Predigtnachgespräch mit Jesus: Vom reichen Mann und vom armen Lazarus

Bitte zuerst lesen: Lukas 16, 19-31

Ich stelle mir vor, wie Jesus und die Jünger am Abend beisammen sitzen, vielleicht auf dem Dach eines kleinen Hauses am Stadtrand. Es ist still in der Dämmerung, die ersten Sterne funkeln, und alle haben gut gegessen und sind in froher Stimmung bei einem letzten Glas Wein…

Da sagt Matthäus: Jesus, das war aber eine seltsame Geschichte, die du heute erzählt hast… Ich meine, der reiche Mann, er muß doch gut und fromm, tüchtig und Gott wohlgefällig gewesen sein. Darum hat Gott ihn doch sichtbar gesegnet mit allem Guten, was die Welt zu bieten hat.

All unsere Lehrer haben uns gesagt: So wie du handelst, so wird es dir auch ergehen, was immer du tust, fällt auf dich zurück: Gutes bringt Gutes hervor und Schlechtes bringt Böses hervor. Also ist es doch klar, dass der Reiche wegen seiner Güte von Gott gesegnet wurde. Lazarus aber muss ein Sünder gewesen sein, der nicht nach Gott fragt und von dem Herrn verstoßen ist, darum ist er auch arm und trägt die Buße für seine Schuld.

Es gefällt mir nicht, Jesus, dass der Reiche in deiner Geschichte am Ende so schlecht weg kommt. Meine Vorstellung von der Gerechtigkeit Gottes wird da in Frage gestellt. Warum sollte Gott einen Menschen sozusagen sein Leben lang in Sicherheit wiegen und ihm alles Gute geben, so dass er doch denken muss, er sei auf einem guten, ja dem richtigen Weg; und dann, wenn er gestorben ist – zack! – kommt die Keule und alles war plötzlich falsch?!

Später am Abend, als alle sich schon in ihre Decken wickeln, flüstert Petrus Jesus zu: Mir hat deine Geschichte gut gefallen, Meister. Ich fand es schon so oft ungerecht, dass es in der Wirklichkeit oft den Bösen so gut geht und die Gerechten leiden müssen. Ich habe mich geärgert darüber, dass die ehrlichen, guten und fleißigen Leute ihr ganzes Leben lang zu nichts kommen, und die Betrüger, Lügner, Verbrecher und Ausbeuter steinreich sind und fett. Ich habe darum schon an Gott gezweifelt und an der Wahrheit der Schrift. Nun hast du gesagt, dass es bei Gott im Himmel einen Ausgleich geben wird. Dann werden all die Bösen ihre Strafe empfangen und die Armen werden bekommen, was ihnen zusteht: Segen, Reichtum und Herrlichkeit. Das ist gut so. Das tröstet mich.

Jesus flüstert zurück: Meinst du, du hast mich richtig verstanden? Wenn es um das Heil geht, Petrus, ist Reichtum oder Armut nicht wichtig. Die Liebe zu Gott ist wichtig. Ich will dir noch eine Geschichte erzählen: Da waren ein paar Höhlen in den Bergen, in denen eine Gemeinschaft von Mönchen wohnte. Sie waren alle sehr arm und teilten das weinige miteinander, was sie hatten. Von einem einzigen Hühnchen aßen sie alle zusammen einen ganzen Monat lang. Sie beteten und fasteten und gaben den Armen von dem, was sie hatten mehr als alle anderen und feierten Gottesdienst nach einer wunderschönen Ordnung. Sie nannten sich die „Kinder des Lichts“ und taten alles, um so zu leben, wie es Gott gefällt.

In einem Tal in den Bergen aber war eine Stadt, in der viele reiche Leute lebten. Die fragten nicht nach Gott, lebten und genossen ihren Reichtum jeden Tag, sie feierten und waren fröhlich. Allein von dem, was sie wegwarfen, hätten sich die Mönche oben in den Höhlen zehnmal ernähren können, und tatsächlich konnte man oft genug Mönche sehen, die am Stadtrand die Müllhaufen durchwühlten.

Dann aber starben die Mönche und auch die reichen Menschen in der Stadt, und sie erschienen vor dem Richter des letzten Tages. Und die Menschen in der Stadt wurden verurteilt, weil sie ihren Reichtum genossen hatten, ohne nach Gott zu fragen und ohne ihm zu danken. Aber die Mönche wurden auch verurteilt, weil sie nur nach ihrer eigenen Seligkeit getrachtet hatten und die Stadt vor ihrem Kloster nicht einmal bemerkt hatten und keinen Versuch unternahmen, die Menschen in ihr von ihrem falschen Weg zu bekehren. Und doch schenkte Gott allen das Paradies. Sie hatten es nicht verdient, sie bekamen es umsonst. Darum ist es ja ein Geschenk!

