Spätsommerabend auf dem Land

Die Tageshitze ist verraucht. Die Sonne steht schon tief, sehr golden streichelt das Licht über die Stoppelfelder. Die Vögel sind müde. Der Himmel färbt sich Blau.

Die Luft riecht noch nach heißem Gras. In der Ferne surrt ein letztes Motorrad, dann kehrt Ruhe ein. Ein träger Abendwind spielt lustlos mit den Blättern der Bäume an der Straße. Die letzten Falter suchen schwankend in der Luft nach Fledermäusen. Alles vergeht. Herr, es ist Zeit.

Weit oben zieht ein Flugzeug seine weiße Bahn hinter sich her, die Wolken sehen ihm verwundert hinterdrein. Die Luft summt noch vom Grillenzirpen. Doch nachts ist es empfindlich kalt.

So geht der Tag. Und hinter Allem höre ich noch einmal diesen tiefen dunklen Glockenton des Sommers, als ob das Firmament nun leise selbst erklingt, sich hörbar machen will, bevor es Platz macht für das Regengetröpfel und das Sturmgeheul im Herbst.

Fragen, die man rechtzeitig stellen sollte

Wann habe ich aufgehört zu tanzen?

Seit wann verkneife ich mir meine Tränen?

Warum umarmen wir uns nicht öfter?

Weshalb bestehen unsere Parties nur noch aus tiefsinnigen Gesprächen zu Weißwein und Fingerfood?

Wo sind die Sonnenuntergänge hin?

Und die Nächte am Lagerfeuer, Hand in Hand?

Weißt du noch, wie man Gitarre spielt?

Weißt du noch, wie gut ein Kuß schmeckt?

Wo ist die Ehrlichkeit geblieben?

Ist es schon zu spät?

Mein Herz klopft vor Freude, weil Du da bist…

Psalm 63 neu eingerichtet für Kinder und Jugendliche

Gott, ich habe mich auf den Weg gemacht zu Dir.
Kein Meer war mir zu weit, kein Berg war zu hoch für mich.
Ich wollte so gern bei Dir sein, ganz nah bei dir;
ich habe Sehnsucht gehabt wie eine Verliebte.
Wie die Wüste wartet auf Regen
und wie ein trockenes Feld auf das Wasser,
wie ein hungriges Kind auf die Milch seiner Mutter,
so habe ich auf Dich gehofft.

Ich bin in die Kirche gekommen, um Dich hier zu finden,
auf meinen Wanderungen habe ich Dich gesucht.
Auf allen Wegen hielt ich meine Augen offen,
um zu sehen, ob Du Dich irgendwo versteckst.
Dabei warst Du doch schon die ganze Zeit bei mir,
das habe ich nun begriffen – Du bist in jedem Augenblick da.

Mein Leben lang werde ich zu Dir beten,
ich will Dir vertrauen und an Dich glauben.
Denn das macht mich glücklich und froh,
wenn ich Gutes über Dich sagen kann.

Wenn ich mich ins Bett lege, denke ich an Dich.
Wenn ich wach bin, sind meine Gedanken bei Dir.
Du hilfst mir jeden Tag, weil Du mich liebst,
du beschützt mich, und das macht mich froh.

Mein Herz klopft vor Freude, weil Du da bist.
Du hältst mich liebevoll fest in Deinem Arm.
Mein Leben lang will ich für Dich singen.
Jeden Tag will ich davon erzählen, wie gut Du für mich bist.

Tanzen will ich, jubeln und fröhlich sein,
denn du, Gott, machst mein Leben so wunderbar.
Denn bei Dir bin ich endlich zu Hause,
in Deiner Wohnung fühle ich mich wohl.

Verantwortung aus Prinzip

“Ich helfe meiner Frau, natürlich; ich übernehme auch einen Teil der Arbeiten im Haushalt!” Das sagte er mir und sah mich dabei erwartungsvoll an. Anscheinend erhoffte er sich ein Lob. Er ist nicht einer der Männer, die nach der Arbeit nach Hause kommen, sich vor den Fernseher setzen und sich dann von ihrer Frau das Abendessen hinstellen lassen. Selbstverständlich räumt er die Spülmaschine aus, bringt den Müll aus dem Haus und kümmert sich um das Katzenklo. Abgerissene Knöpfe näht er selbst wieder an, jede zweite Woche bügelt er, was sich im Wäschekorb angesammelt hat, und er kümmert sich immer wieder einmal eine Stunde um die Kinder, damit sie auch einmal ihre Lieblingsserie gucken kann. Er ist ein “moderner” Mann, der für Gleichberechtigung eintritt und seine Frau unterstützt.

