die Menschheit hat bis zur Erfindung des Internet überlebt, ja… Sie würde aber in große Schwierigkeiten geraten, wenn es nun plötzlich weg wäre, oder?

      Kurzfristig tut es mir aber immer sehr gut, mal einen Tag lang keinen Bildschirm vor Augen zu haben.

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  4. Halte doch einmal eine Predigt über das Miteinander Kommunizieren während des Gottesdienstes! Noch in meiner Jugend wurde „oben auf der Orgel“ das Vieh und Preise ge- und verhandelt, während andere unten hinter den schweren Steinsäulen ein Nickerchen hielten. Noch andere „Damen“ tuschelten über das neue Kleid oder Mantel einer Nachbarin. Jungs und Mädels flirteten von weitem mit dem oder der Angebeteten. Insehr alten Zeiten gab es keine Sitzplätze und die Leute standen oder wandelten umher … angeblich soll es bei den Orhodoxen oft noch so zugehen, während „die da oben“ ihre Rituale usw. durchführen … Damals hielten die Priester das gemeine Volk nicht für würdig oder fähig zu verstehen. Verstehen die Menschen heute die Botschaft? Wenn ja, warum ist diese nicht interessant genug, um hinzuhören? Was genau fehlt oder wovon gibt es zuviel? Fordere doch deine Leute auf, gezielt darauf zu antworten per Twitter, Mail usw. oder per anonymem Zettel, den sie sofort ausfüllen können. Mach 5 Minuten Pause dafür. Schon hast du einen Ansatz für eine nächste Predigt. Wenn kaum jemand antwortet, warum? Weißt du, das gesamte Christentum klagt über leere Kirchen und alle schieben es der modernen Gesellschaft in die Schuhe … Vergessen wird dabei, dass auch Jesus nicht gehört wurde und gleich danach seine Botschaft weitgehend vermurkst wurde durch fehlerhafte Übersetzungen, Einflüsse römischer, griechischer, indischer Philosophien undundund…
    Das Licht ist nicht von dieser Welt? sagen christliche Denker. Ja? Ist deshalb die Botschaft so irrelevant, dass das Zuhören nicht lohnt? Die buddhistischen Religionen haben da einen ganz anderen Ansatz: WIR SIND das LICHT! Sozusagen verdichtetes LICHT. Daraus kann der Mensch weit andere Konsequenzen für die eigene Lebenshaltung daraus stricken. Wo müsse also das christliche Denken neu ansetzen, um Menschen wieder zum aktiven Zuhören zu bewegen?

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    • Danke, Sabina. Das ist eine gute Idee, das alles mal in der Gemeinde zum Thema zu machen. Ich habe allerdings fast ausschließlich sehr alte Leute in der Kirche, die das Internet nur zum skypen mit den Enkeln und zum Einkaufen nutzen. Für sie ist der second screen sowieso keine interessante Möglichkeit.

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      • Hallo Richard, ich hatte aus deinem Beitrag verstanden, dass du Konfirmanden da sitzen hast, die hin und wieder das Handy benutzen während des Gottesdienstes. Natürlich macht so eine „Predigt“ nur Sinn, wenn Jugendliche vorhanden sind. Liebe Grüße!

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  5. Wenn man Jugendliche für etwas begeistern möchte, dann muss man sie wohl da abholen, wo sie stehen. Man kommt wahrscheinlich nicht um die Nutzung moderner Medien drumherum. Auch wenn wir Alten uns fragen, wie es die Menschheit ohne Handy&Co bis hierher kommen konnte.
    Unsere Kinder sind die einzige Chance für die Zukunft Aller. Nehmen wir sie ernst und setzen wir uns mit ihnen auseinander, geben ihnen den Raum, den sie brauchen, dann werden sie uns auch hören wollen.
    LG sk

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    • Liebe Sweetkoffie…

      Ja, es ist meistens gut, Jugendliche in „ihrer eigenen Welt“ zu treffen. Das heißt auch, ihre Sprache zu sprechen und ihre Medien zu nutzen.

      Ich muss aber auch aufpassen, mich nicht „anzuschleimen“ – es gibt Dinge, die nimmt mir die junge Generation einfach nicht ab. Und aus der Whats-app-Gruppe der Konfies beispielsweise halte ich mich ganz bewusst raus…

      Liebe Grüße

      Richard

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