Petrus, wer sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn, sag selbst: Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?

3 Gedanken zu “Predigtnachgespräch mit Jesus: Vom reichen Mann und vom armen Lazarus

  1. Lieber Richard
    Zum letzten Satz hätte ich schon etwas zu sagen, was mir schwer am Herzen liegt.
    Denn „mein Bruder“ heisst noch lange nicht, dass dieser Mensch auch wirklich „liebenswert“ ist. Und jemanden zu lieben, kann ja nicht erzwungen werden.
    Doch Gott ist sehr wohl liebenswert!!!!
    Doch wie liebenswert er ist, weiss ich nur, wenn ich ihn in meinem Herzen habe. Und damit kommt das Bedürfnis ganz automatisch, dass ich Gefühle der Liebe, der DAnkbarkeit und die Sehnsucht nach seiner Nähe im Herzen bekomme.
    So zu tun, als ob mir alle sympathisch wären, die am Sonntag mit mir in der Gemeinde sind, wäre doch reine Heuchelei.
    Wo sonst, wenn nicht im eigenen Herzen, kann ich mich zurechtfinden?

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  2. PS: Auch frage ich mich, was heutzutage mit „mein Bruder“ gemeint ist? Denn im Judentum waren die Juden untereinander Brüder, wenn sie Gottgläubig waren.
    Also die Jünger waren eindeutig „Brüder“.
    Aber denkst Du denn, dass auch nur einer von denen irgend einen heuchlerischen Pharisäer als seinen Bruder ansah?
    Oder einen Wegelagerer, Mörder oder Räuber – auch wenn dieser Jude war?
    „Brüder“ sind also diejenigen, die „am selben Strang ziehen“, die ein Miteinander haben, sich seelisch/geistig unterstützen.
    Doch wieviele davon findet man da in einer Gemeinde?

    PPS: Doch vielleicht sollte erstmal abgeklärt werden, was genau überhaupt unter „hassen“ und „lieben“ zu verstehen ist?

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    • Liebe Anyone,

      Du sprichst da ein großes Problem mit leichten Worten an!

      Ich habe mich auch immer etwas gewundert, dass in der Bibel steht: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ – und also in gewisser Weise geboten und befohlen wird, zu lieben.

      Kann man Liebe befehlen? Im Moment bin ich mit meinem Nachdenken so weit gekommen, dass ich verstehen muss, dass in der Bibel mit „Liebe“ nicht das Gefühl der Zuneigung gemeint ist, das wir normalerweise mit diesem Wort verbinden. Es geht nicht (nur) um die Sehnsucht, in der Nähe eines anderen zu sein, es geht nicht um das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach liebevollem Umgang miteinander, nach Sympathie.

      In der Nächstenliebe geht es schlicht und einfach darum, dass man bereit ist, Verantwortung für jemanden zu übernehmen, sich für andere einzusetzen, seine bzw. ihre Sache zu meiner zu machen, helfen, wo es nötig ist und sich ganz allgemein solidarisch zu zeigen. Das ist zwar ziemlich unromantisch – entspricht aber dem Geist der Zeit, in der Jesus, seine Jünger, die Apostel und die ersten christlichen Gemeinden gelebt haben.

      Nächstenliebe ist Kranke besuchen, Gefangenen Freiheit geben, Einsame zu trösten, Sterbende in den Tod zu begleiten – solche Dinge.

      Und das sind Dinge, die Jesus sehr wohl gebieten kann. Er kann sagen: Das sind Dinge, das ist die LIEBE, an der man meine Jüngerinnen und Jünger erkennen wird. Das ist eine Art LIEBE, zu der man sich entscheiden kann, die man sich vornimmt, die man wollen kann. Und sei es aus Gehorsam Gott gegenüber.

      Du musst nicht von Dir selbst erwarten, dass Dir alle Menschen in Deiner Kirchengemeinde sympathisch sind. Damit wärst Du heillos überfordert, und – ja, es wäre Heuchelei. Man kann nichts dazu tun, dass Dir ein Mensch sympathisch ist.

      Aber Du kannst freundlich mit ihm oder ihr reden, Du kannst versuchen, sie zu verstehen, Zeit für sie zu haben, sich in sie hinein zu fühlen, und wenn es nötig und möglich ist, kannst Du ihnen helfen – und sei es nur, indem Du für sie betest.

      Wenn es gut geht, kommt dann irgendwann Sympathie und Freundschaft auf – und wenn nicht, was soll’s? Es geht nicht ums Gefühl, sondern um Engagement und tätige Nächstenliebe.Und das ist manchmal in der eigenen Kirchengemeinde besonders schwer…

      Liebe Grüße

      Richard

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