Gut so! Vielleicht sogar lobenswert. Aber geht es nicht noch besser? Auch ich ertappe mich immer wieder bei dem Gedanken, dass ich “meiner Frau helfe”, wenn ich meinen Teil der Hausarbeit übernehme. Dabei ist es doch in Wirklichkeit so, dass es auch meine Wohnung ist, die ich zum Teil sauberhalte, dass es auch mein Abendessen ist, dass ich ich für uns beide vorbereite, dass es auch meine Wäsche ist, die ich bügle – dass ich es also nicht mache, um meine Frau bei „ihren Pflichten zu unterstützen“, sondern dass ich mit all diesen Tätigkeiten Verantwortung für unser gemeinsames Leben übernehme.

Natürlich geht es mir auf die Nerven, wenn sie mich wieder und wieder ermahnt “Hast Du daran gedacht, die Malerrechnung zu bezahlen?” oder “Seit Wochen bitte ich dich, das Fliegenschutzgitter an das Wohnzimmerfenster zu machen!” – meistens habe ich es vergessen, keine Lust gehabt oder wirklich keine Zeit dafür gefunden. Ich habe einen wundervollen Beruf, der aber auch anstrengend sein kann und mich zeitlich gesehen ziemlich auslastet – da bleibt schon mal etwas liegen. Aber es kann doch nicht sein, dass es immer wieder die Rolle meiner Frau ist, mich an diese Dinge zu erinnern. Es ist schließlich auch meine Verantwortung. Und auch mein Leben.

Ganz ähnlich ist es meiner Meinung nach auch in einer Kirchengemeinde. Viele Gemeindeglieder erwarten, dass möglichst viel reibungslos und ungestört abläuft: Dass es interessante und gut vorbereitete Gottesdienste gibt, dass die Orgel gespielt wird und manchmal auch ein Chor oder eine Band auftritt, dass Bibelkreise, Seniorentreffs, Familienfrühstücks-Runden zuverlässig stattfinden und dass auch das Gebäude und der Garten hübsch, ordentlich und einladend aussehen.

Verantwortlich sind dafür zunächst die Pfarrerinnen und Pfarrer, die hauptamtlich Beschäftigten und die Mitglieder des Gemeindekirchenrates, die durch die Wahl dazu bestimmt worden sind. Une wenn dann einzelne Gemeindeglieder im Gottesdienst die Kollekte sammeln oder im Garten das Laub zusammen fegen, dann ist das doch schon eine große Hilfe für die Gemeinde, zu der man doch gar nicht verpflichtet ist.

Richtig. Und gut so. Ich bin sehr dankbar für jeden Menschen in meinen Gemeinden, der mal einen Pinsel, einen Stift, einen Spaten oder einen Taschenrechner in die Hand nimmt, um in der Gemeinde mit zu helfen. Nur – sie helfen nicht “dem Pfarrer”, sondern sie tun etwas dafür, dass ihre Gemeinde funktioniert, dass man in ihr leben kann.

Es gibt so viele Möglichkeiten, in der Gemeinde mit zu helfen: Ehrenämter im Kirchenchor, im Gottesdienstteam, im Kreis der Konfirmandenteamer, bei den Eltern- und Kindergruppen oder beim Green-Team, das sich um den Garten kümmert. Wer mit hilft, übernimmt vor allem Verantwortung in seiner Gemeinde. Und natürlich sind Pfarrer und der Gemeindekircherat dankbar dafür.

Opferfest – der Glaube Abrahams

Seit Sonntag und noch bis heute Abend feiert die islamische Welt das Opferfest. Auf dem Höhepunkt des Wallfahrtsmonats wird dieses größte Fest der Muslims gefeiert. Ziegen, Schafe, Kamele und andere Tiere werden geschlachtet und dann gekocht oder gebraten, man isst und trinkt gemeinsam an festlichen Tischen. Die Verwandten kommen zu Besuch, man besucht auch die schon verstorbenen Angehörigen auf dem Friedhof. Feierlich wird gebetet und die Größe, Gerechtigkeit und Güte Gottes angerufen. Mancherorts werden auch Kinder mit Süßigkeiten und Spielzeug beschenkt.

Dieses große Fest erinnert daran, dass Abraham, der Stammvater sowohl der Juden als auch der Muslime, bereit war, auf Befehl Gottes seinen Sohn zum Opfer zu bringen. (Koran Sure 37 Vers 102) In der jüdischen Bibel ist dieser Sohn Isaak; im Koran wird an der entsprechenden Stelle kein Name genannt, muslimische Theologen gehen aber davon aus, dass es Ismael war, den Abraham opfern sollte. Überhaupt nimmt Ismael im Koran die größere und wichtigere Rolle ein. Sein Gehorsam seinem Vater und Gott gegenüber machte es möglich, dass Gott dieses Zeichen seiner Barmherzigkeit und seiner Gerechtigkeit setzen konnte.

Mit einem „großartigen Schlachtopfer“ (Koran Sure 37 Vers 107) wurde Ismael ausgelöst, und schon durch die Bereitschaft Abrahams und Ismaels zum Gehorsam galt der Auftrag Gottes als erfüllt. (Vers 103-105)

In der 37. Sure des Koran werden die Glaubenden aufgefordert, diesem Gehorsam Abrahams und Ismaels nachzueifern, auch Moses, Noah, Elija und andere werden als Vorbilder für den Glauben dargestellt.

How many times must the cannonballs fly….

Heute habe ich einen Gottesdienst im Seniorenheim gefeiert. Der Predigttext war Jesaja 2, der auch am kommenden Sonntag auszulegen ist. Darin steht das bekannte Zitat, das sich die Friedensbewegung in der DDR zu eigen gemacht hat: „Schwerter zu Pflugscharen“.

Nach einer kurzen Predigt haben wir uns an die Zeit erinnert, als vor vierzig Jahren der Ruf nach Frieden in der Kirche auf beiden Seiten der Mauer plötzlich sehr laut wurde. Wehrdienstverweigerung und die Abrüstung der Atomwaffen war ein großes Thema; und die alten Leute erinnerten sich gut an Demonstrationen und Kundgebungen, die damals veranstaltet wurden. Manche von ihnen waren ja damals dabei.

Pazifismus wird heute eher kontrovers diskutiert; die klaren und eindeutigen Ansagen von damals sind auch in der Kirche seltener geworden. „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“, „Atombomben bauen ist Sünde!“ – angesichts der weltweien Bedrohung von Frieden, Freiheit und menschlichen Werten ist es wieder wichtig geworden, notfalls auch mit Gewalt eingreifen zu können, und kaum noch jemand glaubt, dass „Frieden schaffen ohne Waffen“ möglich ist.

Die alten Frauen, die den Krieg selbst miterlebt haben, sagten aber, dass es wirklich das Allerschlimmste ist, im Krieg zu leben, und sie erzählten von Nächten im Luftschutzbunker, von Sirenen und Flugzeugen und dass manchmal am morgen alle Häuser in der Straße zerstört und ausgebrannt waren.

Sie sagten immer noch ganz klar, dass Krieg in der Politik keine Option sein dürfte. Die Opfer sind einfach zu groß, wenn Menschenrechte, Gesundheit, Leben und Heimat verloren gehen.

Sie erzählen von Fluchtgeschichten, von zerrissenen Familien, von gefallenen Familienmitgliedern, von Gewalt und Willkür und Brutalität, und dass der Krieg ihr Leben noch Jahrzehnte danach beeinflusst hat.

Ich habe dann noch gefragt, ob sie Erinnerungen haben an Nachrichten über Hiroshima und Nagasaki, die zwei japanischen Städte, in denen hundert tausend Menschen verbrannten und verstrahlt wurden, als hier in Deutschland der Krieg schon vorbei war. Aber die Alten sagten mir, dass sie nach dem Ende des Krieges hier keine Energie mehr hatten, irgendetwas von der Weltgeschichte außerhalb Europas wahrzunehmen. Berichte gab es zwar in Zeitung und Radio, manche waren wohl auch schockiert über die völlig unvorstellbare Auslöschung einer ganzen Stadt durch eine einzige Bombe, aber die eigene Not war näher und viel dringender als die Ereignisse auf der anderen Seite der Welt. Außerdem waren sie damals auch erst vier oder fünf Jahre alt und so junge Kinder haben sich auch damals nicht viel für Politik interessiert. Etwas zum Essen zu bekommen, das war viel wichtiger.

Eine Dame sagte mir, dass es wohl auch an dieser Erschöpfung und der Überflutung mit schlechten Nachrichten lag, dass es so lange gedauert hat bis die Greuel der Zeit der Nationalsozialisten aufgearbeitet wurden. Die „Unfähigkeit zu trauern“ kam vielleicht auch da her, dass es einfach zu viel zu betrauern gab.